Bundestagswahl 2017: Das Fracksausen vor der AfD ist berechtigt

Die Stuttgarter Zeitung titelt heute in entwaffnender Einfalt:

“Wird die AfD stärker als erwartet?

Bei Union, SPD, Grünen, FDP und Linken wächst die Unruhe: Sie sehen knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl Anzeichen dafür, dass die AfD stärker abschneiden wird als prognostiziert. Vor allem Begegnungen mit Wählern stimmen manche Kandidaten besorgt.”

Ist es nicht putzig, dass sich die Erkenntnis dann einstellt, wenn man plötzlich mit Wählern konfrontiert ist?

Was die Schlagzeile in der Stuttgarter Zeitung einmal mehr zeigt ist die Ahnungslosigkeit, die in Deutschland im Hinblick auf Meinungsforschung und im Hinblick darauf herrscht, wie die Ergebnisse von Umfragen zustande kommen und vor allem: was sie aussagen.

Wer sich z.B. für die Alchemie hinter der Gewichtung interessiert, die von Meinungsforschungsinstituten vorgenommen wird, um ihre krummen Umfragedaten auf das zu begradigen, was sie für repräsentativ halten, den können wir hier und hier erleuchten. Wer sich über den Humbug der Repräsentativität informieren will, der kann das hier tun.

Eigentlich sollte man denken, die Prognose-Katastrophen der Vergangenheit, z.B. die Unfähigkeit selbst das Ergebnis einer Volksabstimmung in Hamburg, bei der zwei Alternativen zur Wahl standen, richtig vorherzusagen, hätte in Deutschland der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass Meinungsumfragen ein mehr oder weniger schlecht getarnter Firlefanz sind, jedenfalls dann, wenn behauptet wird, sie seien repräsentativ für alle Deutschen, alle deutschen Wähler oder alle Hundebesitzer. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall. Nichts kann den Glauben an das, was man glauben will, erschüttern. Nun ja, fast nichts: Die Begegnung mit Wählern schafft das bei manchen Politikern.

President Truman holding the infamous issue of the Chicago Daily Tribune, telling the press, “That ain’t the way I heard it!”

Drehen wir die Zeit zurück: Wir schreiben das Jahr 1948. Harry S. Truman, Nachfolger von Franklin D. Roosevelt im Amt des US-Präsidenten gilt als sicherer Verlierer der Präsidentschaftswahlen. In den Prognosen der Wahlforscher liegt Truman mit zweistelligen Prozentwerten hinter seinem Herausforderer Thomas Dewey. Die Wahl von 1948 ist als eines der größten Debakel der Umfrageforschung in die Geschichte eingegangen. Truman hat gewonnen.

Und da ist es nun, das Debakel.
Eingegangen in die Geschichte.
Die Umfragemethoden haben sich zwar kaum verändert. Aber das kann den Glauben an die Korrektheit von Wahlprognosen ebenso wenig erschüttern wie die vielen kleinen und größeren Debakel, die die Umfrageforschung seit 1948 wieder und wieder erlebt hat.

Es gab noch mehr im Jahre 1948. In Elmira wurde eine Wahlstudie durchgeführt. Paul E. Lazarsfeld und Bernard Berelson waren die Forscher, die in ihren Daten schon recht früh zeigen konnten, wie Wähler untereinander etwas kommunizieren, was bei Umfrageinstituten nicht ankam, wie die Inter-Wähler-Kommunikation ein gänzlich anderes Gesicht angenommen hat als das, was man in Medien lesen konnte (bis hin zur Wahlnacht, in der die falsche Schlagzeile: Dewey Defeats Truman der Chicago Daily Tribune in die Geschichte eingegangen ist und vergessen wurde). Lazarsfeld und Berelson waren zum zweiten Mal mit einem ausgeklügelten Design im Feld. Schon 1940 hatten beide eine berühmte Wahlstudie durchgeführt, damals in Erie County. Damals hatten sie herausgefunden, dass Medien keinen direkten Einfluss auf Wähler haben. Die Informationen aus Medien wurden vielmehr von einzelnen politisch interessierten und sehr artikulierten Wählern aufgenommen, gefiltert und in ihren Netzwerken verteilt. Auf diesem Wege wurden Wahlen entschieden, unabhängig von dem, was in Zeitungen stand, was im Radio zu hören war und was Umfrageforscher als Ausgang der Wahlen vorhergesagt haben. Berelson und Lazarsfeld haben den Begriff des „two step flow of communication“ geprägt, um dieses Phänomen zu beschreiben.

