AfD-Wähler pessimistisch und ängstlich – Adenauerstiftung veröffentlicht jetzt auch Junk

Oft reichen schon die ersten Sätze einer angeblich wissenschaftlichen Studie, um zu wissen, dass man es mit Junk zu tun hat. Unter dem Titel „Von A wie Angst bis Z wie Zuversicht“ hat die Konrad-Adenauer-Stiftung die Ergebnisse einer natürlich „repräsentativen Untersuchung zu Emotionen und politischen Einstellungen“ veröffentlicht.

Die vermeintliche Untersuchung ist Junk, wie gleich zu Beginn deutlich wird:

„In der Wahl- und Parteienforschung herrschten lange Zeit Erklärungsansätze vor, die von rationalen Akteuren und Entscheidungen ausgingen. Die Bedeutung von Emotionen wurde hingegen vernachlässigt. Doch aus der Psychologie weiß man inzwischen, dass „[o]hne Emotionen […] alle Optionen gleich viel wert [wären], und es wäre uns egal, was wir präferieren, wählen und tun würden“. Inzwischen beschäftigt sich auch die Politikwissenschaft mit dem Einfluss von Emotionen.“

Diese Sätze stammen von Sabine Pokorny, die bei der KA-Stiftung (KA für Konrad Adenauer oder Keine Ahnung) „seit September 2011 Koordinator… Empirische Sozialforschung in der Hauptabteilung Politik und Beratung“ ist. Pokorny hat nie Politikwissenschaft studiert, insofern ist es nicht verwunderlich, dass sie Unsinn schreibt.

In der Wahl- und Parteienforschung herrscht das Problem vor, dass sich Wahlverhalten nicht als rationale Entscheidung erklären lässt. Die einzige Theorie der rationalen Wahlentscheidung (im doppelten Sinne) stammt von Anthony Downs und formuliert das Gegenteil, dass es für Wähler NICHT rational ist, wählen zu gehen, denn ihre Stimme ist nichts wert. Wer merkt es, ob Hans X die CDU gewählt hat? Niemand. Warum bleibt Hans X dennoch nicht zuhause, warum verhält er sich irrational und geht wählen?

Reichen wir die Frage weiter an Max Weber, dessen Handlungstypen sich in den Theorien, die tatsächlich die Wahl- und Parteienforschung lange Zeit beherrscht haben, wiederfinden.

Wähler wählen Parteien, weil sie einen irrationalen Glauben an deren „Mission“ teilen, eine Mission mit historischen Wurzeln in Konfliktlinien zwischen Stadt und Land, Arbeitern und Unternehmern, Religiösen und Atheisten. Die Cleavage-Theorie erklärt Wahlverhalten über eine Art der irrationalen Vasallentreue. Warum ist jemand heute noch der Überzeugung, die SPD sei eine Arbeiterpartei und wählt die Partei deshalb? Die Antwort von Stein Rokkan und Seymour Martin Lipset: Weil sie an den Gründungsmythos der Partei, der die SPD zum Kämpfer für Arbeiterinteressen stilisiert, glauben und sich in der Sozialstruktur ihrer Gesellschaft auf der Seite der Partei wähnen.

Tatsächlich sind die meisten Theorien, die versuchen, Wahlverhalten zu erklären, psychologische oder sozialpsychologische Erklärungen, wie Pokorny wüsste, wenn sie Ahnung hätte, was sie nachweislich nicht hat. Die „Parteidentifikation“ in den 1960er Jahren von Angus Campbell, Philip Converse und Warren Miller dem „American Voter“ auf den Leib geschrieben, geht von einer Sozialisation aus. Man wählt Parteien, weil man in ihre Wahl sozialisiert wurde, wählt was Großvater, Onkel und Bruder wählen, was die Peers für wählbar halten. Parteiidentifikation ist ein Sozialisationsergebnis, sie ist alles, nur rational ist sie nicht. Wahlverhalten ist traditionell oder affektiv, wenn gewählt wird, weil der Kandidat gefällt, bekannt als Theories of Candidate Attractiveness. Abermals stammen sie aus der Sozialpsychologie und rekurrieren nicht auf rationales Verhalten.

