NoHateSpeech: Anständige Denunzianten

Derzeit tobt der „Aufstand der Anständigen“, obwohl er noch „viel zu klein“ ist, wie Astrid Herbold in der ZEIT befindet. Der „Aufstand der Anständigen“, er ist noch zu klein angesichts der „verbalen Entgleisungen“, der „menschenverachtenden Kommentare“, „den Aufrufen zu Gewalt“, die sich auf „Facebook und Twitter und anderswo haufenweise finden“, wie Herbold weiß.

Ein vermeintliches Wissen, das man nur mit der Frage testen kann: Wo ist anderswo? Kann man anderswo spezifizieren oder ist anderswo irgendwo, das mit der Hoffnung bemüht wird, dass sich irgendwo schon ein, zwei oder ein Haufen von Hasskommentaren finden lassen?

NoHateNett

Wir alle sind nett!

Überhaupt ist der Haufen, nein sind die Haufen, der haufenweise sich findenden „verbalen Entgleisungen“ und „menschenverachtenden Kommentare“ so unscheinbar, dass nicht einmal diejenigen, die sie haufenweise sehen, ihre Anzahl und ihren Umfang beziffern können, geschweige denn, dass sie in der Lage wären, einen Querschnitt durch einen dieser Haufen z.B. in Form von einem oder zwei Beispielen zu zitieren.

Aber ganz bestimmt gibt es haufenweise verbale Entgleisungen und menschenverachtende Kommentare, Aufrufe zu Gewalt, immer anderswo gibt es sie, irgendwo eben. Und weil es anderswo und vor allem auf Facebook und Twitter haufenweise diese verbalen Entgleisungen und menschenverachtenden Kommentare gibt, deshalb gibt es die #NoHateSpeech-Kampagne, die europaweit stattfindet – als “Youth Campaign” des “Council of Europe”.

Das Council of Europe wurde 1949 in London mit dem Londoner Vertrag ins Leben gerufen. Es hat nichts mit der EU zu tun, ist vielmehr eine weitere internationale Organisation, die von Steuerzahlern der 47 Mitgliedsstaaten des Councils finanziert wird, ein Hauptquartier in Straßburg hat und eine entsprechende Anzahl Beschäftigter, die regelmäßig auf sich aufmerksam machen müssen, damit man weiß, wofür die rund 500 Millionen Euro, die das Council of Europe jährlich verschlingt, benutzt werden. Das Council of Europe hat – 1949 war das noch so – eine Zweckbestimmung erfahren, und zwar in einem Statut. Dort heißt es in Artikel 1: “The aim of the Council of Europe is to achieve a greater unity between its members for the purpose of safeguarding and realising the ideals and principles which are their common heritage and facilitating their economic and social progress.” Es geht also darum, Einvernehmen zwischen den 47 Mitgliedsstaaten des Councils herzustellen. Das setzt voraus, dass man z.B. einen Grundstock an gemeinsamen Werten definiert, die von Mitgliedern des Council of Europe eingehalten werden müssen. In der Tat regelt Artikel 3: “Every member of the Council of Europe must accept the principles of the rule of law and of the enjoyment by all persons within its jurisdiction of human rights and fundamental freedoms, and collaborate sincerely and effectively in the realisation of the aim of the Council as specified in Chapter I.”.

Die Türkei, in der man sich derzeit so sehr bemüht, sowohl die Menschenrechte als auch fundamentale Freiheitsrechte und die Rechtssicherheit außer Kraft zu setzen, ist übrigens seit 1949 Mitglied im Council of Europe. Doch nicht der Verstoß gegen das gemeinsame Statut durch z.B. den Ausnahmezustand in der Türkei und das Reiseverbot für Wissenschaftler oder die Säuberung öffentlicher Institutionen von Kritikern des Regimes Erdogan ist Gegenstand des Council of Europe, nein, dort ist man der Ansicht, Hate Speech sei ein viel drängenderes Problem für den europäischen Frieden und das in Artikel 1 angegeben Ziel, die Prinzipien und Ideale des gemeinsamen Erbes, also z.B. die Meinungsfreiheit, zu sichern. Denn: Wie Astrid Herbold weiß, es gibt haufenweise Hate Speech und Aufrufe zur Gewalt irgendwo im Internet und vor allem bei Facebook und bei Twitter.

