Hochschule: Flüchtlinge sind “gut in die Ausbildung integriert” – wirklich?

„Ich habe mich für das Thema der Ausbildung von Flüchlingen entschieden, weil es gesellschaftlich sehr relevant und aktuell ist“. Das sagt Lea Marit Nattefort über die Themenwahl ihrer Masterarbeit.

„Diese sehr gute Masterarbeit hat viele positive Beispiele für eine gelungene Integration in die Ausbildung gezeigt. Die Unternehmen sind engagiert und leisten einen erheblichen Teil zum Gelingen der Integration. Eine gelungene Integration stellt eine Win-Win-Situation für die Flüchtlinge und die Ausbildungsunternehmen und letztlich für die Gesellschaft dar“. Das sagt Dr. Lijun Tang, Beteuer der Masterarbeit von Nattefort.

Es ist natürlich vollkommener Blödsinn, im Hinblick auf die Ausbildung von Flüchtlingen von einer Win-Win-Situation zu sprechen, denn eine Win-Win-Situation ist so definiert, dass niemand verlieren kann. Ob eine Ausbildung mit einem Erfolg abgeschlossen wird, ist jedoch eine offene Frage, weshalb hier keine Win-Win-Situation vorliegt. Deshalb spricht Tang auch von einer „gelungen Integration“, was seine Aussage zur Tautologie verkümmert. Aber egal, die vielen Sätzen sind – wie in der Betriebswirtschaft so häufig -, nur dazu gedacht, in diesem Fall Lesern vorzugaukeln, man hätte etwas ganz Gewichtiges gesagt. Wer näher hinsieht, bemerkt sehr schnell, dass zwar ganz viele Worte gemacht, aber nichts gesagt wurde.

Soviel vorab, nun zur „sehr guten Masterarbeit“, die für Betreuer und Student kein Ruhmensblatt ist.

1.450 Unternehmen habe Nattefort für die Masterarbeit befragt, so die Behauptung in der Pressemeldung der Hochschule Ruhr West, die falsch ist, wie sich für diejenigen, die mit postalischen oder Online-Befragungen vertraut sind, schnell ersichtlich ist, denn: Obwohl 1.450 Unternehmen “befragt” worden sein sollen, haben nur „82 Unternehmen an der Umfrage“ teilgenommen, eine Rücklaufquote, die nicht ungewöhnlich ist“, so heißt es.

Der Begriff „Rücklaufquote“ deutet darauf hin, dass 1.450 Unternehmen angeschrieben und um die Teilnahme an der Umfrage gebeten wurden. 82 Unternehmen haben dieser Bitte entsprochen. Das entspricht einer Rücklaufquote von 5,7% und ist unterirdisch schlecht und in jedem Fall ungewöhnlich. Das Minimum an Rücklaufquote, das man noch erträglich ist, beträgt 20%, nicht 5,7%. Don Dillman der Sozialwissenschaftler auf dem Papststuhl schriftlicher Befragung hat mit seiner „Tailored Method“ eine umfangreiche Methodologie vorgelegt, die dazu gedacht ist, miserable Rücklaufquoten, die dazu führen, dass man seine Umfrage in den Mülleimer werfen kann, zu vermeiden. Es scheint, Dillmans Methode ist in Mülheim an der Ruhr oder in Bottrop an der Ruhr West Hochschule nicht angekommen. Rücklaufquoten werden dort offensichtlich als schicksalhaftes Ereignis angesehen, an dem man nichts ändern kann.

Als Konsequenz aus der unterirdisch schlechten Rücklaufquote von 82 aus 1.450 muss man formulieren, dass die vielen positiven Beispiele von Unternehmen, die Lijun Tang aus der Masterarbeit herausgelesen hat, positive Beispiele sein mögen, aber keinerlei wissenschaftlichen Wert haben.

Warum?
Darum:

Wenn 1.450 Unternehmen zum Thema „Besonderheiten in der Ausbildung von Flüchtlingen“ angeschrieben werden, und 5,7% davon, also 82 überhaupt nur die Motivation aufbringen, das Anschreiben zu beantworten und an einer Umfrage teilzunehmen, dann muss man daraus Folgendes schließen:

1) Der Gegenstand der Befragung ist für 1.368 Unternehmen entweder gar nicht relevant oder nicht hinreichend relevant, um Mitarbeiterressourcen einzusetzen und an der Umfrage teilzunehmen, was ebenfalls dafür spricht, dass das Thema von höchstens geringer Bedeutung ist.