Lediglich der Median-Voter, den man vermutlich James N. Enelow und Melvin J. Hinich und ihrer Spatial Theory of Voting anlasten muss, rekurriert noch auf rationales Wahlverhalten. Er tut das unter Nutzung einer Kunstfigur, mit der sich erhebliche Zweifel verbinden, ob sie in der Wirklichkeit gefunden werden kann.

Lange Ausführung kurz gefasst: Theorien, die Wahlverhalten rational erklären wollen, herrschen nicht vor, sie führen bestenfalls eine Randexistenz und das schon seit Jahrzehnten. Was von den zitierten Erkenntnissen der „Psychologie“, nach denen ohne Emotionen alle Optionen gleich viel wert sein sollen, zu halten ist .. Machen wir ein Experiment. Entscheiden Sie sich zwischen Kartoffelchips und Schokolade. Wetten, Sie entscheiden nach Präferenz und Geschmack und ihre Liebe zur Kartoffel oder ihr Hass auf Schokoladenhersteller spielen keine Rolle?

Und weil Dilettantismus die Angewohnheit hat, zu einer Sucht zu werden, schreibt Pokorny weitere 14 Seiten voll, mit Ergebnissen, die natürlich repräsentative Befragungen erbracht haben sollen, Ergebnissen wie dem folgenden:

Ob Tabelle 1 auf schlechten Stil, vorsätzliche Irreführung oder Dilettantismus zurückzuführen ist, ist eigentlich egal, interessant ist nur, dass die Ergebnisse, die als Beleg für „Emotion“ angeführt werden, keinerlei Beleg für Emotion liefern, denn die Aussage, „wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für Deutschland“, hat nichts mit Angst und nichts mit “Emotionen vor Zukunft” (3) zu tun, wie Pokorny behauptet. Das kann man leicht feststellen, wenn man den Ärger, den der Schreiber dieses Textes angesichts von solchem Junk, der Sozialforschung sein will, empfindet, den Ergebnissen gegenüberstellt.

Da AfD-Wähler die AfD wählen, weil sie mit dem Zustand von Deutschland nicht zufrieden sind, wäre alles andere als ihre Zustimmung zu der Aussage, dass Sie schwarz sehen, wenn „das“ so weitergeht, überraschend. Überraschend wäre auch, wenn man diese Ergebnisse interpretieren könnte, wie Pokorny das tut, denn um die Ergebnisse als „Emotionen“ interpretieren zu können, müsste man zumindest wissen, was „das“ ist, das, wenn es weitergeht, schwarz sehen lässt. Aber was „das“ ist, weiß man nicht. Die Befragten so wenig wie die Auszähler der Ergebnisse. Und deshalb haben wir alle ein unterschiedliches Verständnis davon, was „das“ ist, das bei Weitergehen schwarz sehen lässt. Es kann alles und gar nichts sein. Deshalb verbietet sich jede Interpretation, wie Pokorny wüsste, wenn sie von empirischer Sozialforschung auch nur rudimentäre Kenntnisse erworben hätte. Hat sie aber offensichtlich nicht. Hätte sie es, sie wüsste, ein „eher Zustimmen“ zur Aussage, dass wenn „das“ so weitergeht, man schwarz für Deutschland sehe, keinen generellen Pessimismus oder „negativen Blick in die Zukunft“ darstellt, oder nur dann, wenn man eine Nationalistische Perspektive einnimmt, die davon ausgeht, dass „das“ die alleinige und generelle Determinante der Zukunft ist. Um das festzustellen, dass das für „das“ so ist, müsste man wiederum wissen, was „das“ ist, auf das nunmehr die Befragten geantwortet haben, was man dummerweise nicht weiß, weshalb man nicht wissen kann, ob „das“ das ist, was die Zukunft alleine determiniert.

Eigentlich ganz einfach. Aber dennoch zu schwierig für die Adenauer-Stiftung. Oder: wo ein Wille zur Produktion bestimmter Ergebnisse ist, da ist auch immer ein Weg. Lauterkeit und empirische Sozialforschung sind dann eben „das“, was dann auf der Strecke bleibt.

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Wahlprognose: ScienceFiles besser als die meisten Meinungsforschungsinstitute

2013 haben wir zum ersten Mal eine Wahlprognose für die Bundestagswahl erstellt und dazu unser ScienceFiles-Fuzzy-Wahlprognose-Tool entwickelt. Damals haben wir das Endergebnis der Bundestagswahl besser vorhergesagt als Infratest Dimap.

