Nach Studie der Otto-Brenner-Stiftung: Medienmisstrauen gerechtfertigt

Absolution Teil X.

Wie viele angebliche Studien gibt es zwischenzeitlich, die einzig dazu erstellt wurden, öffentlich-rechtlichen Anstalten, deren Insassen für die Verbreitung von Sendeformaten bezahlt werden, Absolution zu erteilen und zu zeigen, dass doch und überhaupt die meisten und vor allem die Gebildeten und die nicht sozial deprivierten und die, die kein Schüler mehr sind und die, die nicht AfD-wählen und die, die mit der Demokratie zufrieden sind, mit den öffentlichen Medienanstalten zufrieden sind und sie für mehr oder weniger glaubwürdig halten, wir haben aufgehört zu zählen.

Dass es sich dabei nicht um Wissenschaft, sondern einzig und allein um Legitimationsforschung handelt, zeigt sich schon daran, dass nicht eine dieser angeblichen Studien die Frage gestellt hat, warum es in Deutschland eine nicht geringe Anzahl von Menschen gibt, die öffentlichen Anstalten und den Nachrichten, die sie verbreiten, nicht mehr glauben, ihnen nicht mehr vertrauen. Diese Frage ist der Rubikon, der Wissenschaftler von Legitimationsbeschaffern, die ihre Dienste meistbietend feilbieten, trennt.

Und gemessen an diesem Kriterium ist die neueste Studie, die ausgerechnet von den ARD Faktenfindern gerade gefeiert wird, keine Studie, sondern der neuerliche Versuch, diejenigen, die das, was öffentliche Anstalten verbreiten, nicht glaubwürdig finden, zu diskreditieren und zur Gefahr für die Demokratie zu stilisieren, die natürlich von der AfD ausgeht. Junk Science noch dazu.

Bezahlt hat dieses Mal die Otto-Brenner-Stiftung die Studie, die bestenfalls als verdünnter Aufguss der Mitte-Studien aus Leipzig angesehen werden kann, was angesichts der Personalunion der Studienautoren auch nicht verwunderlich ist. Die Autoren der Leipziger Mitte-Studien, die die Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert, Oliver Decker, Johannes Kiess und der unverwüstliche Elmar Brähler, der auch im Jahre 27 nach der deutschen Einheit nicht einsehen will, dass er von empirischer Sozialforschung nichts versteht, sie haben dieses Mal noch Alexander Yendell an der Arbeit beteiligt. Herausgekommen ist derselbe Brei, der auch in Mitte-Studien verrührt wird. Nur wird dieses Mal nicht die Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte herbei geschrieben, dieses Mal wird das Internet in Bausch-und-Bogen zur Echokammer erklärt und eine Gefahr der Demokratie allein darin gesehen, dass Menschen ihre Informationen nicht mehr aus öffentlichen Anstalten beziehen, sondern es vorziehen, sich anderweitig zu informieren.

Wäre schon die Prämisse, dass öffentlich-rechtliche Medien-Anstalten für die deutsche Demokratie lebensnotwendig sind, nicht schon lächerlich genug, so setzen die Autoren dadurch, dass sie das Internet zur Echokammer erklären, noch eine Schippe Lächerlichkeit obendrauf und besonders lächerlich wird es dann, wenn diejenigen, die sich ausschließlich aus dem Internet informieren als Bewohner einer Echokammer verunglimpft werden, während die Autoren, die doch angeblich Wissenschaftler sein wollen, nicht davor zurückschrecken, öffentlich-rechtliche Medienangebote und solche, die von Tageszeitungen, die die Autoren für gut befunden haben, angeboten werden, als Nachrichten von Premiummedien zu bezeichnen.

Aber vielleicht haben Decker, Brähler und die beiden anderen ja gar nicht versucht, eine wissenschaftliche Studie zu schreiben. Vielleicht ist ihre Veröffentlichung ja eine Travestie auf Wissenschaft, eine Satire. Wäre dem so, es wäre beruhigend, dann müsste man nicht feststellen, dass die vier Autoren jede Form wissenschaftlicher Lauterkeit über Bord geworfen haben, um ihren Daten Gewalt antun zu können.

Beginnen wir mit dem, was die Faktenfinder der ARD, die Fakten nicht einmal finden würden, wenn man sie ihnen auf die Augen nageln würde, zum Ende ihres Jubelbeitrags über den Junk aus der Otto-Brenner-Stiftung schreiben:

“Die Ergebnisse bestätigen”, so der Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, Jupp Legrand, “dass es hinsichtlich der Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise der Medien trotz eines weiterhin hohen Zuspruchs vieler Menschen keine Entwarnung geben kann und darf”.
Großes Vertrauen bleibe zwar stabil und hoch, aber auch tiefes Misstrauen steige kontinuierlich an. Legrand warnte vor den Folgen für die Demokratie, wenn “ein relevanter Teil der Bevölkerung weder durch gemeinsame Werte und Überzeugungen, noch durch die Teilhabe an einer gemeinsamen Öffentlichkeit für die Gesellschaft erreichbar” sei.“

Die ganzen Folgen, die hier beschrieben werden, entstehen einzig daraus, dass die vier Autoren sich entschlossen haben, jene 12,4% (299) Befragte, die von sich sagen, dass sie Informationen ausschließlich aus dem Internet beziehen, als Bewohner einer Echokammer anzusehen und zu stigmatisieren. Denn merke: Du sollst das öffentlich-rechtliche Angebot nicht ausschlagen. Denn das öffentlich-rechtliche Angebot ist gut, während das Angebot im Internet des Teufels und verderblich ist.

