Freier Handel oder Krieg!

Es sieht so aus als müssten sich all diejenigen, die gegen den freien Handel zu Felde ziehen und gleichzeitig behaupten, sie seien Pazifisten und würden sich für den Frieden in der Welt einsetzen, entscheiden.

Das legt eine ökonometrische Analyse nahe, die auf Daten der Weltbank, des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) sowie eine Reihe von Datensätzen, die bilaterale Handelsbeziehungen abbilden, zurückgreift.

Michael Seitz, Alexander Tarasov und Roman Zakharenko haben die nämliche Analyse gerade im “Journal of International Economics” veröffentlicht. Das Ergebnis: Der Abbau von Handelsbarrieren, die Ermöglichung eines freien Handels sie führen zu einer Reduktion der Ausgaben für Verteidigung und reduzieren die Wahrscheinlichkeit eines Krieges.

Oder in den Worten der Autoren:

Trade or war“The principal message of this paper is that increases in international trade, especially those between belligerent nations, may lead to much larger positive welfare effects than estimated by existing models of trade. In the three counterfactual experiments presented in this paper, the magnitude of the additional welfare effects due to defense spending cuts worldwide is comparable to that of direct welfare effects of increased trade. We also show that the welfare effects or rising trade apply not only to the two trading partners, but also to other nations, often on other continents, due to interdependence in global political relations and of national defense spending” (315)

Dieses Ergebnis steht am Ende eines einfallsreichen Beitrags, in dem die Autoren eine neue Art, die Interdependenz zwischen Nationen zu modellieren, eingeführt haben. Ausgehend von drei Paaren von Konfliktparteien, Israel und Jordanien, USA und Russland, Nord- und Südkorea, haben die Autoren untersucht, welchen Effekt die Beilegung der Kriegshandlungen und die Aufnahme von Handelsbeziehungen zwischen den beiden ehemaligen Kriegsgegnern auf die beiden Konfliktparteien und auf den Welthandel hatte.

Diese Vorgehensweise ist einerseits neu, andererseits längst überfällig, denn kein Land lebt für sich allein. Vielmehr werden Handlungen in einem Land über globale Märkte transportiert und finden entsprechenden ihren Niederschlag in anderen Ländern: Nicht nur führt die Aufnahme und Intensivierung von Handelsbeziehungen zwischen ehemaligen Kriegsgegnern dazu, dass die Ausgaben für Rüstungsmaterialen und Soldaten weltweit sinken, sie erhöhen den Wohlstand in den beiden Ländern und nicht nur da, denn eine Vielzahl von Nationen und vor allem Exportnationen wie Deutschland profitieren vom freieren Handel.

So haben Seitz, Tarasov und Zakharenko berechnet, dass mit jeder Milliarde US-Dollar, um die der Handel zwischen den USA und Russland wächst, die Ausgaben für Rüstungsgüter und Soldaten um 115 Millionen US-Dollar sinken, und zwar weltweit.

Friedman Kapitalismus und FreiheitDie Ergebnisse der drei Autoren sind robust und lassen so manches in einem neuen Licht erscheinen: Wirtschaftssanktionen, die mit einer tatsächlichen Reduktion des Handels einhergehen, erhöhen die Ausgaben für Rüstungsgüter und Soldaten, und sie erhöhen die Kriegsgefahr. Das ist eine Konsequenz der Ergebnisse, die diejenigen, die nach wirtschaftlichen Sanktionen rufen, zumindest berücksichtigen sollten.

Eine andere Konsequenz ist etwas misslich für all diejenigen, die als Globalisierungsgegner, als Gegner des Kapitalismus und vor allem als Gegner eines freien Handels durch die Welt tingeln und von sich behaupten, sie seien Pazifisten, denn sie sind nicht beides: Entweder sie beharren auf ihrer Anti-Haltung gegen freien Handel, dann sind sie Kriegstreiber oder sie beharren auf ihrem Pazifismus, dann können sie nicht gegen freien Handel sein – empirsch betrachtet.

