Systematischer Zufall vor drei Landtagswahlen

Meinungsforschungsinstitute haben immer eine Überraschung parat. Forsa, das innovativste, wenn es darum geht, Reliabilität und Validität vorzuspiegeln, hat nun den systematischen Zufall erfunden:

“Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt 1.001, nach einem systematischen Zufallsverfahren ausgewählte … Bürger … befragt. Die Erhebung wurde vom 2. bis 8. März 2016 mithilfe computergestützter Telefoninterviews durchgeführt.”

Was könnte wohl ein systematisches Zufallsverfahren sein?

Zufall bei der Auswahl von Befragten, also im Kontext von Meinungsforschung, ist eindeutig definiert:

Diekmann Sozialforschung“Zufallsstichproben (random samples) erhalten wir als Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsauswahl. … Eine Wahrscheinlichkeitsauswahl liegt vor, wenn folgende Bedingung gegeben ist: Jedes Element der Grundgesamtheit hat eine von null verschiedene, angebbare Wahrscheinlichkeit, in der Stichprobe berücksichtigt zu werden” (Diekmann, 2004: 330).

Wie kann man nun systematisch zufällig auswählen und dennoch sicherstellen, dass jedes Element der Grundgesamtheit die gleiche Wahrscheinlichkeit hat, sich in der Auswahl zu befinden?

Gar nicht.

Die Bezeichnung ist vollkommener Unsinn.

Oder ist es kein Unsinn? Ist es der verschlüsselte Hinweis auf die Manipulation von Ergebnissen durch Forsa, denn wenn systematisch ausgewählt wird, also bestimmte Elemente der Grundgesamtheit, z.B. SPD-Wähler oder Grüne-Wähler eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, in der Stichprobe zu landen als CDU- oder AfD-Wähler, dann stellt dies eine Manipulation der Daten dar.

Wie kann man eine entsprechende Manipulation bewerkstelligen?

Indem man zufällig auswählt und z.B. jeden fünften Befragten, der eine Wahlabsicht für die CDU oder die AfD bekundet, aus der Stichprobe entfernt, während alle Befragten, die eine Wahlabsicht für Grüne, SPD oder LINKE angeben, in die Stichprobe aufgenommen werden. Das wäre dann wohl systematisch die zufällige Auswahl aushebeln und Wunschergebnisse produzieren.

Ansonsten macht der Begriff “systematisches Zufallsverfahren” keinerlei Sinn, und da wir davon ausgehen, dass gerade in Pressemitteilungen die Worte mit Bedacht gewählt werden, muss man wohl von einer systematischen Verzerrung der Zufallsauswahl durch einen entsprechenden Eingriff ausgehen, wie wir ihn gerade dargestellt haben.

Ungeachtet dessen spielen wir heute einmal wieder unser beliebtes Spiel: Wie viele Befragte verstecken sich hinter einem Prozentwert?

Die Ergebnisse der FORSA-Umfrage für RTL, RTL kann man wirklich alles andrehen, haben wir in der folgenden Tabelle aufgelöst.

Landtagswahl Partei Anteil entspricht … Befragten
Baden-Württemberg CDU 27% 197
Rheinland-Pfalz CDU 35% 249
Sachsen-Anhalt CDU 30% 204
Baden-Württemberg SPD 16% 117
Rheinland-Pfalz SPD 35% 249
Sachsen-Anhalt SPD 17% 116
Baden-Württemberg Grüne 32% 234
Rheinland-Pfalz Grüne 6% 43
Sachsen-Anhalt Grüne 5% 34
Baden-Württemberg LINKE 3% 22
Rheinland-Pfalz LINKE 4% 28
Sachsen-Anhalt LINKE 20% 136
Baden-Württemberg AfD 11% 80
Rheinland-Pfalz AfD 9% 64
Sachsen-Anhalt AfD 18% 122
Baden-Württemberg FDP 7% 51
Rheinland-Pfalz FDP 6% 43
Sachsen-Anhalt FDP 5% 34
Erläuterung zur Tabelle: In Baden-Württemberg haben 730 Befragte angegeben, wählen gehn zu wollen, in Rheinland-Pfalz waren es 710 Befragte und in Sachsen-Anhalt 680.

Es ist schon ernüchternd, wenn man sieht, wie wenige Befragte sich hinter den Prozentwerten, die als repräsentatives Ergebnis, als systematisch zufälliges, repräsentatives Ergebnis, als “große repräsentative Wahlumfrage” für Gesamt Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt verkauft werden sollen, verstecken, nein versteckt werden.

Vor diesem Hintergrund wird es uns eine Freude sein, das tatsächliche Ergebnis mit dem Forsa Ergebnis zu vergleichen und die Frage zu erörtern, ob die Parteien, die auf 5% gerundet wurden, damit es so aussieht, als wären sie im Parlament vertreten, auch tatsächlich die Fünf-Prozent-Hürde genommen haben.

Nachtrag:

Weil es damit wohl einige Probleme gibt: Forsa hat in jedem der Bundesländer eine Umfrage durchgeführt. Dabei wurden jeweils rund 1.000 Befragte interviewt. In Baden-Württemberg haben 730 davon gesagt, dass sie am Sonntag wählen werden, in Rheinland-Pfalz 710 und in Sachsen-Anhalt 680.

 

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