Nachhaltiger Unsinn: Krieg gegen Egoismus

Noch einer, der weiß, was WIR müssen:

“Wir müssen junge Menschen für eine nachhaltige Entwicklung begeistern und zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigen und ihnen klarmachen, dass ihre Entscheidungen Menschen nachfolgender Generationen und in anderen Erdteilen beeinflussen. Bildung für eine nachhaltigere Entwicklung ermöglicht es jedem Jugendlichen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.“ – Mit diesem Appell sprach sich heute Dr. Ulrich Witte, Abteilungsleiter Umweltbildung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), zum Internationalen Tag der Jugend für gesteigerte Anstrengungen im Bildungssektor aus.

Es ist nicht leicht, in einer Zeit jung zu sein, in der fast jeder Erwachsene sich für einen bislang unentdeckten Messias hält und in jedem Fall weiß, was WIR, also andere tun müssen.

Wir, als wir von ScienceFiles, wollen einmal den Mythos der Sorge für nachwachsende Generationen etwas erschüttern.

Fangen wir mit einer harmlosen Fragen an:

Ist es nicht das Recht eines jeden Menschen, in erster Linie nach seinem Glück und seinem Wohlergehen zu streben?

Wir denken, niemand wird Menschen das entsprechende Recht, das die meisten Philosophen als ein Naturrecht bezeichnen würden, absprechen.

Aus diesem Recht folgt, dass für jeden Menschen die Sorge um die Bedingungen der eigenen Existenz an erster Stelle steht. Anders formuliert: Egoismus ist das, was man mit Kant als menschliche Pflicht bezeichnen könnte. Jeder soll versuchen, aus eigener Kraft die Bedingungen seines Lebens zu maximieren.

Nun führt diese Pflicht, die Bedingungen des eigenen Lebens zu maximieren zuweilen in Konflikt mit anderen, einfach deshalb, weil Ressourcen beschränkt sind und es eine Frage der Zeit ist, bis zwei sich um dieselbe Sache streiten.

Ergo benötigen wir ein Handlungsprinzip, das den Krieg aller gegen alle, den Hobbes beschrieben hat, vermeidet. Dieses Handlungsprinzip ist im Kategorischen Imperativ beschrieben. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Da es die Eigenschaft eines allgemeinen Gesetzes ist, dass jeder Mensch sich ihm fügen muss, gilt der Kantsche Imperativ für jeden, und kann auf die bekannte Formel, Handle gegenüber anderen so, wie Du willst, dass andere sich Dir gegenüber verhalten.

Wir haben somit die Verpflichtung, die Bedingungen des eigenen Lebens zu maximieren und die Verpflichtung, dies in einer allgemeinverträglichen Weise zu tun.

Diese Verpflichtung will Ulrich Witte auf „nachfolgende Generationen“ und Menschen auf anderen Erdteilen erweitern, und zwar dadurch, dass Kinder und Jugendliche zu nachhaltigem Verhalten erzogen werden. Da man Kinder und Jugendliche glaubt, zu diesem Verhalten erziehen zu müssen, folgt daraus, dass es kein natürliches Verhalten, das der Verbesserung des eigenen Lebens dient, sein kann. Es muss vielmehr ein Verhalten sein, dass keine oder eine Verschlechterung der Bedingungen des eigenen Lebens nach sich zieht.

In der Tat tun sich diejenigen, die für Nachhaltigkeit plädieren, vornehmlich dadurch hervor, dass sie anderen etwas verbieten wollen.

Der Aufruf, sich nachhaltig gegenüber anderen zu verhalten, steht also im Widerspruch zur Verpflichtung, die Bedingungen des eigenen Lebens zu maximieren. Aber vielleicht ist die Einschränkung ja durch den Kategorischen Imperativ gedeckt?

Nein, das ist sie auch nicht, denn der kategorische Imperativ beschreibt letztlich ein symmetrisches Verhalten, eine Form vorauseilender Reziprozität. Man selbst hält sich an Spielregeln, an Moral oder Ethik und kann deshalb erwarten, dass andere sich auch daran halten (Die Probleme damit, die letztlich zur Einsetzung eines Staates führen, lassen wir einmal außen vor.).

