Nationaler Sozialismus: Wie aus Marxisten Nationalisten werden [ScienceFiles-Rätsel]

Der folgende Text ist uns heute wieder begegnet, nach rund 20 Jahren zum ersten Mal wieder. An Aktualität hat er nichts eingebüßt, obwohl er eher ein alter Text ist, geschrieben in einer Zeit, in der in Deutschland diejenigen Konjunktur hatten, die keinerlei Zweifel daran haben, im Recht zu sein. Der Text steht am Ende einer kleinen Abhandlung, in der der Autor sich mit dem Parlamentarismus befasst. Notwendig kommt er dabei bei den kommunistischen und sozialistischen Feinden jeglichen Parlamentarismus‘ an.

Was viele heute nicht mehr wissen oder nicht mehr wissen sollen: Alle Sozialistischen Parteien sind als Feinde der Demokratie und vor allem des ihnen verhassten britischen Parlamentarismus gestartet. Manche haben sich von diesem Ausgangspunkt etwas entfern, andere gar nicht. Ihre Rhetorik verrät sie, zeigt sich doch die Aktualität von fixen Ideen eines Klassenkampfes in ihren Köpfen, jenes Klassenkampfes, von dem sich einige Ewiggestrige immer noch erhoffen, dass er in die Diktatur des Proletariats führt.

Auch das war einst das Ziel sozialistischer Parteien: Die Diktatur des Proletariats, an deren Spitze die Avantgarde der Arbeiterklasse, die natürlich nicht aus Proletariern, sondern aus Vertretern der mittellosen Mittelschicht bestückt zu sein hat, steht. Das Mittel, um die Diktatur des Proletariats zu erreichen, war dabei immer Gewalt. Und die Rechtfertigung für die Gewalt erfolgte über eine Mythenbildung, die man heute als Hate Speech bezeichnen würde. Unser Autor hat diese Mythenbildung zum Gegenstand:

“Die große psychologische und geschichtliche Bedeutung der Mythentheorie kann gar nicht geleugnet werden. Auch die mit den Mitteln Hegelischer Dialektik unternommene Konstruktion des Bourgeois hat dazu gedient, ein Bild von einem Gegner zu schaffen, auf das alle Affekte von Hass und Verachtung sich häufen konnten. Ich glaube, die Geschichte dieses Bildes vom Bourgeois ist ebenso wichtig wie die Geschichte des Bourgeois selbst. Eine zuerst von Aristokraten geschaffene Spottfigur wird im 19. Jahrhundert von romantischen Künstlern und Dichtern weitergeführt. Seitdem die Wirkung von Stendhal sich verbreitet, verachten alle Literaten den Bourgeois, auch wenn sie von ihm leben oder wenn sie zur Lieblingslektüre eines bürgerlichen Publikums werden, wie Murger mit seiner Bohème. Wichtiger als solche Karikaturen ist der Hass sozial deklassierter Genies, wie Baudelaire, der dem Bild neues Leben gibt. Diese in Frankreich von französischen Autoren angesichts des französischen Bourgeois geschaffene Figur stellen Marx und Engels in die Dimensionen einer weltgeschichtlichen Konstruktion. Sie geben ihr die Bedeutung des letzten Repräsentanten der vorgeschichtlichen, in Klassen zerteilten Menschheit, des letzten Feindes der Menschheit überhaupt, des letzten odium generis humani. So wurde das Bild unendlich erweitert und mit einem großartigen, nicht nur weltgeschichtlichen, sondern auch metaphysischen Hintergrund nach dem Osten weitergetragen. Hier konnte es dem russischen Hass gegen die Kompliziertheit, Künstlichkeit und den Intellektualismus westeuropäischer Zivilisation neues Leben geben und von ihm selber neues Leben empfangen. Auf russischem Boden vereinigten sich alle Energien, die dieses Bild geschaffen hatten. Beide, der Russe wie der Proletarier, sahen jetzt im Bourgeois die Inkarnation alles dessen, was wie ein tödlicher Mechanismus ihre Art Leben zu knechten suchte.

Das Bild war von Westen nach Osten gewandert. Hier aber bemächtigte sich seiner ein Mythos, der nicht mehr rein aus Klassenkampfinstinkten wächst, sondern starke nationale Elemente enthält. Sorel hat, als eine Art Testament, der letzten Auflage seiner Reflexionen über die Gewalt 1919 eine Apologie für Lenin beigefügt. Er nennt ihn den größten Theoretiker, den der Sozialismus seit Marx gehabt hat und vergleicht ihn als Staatsmann mit Peter dem Großen, nur dass heute umgekehrt nicht mehr ein westeuropäischer Intellektualismus Russland sich assimiliert, vielmehr umgekehrt die proletarische Gewaltanwendung hier mindestens eines erreicht hat, nämlich dass Russland wieder russisch geworden ist, Moskau wieder die Hauptstadt, und dass die europäisierte, ihre eigenes Land verachtende russische Oberschicht vernichtet wurde. Die proletarische Gewaltanwendung hat Russland wieder moskowitisch gemacht. Im Munde eines internationalen Marxisten ist das ein merkwürdiges Lob, denn es zeigt, dass die Energie des Nationalen größer ist als die des Klassenkampfes“.

Unser Autor hat nicht nur die Synergie von Sozialismus und Gewalt klar gesehen, er hat auch bereits die Funktionsweise von Linken, die ohne ein Feindbild, jemanden, den sie hassen können, den Bourgeois damals, den Rechtspopulisten oder den Kapitalisten heute, nicht auskommen, nichts sind, prägnant beschrieben, und er hat bereits darauf hingewiesen, dass Nationalismus und Sozialismus nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern notwendig eine Symbiose eingehen, zum nationalen Sozialismus russischer, französischer oder deutscher Prägung.

Wer ist der klarsichtige Autor, dessen Beschreibung wir hier entliehen haben?

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2 Responses to Nationaler Sozialismus: Wie aus Marxisten Nationalisten werden [ScienceFiles-Rätsel]

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