2017 haben wir bereits zehn Tage vor der Wahl unsere Wahlprognose berechnet und veröffentlicht.

Auch dieses Mal haben wir deutlich besser abgeschnitten als die meisten Meinungsforschungsinstitute. Letztlich war nur die Prognose von Infratest Dimap besser als die unsere. Stellt man die Prognosen in den Kontext der Ressourcen, die Meinungsforschungsinstituten zur Verfügung stehen und vergleicht deren technische und personelle Möglichkeiten mit denen von ScienceFiles, einem Blog, das nach wie vor nebenbei und als Hobby betrieben wird, dann können wir nicht anders als stolz darauf zu sein, dass wir besser als Meinungsforschungsinstitute vorhersagen konnten, mit welchem Ergebnis die Bundestagswahl 2017 enden wird.

Wir haben unsere Prognose in Relation zu den Prognosen von insgesamt sieben Meinungsforschungsinstituten evaluiert, und zwar im Hinblick auf den Vorhersagefehler und im Hinblick auf die Akkuratheit der Vorhersage. Während der Vorhersagefehler die Abweichung zwischen dem amtlichen Endergebnis und der jeweiligen Prognose misst, gibt die Evaluation der Akkuratheit einer Prognose Informationen darüber, wie gut es einem Meinungsforschungsinstitut oder ScienceFiles gelungen ist, die Differenzen zwischen den Anteilen der Parteien zueinander und somit letztlich die Reihenfolge der Stimmanteile vorherzusagen.

Die Ergebnisse der Evaluation sind in den folgenden beiden Abbildungen zusammengefasst.

Beim Vorhersagefehler haben wir etwas schlechter als die Forschungsgruppe Wahlen. Emnid und Allensbach abgeschnitten, aber deutlich besser als GMS, INSA oder Forsa. Den geringsten Vorhersagefehler weist die Prognose von Infratest Dimap auf, die rund 4 Tage nach unserer Prognose veröffentlicht wurde.

Ein noch positiveres Bild ergibt sich bei der Akkuratheit. Hier liegen wir nur knapp hinter Infratest Dimap und nur einen halben Punkt unter dem Höchstwert von 7, der dann erreicht wird, wenn die relativen Größenverhältnisse zwischen allen im Bundestag vertretenen Parteien korrekt vorhergesagt wurden. Unsere Prognose ist mit der von Infratest Dimap die einzige, mit der korrekt vorhergesagt wurde, dass die AfD die drittstärkste und die FDP die viertstärkste Partei sein wird.

Angesichts der Ressourcen, die Meinungsforschungsinstituten zur Verfügung stehen und ScienceFiles nicht zur Verfügung stehen, ist es verwunderlich, das wir mit kaum vorhandenen Ressourcen besser sind als diejenigen, die viel Geld und Personal einsetzen, um zu einer Prognose zu gelangen, die weit hinter der unseren zurückbleibt. Und da es nunmehr schon zum zweiten Mal so ist, dass wir mit unserem Fuzzy-Wahlprognose-Tool besser abschneiden als Meinungsfroschungsinstitute, deren ganzes Dasein der akkuraten Vorhersage von Verhaltensweisen oder Einstellungen gewidmet ist, ist es unwahrscheinlich, dass unser letzter Erfolg ein Zufall war.

Wir haben allen Grund, stolz zu sein.

Der andere Wahl-o-Mat: Behauptung und Wirklichkeit der Parteiendarstellung

Jeder kann auf Grundlage des Wahl-o-Mats, den die Bundeszentrale für politische Bildung bereitstellt, herausfinden, welche Partei in ihren Wahlaussagen am besten zu seinen eigenen Präferenzen passt. Bei uns ist das z.B. die Partei der Vernunft.

Wenig verwunderlich.