Nachhaltigkeit ist aber gerade kein reziproker, auch kein vorauseilender reziproker Vertrag. Nachhaltigkeit verlangt Verzicht, verlangt nicht nur, die Verpflichtung, das eigene Leben nach den besten Möglichkeiten zu optimieren, aufzugeben, Nachhaltigkeit verstößt auch gegen den kategorischen Imperativ insofern der geforderte Verzicht demjenigen, der ihn leistet, schadet und unmittelbar keinem nutzt. Alle Früchte der Nachhaltigkeit sind, wie die Früchte des Sozialismus auf jene glorreiche Generation vertagt, die irgend wann in den Genuss des Paradieses, das durch Verzicht von derzeit lebenden Menschen geschaffen wurde, kommen. Wer Zweifel daran hat, dass es diese Generation je geben wird, der hat schon einen Schritt zur Erkenntnis genommen.

Somit stellen sich eine neue Fragen:

Wer profitiert davon, dass Menschen die Verpflichtung die Bedingungen ihres eigenen Lebens zu optimieren, aufgeben, was sie notwendig zu Abhängigkeit von anderen verurteilt?

Und wer profitiert davon, dass Menschen zu einer Bereitschaft erzogen werden, Verzicht zu leisten, von dem niemand weiß, ob er sich jemals amortisieren wird, von dem lediglich bekannt ist, dass er das Leben derer, die ihn leisten, negativ beeinflussen wird?

Die Chaostheorie und das Konzept der Katallaxie von Hayek beschreiben Prozesse, in deren Verlauf optimale Ergebnisse aus dem egoistischen Handeln, dem eigenverantwortlichen Handeln von Akteuren entstehen, ganz ohne Verzicht und ganz ohne die Erziehung der entsprechenden Akteure zu etwas, was anderen, aber nicht ihnen selbst nutzt. Das führt zur letzten Frage:

Wer hat ein Interesse daran, Menschen zu nicht-egoistischen Zombies zu erziehen, die Utopien hinterherlaufen, die nicht erreichbar sind?

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

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32 Responses to Nachhaltiger Unsinn: Krieg gegen Egoismus

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Nachhaltiger Unsinn: Krieg gegen Egoismus

  2. etsch says:

    Ihre Darstellung der Moralphilosophie Kants ist grundfalsch. Weder kann man “mit Kant” Egoismus als “menschliche Pflicht” bezeichnen, noch – was ein noch viel tieferes Nichtverständnis offenbart – kann der Kategorische Imperativ Kants auf die Formel “Handle gegenüber anderen so, wie du willst, dass andere sich Dir gegenüber verhalten” – ja was eigentlich: “reduziert werden”? “zurückgeführt werden”? (Das Verb in dem Satz, den ich hier zitiere, fehlt nämlich).
    Ich weiß, dass inhaltliche Kritik und Einwände hier nicht gern gesehen werden und regelmäßig im Nichts verschwinden. Dennoch, wer weiß, vielleicht liest es noch jemand, bevor es gelöscht wird, und kann etwas lernen:
    Die Behauptung, Kants Kategorischer Imperativ sei im Kern nichts anderes als die sog. Goldene Regel ist Grundfalsch, ja mehr noch: Es läuft auf das genaue Gegenteil dessen hinaus, was Kant sagte.

    • Jan Dietrich says:

      Können Sie mir erklären, wie Sie darauf kommen, inhaltliche Kritik und Einwände wären hier nicht gerne gesehen und würden regelmäßig “im Nichts” verschwinden? Eine aktive Moderation der Kommentare findet seit der Einführung einer obligatorischen Registrierung nicht mehr statt, falls Sie das meinen.