NoHateFrieden

Weltkrieg, offline

Facebook hat in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 366 Mal Inhalte unzugänglich gemacht, die gegen § 130 StGB verstoßen, also als Volksverhetzung (das einzige, was man juristisch als Hate Speech ansehen kann) gewertet wurden – haufenweise, nämlich 366 Hasskommentare finden sich auf Facebook. Im ersten Halbjahr 2015 war es fast noch schlimmer: 188 entsprechende Inhalte hat Facebook unzugänglich gemacht. Derartige haufenweise vorgebrachten Hassreden sind im Hinblick auf die 27 Millionen Nutzer, die Facebook nach letzter veröffentlichter Zählung in Deutschland hat, natürlich ein Riesenproblem für die Völkerverständigung und den Frieden in Europa, und sie sind ein viel größeres Problem als die wenigen Verstöße gegen Freiheits- und Grundrechte in Mitgliedsstaat des Council of Europe: der Türkei zum Beispiel.

Entsprechend haben sich Offizielle, die immer vorne dabei sind, wenn es darum geht, die sprachliche Ordnung im Netz einzufordern [Das scheint einfacher zu sein, als Erdogan zur Einhaltung von Regeln des demokratischen Miteinanders aufzufordern], sofort auf die Gelegenheit gestürzt, die eigene intellektuelle Größe im Kampf gegen die haufenweise vorhandenen Hasskommentare unter Beweis zu stellen:

 

Und wer sich nun dennoch fragt, ob es nichts Wichtigeres gibt, als den Kampf gegen Hasskommentare, die haufenweise anderswo zu finden sind, wie Herbold weiß, z.B. die Einhaltung von Menschenrechten in der Türkei zu sichern, der missversteht die Größe der historischen Aufgabe, die der Kampf gegen Hasskommentare darstellt, denn wie der Soziologe Simon Teune, von dem in der Redaktion von ScienceFiles noch niemand je etwas gehört hat, weiß: „Die politischen Einstellungen vieler Deutscher waren immer schon ziemlich erschreckend … Mehr als ein Drittel will zum Beispiel Muslimen generell die Einwanderung nach Deutschland verwehren“.

Erschreckend. Erschreckend, zu was Sozialwissenschaftler heutzutage geworden sind. Das besagte Drittel ist im Gegensatz zu Simon Teune nicht davon überzeugt, dass Muslime ein generelles und unbedingtes Recht auf Einwanderung nach Deutschland haben und im Gegensatz zu Teune befindet sich dieses Drittel im Einklang mit der geltenden Rechtslage, die eine Einwanderung und damit einhergehend den Erwerb einer deutschen Staatsbürgerschaft nur unter bestimmten Voraussetzungen vorsieht. Insofern ist die Unkenntnis der deutschen Rechtslage bei Teune mindestens so erschreckend wie eine generelle Ablehnung aufgrund einer Religionszugehörigkeit.

Man sieht, die Kampagne für “Welfrieden Online”, die mit so herausragenden Slogans geführt wird, wie: „Wer das liest, ist nett“ oder „Hass ist keine Meinung“, sie dient zu allerlei Zwecken, dazu, dass man seine eigene Unkenntnis über das deutsche Rechtssystem herausposaunt und andere dafür strafen will, dafür, dass man sich als guter Mensch outen kann, durch Zugehörigkeit zur Gruppe der NoHateSpeecher und Ausgrenzung und Kriminalisierung der vermeintlichen HateSpeaker, und natürlich durch aktive Denunziation. Die darf offensichtlich heute nicht mehr fehlen, wenn es darum geht, ein guter Mensch zu sein und den Denunzianten, die sich regelmäßig als so nützlich für Terrorregime aller Art erwiesen haben, von der Inquisition bis zum Dritten Reich, nachzufolgen:

NoHateDenunziation

Screenshot von no-hate-speech.de


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10 Responses to NoHateSpeech: Anständige Denunzianten

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] NoHateSpeech: Anständige Denunzianten

  2. rote_pille says:

    Ich kann da nur die Worte eines großen Mannes zitieren:

  3. Samtrot says:

    Wer anständig denunziert wird anständig gewürdigt.

