Wut und Hass im “Verbitterungsmilieu”

Wut und Hass im “Verbitterungsmilieu”, man kann sie nicht nur diagnostizieren, man kann sie auch erklären.

Nehmen Sie einen 61jährigen Angehörigen der Mittelschicht, der ein Studium der Soziologie an ausgerechnet der FU-Berlin absolviert, eine Dissertation zur “Wirkungsgeschichte der Flakhelfer Generation” schreibt, die vollkommen ohne Wirkungsgeschichte bleibt, der eine Habilitationsschrift zur “Herkunftsgeschichte der 68er Generation” verfasst und es nach all dieser Mühsal erst im Alter von 46 Jahren auf eine Professur schafft, knapp vier Jahre vor der Deadline von 50 Jahren und ausgerechnet an der Universität Kassel, der deutschen Entsprechung zur University of Delaware (Sie wissen schon: If you can’t get tenure in Delaware, you can’t get tenure anywhere!).

Ist es nicht verständlich, dass ein solcher Angehöriger der Mittelschicht, der es mit Ach und Krach geschafft hat, im Alter von 46 Jahren der befristeten Stelle an einer deutschen Hochschule zu entkommen, das ein solcher Angehöriger der gesellschaftlichen Mitte verbittert ist?

Und im Kontext dieser Entwicklung werden dann auch Sätze wie die folgenden verständlich:

Heinz Bude“Ich glaube, wir haben etwas, was in der Mitte unserer Gesellschaft passiert, was uns noch nicht so ganz klar geworden ist, nämlich wir haben sehr viel Verbitterung in der Mitte unserer Gesellschaft. Ich könnte geradezu sagen, wir haben ein Verbitterungsmilieu, was relativ stabil ist. Ich rede von ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung. Das sind Leute, die nicht unbedingt arbeitslos geworden sind. Das sind in der Regel Leute, die relativ hoch gebildet sind, die sogar von sich in Anspruch nehmen, dass sie ein offenes Weltbild haben, aber von dem tiefen Gefühl geplagt sind, dass sie in ihrem Leben unter ihren Möglichkeiten geblieben sind aufgrund von Bedingungen, die sie selbst nicht haben kontrollieren können.”

Der Mann, Heinz Bude, der hier im Interview mit dem Deutschlandfunk erzählt, was er glaubt, der muss eigentlich nicht glauben, er kann wissen, denn, allem Anschein nach, spricht er von sich selbst. Er ist nicht arbeitslos. Er gilt als relativ hoch gebildet, weil er einen Hochschulabschluss erreicht hat. Er nimmt für sich in Anspruch, dass er ein offenes Weltbild hat, und dennoch ist er für sich wohl der Überzeugung, weit hinter den Möglichkeiten geblieben zu sein, die ihm z.B. die Dissertation über die Wirkungsgeschichte der Falkhelfer-Generation eigentlich eröffnet haben sollte. Und dafür sind natürlich andere verantwortlich, das hat Ursachen, die sich seiner Kontrolle entziehen.

Derartige individuelle Schicksale, sie machen verständlich, warum Personen wie Heinz Bude nun verstärkt in die Öffentlichkeit drängen, um dort das zu betreiben, was Dr. habil. Heike Diefenbach als akademisierte Beschimpfung bezeichnet, als akademisierte Beschimpfung der gesellschaftlichen Mitte im Fall von Heinz Bude, die er wohl als Projektionsfläche für das eigene Scheitern nutzt, als Feld, auf dem er den Frust über die eigene Biographie bearbeiten kann.

Ob dieser persönlichen Betroffenheit, sei Bude auch verziehen, dass er Hass für “gesellschaftsfähig” erklärt und zudem bemüht ist, eine absurde Differenzierung einzuführen, die Wut zum kollektiven Gut macht, das Linke haben, was wiederum die Wut verständlich und gut macht, da sie gegen Ungerechtigkeit gerichtet sein soll, während Rechte es nie zur Wut bringen, sondern nur beim individuellen Hass bleiben.

FB Heinz BudeBude im Original: “Wut ist ein kollektivierendes Phänomen. Wir kennen das im Grunde aus der langen Tradition der Arbeiterbewegung. Wenn man wütend ist über ungerechte Verhältnisse, kann man sich in einem Kollektiv zusammenfinden und sagen, dagegen stehen wir auf, oft sogar noch in der Vorstellung, wir sind zwar im Augenblick die letzten, aber es wird ein Tag kommen, an dem wir die ersten sein werden.