      • etsch says:

        Ich kann Ihnen erklären, wie ich darauf komme: Durch empirische Beobachtung, also durch Erfahrung (Kant). Zugegeben, das “regelmäßig” war überzogen. Nein, ich meinte nicht “aktive Moderation”. Ich meinte das Verschwinden von bereits veröffentlichten Kommentaren, die nicht der Nettiquette oder anderen Regeln widerstreiten; sondern einfach nicht genehm scheinen (oder was auch sonst; ich kann in dem Fall ja nur spekulieren; nicht alles im Leben ist Empirie).
        Bei genauerem Interesse fragen Sie doch bitte selbst den/die Seitenbetreiber, was beispielsweise aus der längeren – (mindestens meinerseits) zu 100% sachlich geführten – Diskussion wurde, die hier im Kommentarbereich stattfand und wo nun nur noch mein Initialkommentar zu finden ist: https://sciencefiles.org/2017/08/02/spd-gender-pay-gap-ist-unsinn-gehaltsunterschiede-sind-legitim/#comments

        “Wir glauben noch an die Vernunft!”…

        • Jan Dietrich says:

          Sorry, aber ohne Screenshots vorher-nachher wird das schwer, fürchte ich. Ich kann ja so nicht einmal beurteilen, ob die Löschung stattgefunden hat, geschweige denn, ob sie gerechtfertigt waren.

          • etsch says:

            Wie gesagt, falls Sie daran wirklich interessiert sind: Wenn Sie Herrn Klein danach fragen, wird er Ihnen sicher die Wahrheit sagen. Alles andere ist für mich unvorstellbar. Auch gelöschte Kommentare können vermutlich vom Admin noch wiederhergestellt werden.
            Ist auch egal, was soll mir an der Sache liegen, ob man mir glaubt oder nicht? Natürlich ärgere ich mich noch über diese Löschung, weil es eine Respektlosigkeit darstellt. Aber Respekt ist nichts, was man einklagen kann. Dass man von Kommentaren, die man schreibt, Screenshots machen sollte, kam mir bislang nicht in den Sinn. Eine solche Niederträchtigkeitsunterstellung mache ich auch eigentlich nicht bei Seitenbetreibern.

            • Jan Dietrich says:

              Das sie mir nun ihre Gefühle über angeblich Geschehenes offenlegen nützt mir nicht sehr viel, wenn sie mir keine Beweise liefern mit denen ich mir ein eigenes Urteil machen kann. Um ehrlich zu sein ist doch bereits ihr kleiner Kommentarroman der lebende Beweis, dass auch Menschen mit abweichenden Meinungen hier toleriert werden.

              Ihre Ironie(?) in Bezug auf Herrn Klein macht ihre Behauptungen übrigens auch nicht seriöser. Sorry, aber wenn sie Leichtgläubige zum Missionieren (für was auch immer) suchen, sind sie bei mir an der falschen Addresse.

        • Jan Dietrich says:

          EDIT: Das Kommentare verschwinden, weil sie den Betreibern der Seite nicht passen, ist übrigens kein Schluss aus Erfahrung sondern etwas, was Kant als synthetischen Schluss bezeichnen würde. Denn die Empirie sagt ihnen in diesem Fall nur, dass ihr Kommentar weg ist. Das er gelöscht wurde sowie die angebliche Motivation dahinter ist von ihnen synthetisch gefolgert worden, man könnte auch sagen: willkürlich gefolgert worden.

          • etsch says:

            Es handelt sich dennoch um ein Erfahrungsurteil genau im Sinne Kants, weil hier die Erfahrung die Basis des Schlusses bzw. Räsonnements abgibt. Ja richtig, streng genommen ist es ein abduktiver Schluss, aber eben einer auf Basis von Erfahrung gezogener. Ob “willkürlich” oder nicht, von mir aus. Ich unterstelle, dass die Seitenbetreiber diese Webseite so gut im Griff haben, dass nichts derartiges geschieht, ohne dass sie es veranlassen/zulassen. Das ist die in meiner Abduktion unterstellte Regel, mit der ich diesen Schluss von der Wirkung auf die Ursache zog.