    “Am Mittwoch protestierte die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) in einer satirischen Intervention in den Räume der Amadeu Antonio Stiftung gegen das Gebaren der Stiftung, die sich in letzter Zeit besonders durch die Zensur von einwanderungskritischen Kommentaren in den sozialen Medien hervortat und in dieser Rolle, als ein willfähriger Vollstrecker der staatlich erwünschten Meinung fungiert.”

    In der Urkunde der Identitären (Vorsicht: Böse!) heißt es:

    »In Anerkennung und Würdigung vorbildlicher Leistungen in der Erhaltung der wirklich wahren Meinungsfreiheit und in der Bekämpfung von Hasssprache, wird unsere ehemalige Mitarbeiterin Victoria, stellvertretend für die von ihr hervorragend geführte Staatssicherheitsstiftung Amadeu-Antonio, als vorbildliche Staatsschützerin ausgezeichnet«.

    http://www.metropolico.org/2016/07/21/satirischer-protest-gegen-die-amadeu-antonio-stiftung/

  4. Sven Kuchary says:

    Das Ausdrücken von Hass gehört außer zur Meinungsfreiheit, doch auch freien Entfaltung der Persönlichkeit. Sofern ich damit keinen Volksaufstand aufhetze oder zu Straftaten aufrufe. “Wie ich die Schnecken hasse, die unbefugt in meinen Garten eindringen!! Ich hasse sie! Wie ich euch hasse!”
    Entschuldigung, dass ich mich hier entgegen dem Grundsatzprogramm erleichtere.

  5. Hans Meier says:

    Grundsätzlich verstößt Zensur gegen das Menschenrecht!

    Jeder Mensch hat alle Rechte, und ist in seinen Rechten nur durch die Rechte seiner Mitmenschen begrenzt.

    Die Beseitigung von Menschenrechten ist eine Eigenschaft linksfaschistischer Politik, das war bei den (National) >>>Sozialisten<<< so, wie auch bei den Leninisten, Stalinisten, Maoisten, der DDR und auch bei unserer Linksfaschistischen großen Koalition.

    Die aktuelle Zensur mit Gewaltandrohung oder tatsächliche Gewalt des Staates gegen seine Bürger, ist wie bei den früheren Faschisten, das Mittel, seine Bürger gefügig zu machen – widerspruchslos die Machtübernahme durch die Konzerne hinzunehmen, freiwillig in die Kriege zugunsten der Großkonzerne zu ziehen und freiwillig den eigenen Tod und den der Gesellschaft hinzunehmen.

    Warum macht Frau Merkel diese Politik?

    OK, hier zensiere ich mich selbst, gebe aber trotzdem mal ein paar Tipps:
    1. Forscht mal, wer Frau Merkels Mutter war
    2. schaut euch die Handhaltung von Frau Merkel bei ihren Reden an.
    3. Frau Merkel hat keine persönliche Zukunft, sie hat keine Kinder, der sie eine lebenswerte Welt hinterlassen möchte und müsste.
    4. hört euch die Rede von Frau Barbara Lerner Spectre auf youtube an
    5. lest die beiden Bücher von Thomas P.M. Barnett, Blueprint for Action und The Pentagon’s new Map
    6. lest mal die originalen Hooten, Kaufmann und Morgenthau-Pläne für Deutschland.

    Und ein Wort an die Zensoren, Verfassungsschutz, Geheimdienste: die Genozide an der Menschheit waren nur durch willfährige Leute wie euch möglich — und ihr tut es gerade schon wieder! Ihr macht vielleicht kurzfristig Karriere – aber ihr und eure Familien sterben im dritten Weltkrieg mit uns.

    • Heike Diefenbach says:

      “Frau Merkel hat keine persönliche Zukunft, sie hat keine Kinder, der sie eine lebenswerte Welt hinterlassen möchte und müsste.”