Auch der two step flow of communication, obwohl man ihm in arg entstellter Form bis heute in studentischen Arbeiten begegnen kann, ist in Vergessenheit geraten. Politiker denken heute, sie hätten über Medien einen Einfluss auf Wähler. Sie meinen, wenn Umfrageinstitute ihnen ein gutes Ergebnis prognostizieren, dann erhalten sie auch ein gutes Ergebnis. Und dann begegnen sie Bürgern und bekommen das große Fracksausen. Zurecht, denn wenn die Stimmen, die die Politiker, die die Stuttgarter Nachrichten zitieren, die AfD zu fürchten gelehrt haben, Teil eines Prozesses sind, wie in Berelson und Lazarsfeld 1948 in Elmira, New York, beschrieben haben, dann steht Deutschland am 24. September eine Überraschung in einem Ausmaß bevor, das vor allem Umfrageforscher, obwohl sie derzeit ihre Umfragen hektisch anpassen, nicht vorhergesehen haben – von Politikern der Mainstream-Parteien ganz zu schweigen.

Donald Trump: Ich bin ein Pfälzer!

Die USA hatten schon eine ganze Reihe von Präsidenten oder Präsidentschaftskandidaten, die das sind, was man im Englischen „Outspoken“ nennt: Sie sagen ihre Meinung bzw. das, was sie für richtig halten, und nehmen dabei wenig Rücksicht auf psychologische Befindlichkeiten ihrer Zuhörer oder politische Korrektheit: Ronald Reagan war einer dieser Präsidenten, John F. Kennedy ein anderer.

Ein Politiker, der seinem Publikum seine Meinung einfach zumutet und nicht versucht, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden, wird entweder geliebt, oder er wird gehasst. Vor allem in Deutschland hat die entsprechend Urteilsbildung bei vielen nichts mit Rationalität, Gründen und der Anwendung von Überzeugungen zu tun, sondern mit Gefallen, mit Emotionen und sehr oft mit Anpassung an das, was in öffentlich-rechtlichen Medien als korrekte Beurteilung vorgegeben wird [In Zeiten des Widerstands gegen die öffentlich-rechtliche Indoktrination tritt Renitenz an die Stelle von Anpassung].

NYT Donald TrumpWir können das derzeit am Beispiel von Donald Trump gut beobachten. Sofern es zu Donald Trump in öffentlich-rechtlichen Medien jemals eine Beitrag gegeben hat, in dem keine negative Bewertung der Person des Präsidentschaftskandidaten und wahrscheinlich nächsten Präsidenten der USA enthalten war, mögen diejenigen, die den Beitrag kennen, uns bitte darauf hinweisen. Wir kennen nur Beiträge, die zwischen Diffamierung und dem Versuch, Trump lächerlich zu machen, schwanken und denen man die Meinung des Schreibers, seine Abneigung gegenüber Trump, nur zu leicht entnehmen kann.

Worauf derartige emotionale Reaktionen zurückzuführen sind, ist eine Frage, die man in der Regel vor dem Hintergrund der herrschenden Themen in einer Gesellschaft beantworten muss. Deutschland wird derzeit von einer Welle des Irrationalismus durchspült, deren Ziel darin besteht, Kritik generell als Hassrede zu stilisieren und bestimmte Themen jeder kontroversen Diskussion zu entziehen. Wir bezeichnen diese Welle des Irrationalismus auch als Infantilismus, denn nur Kinder sind z.B. der Meinung, Ressourcen seien unbegrenzt, so dass man Flüchtlinge aufnehmen könne, so viel man wolle (für die man in der Regel nicht selbst zahlt, sondern andere die Rechnung schultern lässt), nur Kinder sind der Meinung, dass man Meinungen dadurch beseitigen kann, dass man sie verbietet und nur Kinder versuchen andere, deren Meinung ihnen nicht gefällt, mit physischen oder sonstigen Drohgebärden ins Bockshorn zu jagen.