            Wichtig ist für hier folgende Belehrung für Sie:
            1) Die “Empirie” sagt mir nie alles (Kant ist kein Empirist!). Jedes Urteil, jeder Schluss enthält nichtempirische Elemente. Das raubt ihm nicht den Charakter, empirisches Urteil/Erfahrungsurteil zu sein.
            2) Laut Kant sind alle Erfahrungsurteile synthetische Urteile: “Erfahrungsurtheile als solche sind insgesammt synthetisch.” (AA III, 034).
            3) Zu Abduktionen vgl. bspw. C. S. Peirce

            • Jan Dietrich says:

              Ihren Eifer in allen Ehren, aber Sie müssen mich hier nicht belehren, ich lese Kant derzeit selbst.

              “Erfahrung” ist schön und gut, aber eben rein subjektiv und mir gegenüber weiterhin unbelegt. Wenn Sie das nicht können, schlage ich vor, wir beenden das hier. Ich verbleibe ScienceFiles gegenüber weiterhin Neutral, solange es keine ernsthaften und vorallem massenhaften Beweise (!!!!) dafür gibt, dass nach subjektiven Kriterien Zensur stattfindet.

              • etsch says:

                Wir sprechen hier nicht über Zensur, sondern über Kant. Dass Sie den selbst lesen, ist schön zu hören. Ich lese allerdings heraus, dass Sie mit Ihrer Lektüre noch nicht besonders weit gekommen sind, sonst hätten Sie meine Verwendung von “Erfahrung” als Terminus Technicus erkannt und diesen Sie selbst beschämenden Hinweis von “rein subjektiv” bleiben lassen.

  3. quellwerk says:

    Könnten Sie das bitte erläutern?

    • etsch says:

      Natürlich, gerne.

      Die Pointe der Moralität liegt für Kant gerade darin, von aller Subjektivität in der Maxime zu abstrahieren.

      Für den Kategorischen Imperativ (KI) gibt es mehrere Formulierungen, ich greife hier nur diejenige der Universalisierungsformeln heraus, in der das, was ich meine, am Deutlichsten wird (obwohl es an den anderen Formulierungen des KI genau so gezeigt werden kann): “Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”

      Wenn Kant fordert, dass die Maxime (also die jeweilige Regel des Handelns) allgemein gelten können soll (darauf verkürze ich hier der Einfachheit halber das „als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten“), dann meint er damit dies: In die Handlungsregel/Maxime darf nur dasjenige einfließen, was nicht aus nur meiner je individuellen besonderen Subjektivität folgt. Das heißt: Meine individuellen Neigungen, Interessen, Wünsche, Triebe, Sozialisationsergebnisse, genetischen Determiniertheiten usw. usw.: all dies muss „ausgefiltert“ werden, da nicht garantiert werden kann, dass dies von allen anderen Personen ebenfalls so akzeptiert werden kann bzw. dass alle anderen Personen ebenfalls genau diese Neigungen, Interessen, Wünsche, Triebe usw. teilen.

      Nun macht aber die sog. Goldene Regel – sei es in ihrer positiven Formulierung („Behandle andere so, wie auch du selbst behandelt werden willst“) oder in ihrer negativen Formulierung („Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“) – genau die individuelle Beschaffenheit des Subjekts zum Prinzip der Ethik: Behandle andere so WIE DU SELBST behandelt werden willst.

      Kurz gesagt: Die Ethik Kants bezweckt, das je Individuell-Besondere des Subjekts auszuschließen (der KI wird deshalb von manchen als diebezüglicher „Filter“ verstanden, während die Goldene Regel genau das Individuell-Besondere („was DU willst/nicht willst“) zum Prinzip der Ethik erhebt.

      Deshalb ist der KI nicht nur etwas anderes, sondern das genaue Gegenteil der Goldenen Regel. Einen tieferen Gegensatz zwischen diesen beiden Prinzipien kann ich mir gar nicht vorstellen. Deshalb hat, wer behauptet, das sei einerlei, eben gar nichts an Kants Moralphilosophie verstanden (die übrigens ja noch einfacher zu verstehen ist als seine theoretische Philosophie). So hart darf man formulieren, da Sciencefiles selbst mit Lust polemisch überspitzt und hart formuliert.