      Bitte???? Man hat keine PERSÖNLICHE Zukunft, wenn man keine KINDER hat?? Wieso das denn? Lebt man PERSÖNLICH in seinen Kindern weiter? Soweit ich das sehen, ist das persönliche Leben am Ende, wenn man gestorben ist.

      Davon abgesehen, verwahre ich mich explizit dagegen, als sinnlos dahinvegetierendes Geschöpf, dem die Welt am A…. vorbeigeht, darstellen zu lassen, weil ich keine Kinder habe.

      Vielmehr ist es doch so, dass die Kinderlein für viele Leute den Rückzug ins Private bedeuten und als Rechtfertigung dafür, dass man ja Rücksichten nehmen müsse und so etwas wie Widerstand zeigen, doch nicht machen könne, dienen, den Rückzug in den Familien-Egoismus also legitimieren. Nicht umsonst setzen die Umerzieher bei den Kindern an, nicht wegen der sogenannten Zukunft der Gesellschaft, sondern deshalb, weil man über naive, aber zu kleinen Göttern hochstilisierten, Kindern derzeit auf optimale Weise Druck auf Erwachsenen ausüben kann, die ungleich ernstzunehmender sind.

      Vielleicht denken Sie hierüber einmal in Ruhe nach!?

  6. Striesen says:

    Neben dem Denunzieren gilt auch: Nicht mit Schmuddelkindern spielen!

    Eine Ungeheuerlichkeit hat sich begeben. Eine zweite folgte unmittelbar, denn erst jetzt wurde offenbart, was bereits im Mai durch mangelnde revolutionäre Wachsamkeit des Magazins Geo angerichtet wurde.
    Der Mai-Ausgabe von Geo lag Werbung von Kopp bei. KOPP. Ohgottohgottohgott!

    Schuldbekenntnis und Selbstanklage erst jetzt. Der Schauprozess live auf Facebook. Man staunt, wie viele Kenner des Kopp-Verlags eine fundiertes Urteil abgeben können. Nur Heiko hat sich noch nicht geäußert.

    http://meedia.de/2016/07/22/ein-fehler-den-wir-bedauern-geo-machte-werbung-fuer-kopp-verlag-und-erntet-shitstorm/
    https://www.facebook.com/geomagazin/posts/10154192738129845?comment_id=10154192742934845

    P.S.
    Als Einstimmung zum Wochenende empfehle ich diesen Shop. Gendergerechte Namenssticker! Vielleicht könnte Sciencefiles in diesen Zukunftsmarkt einsteigen. Die Finanzierung der nächsten Projekte wäre gesichert.
    http://www.storenvy.com/products/4622860-set-of-5-hello-pronouns-stickers

  7. Heiner says:

    “Wer das liest ist nett”

    Aha. Der Volksmund sagt: “Nett” ist die kleine Schwester von “Scheiße”.

    Machen die jetzt mit Hatespeech Front gegen Hatespeech?

  8. Heike Diefenbach says:

    Ich finde, dass es ein ungeheuerlicher Vorgang ist, dass Seiten, die zur Denunziation aufrufen, existieren und auch noch für sich in Anspruch nehmen, irgendetwas Gutes zu vertreten. Sie sind von Hass gegen Mitmenschen getragen, und das finde ich – ungeheuerlich!

    Wenn ich das nicht so stehenlassen möchte und solche Seiten, die Foul-Spielen anpreisen, in den Strafraum verbannen möchte, an wen wende ich mich denn dann?

    Wie wäre es, wenn sich alle, die derselben Auffassung sind wie ich, per e-mail oder sonstwie bei jugenschutz.net melden würden, um unsere Bedenken gegen den ungeheuerlichen Vorgang des Aufhetzens von Kindern und Jugendlichen gegen andere Menschen kundzutun?

    Ich fände, dass das eine gute Aktion wäre, die einigen Signalwert haben könnte ….

  9. Pingback: Wir sind nicht gleichwertig: Wir sind mehrwertig! | ScienceFiles

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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