Politiker die keine Rücksicht auf diesen Infantilismus nehmen und Probleme pointiert und zuweilen auch polarisierend ansprechen, sind folglich in der Gemeinde der Kinder nicht gerne gesehen. Donald Trump ist ein solcher Politiker.

John F. Kennedy war auch ein solcher Politiker. Er hat sich in einer Zeit, zu der in Deutschland und in anderen Ländern die Entscheidung darüber, ob Kapitalismus oder Kommunismus das bessere Gesellschaftssystem ist, eindeutig für die Freiheit, die es nur im Kapitalismus gibt, positioniert. Und siehe da, die Berliner, die zum einen vor Augen hatten, was Kommunismus bedeutet und zum anderen die Errungenschaften des Kommunismus aus eigener Anschauung kannten, sie haben Kennedy zugejubelt. Damals war der Zeitgeist auf Freiheit ausgerichtet:

ich-bin-ein-berliner1“There are many people in the world who really don’t understand, or say they don’t, what is the great issue between the free world and the Communist world. Let them come to Berlin.

There are some who say that Communism is the wave of the future. Let them come to Berlin.

And there are some who say in Europe and elsewhere we can work with the Communists. Let them come to Berlin.

And there are even a few who say that it is true that Communism is an evil system, but it permits us to make economic progress. Lass’ sie nach Berlin kommen. Let them come to Berlin.

All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words “Ich bin ein Berliner”.

Freedom has many difficulties and democracy is not perfect, but we have never had to put a wall up to keep our people in, to prevent them from leaving us.”

Ob man Kennedy heute noch zujubeln würde? Vermutlich nicht, denn im Gegensatz zum Beginn der 1960er ist der Zeitgeist im heutigen Deutschland, jedenfalls soweit ihn die öffentlichen Medien tragen, ein sozialistischer, einer, der Gleichstellung höher bewertet als Leistung, einer, der Minderheiten vor die Mehrheit stellt und einer, der Übergriffe auf Bürger befürwortet, sofern die Bürger von dem abweichen, was von denen, die den entsprechenden Zeitgeist reiten, für richtig befunden wird.

Der neue Zeitgeist ist ein neuer Totalitarismus, ein Geist, der Mauern baut, keiner, der sich über die Freiheit freut, die Demokratie und Kapitalismus bieten, schlimmer: Ein Zeitgeist der diejenigen bekämpft, die Freiheit lieben und sich für die Freiheit einsetzen und die ihre Freiheit nutzen, um ihre Meinung zu sagen, unmissverständlich zu sagen, wie Donald Trump, der von seinen Gegnern zu einem stilisiert werden soll, der nicht ernst zu nehmen ist, in dem, was er sagt, um auf diese Weise die freie Äußerung von abweichenden Meinungen mit Debilität zu verbinden und zu diskreditieren.

Entsprechend könnte man Trump aus formaler Sicht zu einem Fanal für die Freiheit aufbauen, da er auch bei starkem medialen Gegenwind seine Meinung in der ihm eigenen deutlichen Weise sagt.

kallstadtWir haben uns schon seit einiger Zeit gewundert, wie es im 21. Jahrhundert sein kann, dass ein Politiker unverblümt seine Meinung sagt. Ein solcher Politiker kann nur ein Quereinsteiger sein, das ist klar. Die Zwänge, die in Parteien herrschen, sorgen dafür, dass nur diejenigen erfolgreich sind, die ihre Meinung in alle Richtungen biegen und an alle Gegebenheiten anpassen können. Aber der Quereinstieg ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend als Bedingung, es bedarf noch einer bestimmten Persönlichkeit, die den Quereinsteiger befähigt, er selbst zu sein, in Wort und Tat.

Wo findet man derartige Persönlichkeiten in Deutschland. In der Pfalz. Trump ist ein ideeller Pfälzer, aber nicht nur das: er ist ein Pfälzer qua Abstammung:

Wir schreiben das Jahr 1885: Friedrich Trump und Elizabeth Trump geborene Christ machen sich von Hamburg aus auf den Weg in die neue Welt, um dort ihr Glück zu suchen. Beide stammen aus Kallstadt in der Nähe von Bad Dürkheim und beide sind dafür verantwortlich, dass Donald Trump am 14. Juni 1946 in New York geboren wird, denn Friedrich und Elizabeth Trump sind seine Großeltern. Die Südliche Weinstraße, sie reicht bis in die USA des Jahres 2016, und wer weiß, vielleicht wird Trump ja demnächst feststellen: „Ich bin ein Pfälzer“, und zwar mit Recht, denn die meisten Pfälzer machen aus ihrer Meinung ebenso wenig ein Geheimnis wie Trump, und wäm’s nid bassd, der kann sisch aen Staegge dezu stegge.