      Warum Kant das individuelle des Subjekts unerbittlich aus der Moralität ausschalten will, steht auf einem anderen Blatt. (Es ist ja eigentlich banal: Wer garantiert denn, dass die anderen so behandelt werden wollen, wie ich selbst dies gerne hätte? Oder dass das, was ich will und wünsche genau das ethisch richtige ist? Dieses Prinzip ist in seiner Naivität kaum noch zu unterbieten, eben deshalb tritt es in fast allen Kulturen auf sehr frühen Stufen schon auf: Es funktioniert in recht abgeschlossenen Kulturen, in denen die Menschen in ihren Lebensformen sich sehr gleichen, ganz gut. Aber mehr auch nicht.)

      • Ich habe noch nie eine dermaßen falsche Darstellung von Kant gelesen. Respekt! Übrigens hat die Priorität der Subjektivität, die Sie hier bekämpfen, gar niemand behauptet.

        • etsch says:

          Naja, das ist eben kein Argument, sondern patziger Trotz. Ich bin gern bereit, das von mir Behauptete gegen jeden argumentierenden Gegeneinwand zu verteidigen.

          Doch, die “Priorität der Subjektivität”, genauer gesagt: das Einfließen bloß-subjektiver Kriterien in die Moralität, ist genau das was Sie behaupten oder betreiben, wenn sie die “bekannte Formel” “Handle gegenüber anderen so, wie Du willst, dass andere sich Dir gegenüber verhalten” als Moralprinzip hochhalten.
          Wer sagt, es sei ethisches Verhalten, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, der macht das Subjektive zum Prinzip der Ethik. Denn das “wie Du willst” ist eben das wie DU willst, nicht wie JEDER will oder ALLE wollen. Es gibt gar nichts Subjektiveres als dies, welches eben hier sogar zum Prinzip erhoben wird.
          Und nochmals: Der Kategorische Imperativ ist etwas völlig anderes als diese Formel. Ich betone dies nochmals, weil sie ja behaupten, er KI sei dies oder kann [darauf zurückgeführt werden oder dgl.].

        • etsch says:

          Und selbst der Wikipedia-Artikel (nicht alles dort ist genderismusvergiftet) verweist doch auf die einschlägige Stelle bei Kant (die Fußnote): https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/Kant/aa04/430.html

    • etsch says:

      Ach, den anderen Punkt vielleicht auch noch kurz erläutert:

      “Ist es nicht das Recht eines jeden Menschen, in erster Linie nach seinem Glück und seinem Wohlergehen zu streben? Wir denken, niemand wird Menschen das entsprechende Recht, das die meisten Philosophen als ein Naturrecht bezeichnen würden, absprechen.”

      Doch, Kant, wie auch die wohl jede religiöse (christliche, jüdische, islamische usw.) Ethik sehen dies anders. Mindestens mit dem Punkt “in erster Linie”. Das Right to “Pursuit of Happiness”, so es denn ein solches Naturrecht gibt, wird, wo immer es auftaucht (ja sowieso vornehmlich nur in der angelsächsischen Tradition), ja doch immer sogleich mit den zugehörigen Einschränkungen versehen..

      • xamterre says:

        Leute, die Nachhaltigkeit predigen, wollen, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen.
        Ganz schön egoistisch, würde ich mal sagen.
        Ja, und wär das Prinzip Nachhaltigkeit doch bloß früher entdeckt worden:
        Hätten die egoistischen Steinzeitmenschen nur nicht alle schönen Steine verbraucht, dann könnten wir heute noch mit schönen Steinäxten arbeiten!

      • Jan Dietrich says:

        Der Punkt den sie ansprechen, wird auch im Text gemacht. “Wir haben somit die Verpflichtung, die Bedingungen des eigenen Lebens zu maximieren und die Verpflichtung, dies in einer allgemeinverträglichen Weise zu tun”.

        Insofern verstehe ich den Anlass ihres Kommentars nicht so richtig.

        • Es gibt Menschen, deren Lebenszweck besteht darin, zu widersprechen.