Was also soll es sein: freier Handel oder Krieg?

Seitz, Michael, Tarasov, Alexander & Zakharenko, Roman (2015). Trade Costs, Conflicts, and Defense Spending. Journal of International Economics 95(2): 305-318.

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14 Responses to Freier Handel oder Krieg!

  1. Tańczący z wilkami says:

    Soll damit ein Argument pro TTIP geschaffen werden?

    • Der Text ist eindeutig, so eindeutig wie der Zusammenhang zwischen einem freien Handel und geringeren Rüstungsausgaben und somit einer geringeren Wahrscheinlichkeit von Krieg. Was also bezwecken Sie mit Ihrer Frage?

      • Tańczący z wilkami says:

        Ich traue im Zweifelsfall nicht mal mir selbst. Mit Verlaub, die Frage muss aber erlaubt sein. Wie frei soll oder darf der Handel denn sein? Wieweit wird in dem Artikel der hier leider nur beschrieben wird und nicht zum Nachlesen ist, berücksichtigt dass es freien Handel ohne Staatliche Kontrolle eigentlich de facto nirgends gibt? Freier Handel in Reinkultur mag wohl die Rüstungsausgaben senken schafft aber wie wir hier in den letzten 40 bis 50 Jahren gesehen haben aderweitiges Konfliktpotential. Aussterben der mittelständischen Manufakturen, Dienstleistungsunternehmen und Handelsbetriebe. Dadurch bedingt immer weiteres Absinken der Reallöhne. Das wiederrum führt zu einer Proletarisierung des Mittelstandes und führt indirekt zu höheren Sozialausgaben und einem Absinken des Lebensstandards und einer Vernachlässigung des Bildungssystems um nur die gravierendsten Folgen zu nennen. das wiederum führt zu einer Reduzierung der allgemeinen Wettbewerbsfähigkeit.

        • Am Ende des Posts ist die Quelle angegeben. Lesen Sie den Beitrag, dann haben sich alle ihr Fragen erübrigt. Und vielleicht finden Sie auch noch einen Beleg für Ihre Behauptung, dass Freier Handel die Reallöhne zum Absinken bringt. Die Untersuchungen dazu, die ich kenne, z.B. von Jagdisch Bhagwati zeigen das Gegenteil: Mit Handelt steigt Wohlstand UND Einkommen.

          • Tańczący z wilkami says:

            Das mag für Schwellenländer gelten und für wenig technisiete Gesellschaften, weil da da Handelsaufkommen zum größten Teil von der Unter bzw Mittelschicht generiert wird. Im Zeitalter von Globalismus und immer größer werdenden Konzernen gilt das aber nur bedingt. Wohl wächst das Einkommen der handelnden Schichten, nicht aber das der Gesellschaft.

            • Jetzt ist’s gut mit dem Unsinn. Betrachten Sie sich als angezählt. Wir sind ein Wissenschaftsblog, kein esoterisches Stelldichein. Die empirischen Evidenz zeigt nun einmal eindeutig, dass mit freiem Handel ein genereller Zugewinn an Wohlstand für alle Schichten einhergeht. Vergleichen Sie die Höhe von Hartz IV mit dem Einkommen eines Arbeitslosen 1871 und Sie werden den Unterschied feststellen. Und ich habe jetzt wirklich keine Lust mehr, über ideologische Phantasiegebilde zu sprechen. Es gibt empirische Fakten! Nehmen Sie diese zur Kenntnis, wenn es Ihre Ideologie zulässt und dann können wir weiterreden.

              Sie schulden uns auch noch den Beleg für Ihre Behauptung, dass Freier Handel zu einem Absinken der Reallöhne führt.

            • rote_pille says:

              Dieser Unsinn springt einem doch ins Auge. Warum sollten die Vorteile, die die Produzenten für den Weltmarkt vom Handel haben (die “handelnden Schichten”) sich negativ auf die anderen auswirken? Wenn es lohnend wäre, den Handel zwischen Staaten einzuschränken, warum schränken wir ihn nicht nach demselben Prinzip auch zwischen den Bundesländern miot verschiedenen Standards ein (das sind streng betrachtet ALLE Bundesländer), dann zwischen allen Städten, zwischen den INDIVIDUEN (Totalverbot)? Man braucht nicht einmal Herr Kleins Daten zu bemühen um die Kontraproduktivität der Einschränkungen zu erkennen.