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Politiker haben nun einmal ein Interesse an Manipulation

Gerade hat Gert G. Wagner, der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit einer erstaunlichen Entdeckung aufwarten können: “Regierungsberichte können niemals unabhängig sein”, so sagt er und stellt als Konsequenz seiner Erkenntnis Fragen:

“Wie sinnvoll sind eigentlich derartige Regierungsberichte? Also Berichte, die einen Sachverhalt kritisch darstellen sollen. Wie etwa der Armuts- und Reichtumsbericht, aber auch der Kinder- und Jugendbericht, der Familien oder der Altenbericht. Die eigentliche Frage lautet: Sollten solche Berichte und sachlichen Bestandsaufnahmen nicht besser von unabhängigen Konmissionen oder Sachverständigenräten erstellt werden als von der Regierung selbst, die definitionsgemäß politisch nicht unabhängig ist, und bestimmten Zwängen … unterliegt”.

LeninAn dem Zitat ist einiges bemerkenswert, einiges enttäuschend. Bemerkenswert ist, dass sich jemand, der zum Dunstkreis der Bundestagsparteien zu zählen ist und entsprechend in der Enquete Kommission “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” (klingt wie ein Faschingshit) ständiges und erhoffter Maßen sachverständiges Mitglied ist, die Erkenntnis hat und äußert, dass Berichte, die als Auftragsarbeit von der Regierung vergeben und für diese erstellt werden, nicht unbedingt die Realität widerspiegeln müssen, dass sie in Interessen gefärbt sind und entsprechend, je nach Interesse ein verzerrtes Bild der Realität geben. Bemerkenswert ist auch, dass jemand wie Gert G. Wagner von Zwängen spricht, in denen sich z.B. die Regierung befindet und die, wie man dem Absatz entnehmen kann (denn das ist die implizite Prämisse), die die Regierung dazu veranlassen, die Realität zu verzerren (Wenn Sie das nächste Mal lügen, dann sagen Sie einfach, sie unterliegen bestimmten (Sach-)Zwängen, die eine vollumfängliche Darstellung der Wirklichkeit nicht zulassen würden). Das alles, wie gesagt, ist bemerkenswert.

Aber das Zitat  ist gleichzeitig enttäuschend, denn es ist erstens ein alter Hut und zweitens eine Verharmlosung. Dass wir Realität vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen wahrnehmen und dass jede Beobachtung, und sei sie noch so penibel und genau gemacht, aufgrund der Forschungsinteressen, die uns zum Beobachten bringen, notwendig gefärbt ist, ist bekannt. Es zeigt sich z.B. darin, dass wir untersuchen, wie der Ruf des Ochsenfroschs von seinem Auditorium aufgenommen wird, und nicht wie die Darbietungen der Wildecker Herzbuben vom Auditorium aufgenommen werden. Offensichtlich sind wir an Ochsenfröschen und nicht an den Wildecker Herzbuben interessiert. Konsequenter Weise kann man daher nicht behaupten, irgendein Bericht, von wem auch immer erstellt, sei frei von Interessen, sei objektiv. Auch der Bericht eines Sachverständigenrats ist nicht objektiv und von Interessen getragen, aber dazu später.

BullfrogEnttäuschend ist die Passage aus dem kurzen Text von Wagner auch, weil er antippt und vorsichtig formuliert, wo festes Zugreifen und deutliche Worte vonnöten sind. Hier ist Wagner massiv am verharmlosen. Warum sind Regierungen, politische Parteien, ihre Ableger in den Stiftungen und Organisationen, die im öffentlichen Diskurs etwas gelten wollen, so erpicht darauf, Berichte zu erstellen? Die Antwort liegt auf der Hand: Eben wegen ihrer Interessen und weil es in Deutschland immer noch wichtig ist (wie lange noch, bleibt abzuwarten), sich mit dem Schein der Objektivität zu umgeben und seine Interessen hinter scheinbar objektiven Ergebnissen zu verstecken.