          • etsch says:

            Wer sich die Vernunft auf die wehenden Fahnen schreibt, sollte nach Widerspruch gieren, Herr Klein.
            Es gibt freilich Menschen, die Widerspruch nicht ertragen können, das habe ich jedenfalls so gehört. Ist denn an meiner Kritik Ihrer Kant-Darstellung/Lesart etwas sachlich zurückzuweisen? Ist sie nicht sogar dringend geboten angesichts des nachgewiesenen eklatanten Fehlverständnisses? Wenn Sie ein sachliches Gegenargument haben, bin ich dankbar. Falls nicht, schweigen Sie doch lieber, denn Sie fangen abermals(!) Ad Personam an: nichts anderes ist es nämlich, mir einen solchen “Lebenszweck” unterzuschieben (ich neige dazu, Ihre Bemerkung so zu verstehen).
            Übrigens finde ich es nicht verwerflich, diesen Lebenszweck zu haben: solange der Widerspruch immer sachlich und begründet ist, sind genau diese Leute für den Fortschritt der Vernunft von unermesslichem Nutzen. Mehr jedenfalls als diejenigen, die das eigene Glück zum obersten Zweck sich setzen.
            Bemerkenswert finde ich allerdings, dass eine solche Andeutung vom Betreiber einer Seite kommt, die eigentlich nichts anderes tut, als unablässig anderen zu widersprechen.

            • Warum? Sie haben hier eine Verballhornung von Kant vorgetragen und verlagen, dass wir es glauben, weil es von Etsch ist und Sie im Stande sind, auf Wikipedia zu verlinken? Ich fürchte, wäre Kant noch am Leben, er würde sein Kategoriensystem und die Idee, dass eine korrekte Anwendung von Vernunft unterschiedliche Menschen zu gleichen Schlüssen kommen lässt, einfach streichen uns vergessen, aber vermutlich wäre er sowieso suizidal, wenn er gesehen hätte, wie ihn Hegel und Marx missbraucht haben.

              Nein, Etsch zu glauben, das ist zu viel verlangt.

              Ich vertraue lieber meinem eigenen Urteilsvermögen und dem, was Popper und Schopenhauer zu Kant geschrieben haben. Wir drei, wenn ich mich einmal einreihen darf, wir stehen in kategorialem Widerspruch zu Etsch und halten uns an das, was Kant wirklich geschrieben hat, nicht an das, was Etsch und Wikipedia meinen, dass Kant geschrieben habe.

              Die Vernunft giert nicht nach Widerspruch als solchem, wie Sie, Etsch, meinen. Das wäre Unvernunft. Vernunft giert nach sinnvollem Widerspruch. Das ist ein erheblicher Unterschied Herr Etsch. Und weil die Vernunft nach sinnvollem oder vielleicht noch besser vernünftigem Widerspruch giert, deshalb werde ich jetzt etwas tun, was vernünftiger ist, als mich hier mit ihrer Travestie von Kant zu beschäftigen: Rugby Nachrichten lesen.

              • etsch says:

                Ich hatte Ihnen, Herr Klein, nicht Wikipedia verlinkt, sondern die GMS in der Akademie Ausgabe der Werke Kants. Den Hinweis auf Wikipedia hatte ich lediglich gemacht, um Ihnen (der Sie ja scheinbar Zeit auf Wikipedia verbringen) klar zu machen, dass Sie “selbst dort” hätten lernen können, dass Ihre Deutung des KI, Herr Klein, grundfalsch ist.
                Unter dem von mir gegebenen Link erhalten Sie von Kant höchstpersönlich, in seinen eigenen publizierten Worten, die Belehrung, dass Ihre Deutung grundfalsch ist.
                Neben einem Meister wie Kant habe in dieser Sachfrage ich freilich zu schweigen. Die Sache ist deshalb für mich abgeschlossen (sofern Sie nicht Unterstützung bei der Lektüre benötigen; da unterstütze ich natürlich gerne).

