NoLympia: Eine Blamage auch für die Meinungsforschung

Kräftigt blamiert hat sich die Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim, die Hausdemoskopen des ZDF, mit ihrer Vorhersage des Ausgangs des Hamburger Referendums über die Olympiabewerbung der Stadt: 56% der Hamburger, so die Forschungsgruppe, würden eine Bewerbung Hamburgs befürworten, 44% sie ablehnen.

Tatsächlich lehnten 51,6% der 651.589 Hamburger, die sich am Olympia-Referendum beteiligt haben, eine Bewerbung Hamburgs ab, 48,4% befürworteten die Bewerbung.

Nolzmpia7,6% daneben. Das ist heftig und mit dem Anspruch, die eigenen Befragungen seien repräsentativ, nicht in Einklang zu bringen.

Entsprechend müht sich Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen in der Welt, das Vorhersage-Fiasko zu erklären, und zwar so:

‘Beim Olympia-Referendum in Hamburg haben wir erstmals eine telefonische Sonntagsbefragung gemacht, die offensichtlich nicht ausgereicht hat, um die Breite der unterschiedlichen Standpunkte in der Bevölkerung abzubilden’, sagte Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen im Gespräch mit der ‘Welt’. Im Auftrag des ZDF hatte die Mannheimer Forschungsgruppe am Tag der Abstimmung eine telefonische Umfrage durchgeführt. Dabei wurden 3800 zufällig ausgewählte Wahlberechtigte angerufen.”

Wie seltsam, wo in der Regel 1000 zufällig ausgewählte Befragte ausreichen sollen, um die Repräsentativität des Ergebnisses zu gewährleisten, reichen dieses Mal nicht einmal 3800 Befragte, um dieselbe zu erreichen und auch nur in die Nähe des tatsächlichen Ergebnisses zu kommen.

Wo liegt das Problem?

Es ist die falsche Art der Befragung, sagt Matthias Jung, nicht Exit-Poll, also Interviewer vor dem Wahllokal postiert habe man, sondern telefonische Interviews durchgeführt. Deshalb sei die Vorhersage falsch gewesen.

Worin nun liegt der Unterschied zwischen einer Exit-Poll-Befragung und den telefonischen Interviews?

Nun, die Befragten für Letztere werden nach den Kriterien ausgewählt, die Meinungsforschungsinstitute regelmäßig anführen, um die von ihnen behauptete Repräsentativität ihrer Ergebnisse zu belegen.

FGWBei Exit-Poll Befragungen verlassen sich Meinungsforscher seltsamerweise nicht auf die doch angeblich so unfehlbare Repräsentativität per Zufallsauswahl. Vielmehr suchen sie die Wahllokale, vor denen sie ihre Interviewer postieren, danach aus, dass die dort in der Vergangenheit zu beobachtende Verteilung der Stimmen, dem späteren Gesamtergebnis recht nahe gekommen ist, und sie postieren ihre Interviewer in Wahlkreisen, die als Hochburgen jeweils einer Partei gelten, um schnell sehen zu können, in welchen Hochburgen die Stimmen abschmelzen und in welchen nicht. Anders formuliert: Sie, die ansonsten nicht müde werden, die Repräsentativität ihrer Umfragen zu betonen, sie täuschen und suchen Wahlkreise zur Hochrechnung des Endergebnisses gerade nicht nach Repräsentativität, sondern nach besonderen, nicht repräsentativen, also nach Alleinstellungs-Merkmalen aus.

Mit guten Grund, denn was herauskommt, wenn sich Meinungsforscher auf ihre behauptete Repräsentativität verlassen, das sieht man in Hamburg: gut 8% daneben und alles andere als repräsentativ, sondern verzerrt.

Das Fiasko von Hamburg, es hat für die Branche entsprechend erhebliche Konsequenzen, wurde doch deutlich, was man von der angeblichen Repräsentativität zufällig gezogener Befragter zu halten hat: Nichts.

Daran ändert auch der lahme Verweis auf das Experiment nichts, das angeblich durchgeführt worden sei. Es ist mehr als deutlich geworden, dass selbst Zufallsstichproben von 3800 Befragten, also mehr als dreimal die normale Anzahl von Befragten, nicht einmal in die Nähe einer repräsentativen Stichprobe kommen. Entsprechend kann man die auf vermeintlichen repräsentativen Auswahlen basierenden Studien, die gerade wieder an allen Ecken und Enden aus dem Boden schießen, in der Pfeife rauchen: Sie sind ihr Geld nicht wert!

Und was von der Aussage Jungs zu halten ist, nach der 3.800 zufällig gezogene Befragte nicht ausreichen, um “die Breite der unterschiedlichen Standpunkte in der Bevölkerung abzubilden”, wo die Breite der Standpunkte doch eher beschränkt war, dichotom um genau zu sein und eine Entscheidung mit zwei Alternativen, nämlich ein Für und ein Wider Olympia umfasst hat, das kann sich jeder selbst denken.

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