Mit Wahlaussagen verbindet sich jedoch dasselbe Problem, das sich mit anderen Werbeslogans verbindet. In wie weit man das, wofür man das Produkt „CDU“ wählt, nach der Wahl auch bekommt, ob die Qualität des Produkts „CDU“, die Grundlage der Kaufentscheidung für die CDU war, auch dem entspricht, was das Produkt „CDU“ nach der Wahl liefert, ist eine offene Frage und eine sehr bedeutende Frage, denn die Kaufentscheidung in der Wahlkabine kann man nicht rückgängig machen, gewählte Parteien, weil sie sich nach der Wahl als etwas entpuppen, das man, hätte man es vor der Wahl gewusst, nicht gewählt hätte, kann man nicht zurückgeben oder umtauschen, ja man hat nicht einmal Ansprüche auf Schadensersatz, wenn das Produkt „CDU“ oder das Produkt „SPD“ oder welches gewählte Parteiprodukt auch immer, sich im eigenen Leben durch Nachteile und Schäden im mehrstelligem Eurobereich niederschlägt.

Deshalb sollte man die Wahlentscheidung nie dem überlassen, was Parteien vor Wahlen behaupten, dass es wichtige Themen für sie seien, sondern dem, was für Parteien tatsächlich wichtige Themen sind. Wir haben uns die Webseiten der sieben Parteien, die den derzeitigen Bundestag bevölkern bzw. den nächsten bevölkern werden, vorgenommen und die dort gespeicherten Dateien Themenbereichen zugeordnet. Auf Grundlage dieser Analyse kann man ein klares Bild darüber gewinnen, welche Themen den entsprechenden Parteien wichtig sind, wichtiger als andere, welche gar keine Rolle spielen und entsprechend in Wahlprogrammen nur als Lippenbekenntnisse zu lesen sind.

Die folgenden Analysen basieren auf 106.120 Files, die auf den sechs Homepages zu finden sind. Für diese 106.120 Files haben wir untersucht, welche Themen sie behandeln und eine für jede Partei getrennte Rangreihe der 10 wichtigsten Themen berechnet. Der folgenden Tabelle kann also entnommen werden, welche Themen für die jeweiligen Parteien besonders wichtig sind. Hinter jedem Thema steht in Klammern eine Zahl, die die relative Bedeutung dieses Themas für die jeweilige Partei angibt. Die Analyse ist deskriptiv. Entsprechend muss bei der Interpretation berücksichtigt werden, dass z.B. mit dem Thema „Kapitalismus“ bei der FDP andere Aussagen verbunden sind als bei den Grünen. Man muss also die ideologische Ausrichtung in Rechnung stellen.

Hier also die Top Ten der Themen:

Wer hätte gedacht, dass die CSU sich als die Partei entpuppt, bei der dem Thema „Frauen“ die meiste Bedeutung zugemessen wird? Oder Bündnis90/Grüne als Partei, die Freiheit intensiv thematisiert. Man muss bei den Ergebnissen natürlich in Rechnung stellen, dass die Analyse deskriptiv ist. Dass die CSU das Thema „Frauen“ (hoffentlich) unter anderen Vorzeichen diskutiert als es z.B. die Grünen tun und dass die Grünen, wenn sie Freiheit thematisieren, anderes im Schilde führen als die FDP muss daher im Hinterkopf behalten werden.

Wenn man der Ansicht ist, dass Flüchtlinge und deren Integration zu den Themen gehören, die die größten Herausforderungen für die nächsten Jahren darstellen, dann ist es verblüffend, dass das Thema „Flüchtlinge“ überhaupt nur von vier der sieben Parteien (AfD, CSU, FDP und Bündnis90/Grüne) thematisiert wird. Alle anderen Parteien meiden das Thema oder sind wohl der Ansicht, die Angelegenheit könne ausgesessen werden oder erledige sich von selbst.

Gemessen an der Anzahl der Nennungen ist “Wirtschaft“ das wichtigste Thema der AfD und der LINKE. Es folgen Flüchtlinge und Freiheit bei der AfD als zweit- und drittwichtigste Themen und Kapitalismus und Arbeitslosigkeit bei der LINKE. Interessant an der Darstellung ist neben der relativen Wichtigkeit der Themen auch deren unterschiedlichen Verbreitung. So kommt Arbeitslosigkeit unter den Top-10 der Parteien nur bei der CDU (9) und der LINKE (3) vor. Für die SPD zeigt sich die hohe Bedeutung, die dem Themenkomplex Gleichstellung/Gerechtigkeit/Frauen zugewiesen wird. Die Bedeutung von Bildung und Rente ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Freiheit rangiert für die FDP und die Grünen an erster Stelle, wobei das Thema „Freiheit“ bei den Grünen häufig thematisiert wird, um Eingriffe in dieselbe zu rechtfertigen, während bei der FDP Freiheit zumeist als universeller Wert thematisiert wird. Vergleicht man die Bedeutung einzelner Themen über deren relative Wichtigkeit, dann ergibt sich eine weitere Ebene der Interpretation. So steht Bildung in der Hierarchie der AfD an vierter Stelle, in der der CSU an dritter Stelle. Dennoch ist die relative Wichtigkeit für beide Parteien (12,4 : 12,5) ungefähr gleich. Für die LINKE zeigt sich, dass Rechtsextremismus zwar nur Platz 8 der Rangliste belegt, aber mit einem Faktor von 4,7 weit wichtiger für die LINKE ist als dies Frauen auf Rang 4 als Thema für Bündnis90/Grüne sind.