Deshalb ist es, entgegen der Ansicht von Gerd Wagner, eine Manipulation, wenn man die Bewertung von Daten verändert, so dass sie den eigenen Interessen genehm ist, aber nicht unbedingt dem, was in den Daten zu finden ist, entspricht. Zu behaupten, dass eine Manipulation nur da vorliege, wo Daten gefälscht werden, wie Gerd Wagner dies zum Anfang seines Textes tut, ist naiv und fahrlässig, denn der Kampf um die öffentliche Meinung ist ein Kampf um die Bewertung von Daten, kein Kampf um die Daten. Dies zeigt sich deutlich daran, dass die Tatsache, dass Jungen im Hinblick auf ihre erreichten Bildungsabschlüsse Nachteile gegenüber Mädchen haben, von kaum mehr jemandem, der nicht als irre gelten will, bestritten wird. Der Kampf tobt nun um die Bewertung der Nachteile: Sind sie das Ergebnis einer Benachteiligung von Jungen durch Lehrerinnen oder sind Jungen selbst schuld, weil sie machohaft auftreten? Vor diesem Hintergrund zu behaupten, eine interessegeleitete Bewertung von Fakten sei keine Manipulation ist sträflich und eines Wissenschaftlers nicht würdig. Doch zurück zum allseitigen Bemühen all der politischen Akteure, die einen “Bericht” in Auftrag geben, die Ergebnisse des Berichts mit ihren Interessen konform zu gestalten und dennoch eine Objektivität des Berichts vorzugaukeln.

freddie-mercury-the-great-pretenderAm besten funktioniert diese Mimikry, wenn die entsprechenden Berichte mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit umgeben werden, dann, wenn ein bestimmter Bericht der Öffentlichkeit als Ergebnis der Arbeit von Experten, eines Expertengremiums oder von Sachverständigen präsentiert werden kann. Meistens weiß zwar niemand, warum die entsprechenden Experten gerade für den Gegenstand des Berichts, an dem sie geschrieben haben, Experten sein sollen, aber das macht nichts, bei Berichten aus dem Dunstkreis von Ministerien, politischen Parteien oder politischen Organisationen ist jeder, der daran mitwirkt, ein Great Pretender.

Jeder Regierungsbericht, jeder Bericht aus den Hallen politischer Parteien oder ihrer Satelliten, der von sich behauptet, er sei objektiv, sei von wissenschaftlichen Sachverständigen erstellt oder werde in welcher Weise auch immer, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht, ist in der beschriebenen Weise Mimikry, denn wie Wagner zu Beginn seines Textes kurz und eher unfreiwillig preis gibt, ist der wichtigste Bestandteil der enstprechenden Berichte, die darin enthaltene Bewertung der vermeintlichen Ergebnisse aus der Realität. Hier spielt die Musik, hier sind die Interessen, die zur Erstellung des Berichts geführt haben,  und hier wird versucht, zu manipulieren. Manipulationen nehmen die unterschiedlichsten Formen an: Teile der Realität werden gar nicht erst untersucht, Ergebnisse werden umgewertet,  in einen anderen oder in keinen Zusammenhang gestellt, Ergebnisse werden gestrichen oder in einem Wust unnötiger Einzelheiten vergraben, die Möglichkeiten sind schier endlos. Und diese Möglichkeiten der Manipulation werden natürlich von den Auftraggebern der entsprechenden Berichte genutzt, oder  ist hier wirklich jemand so naiv anzunehmen, die Bundesregierung würde das Ergebnis einer Untersuchung veröffentlichen, die zu dem Ergebnis kommt, dass die deutschen Universitäten nur noch Personal zweiter Wahl beschäftigen (Wer das wirklich glaubt, der möge versuchen, an die Datensätze der PISA-E Studie zu kommen, die es ihm erlauben, die gemessenen Leistungen der Schüler nach Bundesland aufzuschlüsseln)? Oder glaubt jemand, die Friedrich-Ebert-Stiftung würde eine Untersuchung veröffentlichen, die zeigt, dass sozialistische Eingriffe in den freien Markt regelmäßig und unausweichlich ins Fiasko führen? Eben!

