Phatische Diskussion: Modernisierungsskeptiker, von denen niemand etwas weiß

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Diskussion um die AfD um eine neue Konfliktlinie erweitert: AfD-Wähler seien mehrheitlich „Modernisierungsskeptiker“, so die Bertelsmänner, die jeden Variablensoziologen erblassen lassen. Es gebe eine neue Konfliktlinie in der deutschen Gesellschaft, zwischen Modernisierungsskeptikern und Modernisiserungsbefürwortern.

Klingt gut, so lange man nicht fragt: Was bitte, ist ein Modernisierungsskeptiker?
Was ist Modernisierung? Wie kommt man zu der Einordnung von Wählern in die Gruppe der Modernisierungsskeptiker bzw. der Modernisierungsbefürworter?

Glücklicherweise fragen sich deutsche Journalisten diese Fragen nicht. Sie berichten stattdessen brav und treu, was es neues aus dem Hause Bertelsmann zu berichten gibt:

Klassische Modernisierungsverlierer

DIE ZEIT

„Die AfD sei also ganz überwiegend von Menschen gewählt worden, “die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen”, teilte der Studienautor Robert Vehrkamp mit.

Deutschlandfunk:

In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt es, statt einer regionalen Spaltung zeige sich eine neue Konfliktlinie zwischen Modernisierungsbefürwortern und Modernisierungsskeptikern.

Frankfurter Rundschau:

Die Bertelsmann Stiftung hat diese nun um eine Zuschreibung erweitert: zukunftsängstliche Modernisierungsskeptiker. Basierend auf Befragungen nach der Bundestagswahl 2017 sieht die Stiftung in einer Studie, die seit Freitagfrüh online verfügbar ist, eine „neue Konfliktlinie der Demokratie“.

BERTELSMANN:

„Auf der einen Seite der Konfliktlinie sind diejenigen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen eher skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Sie empfinden sich zumindest subjektiv als soziale, ökonomische und/oder kulturelle Verlierer der Modernisierung. Das prägt auch ihr Wahlverhalten.

Fassen wir zusammen.

  • ZEIT: Modernisierungsskeptiker stehen sozialen und kulturellen Veränderungen skeptisch gegenüber.
  • Deutschlandfunk: Modernisierungsskeptiker wählen vornehmlich AfD.
  • Frankfurter Rundschau: Modernisierungsskeptiker sind zukunftsängstlich.
  • Und die Bertelsmänner: Modernisierungsskeptiker sind skeptisch bis ablehnend gegenüber ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen.

Es gibt nichts Schöneres als deutsche Journalisten dabei zu beobachten, wie sie wortreich über Dinge berichten, von denen sie keine Ahnung haben. Wir wetten: Keiner der Journalisten, die über die Modernisierungsskeptiker in der AfD berichtet haben, hat eine konkrete Vorstellung davon, was ein Modernisierungsskeptiker ist oder sein soll und wenn man sie dennoch dazu zwingen würde, sich eine konkrete Definition von Modernisierungsskeptiker abzuquälen, es gäbe zwischen den Journalisten keine Übereinstimmung.

Nicht einmal bei der Bertelsmann-Stiftung hat man auch nur eine ansatzweise konkrete Formulierung parat, um klar zu benennen, was ein Modernisierungsskeptiker denn nun einmal sein soll. Was die Bertelsmänner in ihrer Studie an Definition anbieten, verlagert das Problem eher, denn: „Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen eher skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen“, sagt grundsätzlich gar nichts aus. Was sind ökonomische Modernisierungstendenzen? Hedge Fonds? Der Euro? Die EZB-Geldpolitik? Was sind soziale Modernisierungstendenzen? Die zunehmende Verbreitung von Syphilis? Die Ehe für alle? Die Benachteiligung von Jungen bei der Schulbildung? Was sind technische Modernisierungstendenzen? Spam in der Mailbox? Das Netzwerkduchsetzungsgesetz? Die Flatrate bei der Telekom? Und was sind kulturelle Modernisierungstendenzen? Dazu fällt uns jetzt wirklich nichts ein.

Die deutsche Presse berichtet also treudoof über einen Begriff, den die Bertelsmann-Stiftung in die Welt gesetzt hat und für den nicht einmal die Bertelsmann-Stiftung selbst eine konkrete Beschreibung geben kann. Das Wischiwaschi ist bezeichnend für Diskurse innerhalb der Mittelschicht, bei denen sich alle ganz wichtig fühlen und keiner auch nur ansatzweise eine Ahnung hat, worüber eigentlich gesprochen wird.

Leisten wir ein wenig Aufklärungsarbeit.
Datenhuberei wie die der Bertelsmann-Stiftung basiert letztlich auf Faktorenanalysen. Die Faktorenanalyse ist ein sehr nützliches Instrument zur Reduktion von Komplexität in Daten. Dazu muss man sie jedoch richtig benutzen können. Als Willem Saris und Harm Hartmann 1990 darauf hingewiesen haben, dass man mit einer Faktorenanalyse immer zu Faktoren und Ergebnissen kommen wird, die Frage, ob diese Faktoren sinnvoll, reliabel und valide seien, davon aber unabhängig beantwortet werden müsse, da gab es bereits viele „Datenfuzzis“, die die Faktorenanalyse zur Data-Speak-to-Me-Technik degradiert hatten und hofften, ihre fehlenden Ideen und theoretischen Kenntnisse dadurch beheben zu können, dass sie Faktorenanalysen „machen ließen“. Es ist in diesem Zusammenhang, dass die Sinus-Milieus zum ersten Mal auftauchen.