Jeder Leser kann anhand der Top-10 entscheiden welche Partei mit der Bedeutung, die sie einzelnen Themen tatsächlich zuweist, seiner Hierarchie der Themen am nächsten kommt. Dabei ist es auch interessant zu berücksichtigen, welche Themen für alle Parteien so gut wie keine Rolle spielen. So sind Erwerbstätigkeit und Altenpflege keine Themen, die die Parteien interessieren. Der relative Wichtigkeitsscore, den wir berechnet haben, variiert bei der Altenpflege von 0,0 bis 0,3, bei der Erwerbstätigkeit zwischen 0,0 und 1,1. Es gibt eben eindeutige Präferenzen bei den einzelnen Parteien. Ob diese Präferenzen mit den Präferenzen übereinstimmen, die er als Wähler hat, muss jeder selbst entscheiden.

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Bundestagswahl 2017: Das Fracksausen vor der AfD ist berechtigt

Die Stuttgarter Zeitung titelt heute in entwaffnender Einfalt:

“Wird die AfD stärker als erwartet?

Bei Union, SPD, Grünen, FDP und Linken wächst die Unruhe: Sie sehen knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl Anzeichen dafür, dass die AfD stärker abschneiden wird als prognostiziert. Vor allem Begegnungen mit Wählern stimmen manche Kandidaten besorgt.”

Ist es nicht putzig, dass sich die Erkenntnis dann einstellt, wenn man plötzlich mit Wählern konfrontiert ist?

Was die Schlagzeile in der Stuttgarter Zeitung einmal mehr zeigt ist die Ahnungslosigkeit, die in Deutschland im Hinblick auf Meinungsforschung und im Hinblick darauf herrscht, wie die Ergebnisse von Umfragen zustande kommen und vor allem: was sie aussagen.

Wer sich z.B. für die Alchemie hinter der Gewichtung interessiert, die von Meinungsforschungsinstituten vorgenommen wird, um ihre krummen Umfragedaten auf das zu begradigen, was sie für repräsentativ halten, den können wir hier und hier erleuchten. Wer sich über den Humbug der Repräsentativität informieren will, der kann das hier tun.

Eigentlich sollte man denken, die Prognose-Katastrophen der Vergangenheit, z.B. die Unfähigkeit selbst das Ergebnis einer Volksabstimmung in Hamburg, bei der zwei Alternativen zur Wahl standen, richtig vorherzusagen, hätte in Deutschland der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass Meinungsumfragen ein mehr oder weniger schlecht getarnter Firlefanz sind, jedenfalls dann, wenn behauptet wird, sie seien repräsentativ für alle Deutschen, alle deutschen Wähler oder alle Hundebesitzer. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall. Nichts kann den Glauben an das, was man glauben will, erschüttern. Nun ja, fast nichts: Die Begegnung mit Wählern schafft das bei manchen Politikern.

President Truman holding the infamous issue of the Chicago Daily Tribune, telling the press, “That ain’t the way I heard it!”

Drehen wir die Zeit zurück: Wir schreiben das Jahr 1948. Harry S. Truman, Nachfolger von Franklin D. Roosevelt im Amt des US-Präsidenten gilt als sicherer Verlierer der Präsidentschaftswahlen. In den Prognosen der Wahlforscher liegt Truman mit zweistelligen Prozentwerten hinter seinem Herausforderer Thomas Dewey. Die Wahl von 1948 ist als eines der größten Debakel der Umfrageforschung in die Geschichte eingegangen. Truman hat gewonnen.