pseudoscienceFolglich muss man Berichte immer mit Blick auf den Auftraggeber und seine Interessen lesen, um zu wissen, in welche Richtung die Berichte einen bias haben, und welche Bereiche der Realität vermutlich unterschlagen werden. Dieses  Interesse-Problem ist nicht zu lösen, auch nicht durch die von Wagner vorgeschlagene Auslagerung der entsprechenden Berichte in Sachverständigenräte, wie es sie derzeit in der Umwelt- und Wirtschaftspolitik gibt: Sachverständigenräte also, die die Bundesregierung oder das Parlament bestellt. Wie groß ist wohl das kritische Potential solcher Sachverständigenräte? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die in die entsprechenden Sachverständigenräte berufenen  “Experten” keine Zugeständnisse an die Interessen ihrer Auftraggeber machen? Und selbst wenn sich tatsächlich unabhängige Wissenschaftler in Sachverständigenräten finden, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass der Bericht des Sachverständigenrates nicht dennoch vor seiner Veröffentlichung editiert wird?

Was tun, wenn Sachverständigenräte auch nicht die Lösung sind? Nun, ich finde es überraschend, dass die naheliegende Idee, die einem Demokraten in diesem Zusammenhang eigentlich kommen müsste, nie kommt. Warum sollten die entsprechenden Berichte, die zumeist nichts anderes sind als ein Tätigkeitsnachweis und ein Erfolgsbericht für die entsprechenden Auftraggeber  überhaupt im Auftrag von Regierung oder politischen Parteien und in jedem Fall auf Kosten der Steuerzahler erstellt werden? Verlangt es die demokratische Kontrolle nicht geradezu, dass die entsprechenden Berichte als Kontrollberichte über die Tätigkeit von Regierung und politischen Parteien deren Einfluss ganz und gar entzogen werden? Ist es nicht geradezu demokratisch gefordert, dass die entsprechenden Berichte von Experten erstellt werden, die im Gegenstandsbereich des Berichts ausgewiesen sind, die  von Regierung und politischen Parteien vollkommen unabhängig sind und die im Wettbewerb mit anderen Experten darüber stehen, wer die Berichte über einen bestimmten Gegenstandsbereich verfassst, die dem Ziel objektiver Darstellung am nächsten kommen? Und ist es nicht erforderlich, dass die Qualität der entsprechenden Berichte an den Standards des wissenschaftlichen Arbeitens gemessen werden, damit Berichte wie der von Hinrich Rosenbrock oder der des Bundesjugendkuratoriums schnell als das ideologische Blendwerk identifiiziert und etikettiert werden können, das sie nun einmal sind?

Die Antworten auf diese Fragen weisen alle in die selbe Richtung: In die Richtung eines wissenschaftlichen Gremiums, das z.B. bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft angesiedelt ist und das Mittel zur Erstellung von Berichten über die Wirkung der Politik der Regierung und der politischen Parteien bereithält, um die sich Wissenschaftler und private Unternehmen bewerben können. Über die Vergabe der Mittel wiederum entscheiden Wissenschaftler anhand der Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens, wie wir sie z.B. in unserem Grundsatzprogramm dargelegt haben. Um die Mittel findet Wettbewerb statt und die Ergebnisse werden nach Erstellung der Berichte von einem anderen Gremium, das sich aus Wissenschaftlern zusammensetzt, die nicht über die Vergabe der Mittel entschieden haben und abermals vor dem Hintergrund der Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens geprüft und bewertet. Es ist dies eine formale, keine inhaltliche Prüfung. So wird zum einen verhindert, dass Regierung, politische Parteien und ihre Satelliten Steuergelder zum Fenster hinaus werfen, um damit Berichte zu erstellen, die ihren eigenen Interessen dienen, zum anderen wird gewährleistet, dass die Steuergelder, mit denen z.B. politische Stiftungen ihre Polit-Agitation betreiben, nicht mehr eingesetzt werden, um damit vermeintlich wissenschaftliche Berichte zu erstellen.