              • etsch says:

                Was das “sinnvoller Widerspruch” angeht, können Sie ja selbst mal zählen, wie oft in meinem Beitrag, auf den Sie damit Bezug nehmen, “sachlich”, “begründet”, “Argument” u.dgl. vorkommt. Es dürfte klar sein, was ich gemeint habe, obwohl ich nicht das Wörtchen “sinnvoll” vor “Widerspruch” setzte.
                Wenn das Ausweis Ihrer Interpretationskompetenzen sein sollen, macht das für mich zumindest einsichtig, wie Ihre Kant-“Kenntnisse” zu erklären sind. Popper als Interpret Kants – dass ich nicht lache! Selbst betreffs Schopenhauer werden Sie sicherlich kaum einen Experten finden, der Ihnen bestätigt, er sei ein guter Kenner Kants gewesen.

        • etsch says:

          Das ist richtig. Der Punkt, den ich machte, ist aber der, dass beileibe nicht “niemand” auf diese Frage mit “Nein” antworten würde: “Ist es nicht das Recht eines jeden Menschen, in erster Linie nach seinem Glück und seinem Wohlergehen zu streben?”

          Welche Ethiken sprechen denn dem Menschen zu, es sei “Recht” des Menschen, “in erster Linie nach seinem Glück und seinem Wohlergehen zu streben”? –
          Nicht umsonst gilt zumeist: “Moral tut weh”. Gerade bei Kant lässt sich ein solcher Zug zeigen. Fast alle Religionen fordern vom Menschen ein Sich-Unterwerfen unter Gott, ein Akzeptieren des Leidens. Politische Ideologien, egal ob Links oder Rechts, verlangen vom Individuum, das eigene Glücksstreben hinter den Interessen des Kollektivs (Gesellschaft, Klasse, Volk, Rasse, …) zurückzustellen: “Dein Volk ist alles, du bist nichts”, und so weiter. Diesen Ideologien folgen unzählige Millionen weltweit.
          Ethiken und Religionen belehren den Menschen, dass nicht Glücksstreben, sondern etwas anderes (Pflicht, Staat, Gesamtnutzenmaximierung, Gottes Wille, Natur, …) ihr Leben beherrschen soll. (Ja, ich weiß um den antiken Eudaimonismus). Wie also passt da ein “Recht auf Streben nach Glück” hinein, gar als Naturrecht? Ach ja: Ich sage beileibe nicht, dass ich selbst nicht auch ein solches Recht für gegeben halte – ganz im Gegenteil. Aber ich hatte lediglich darauf hingewiesen, dass die meisten genau dies nicht tun.

  4. Zawehn says:

    Etsch vs. Klein. Kategorische Unversöhnlichkeit! Ich bin hin und her gerissen und muß jetzt wohl Kant lesen! Danke! Meine Urlaubslektüre hatte ich mir eigentlich banaler vorgestellt. Nix ist es mit dem “Recht auf Streben nach Glück”, wenn ich keinen Skandinavien-Krimi lesen DARF, sondern Kant lesen MUSS für die “Gesamtnutzenmaximierung”. Damit bin ich auch noch der Einzige hier, der beiden disputierenden Herren für diese Impulsgebung danken müßte. Es war also doch nicht alles umsonst….

    • Damit haben Sie verinnerlicht, was Thomas Hobbes schon im 17. Jahrhundert geschrieben hat, glaube nichts, was Du nicht selbst geprüft!
      Wünsche eine erkenntnisreiche Lektüre!

    • etsch says:

      Zawehn, richtig, mit Kant fahren Sie besser. Achten Sie dabei genau auf die beiden Punkte, die hier Streitgegenstand waren:
      1) Ist der Kategorische Imperativ identisch bzw. im Prinzip das gleiche wie die sog. Goldene Regel?
      2) Besteht die Pointe der Moralphilosophie Kants darin, das Privatsubjektive (Kant: “Neigung”) aus der Moralität auszuschalten?
      Meine Position war zu 1): Nein, ganz und gar nicht, und zu 2): Ja, ganz genau.
      Als Lektüre empfiehlt sich die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, nicht die Kritik der praktischen Vernunft. Gute wissenschaftliche Fachliteratur zum Einstieg kann natürlich auch nahegelegt werden.

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