Nicht nur, dass die vier Autoren diese lächerliche Stigmatisierung von Internet-Nutzern vornehmen, die letztlich nur etwas über das Verhältnis der Autoren zu modernen Medien aussagt, sie versuchen die Leser darüber hinweg zu täuschen, dass sie Artefakte interpretieren:

„Es finden sich mehr Angehörige der jüngeren Jahrgänge, weniger der mittleren Jahrgänge und kaum Ältere. Das begründet zum Teil auch den ebenfalls zu findenden höheren Anteil an Berufstätigen und Schüler*innen in der Echokammer (gegenüber Rentner*innen). Teilweise kann damit ebenfalls der geringere Anteil an Menschen mit Studium oder Abitur erklärt werden, denn der Anteil der Schüler*innen führt zu einer großen Gruppe von Menschen ohne Schulabschluss. Trotzdem fällt insgesamt der Anteil mittlerer Bildung gegenüber niedrigen und hohen formalen Abschlüssen auf. Entsprechend sind auch Angehörige unterer Einkommensgruppen in der Echokammer überrepräsentiert.“

Wie die Daten der vier Autoren zeigen, sind unter den ausschließlichen Internetnutzern mehr Berufstätige, mehr Schüler und Studenten, mehr Arbeitslose und kaum Rentner als unter denen, die andere Medien ausschließlich oder zusätzlich zum Internet nutzen. Die Gruppe der Rentner ist übrigens die Gruppe, in der die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihre größte Anhängerschar rekrutieren. Da Schüler und Studenten qua definitionem noch in Ausbildung sind und die Autoren ausgerechnet Spaltenprozent interpretieren, also die Gruppe der Internetnutzer als Basis benutzen, sind alle Aussagen zu Ausbildung und Einkommen Unsinn, denn die Daten sind rechtszensiert und es ist nicht bekannt, welchen Schulabschluss die Schüler und welches Einkommen die Schüler und Studenten zum Abschluss ihrer Ausbildung erzielen. Hätte man reliable Angaben machen wollen, hätte man die Schüler und Studenten herausrechnen müssen.

Das ist nicht der einzige Lapsus, den die vier Autoren begehen. Der nächste Lapsus, den wir auf Anhieb und ohne Suche gefunden haben, ist ein noch größerer Lapsus und er zeigt, dass es in der vermeintlichen Studie nicht darum geht, Ergebnisse oder noch besser: Erklärungen zu liefern, sondern darum, bestimmte Ergebnisse zu liefern.

Die folgende Abbildung findet sich auf Seite 25 der vermeintlichen Studie.

Eine kleine Aufstellung der Fehler:

  • Wenn die Parteipräferenz abgetragen wurde, dann zeigt die Abbildung nicht, wie Menschen wählen, die mangelndes Vertrauen in die Medien haben, sondern welche Parteipräferenz sie haben. Die Parteipräferenz hat mit der Wahlentscheidung zum Leidwesen der meisten Wahlforscher kaum mehr etwas gemein.
  • Mangelndes Vertrauen wurde nicht gefragt. Es wurde gefragt, wer öffentlich-rechtliche Medien für nicht glaubwürdig hält. Glaubwürdigkeit von und Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien sind unterschiedliche Konzepte.
  • Das nicht gefragte Vertrauen zudem als mangelndes Vertrauen zu bezeichnen, zeigt die ideologische Ausrichtung der Autoren, ihre Bewertung der Tatsache, dass eine Gruppe von Befragten öffentlich-rechtliche Medien für nicht glaubwürdig hält. Darin kann man nur dann einen Mangel sehen, wenn man öffentlich-rechtliche Medien zum Olymp der Information stilisieren will.

Es ist schon erstaunlich und verweist darauf, dass die Leipziger Mitte-Studierer ihre Ergebnisse im Akkord und ohne große Sorgfalt produzieren, dass man mit drei Angaben drei falsche Angaben machen kann.
Ob dahinter Schludrigkeit oder der Versuch steckt, Daten zu manipulieren, ist letztlich egal, denn es zeigt in jedem Fall, dass die Studie der Otto-Brenner-Stiftung keinen Pfifferling wert ist.

Sehr deutlich wird dies auch, wenn man die Abbildung, wie wir das getan haben, einmal in Fallzahlen übersetzt und zeigt, wie viele Befragte hier Pate gestanden haben, um ein Ergebnis zu produzieren, das man nicht anders als belanglos bezeichnen kann.

Wer Prozentwerte auf Basis von einem, drei, vier, sieben oder 10 Befragten ausweist, der hat seine Reputation als Sozialforscher verspielt und ist entsprechend nicht mehr ernst zu nehmen. Damit ist die angebliche Studie der Otto-Brenner-Stiftung, eine Junk Studie und endgültig ein Fall für den Papierkorb.

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