Meine Lösung ist eine Marktlösung, und es ist eine Lösung, die ich noch nicht in jeder Hinsicht auf ihre Folgen untersucht habe. In jedem Fall stellt die Lösung jedoch sicher, dass die Frage, ob Berichte von Regierungen, politischen Parteien oder den Satelliten von politischen Parteien die Realität angemessen beschreiben und bewerten, nicht mehr diskutiert werden muss, denn die Regierung ist von der Erstellung entsprechender Berichte ausgeschlossen und die politischen Parteien und ihre Satelliten erstellen Berichte, die eindeutig als Abbild von ihren Interessen identifziert werden und eben mit keinem wissenschaftlichen Anspruch auftreten können.

Bildnachweis:
Scientific American

Extremistisch? Populistisch? Wenn Etiketten die Bewertung beeinflussen

Im deutschen politischen Diskurs ist es an der Tagesordnung, die Position des politischen Gegners oder den politischen Gegner gleich selbst als extremistisch oder populistisch zu bezeichnen. So schreibt die Badische Zeitung von der Rückkehr des “Populisten Guttenberg”, die Zeit weiß, dass Putin ein “nationaler Populist” ist, und Spiegel-Online kennt den Schweizer Populisten Christoph Blocher. Populismus werfen Lokalpolitiker von CDU und SPD in Grevenbroich dem “UWG-Vorsitzenden Carl Windler” vor, reiner Populismus ist in Goch am Werk, wo im Gemeinderat um die Erhebung von Elternbeiträgen für die Kindertagespflege gestritten wird, und selbst der Streit um die Westerhausener Turnhalle ist nicht davor gefeit, den Vorwurf reinen Populismus’ mit sich zu bringen. Der Zweck dieser Etikettierung von unliebsamen oder Gegenpositionen ist klar: Die entsprechenden Positionen sollen abgewertet, die Urteilsbildung von Beobachtern beeinflusst, gar manipuliert werden. Ob das klappt?

Dass es klappen kann, haben  Amos Tversky und Daniel Kahneman in den 1970er und 1980er Jahren in einer Reihe von Experimenten gezeigt. Das Urteil von Menschen, ist durch den Rahmen, innerhalb dessen es erfolgt, manipulierbar. Dies zu belegen, haben Tversky und Kahneman (1981) eine Reihe von Personen gebeten, das folgende Entscheidungsproblem zu lösen:

Die USA bereiten sich auf den Ausbruch einer ungewöhnlichen Asiatischen Krankheit vor. Es wird erwartet, dass die Krankheit 600 Menschen das Leben kosten wird. Zwei Alternativen stehen zur Bekämpfung der Krankheit zur Verfügung. Die exakten wissenschaftlichen Schätzungen der Wirkung beider Programme sind die folgenden [Angaben in Klammer geben den Anteil der Probanden an, die sich für das entsprechende Programm entschieden haben]:

Die erste Formulierung der Alternativen lautete:

  • Wenn Programm A eingesetzt wird, werden 200 Menschen gerettet [72%].
  • Wenn Programm B eingesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit, von einem Drittel, dass alle 600  überleben und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel, dass niemand überlebt [28%].

Die zweite Formulierung der Alternativen lautete:

  • Wenn Programm C eingesetzt wird, werden 400 Menschen sterben [22%]
  • Wenn Programm D eingesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass niemand sterben muss und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel, dass alle 600 Menschen sterben. [78%]

Obwohl beide Problemformulierungen mit exakt denselben Ergebnissen einhergehen, kamen die Versuchspersonen von Tversky und Kahneman zu ganz unterschiedlichen Entscheidungen. Die  positive Formulierung “niemand muss sterben” hatte eine Entscheidung für die zwei Drittel-Lösung zur Folge (Alternative D), die negative Formulierung “niemand überlebt” (Alternative B) hatte eine Entscheidung gegen die zwei Drittel-Lösung zur Folge. Die Experimente von Tversky und Kahneman haben in eindrücklicher Weise gezeigt, dass das Urteil von vielen Menschen durch den Rahmen, das so genannte Framing, determiniert wird, innerhalb dessen sie ihr Urteil treffen.

