Virtue Signalling oder: “Ich finde die AfD ziemlich beschissen”

James Bartholomew, von dem bereits ein hervorragendes Buch über den Wohlfahrtsstaat und all die negativen Eigenschaften von Menschen, die er zum Vorschein bringt, stammt, hat ein neues Buch veröffentlich: The Welfare of Nations, so heißt es, und es ist uneingeschränkt all denen zu empfehlen, die gerne näheres über Wohlfahrtsstaaten und die kleinen und großen Katastrophen, die sie bewirken, erfahren wollen.

Bartolomew_Welfare of NationsIn diesem Buch entwickelt Bartholomew ein Konzept, das er “Virtue Signalling” nennt, und er beschreibt damit eine Beobachtung, die wir auch tagtäglich machen: Man zeigt anderen, was für ein guter, tugendhafter und großartiger Mensch man doch ist, nicht mehr dadurch, dass man etwas tut, sondern dadurch, dass man etwas sagt, dass man etwas über sich sagt.

Man sagt: Ich hasse die Rechten und signalisiert damit: Ich bin ein guter, der gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eingestellt ist. Man sagt: Ich hasse alle Banker und gibt damit zu verstehen, dass man ein Herz für Arme hat. Virtue Signalling, das man vielleicht am besten als Gutmenschen-Bekundung in den deutschen Kontext übertragen kann, zeigt: man ist anständig, gut, steht auf der richtigen Seite, ist politisch korrekt, weltoffen. Virtue Signalling ist bequem, denn man kann für Arme sein, ohne etwas für Arme zu tun, man kann gegen Rassismus sein, ohne etwas für Flüchtlinge zu tun und man kann gegen alles Mögliche sein, ohne dass daraus Verhaltensnotwendigkeiten entstehen.

Nicht mehr aufgrund seiner Handlungen soll ein Mensch beurteilt werden, sondern auf Grundlage seiner Bekundungen darüber, was er hasst. Wer also gut sein will, der muss gegen Rechte, gegen Rassisten, gegen Sexisten, gegen Xenophobe und Homophobe sein. Und schon kann er sich im “warm glow” seiner eingebildeten Gutheit sonnen.

Bartholomew beschreibt diese Formen, die man als demonstrative Gutheitsbekundung bezeichnen kann, diese Versuche, durch Untätigkeit und Mundakrobatik Tätigkeit und moralische Exzellenz vorzugaukeln, in der ihm eigenen flotten Art und Weise und mit dem, was man wohl britischen Humor nennt.

Nun gibt es kaum Handlungen, nicht einmal verbale Handlungen, die ohne Konsequenzen bleiben, die also in der wirklichen Welt keinen Niederschlag finden. Und gerade das Virtue Signalling, das verbale Angeben mit der eigenen Gutheit, es hat unbeabsichtigte Nebenfolgen.

Dazu eine kleine Episode aus Landau in der Pfalz.
Dort wurde gerade eine Veranstaltung der AfD abgesagt, weil “der Eigentümer der angemieteten Räumlichkeiten wegen Sicherheitsbedenken kurzfristig vom Mietvertrag zurückgetreten” ist. Vorausgegangen waren Drohungen gegen den Vermieter.

Dazu hat der Landesvorsitzende der AfD, Uwe Junge, gesagt:

„Dieses unglaubliche Geschehnis ist ein Schlag ins Gesicht für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit!“ erklärt Junge dazu. „Die AfD soll auf diese Weise durch extremistische Mittel mundtot gemacht werden. Für eine Demokratie ist der Wettstreit der Ideen, der offene Diskurs, existentiell. Gerade in dieser Situation müsste sich die AfD der Solidarität aller demokratischen Parteien sicher sein dürfen – leider ist das Gegenteil der Fall.“

Und der AStA der Universität Koblenz-Landau hat dazu verlautbart:

“Wie Ihr sicher schon alle mitbekommen habt, sollte diesen Freitag Dr. Frauke Petry, die Bundessprecherin der sogenannten „Alternative für Deutschland“ (AfD) in Landau einen Vortrag zum Thema „Eurokrise und Asylchaos“ halten. Sowohl wir vom AStA, als auch das StuPa, fanden das von Anfang an, gelinde gesagt, ziemlich beschissen und haben uns deshalb gleich dem Demobündnis für ein vielfältiges und tolerantes Landau angeschlossen (https://www.facebook.com/events/1635310366723643/).

