Unser Angebot: Hoffnungslosigkeit, Langeweile und Tristesse

Es stimmt, Sozialwissenschaftler waren nur selten Vordenker der Gesellschaft, die mit großen Entwürfen und Ideen für die Zukunft geglänzt haben. Veränderungen, die einen Gewinn an Lebensqualität für Menschen gebracht haben, waren im Wesentlichen die Sache anderer Professionen: Ökonomen, die neue Methoden der Kreditwirtschaft erfunden haben, Unternehmer, die mit den neuen Methoden Ideen finanziert haben, Erfinder, die die entsprechenden Ideen hatten, Ideen aus denen die Bedarfsgegenstände unser Zeit und die Selbstverständlichkeiten geworden sind, die uns umgeben, von der Elektrizität, deren Bedeutung man erst bei einem Stromausfall so richtig zu schätzen weiß, bis zur Platine, die es irgendwie ermöglich, aus einem Tastendruck die erwartete Darstellung auf dem Monitor werden zu lassen.

Man kann Sozialwissenschaftler also nicht zu Gute halten, dass sie allzu viel Anteil an den Revolutionen hatten, die die Menschheit vorangebracht haben. Und die Revolutionen, an denen Sozialwissenschaftler Anteil hatten, die hätte es besser nicht gegeben.

dystopiaAber so trist und langweilig, so staatsdienlich und tröge, so geistlos und trivial wie sich die Sozialwissenschaften heute darstellen, sind sie eigentlich auch nicht. Das wird ihnen nicht gerecht. Immerhin gab es einen Raimund Popper, der die Methodologie der Sozialwissenschaften vorangebracht hat. Es gab einen Max Weber, dem wir das Rüstzeug der Sozialwissenschaften verdanken. Es gab eine Vielzahl von Theoretikern die gute Ideen hatten, Ideen zur Erklärung sozialer Tatbestände wie Kriminalität, soziale Ungleichheit, Bildungserfolg, Migration und nicht zu vergessen, es gibt einen großen Stamm von gut bewährten Theorien über die Handlungen und Prozesse, die das menschliche Zusammenleben antreiben und verändern.

Nur erinnert sich daran in Deutschland kaum jemand.

Heutige Sozialwissenschaftler, die meisten von ihnen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Zeit bis zur Rente in staatsdienlicher Manier absitzen, sich von Parteien oder Ministerien aushalten lassen, um zu bestätigen, was die in Parteien und Ministerien sowieso schon wissen, um zu legitimieren, was man gerne als politische Maßnahme durchsetzen würde.

Entsprechend sind Sozialwissenschaftler zu Vasallen des Staates und seiner Funktionäre geworden, die dann, wenn sie gebraucht werden, aus dem Hut gezogen und herumgereicht werden. Sie werden herumgereicht, damit sie die schmale Kost, die karge geistige Nahrung anpreisen, die man in Deutschland für seine Bürger vorgesehen hat.

Die IG Metall reicht zum Beispiel gerade Jutta Allmendinger herum, die ihre Laufbahn als Soziologe begonnen hat. Zwischenzeitlich ist sie zur Präsidentin des Wissenschaftszentrums geworden, eine Position, die es offensichtlich mit sich bringt, dass sich Allmendinger in ständiger Alarmbereitschaft hält, um Funktionären dienlich zu sein, wenn Funktionäre den Menschen, wie es dann heißt, also allen nicht-Funktionären, sagen wollen, was diese Menschen wollen, wollen sollen, ja wollen können.

Eine derartige Verkündung in Hoffnungslosigkeit hat bei der IG Metall Interviewform angenommen. Interviewt wird Jutta Allmendinger, aber es könnte auch jemand anderes in Position sein, denn nur darum geht es, dass einer, dem man eine wissenschaftliche Position andichten kann, etwas sagt, was Funktionären nützlich ist.

Und Allmendinger sagt, was „gute Arbeit“ ist:

Gute Arbeit ist, so sagt Allmendinger, zu allererst eine „sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“, denn der Mensch von heute will nichts lieber, als die Beiträge zu entrichten, die andere dann aus den Sozialkassen entnehmen. Der Mensch von heute ist ein Altruist, einer, der nicht einmal im Traum auf die Idee kommt, er könne keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, sondern eine selbständige Tätigkeit aufnehmen. So wenig, wie Allmendinger auf diese Idee kommt. Selbständigkeit, das hat etwas mit Eigenständigkeit zu tun und für Staaten gibt es nichts Schlimmeres als eigenständige Bürger, die eigenständiger Beschäftigung nachgehen und sich entsprechend nicht verwalten und etikettieren lassen. Nein, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung muss es schon sein.

Und ausreichend entlohnt muss die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sein, d.h., das was nach dem Abzug der Abgaben und Steuern übrig bleibt, muss ausreichen. Wofür? Niemand weiß es, sowenig, wie jemand weiß, wer bestimmt, was ausreichend ist. Insofern Menschen unterschiedlich sind und ausreichend für A nicht ausreichend für B ist, gibt es ein Problem mit tarifvertraglich geregelten Löhnen, die gleiche Bezahlung für Beschäftigte, unabhängig von deren Leistung vorsehen. Deshalb muss mit ausreichend das gemeint sein, was andere, also Funktionäre für den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten als ausreichend ansehen. Das neue deutsche Utopia.