Sinus selbst beschreibt seine Milieus wie folgt:

„Die Sinus‐Milieus sind das Ergebnis von 40 Jahren sozialwissenschaftlicher Forschung. Die Zielgruppenbestimmung von SINUS orientiert sich an der Lebensweltanalyse unserer Gesellschaft. Die Sinus‐Milieus gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Grundlegende Wertorientierungen gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zur Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu Geld und Konsum.“

Die Sinus-Milieus basieren also auf einer Vielzahl von Aussagen, die Befragten vorgelegt werden und die deren Wertorientierungen und Alltagseinstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit etc erfragen. Welche konkreten Aussagen dazu genutzt werden, ist das Geheimnis von Sinus. Angesichts vorhandener Forschung, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht, kann man jedoch sicher sein, dass es Aussagen wie die folgenden sein werden:

  • Die EDV hat eine Reihe unerwünschter Nebeneffekte für die Arbeiter mit sich gebracht.
  • Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben: Glauben Sie, dass Sie ihren gerechten Anteil erhalten?
  • Welche Ziele auf dieser Liste erscheinen Ihnen persönlich am wichtigsten?
    • Sicherung von Ruhe und Ordnung
    • Mehr Mitbestimmung
    • Mehr Einfluss der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung

Usw.

Auf Grundlage derartiger Aussagen errechnet Sinus dann seine Milieus und stellt sie z.B. der Bertelsmann-Stiftung zur Verfügung. Und auf Grundlage von entsprechenden Aussagen wurde auch die Bezeichnung „Modernisierungsskeptiker“ geboren, jene Bezeichnung, von der die Bertelsmänner nicht sagen können, was genau sie denn nun bezeichnet. Dass sie das nicht können, ist eine Eigenart der Faktorenanalyse. Mit der Faktorenanalyse können Antworten, die Befragte auf eine Vielzahl von Aussagen wie die oben dargestellten, gemacht haben, zu wenigen Faktoren zusammengefasst werden. Das Problem, das Forscher nun haben, besteht darin, dass auf einem Faktor z.B. die Forderung nach mehr Mitbestimmung mit dem Glauben, die EDV habe keine unerwünschten Nebeneffekte und der Ansicht, man erhalte nicht seinen gerechten Anteil lädt. Wie benennt man eine solche Ansammlung von unterschiedlichen, oft kaum zu vereinbarenden Aussagen, die nur mit viel Mühe, wenn überhaupt, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind?

  • Modernisierungsskeptiker
  • Postmaterialisten
  • Traditionalisten
  • Progressive

Je nichtssagender der Begriff, desto besser geeignet scheint er, um die Vielfalt der Variablen, die ihn per Faktorenanalyse geschaffen haben, zu repräsentieren. Und je nichtssagender und pompöser er klingt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn Journalisten aufnehmen und weiter transportieren. Wir nennen diesen Effekt den Habermas-Effekt. Obwohl kaum jemand versteht, was Habermas schreibt, hat er viele Anhänger. Die verstehen zwar auch nicht, was Habermas schreibt, aber sie wollen sich mit dem pompösen Wortschwall schmücken, sich als Eingeweihte, als Teilhaber tieferen Wissens inszenieren, in der Hoffnung, dadurch sozialen Status zu gewinnen und die eigene intellektuelle Seichtheit überdecken zu können.

Mit den Modernisierungsskeptikern ist das genau so. Prüfen Sie es. Fragen Sie einen Journalisten Ihrer Wahl, wie der Modernisierungsskeptiker zu Stande gekommen ist, durch welche Aussagen er sich auszeichnet, wie er in empirischen Studien konstruiert wurde, welche konkrete Aussage sich mit dem Begriff verbindet?

Wetten, Sie ernten umfassendes Schweigen? Dieses Schweigen ist die perfekte Äquivalenz zum Informationsgehalt des Begriffs “Modernisierungsskeptiker”.

Saris, Willem & Hartmann, Harm (1990). Common Factors can always be found, but can they also be rejected? Quality and Quantity 24(4): 471-490.

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles

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2 Responses to Phatische Diskussion: Modernisierungsskeptiker, von denen niemand etwas weiß

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Phatische Diskussion: Modernisierungsskeptiker, von denen niemand etwas weiß

  2. publizist says:

    Unter “Modernisierung” verstehen manche den Ersatz wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens durch das Ableiern einer Liturgie aus Worthülsen, für deren unablässiges Vermehren sie sich am liebsten aus Steuern finanzieren lassen. Vielleicht “studiert” demnächst die Elite der Sozialforschung, ob die Bevölkerung Atomkraft, Gentechnik, Pharmazie gänzlich nach China auslagern, sich selbst mit Kräutertee, dem Einsatz von grabenden, jätenden und Mist verteilenden Tagelöhnern in der Landwirtschaft und autonomen E-Moblien beglücken lassen möchte.
    Achso: Die Batterien. Die importieren wir, gegenfinanziert durch chinesische Touristen, die sich im deutschen Paradies über das wirklich gute, moralische Leben belehren lassen, ehe sie wieder in ihre von Müll und Verschleiß gebeutelte Heimat zurückkehren. Falls sie nicht um Asyl bitten.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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