Toleranz foerdernWir fragen an dieser Stelle nicht, welches Statement von Maturität getragen ist und welches nicht. Das ist zu einfach. Fragen wir doch nach den Grundlagen des demokratischen Lebens, die Uwe Junge recht gut beschrieben hat: Freier politischer Wettbewerb der Ideen, freier Zugang zum politischen Markt, Respekt und Toleranz auch für Ideen, die nicht zum Mainstream gehören. Und betrachten wir vor diesem Hintergrund nun das kindische Statement des ASta, das die Absurdität des “Virtue Signalling” optimal zum Ausdruck bringt:

Wir sind gut und tolerant und wir finden es “ziemlich beschissen”, dass die AfD in “Landau einen Vortrag zum Thema ‘Eurokrise und Asylchaos” halten lassen will. Und weil wir das beschissen finden, was uns gut macht, deshalb haben wir uns dem “Demobündnis für ein vielfältiges und tolerantes Landau angeschlossen”.

Vielfalt umfasst die AfD nicht.

Toleranz hat nicht die AfD zum Gegenstand.

Vielfalt ist alles, was man beim AStA nicht “beschissen” findet, und Toleranz genießt nur, wen man beim AStA nicht “beschissen” findet.

Diese Kinder, die hier mit Begriffen hantieren, deren Bedeutung sie mit Sicherheit nicht benennen können und deren einziges Bestreben darin besteht, sich als Gute zu demonstrieren, sie sollen angeblich die Spitze der Bildungspyramide darstellen. Sie haben es irgendwie geschafft, ein Abitur zu erhalten und an einer Universität einen Studienplatz zu ergattern und sind dennoch vollkommen unfähig, die Bedeutung von Begriffen zu erkennen. Es geht ihnen offensichtlich nicht in den Kopf, dass dann, wenn sie in diesem Fall der AfD die Toleranz verweigern, es schwierig sein wird, einem anderen zu vermitteln, warum er den AStA tolerieren soll, der sich gerade als intolerant erwiesen hat.

Rechte beschreiben ein Austauschverhältnis. Man kann Rechte nur für sich in Anspruch nehmen, wenn man bereit ist, sie auch anderen einzuräumen. Nun ist es in Deutschland schick geworden, Gruppen von Bürgern wie Pegida oder AfD als Symbol zu benutzen, um daran die eigene Gutheit zu demonstrieren: Virtue Signalling. Ich hasse die AfD, finde sie beschissen, deshalb bin ich gut. Deshalb macht es mir nichts aus, der AfD Rechte zu verweigern, die erst eine Demokratie begründen. Deshalb merke ich nicht, dass ich die Toleranz, die ich einfordere, gerade mit Füßen trete.

Es ist entsprechend notwendig, das Konzept des Virtue Signalling von James Bartholomew, um eine sozialpsychologische Komponente zu ergänzen, denn Virtue Signalling ist nur für Personen attraktiv, die in einem kindlichen Stadium verblieben sind, in dem nicht klar ist, dass soziale Kontakte Austauschbeziehungen beschreiben, die es erfordern, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Oder diese Personen opfern die entsprechende Austauschbeziehung, im vorliegenden Fall den gegenseitigen Austausch von Respekt und die Gewährung des Zugangs zu demokratischen Grundrechten, absichtlich auf ihrem Altar der Gutheit, weil es ihnen wichtiger ist sich gut zu fühlen als mit anderen friedlich zusammenleben zu können.

Wir haben es entweder mit einer psychischen Störung, einer Entwicklungsstörung zu tun oder mit einer kognitiven Störung, die es verhindert, eine einfache Übertragungsleistung zu erbringen, die darin besteht, Empathie zu empfinden: Wie wäre es wohl, wenn Veranstaltungen von SPD, Grünen und Linke von rechten Bündnissen gestört und mit Drohungen verunmöglicht würden? Es wäre über kurz oder lang ein ziemlich unbequemes Zusammenleben, in dem Unsicherheit regiert, Unsicherheit darüber, ob man ungestört und ohne Konsequenzen seine politische Meinung sagen und vertreten kann.

Und das Risiko dieser Zustände wollen manche eingehen, nur damit sie sich gut fühlen und signalisieren können, dass sie gut sind.

Es ist schwierig hier nicht von einer psychischen Störung auszugehen, die eine kognitive Störung zur Ursache oder zur Folge hat..

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