Hass ist individuell. Hass ploppt sozusagen auf. Hass ist etwas, was Sie in einer Hassäußerung zeigen können, beispielsweise im Netz, und dann verschwinden Sie immer wieder hinter dieser Äußerung. International nennen wir das “hate speed” [steht so im Original!] und es ist ja ein sehr interessantes Phänomen, dass die Kategorie des Hasses mittlerweile, wenn Sie so wollen, gesellschaftsfähig geworden ist.”

Bei so viel Hass auf Rechte, der Rechten die Wut verweigert, bei so viel angestauter und unverarbeiterter Verbitterung über das eigene Scheitern kann man eigentlich nur Mitleid empfinden, schon weil Wut darüber, dass Bude behauptet, Wissenschaftler zu sein und die Zunft durch den Unsinn, den er z.B. im zitierten Teil verbreitet, in Verruf bringt, nicht möglich ist, denn Bude hat Wut zum kollektiven Phänomen erklärt, die sich gegen ungerechte Verhältnisse richtet, z.B. dagegen, dass fähige und motivierte Arbeitnehmer arbeitslos sind, während Bude einen Lehrstuhl besetzt. Aber lassen wir das und stellen abschließend zwei Dinge klar:

Hass und Wut sind individuelle Phänomene. Kollektive Wut gibt es nicht. Das, was Bude als kollektive Wut verherrlichen will, nennt man normalerweise (Lynch-)Mob oder neuerdings Pack. Wut richtet sich gegen Individuen. Es sind Individuen, nicht Gruppen, die Wut empfinden. Hass teilt diese Eigenschaften, im Gegensatz zu Wut, die kurzfristig aufgrund erfahrener Ungerechtigkeit entstanden sein kann, ist Hass jedoch dauerhaft. Hass, ob begründet oder unbegründet, hat eine Geschichte und “ploppt” entsprechend nicht einfach auf.

Schon deshalb ist der Begriff der Hate Speech (nicht Hate Speed) so verfehlt, denn zum Ausdruck kommt in entsprechenden Kommentaren meist nicht Hass, sondern Ärger, Ärger über etwas, was man gelesen hat.

Bude scheint Teil einer Bewegung von Wutbürgern zu sein, die jegliche Form von Kritik emotionalisieren müssen, vermutlich, um sie zu diskreditieren, als Hate Speech oder als Verbitterung. Gelingt die Diskreditierung der Kritik, ihre Emotionalisierung als Verbitterung oder Hate Speech, dann hat dies eine Reihe von Vorteilen für Personen wie Bude: Derjenige, der Kritik äußert, ist diskreditiert, denn er ist als emotionaler Spinner ausgezeichnet. Die Kritik muss nicht bearbeitet werden, denn bei ihr handelt es sich um emotionalen Auswurf. Die Emotionalisierung des öffentlichen Diskurses ist ein höchst effizientes Mittel, um eine argumentative Auseinandersetzung zu verhindern und nebenbei kann man akademisierte Beleidigungen verbreiten, die offensichtlich für diejenigen, die sie in Mengen unter die öffentlich-rechtlichen Medien schütten, eine intrinsische Belohnung haben.

Das zieht natürlich die Frage nach sich, warum die entsprechenden Personen Kritik und Kritiker emotionalisieren und auf diese Weise diskreditieren. Die Antwort ist einfach: Sie haben keine Antworten, keine Gegenargumente, die die Kritik entkräften könnten, und wer nach einer Buckeltour von mehreren Jahrzehnten z.B. durch die Institutionen der Wissenschaft, eine Gnadenprofessur erhalten hat, nur um sich dann mit Kritik konfrontiert zu sehen, der er nichts entgegen zu setzen hat, der reagiert natürlich mit erst Wut und dann Hass auf den Kritiker und versucht, ihn mundtot zu machen, durch Diskreditierung. Und das dürfte der Hauptmechanismus sein, der dazu führt, dass “Hass gesellschaftsfähig” wird.

Nachtrag:

Noch ein kleines Schmankerl von der Facebook-Seite von Heinz Bude:

“Diese Seite dient hauptsächlich dazu, über aktuelle Projekte und Auftritte von Prof. Dr. Heinz Bude zu informieren. Diese Seite wird nicht von Herrn Bude persönlich verwaltet, sondern von seiner Hilfskraft betreut.”

Das kann man auf zwei Arten lesen:
1.) Heinz Bude veruntreut universitäre Mittel und setzt sie dazu ein, eine wissenschaftliche Hilfskraft dafür zu bezahlen, dass sie PR für Heinz Bude privat betreibt.
2) Heinz Bude will für das, was auf seiner Seite von einer Hilfskraft, die er aus Mitteln der Steuerzahler für die Betreuung der Facebook-Seite bezahlt, nicht verantwortlich sein … falls es mal Probleme geben sollte.

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