2) Geringe Bedeutung hat der Befragungsgegenstand dann, wenn die angeschriebenen Unternehmen keine Flüchtlinge ausbilden, keine Flüchtlinge ausbilden wollen oder keine guten Erfahrungen mit der Ausbildung von Flüchtlingen gemacht haben und ihre schlechten Erfahrungen in der Umfrage nicht berücksichtigt finden. Letzteres wäre ein gravierender methodischer Fehler, der dann vorkommt, wenn man unbedingt positive Ergebnisse ermitteln will.

3) Die 82 Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, stellen eine selegierte Population dar, von der man annehmen muss, dass sie sich aus besonders motivierten Teilnehmer zusammensetzt, d.h. NUR Unternehmen, bei denen es etwas Positives über die Ausbildung von Flüchtlingen zu berichten gibt, hätten überhaupt an der Befragung teilgenommen.

Die folgenden Ergebnisse wollen Student und Betreuer aus der Befragung von 82 der 1.450 Unternehmen gewonnen haben:

  • Flüchtlinge seien gut integriert;
  • Die Unternehmen bewerteten ihre kulturellen Kompetenzen, also die des Unternehmens, als gut;
  • Den Flüchtlingen werde eine hohe Anpassungsfähigkeit attestiert;
  • Den Flüchtlingen werde eine hohe Leistungsbereitschaft attestiert;
  • Als Einstellungsgrund für die Flüchtlinge gäben die Unternehmen „gesellschaftliche Verantwortung“ und das Fehlen „qualifizierter (deutscher Bewerber)” an.

Wie man diese Ergebnisse positiv bewerten kann, ist uns ein Rätsel.
Zunächst einmal gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die 82 Unternehmen, die eine positive Selektion darstellen, also keine negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen berichten wollen, schon weil sie deren Einstellung als „gesellschaftliche Verantwortung“ sehen, nicht mit einer positiven Selektion von Flüchtlingen gesegnet sind, also mit Flüchtlingen, die leistungsbereit und anpassungsfähig sind. Dass derart positive Attribute nicht auf alle Flüchtlinge zutreffen, sagt einem der gesunde Menschenverstand und die Tatsache, dass es 94,3% der angeschriebenen Unternehmen vorgezogen haben, ihre Erfahrungen mit der Einstellung von Flüchtlingen nicht mitzuteilen. Wenn zudem angegeben wird, dass Flüchtlinge deshalb eingestellt wurden, weil kein „qualifizierter (deutscher) Bewerber“ vorhanden war, dann steht das in gewissem Widerspruch zur angeblichen Übernahme “gesellschaftlicher Verantwortung” und man fragt sich, ob die Einstellung auch erfolgt wäre, wenn ein deutscher Bewerber, mag er auch noch so schlecht sein, verfügbar gewesen wäre.

Kurz: Die Ergebnisse der Masterarbeit sind nicht dazu geeignet, verallgemeinert zu werden oder gar als „gute Beispiele“ anderen Unternehmen vorgesetzt zu werden. Im wahrscheinlichsten Fall wurden hier 82 Unternehmen befragt, deren Erfahrungen mit Flüchtlingen eine Ausnahme darstellt und die zudem eine positive Auswahl von Flüchtlingen, hochmotivierte und anpassungsfähige Flüchtlinge, ausbilden.

In jedem Fall geht Sozialforschung anders und in jedem Fall ist es unlauter nur deshalb, weil das Thema „Flüchtlinge“ gerade in der Öffentlichkeit en vogue ist, zu versuchen, die eigene Hochschule und die eigenen Fachbereiche auf dem Rücken von Flüchtlingen zu bewerben. Derartige Versuche sind nicht nur unlauter, sie sind dann peinlich, wenn ein Blick genügt, um methodische Katastrophen zu entdecken, die einmal mehr die Notwendigkeit einer grundlegenden Ausbildung in Methoden empirischer Sozialforschung deutlich macht.

Es ist eben nicht so, dass jeder, der denkt, ein Thema sei „relevant“, „aktuell“ und „interessant“ auch die Qualifikation mitbringt, dieses Thema empirisch zu untersuchen.

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2 Responses to Hochschule: Flüchtlinge sind “gut in die Ausbildung integriert” – wirklich?

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  2. Gereon says:

    Da ist wieder einmal der fromme Wunsch Vater des Gedankens.
    Wie die Realität ausschaut, kann man im Netz recherchieren.
    Liebe Beamte, Professoren, Polizisten, Soldaten und Lehrer:

    Wenn Ihr glaubt, dass die Flüchtlinge Euch Eure Pensionen zahlen, am End noch einschliesslich GEZ, pflegt Ihr Realitätsverweigerung in erheblichem Maße.

    Ihr werdet eher Dhimmi-Steuer zahlen,

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