  2. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Freier Handel oder Krieg!

  3. hgb says:

    “So haben Seitz, Tarasov und Zakharenko berechnet, dass mit jeder Milliarde US-Dollar, um die der Handel zwischen den USA und Russland wächst, die Ausgaben für Rüstungsgüter und Soldaten um 115 Millionen US-Dollar sinken, und zwar weltweit.”

    Ich denke der Umkehrschluss ist auch erlaubt: Wenn die Rüstungsausgaben steigen und der Handelsumsatz zurückgeht, wächst die Kriegsgefahr.

  4. barbara says:

    Die Studie besagt: wenn zwei traditionell und seit langer Zeit verfeindete Länder, wie zB Nordkorea und Südkorea, sich etwas annähern und wieder ein bisschen Handel aufnehmen, so ist das gut für alle. OK, ja, klar, ist plausibel, Handel schafft Frieden. Aber sicher doch.

    Aus dieser Untersuchung von drei Paaren von Spezialfällen abzuleiten, dass schrankenloser Freihandel à la die totale neoliberale Wirtschaftsfreiheit zwischen irgendwelchen beliebigen Staaten zu mehr Wohlstand für alle führe, ergibt sich aus der Studie aber keineswegs, sondern ist ein massives Überstrapazieren des Ergebnisses.

    • Selbst wenn Ihre Beschreibung dessen, was in der Studie gemacht wird, richtig wäre, was sie nicht ist, wäre es dennoch notwendig, den Schluss zu begründen: Warum ist der Schluss auf die Wirkung von mehr (nicht freiem) Handel überstrapaziert?

      • Weil drei Beispiele nicht repräsentativ ist, wenn die Gesamtmenge 100000 ist. Und ein Gegenteil bring die Theorie zum Einsturz, wissenschaftlich betrachtet. Wie hoch ist den die Irrtumswahrscheinlichkeit angegeben?

        • Drei Beispiele sind besser als keines oder wo sind ihre Beispiele, die Sie uns schuldig sind? Die Irrtumswahrscheinlichkeit hat mit Falsifikationismus nichts zu tun. Sie vertreten noch dazu einen naiven Falsifikationismus, den Popper nie begründet hat und der seit der Arbeit von Gunnar Anderson von Tisch ist. Stichwort: Modifikation einer Theorie.

          Irrtumswahrscheinlichkeit hat nicht einmal direkt etwas mit einer Theorie zu tun:

          “Mit der Anwendung eines interferenzstatistischen Verfahrens bzw. eines ‘Signifikanztests’ wird – vereinfacht gesprochen – eine Entscheidung über die zu prüfende Hypothese herbeigeführt. Hierzu errechnet man eine sog. Irrtumswahrscheinlichkeit p, die angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit man sich irren würde, wenn man die fragliche Hypothese akzeptiert. Um die Hypothese annehmen zu können, sollte diese Irrtumswarscheinlichkeit natürlich möglichst klein sein.

          Die Größe der maximal tolerierbaren Irrtumswahrscheinlichkeit liegt allerdings nicht im Ermessen des Untersuchenden, sondern ist durch eine allgemein gültige Konvention festgelegt. Man bezeichnet diese Grenze, die von der Irrtumswahrscheinlichkeit p nicht überschritten werden darf, als ‘Signifikanzniveau’ und verwendet dafür das Symbol α. Die üblichen Werte für das Signifikanzniveau sind α = 5% oder sogar α = 1%. Der Untersuchende muss vor der Durchführung des Signifikanztests festlegen, welches α-Niveau er für die Untersuchung für angemessen hält. (Bortz, Statistik für Sozialwissenschaftler, S.12)”

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