Und sinnvoll muss die ausreichend vergütete, sozialversicherungspflichtige Arbeit sein. Sinnvoll. Was ist wohl der Sinn einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung als Präsident des WZB, die wir einmal als ausreichend bezahlt annehmen wollen? Der IG-Metall sinnvolle Interviews geben? Was ist der Sinn einer ausreichend bezahlten Tätigkeit als Anti-Rassismus-Spezialist in BMFSFJ? Ist es sinnvoll, anderen vorsagen zu wollen, was sie zu denken und zu sagen und zu schreiben haben? Oder ist sinnvoll die Tätigkeit, von der ein direkter Nutzen ausgeht, wie er von einer geleerten Mülltonne ausgeht, von einem funktionierenden Wasserhahn in der Küche oder von Strom, der verlässlich aus der Steckdose kommt? Wenn ja, dann haben all diejenigen, die zwar ausreichend vergütet, einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit als Interviewpartner, Mahner, Aktivist oder Volkserzieher nachgehen, ein Problem. Der Nutzen ihrer Tätigkeit ist nicht unmittelbar einsichtig, was den Sinn der Tätigkeit in Frage stellt. Vielleicht sind sie deshalb mit zunehmender Hektik bemüht, auf immer mehr Bereiche des privaten Lebens der anderen überzugreifen?

morlocksphinxSchließlich ist gute Arbeit, also sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, die ausreichend vergütet und sinnvoll ist, durch Mitsprache und Entwicklungschancen gekennzeichnet. Beides ist immer gut, Mitsprache und Entwicklungschancen. Mitsprache ist wichtig, weil sie von Funktionären wahrgenommen wird. Schließlich sind sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, die ausreichend vergütet werden, mit Arbeit beschäftigt und brauchen entsprechend jemanden, der für sie mitspricht, einen Gewerkschaftsfunktionär, einen von der IG-Metall. Entwicklungschancen sind wichtig, weil die Kosten der Sozialversicherungen und die Begehrlichkeiten des Staates jährlich größer werden, d.h. die Steuer- und Abgabenlast für sozialversicherungspflichtig Beschäftigte steigt, so dass die ausreichende Entlohnung dadurch gewährleistet werden muss, dass die Arbeitnehmer sich entwickeln, von einer Lohngruppe in die nächste.

Die Zukunft, wie sie Jutta Allmendinger für die „Menschen“ in Deutschland darstellt, von denen sie weiß, dass sie erwerbstätig sein wollen, sieht somit eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vor, die in dem Maße ausreichend vergütet wird, wie ausreichend durch Funktionäre bestimmt ist, die Sinn hat und für die andere, also Funktionäre, mitbestimmen, damit sich der Arbeitnehmer auch entwickelt, innerhalb der Sukzession der Lohngruppen.

Und natürlich hat der sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, wie er Allmendinger vorschwebt, auch Freizeit, denn Männer und Frauen wollen „Beruf und Familie“ vereinbaren, wie sie weiß, und Familie, das ist Freizeit. Also braucht mach Freizeit, wegen der Familie, nicht etwa, um egoistischen Eigeninteressen nachzugehen, die nicht Familie zum Gegenstand haben. Kneipe, Stammtisch, Fußballplatz, das war einmal. Der Mensch von heute hat Familie und damit ein Vereinbarkeitsproblem zu haben, für das man ihm Modelle anbieten kann, Modelle, die es ihm erlauben, „Arbeit und Familie partnerschaftlich aufzuteilen“, mit wem auch immer, er Arbeit und Familie partnerschaftlich aufteilen will.

Aber, so mahnt Allmendinger, „die Politik … sollte nicht ein einziges Modell vorgeben“, also nicht nur Ehegattensplitting, auch andere Vereinbarkeitsformen von Arbeit und Beruf.

Was Menschen in früheren Gesellschaften als Dystopie vorgekommen ist, der von Dritten geplante Lebenslauf, Sozialwissenschaftler von heute, helfen bei seiner Verwirklichung: Die sozialversicherungspflichtige Existenz mit der von Dritten bestimmten ausreichenden Vergütung, der gefälligst sinnvollen Tätigkeit, bei der wieder Dritte für den sozialversicherungspflichtig Tätigen mitbestimmen, damit er sich auch in Lohngruppen entwickelt, um mit der Preissteigerung bei Abgaben und Steuern mithalten zu können und der sich ansonsten mit Familie abspeisen lässt, schon damit er ein Vereinbarkeitsproblem hat, für das man im nicht nur ein Modell zur Lösung vorgeben darf.

Angesichts dieser Travestie auf ein menschliches Leben kann man Arbeitsbienen im Bienenstaat nur um die Freiheit, die sie genießen, beneiden.

Über Michael Klein
... concerned with and about science

3 Responses to Unser Angebot: Hoffnungslosigkeit, Langeweile und Tristesse

  1. Sven Kuchary says:

    Das deutsche Finanzamt denkt hier traditionell und klar. Der Regelfall ist „selbständige Arbeit“. Alles andere wird als „unselbständig“ in Anlage N verbannt.

  2. Robert Long – ein ganz Großer des Chanson und ein echter Poet. Ich lieeeebe ihn!

    Er gehört der alten linken Garde an – damit auch Wegbereiter der Bevormundung. In den Niederlanden hatte der Nanny-Staat gigantische Ausmaße angenommen hatte, von staatlich angestellten Künstlern bis zur Nuttengewerksschaft. NL hat einige Jahre vor D mit Schröder die Axt an den überbordenden Sozialstaat gelegt, und damit Mitte der 90er ein kleines Wirtschaftswunder ausgelöst.

    Robert Long hat aber auch die Auswüchse des Gutmenschenterrors früh hervorgesehen und bespottet: https://youtu.be/e_G2VdZ2yyw?t=26s (op z’n Duits)

    Sein „Liedje voor als ik er niet meer ben“ steht Jacques Brel’s Moribond in nichts nach.
    https://www.youtube.com/watch?v=UByxQweiar8 (Nederlands)

  3. Treffend beschrieben. Einfach köstlich.

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