Und da ist es nun, das Debakel.
Eingegangen in die Geschichte.
Die Umfragemethoden haben sich zwar kaum verändert. Aber das kann den Glauben an die Korrektheit von Wahlprognosen ebenso wenig erschüttern wie die vielen kleinen und größeren Debakel, die die Umfrageforschung seit 1948 wieder und wieder erlebt hat.

Es gab noch mehr im Jahre 1948. In Elmira wurde eine Wahlstudie durchgeführt. Paul E. Lazarsfeld und Bernard Berelson waren die Forscher, die in ihren Daten schon recht früh zeigen konnten, wie Wähler untereinander etwas kommunizieren, was bei Umfrageinstituten nicht ankam, wie die Inter-Wähler-Kommunikation ein gänzlich anderes Gesicht angenommen hat als das, was man in Medien lesen konnte (bis hin zur Wahlnacht, in der die falsche Schlagzeile: Dewey Defeats Truman der Chicago Daily Tribune in die Geschichte eingegangen ist und vergessen wurde). Lazarsfeld und Berelson waren zum zweiten Mal mit einem ausgeklügelten Design im Feld. Schon 1940 hatten beide eine berühmte Wahlstudie durchgeführt, damals in Erie County. Damals hatten sie herausgefunden, dass Medien keinen direkten Einfluss auf Wähler haben. Die Informationen aus Medien wurden vielmehr von einzelnen politisch interessierten und sehr artikulierten Wählern aufgenommen, gefiltert und in ihren Netzwerken verteilt. Auf diesem Wege wurden Wahlen entschieden, unabhängig von dem, was in Zeitungen stand, was im Radio zu hören war und was Umfrageforscher als Ausgang der Wahlen vorhergesagt haben. Berelson und Lazarsfeld haben den Begriff des „two step flow of communication“ geprägt, um dieses Phänomen zu beschreiben.

Auch der two step flow of communication, obwohl man ihm in arg entstellter Form bis heute in studentischen Arbeiten begegnen kann, ist in Vergessenheit geraten. Politiker denken heute, sie hätten über Medien einen Einfluss auf Wähler. Sie meinen, wenn Umfrageinstitute ihnen ein gutes Ergebnis prognostizieren, dann erhalten sie auch ein gutes Ergebnis. Und dann begegnen sie Bürgern und bekommen das große Fracksausen. Zurecht, denn wenn die Stimmen, die die Politiker, die die Stuttgarter Nachrichten zitieren, die AfD zu fürchten gelehrt haben, Teil eines Prozesses sind, wie in Berelson und Lazarsfeld 1948 in Elmira, New York, beschrieben haben, dann steht Deutschland am 24. September eine Überraschung in einem Ausmaß bevor, das vor allem Umfrageforscher, obwohl sie derzeit ihre Umfragen hektisch anpassen, nicht vorhergesehen haben – von Politikern der Mainstream-Parteien ganz zu schweigen.

Gut für die Wirtschaft: Erleichterung nach Wahlniederlage der Linken

Dass an Börsen immer dann eine Erleichterungsrally einsetzt, wenn linke Parteien in Wahlen eine Niederlage erlebt haben, ist ein bekanntes Phänomen, so wie die Arbeiten, die zeigen, dass sich linke Politik auf die Wirtschaftskraft eines Landes und sein Wirtschaftswachstum negativ auswirkt, Legion sind.

Opp MethodologieNun kann man die Erleichterungsrally an Börsen theoretisch damit argumentieren, dass Investoren denken, die linke Gefahr für ihre Investitionen sei gebannt, es also möglich, zu investieren. Auch die Tatsache, dass linke Politik und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit negativ korrelieren, kann man argumentieren. Ein Blick in die Parteiprogramme von Linken und ein Blick in die Forschung zu den Folgen einer Planwirtschaft genügen (oder ein aktueller Blick nach Venezuela), um die negativen Konsequenzen linker Politik für die Wirtschaft zu verdeutlichen.

Doch die genannten Erklärungen, die eine Korrelation zur Kausalität machen sollen, sie beschreiben Makrophänomene, hinter denen sich regelmäßig die Handlungen einzelner Akteure, einzelner Investoren; Unternehmer, Arbeitnehmer usw. verbergen. Und immer dann, wenn es darum geht, die Handlungen von Einzelnen mit den Phänomenen auf der Makroebene in Verbindung zu bringen, sind die Sozialwissenschaftler, die sich damit beschäftigen, in Probleme geschlittert.