Dies  machen sich Politiker zu nutze, wie Thomas E. Nelson, Gregory Gwiasda und Joseph Lyons (2011) in einer Studie gezeigt haben. Um für die eigene Position zu werben, so Nelson, Gwiasda und Lyons, müssen Politiker sie in einem positiven Licht erscheinen lassen, oder, besser noch, die Position des Gegners in einem schlechten Licht. Da Politiker mit ihren Aussagen weniger an rationale Inhalte als an Werte appellieren, ist es eine erfolgversprechende Vorgehensweise, die eigene Position und die Werte, auf denen die eigene Position basiert, dadurch zu verbessern, dass man die Gegenposition abzuwerten versucht, dadurch, dass man die Gegenposition in einen Rahmen (oder Frame) rückt, von dem man weiß, dass er die Bewertung der entsprechenden Position negativ beeinflusst. Eine Möglichkeit besteht darin, die Gegenposition in die Extremismus oder Populismus-Ecke zu rücken: “With the extremism tactic, the communicator tries to manage public perception of groups on the opposing side. If the public reputation of the opponent is already shaky …, so much the better. Portraying opposing groups as radical or extreme undercuts any appeal they might make on the basis of consensus social values, thereby enhancing respect for any value invoked by the communicator” (Nelson, Gwiasda & Lyon, 2011, S.816).

Gelingt es, eine Position als extremistisch, radikal oder populistisch zu brandmarken,  dann verschlechtert dies die Bewertung der entsprechenden Position durch unabhängige Beobachter, ja sogar bei unabhängigen Beobachtern, die zuvor der abgewerteten Position positiv gegenüber standen. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Reihe von Experimenten, die Nelson, Gwiasda und Lyons durchgeführt haben und die u.a. gezeigt haben, dass eine “political rhetoric that links an issue position to a group with a reputation for extremism can reduce support for that position. The surprising finding is that the reputation attack need not be particularly fierce to be effective” (Nelson, Gwiasda & Lyons, 2011, S.821). Je besser es gelang, eine Position als extremistisch zu etikettieren, desto zurückhaltender waren die Probanden von Nelson, Gwiasda und Lyons in der Unterstützung dieser Position, selbst wenn sie ursprünglich Unterstützer der  Position waren. Wem es also gelingt, seinen politischen Gegner in einen negativ bewerteten Frame zu setzen, der kann  dadurch die öffentliche Wahrnehmung seines politischen Gegeners zu dessen Ungunsten beeinflussen und dies selbst dann, wenn der politische Gegner in der öffentlichen Wahrnehmung bislang gut angesehen war.

Die Häufigkeit, mit der deutsche Politiker auf wertgeladene Floskeln und die hier dargestellte Taktik zurückgreifen und Positionen politischer Gegner als extremistisch, radikal oder populistisch bezeichnen, um sie dadurch abzuwerten, zeigt, dass deutsche Politiker mit der Taktik  gut vertraut sind. Darin zeigt sich jedoch auch eine Beschränkung, die Nelson, Gwiasda und Lyons in ihrer Studie nicht bedacht zu haben scheinen, denn, wenn viele Politiker aus allen politischen Lagern und auf allen politischen Ebenen, diese Taktik anwenden, ergibt sich ein Chaos aus Manipulationsversuch und Gegen-Manipulationsversuch, das den neutralen Beobachter vermutlich eher belustigt als beeinflusst. Nicht neutrale Beobachter beurteilen den Extremismusvorwurf dann vermutlich nach seiner Herkunft: Kommt er aus der politischen Ecke, der sich ein Beobachter zuordnet, dann wird er als richtig angesehen, kommt er von der Gegenseite, wird er als falsch angesehen. Damit ist  der Kreis zu den Experimenten von Tversky und Kahneman geschlossen, denn  ein Manipulationsversuch von individuellen Urteilen durch “Framing” basiert letztlich auf einem affektiven Appell an Personen. Der Manipulationsverusch ist dann erfolgreich, wenn bei den entsprechenden Personen die Emotion, die affektive Zuordnung bzw. die Bildung einer eigenen Identität durch Zuordnung an die Stelle einer rationalen Erwägung tritt.

Nelson, Thomas E., Gwiasda, Gregory & Lyons, Joseph (2011). Vilification and Values. Political Psychology 32(5): 813-835.
Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1981). The Framing of Decisions and the Psychology of Choice. Science 211: 453-458.

Bildnachweis:
Brainworker
Center for Research on Environmental Decisions

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