Das hat dazu geführt, dass Ökonomen sich in Makro- und Mikroökonomen geteilt haben, die die Existenz des jeweils anderen ignorieren, dazu, dass z.B. funktionalistische oder strukturelle Erklärungen in Mode kamen, die die Handlungen von Individuen als vernachlässigbare Größe ansehen und dazu, dass sich manche in der Erklärung des Handels von Puebloindianern im dritten Andental rechts, wie das Bernhard Nauck einmal formuliert hat, erschöpfen und keinerlei Anspruch mehr erheben, mehr zu erklären als Winnetou.

Die einzige Theorie, die eine Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene herzustellen versucht, ist die Rational-Choice Theorie in ihrer Variante als strukturell-individualistische Erklärung, die weitgehend auf James Coleman und im deutschen Sprachraum auf Karl-Dieter Opp und Hartmut Esser zurückgeht. Der Ansatz einer strukturell-individualistischen Theorie beginnt mit Randbedingungen, unter denen Akteure ihre aus ihrer Sicht rationalen Handlungen treffen, und sie führt über die Aggregation der Einzelhandlungen zur Erklärung des sozialen Phänomens auf der Makroebene. Instrumentell dazu sind Brückenhypothesen. Wer mehr wissen will zu diesem Vorgehen, der sei auf unseren Beitrag im Downloadbereich verwiesen.

Eine entsprechende Modellierung würde z.B. wie folgt lauten:

Das Ergebnis der Wahl im Saarland, dem Ländchen, für das die Wahrsager aus den Umfrageinstituten eine rot-rot-grüne Koalition angedroht haben, hat bei vielen Menschen, die befürchtet haben, bald wieder in einer Situation, vergleichbar dem Leben in der DDR, dahinvegetieren zu müssen, eine große Erleichterung ausgelöst.

Esser_SoziologieErleichterung schlägt sich in Handlung nieder, wobei man mit Ajzen und Fishbein argumentieren kann, dass die Erleichterung, die sich einstellt, wenn ein Übel vermieden wurde, sich in Handlungen ausdrückt, die durch das vermiedene Übel beeinträchtigt oder verunmöglicht werden würden.

Rotrotgrüne Koalitionen bedrohen den Reichtum von Gesellschaften und konkret derjenigen, die sich ein bisschen erarbeitet haben, um ein Leben in relativem Wohlstand zu führen. Die Drohung, bald rotrotgrün regiert zu werden, führt bei ihnen zum Sparen, um entweder einen Notgroschen zu haben, um das auszugleichen, was unter rotrotgrün zwangsläufig wegbesteuert wird oder das Fundament für eine Auswanderung bereit zu halten.

Die Niederlage der SPD, das Verschwinden der Grünen und die Federn, die die Linke im Saarland gelassen haben, sie machen rotrotgrün im Saarland unmöglich und im Bund mehr als unwahrscheinlich.

Was folgt daraus: Erleichterung
Was folgt aus Erleichterung: Erst mal in den nächsten Laden gehen und es sich gutgehen lassen: Sekt kaufen und feiern, dass man noch einmal davon gekommen ist.

Und genau davon berichtet ein ScienceFiles Leser, der seit 30 Jahren als Einzelhändler selbständig ist, in einer eMail, die uns heute erreicht hat:

“Ich handele im Bereich der Konsumgüter ( …) auch Online. Am Wahlsonntag Abend (nach 19.00h) haben wir den höchsten Tagesumsatz seit einem ca 1/2 Jahr, fast das 3 fache des normalen Durchschnitts erzielt.

Ich bin seit fast 30 Jahren selbstständig, so einen positiven Erfolg durch einen “Schulz” oder welchen Darsteller die Linken auch immer präsentieren, hatte ich noch nie.

Ich kann es mir nur mit der puren Erleichterung der Wählermassen erklären.

In sofern kann ich dem Herrn Blender-Schulz nur zurufen: Danke, Martin, mach´s noch mal so. Du schaffst es- und im Bund wünsch ich dir das “Projekt 18 %”.

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