Das miese Spiel mit der Kinderarmut

Kinderarmut ist wohl das Thema, mit dem zur Zeit am meisten Schindluder getrieben wird. Kaum eine Symbolik scheint so geeignet, um der Welt darzustellen, was für ein guter Mensch man doch ist, als Kinderarmut. Jeder, der Kinderarmut anprangert, der gegen Kinderarmut anschreibt, der sie beklagt, der, nein etwas tun ist nicht das, was den wahren Kämpfer gegen die Kinderarmut auszeichnet, meint damit, sich als Guter zu inszenieren, seinen Wert, seine besondere Tugendhaftigkeit zu signalisieren. Deshalb spricht James Bartholomew im Hinblick auf diejenigen, die versuchen, sich als besonders wertvolle Teile der Spezies Mensch zu inszenieren, vom Virtue Signalling.

Die Meute der Guten, sie kommt regelmäßig dann in Wallung, wenn ein neuer Bericht zur Kinderarmut ansteht. Kinderarmt ist natürlich nicht die Armut von Kindern, sondern die Armut der Eltern, Eltern, die keine Arbeit, keine Einkommensquelle besitzen, die sich nicht aus Transferleistungen speist und dennoch Kinder haben, wobei die Tatsache, dass Kinder als solche eine Einkommensquelle, ein Mittel, um weitere Transferleistungen in Form von Vergünstigung und Zahlungen zu erhalten, sicher eine Rolle spielt.

Nun reichen Transferleistungen des Staates nicht dazu aus, ein Leben zu führen, wie es z.B. die Familie eines Facharbeiters, der bei der BASF Schicht arbeitet, auf Grundlage von dessen Einkommen führen kann. Entsprechend gibt es Unterschiede im Einkommen. Wenn diese Unterschiede im Einkommen das Einkommen des Facharbeiters, der Schicht arbeitet, um eine bestimmte Grenze unterschreiten, dann will es die Konvention, dass bei manchen Statistikern, die sich unter der staatlichen Fuchtel finden, von Armut gesprochen wird, eigentlich wird von relativer Armut gesprochen, also weniger haben als jemand anderes, aber dass „relativ“ wird regelmäßig weggelassen, denn es ist hinderlich. Wenn man sich als Guter inszenieren will, dann als absoluter, nicht als relativer Guter.

In Zahlen gilt als relativ arm, wer 60% des Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Das Nettoäquivalenzeinkommen ist als der Median der Einkommensverteilung definiert. D.h. es teilt die Einkommen in Deutschland in zwei gleichgroße Teile. Den Median benutzt man deshalb, weil er regelmäßig und deutlich unter dem Mittelwert liegt. So beträgt das Nettoäquivalenzeinkommen gemessen am Median im Jahr 2016 21.275 Euro, während der Mittelwert der Einkommensverteilung bei 24.020 Euro im Jahr 2016 liegt. Es macht sich einfach besser zu behaupten, jemand der im Monat ein Einkommen von 1.064 Euro (60% vom Median) zur Verfügung hat, sei relativ arm, als jemand, der 1.201 Euro (60% vom Mittelwert) hat. Tatsächlich fallen eine große Zahl von Rentnern in die Kategorie derer, die als relativ arm gelten, denn die durchschnittliche Rentenzahlung beträgt derzeit 1.003 Euro monatlich, die durchschnittliche Altersrente 1.078 Euro. Aber wir reden natürlich nicht von armen Alten, die man nach einem Erwerbsleben in relativer Armut geparkt hat, wir reden von Kindern, die in Familien von Hartz IV aufwachsen, entweder bei Alleinerziehenden oder in einer Familie in jedem Fall aber bei Eltern, die keinerlei Arbeit nachgehen, wie auf Seite 24 des Berichts der Bertelsmann-Stiftung nachzulesen.

Deren Kinder gelten als arm, über sie wird medial mit großer Aufregung berichtet, nicht etwa über die Alten, die nach einem Arbeitsleben in relativer Armut versinken oder die Gründe, warum die Eltern Kinder trotz Arbeitslosigkeit produzieren oder keine Arbeit finden, um ihren Kindern den Lebensstandard bieten zu können, den z.B. ein Facharbeiter der BASF, der Schicht arbeitet, seinen Kindern bieten kann. Denn, wie gesagt, mit Kindern und deren vermeintlicher Armut kann man sich gut produzieren, während Alte, die in Armut leben, in Deutschland keinen Medienhund hinter dem Ofen hervorlocken.

Nun enthält die Studie der Bertelsmann-Stiftung unvorsichtiger Weise ein Liste von Gütern, auf die Kinder, die jahrelang in Armut leben, wie es bei der Tagesschau heißt, obwohl relative Armut gemessen wurde, verzichten müssen. Etwas nicht haben, was andere haben, gilt heute als Armut, das muss man sich einmal vorstellen.

Wir haben uns die Liste der Güter, auf die die armen Kinder wegen Armut nach Ansicht von Bertelsmann verzichten müssen, genauer angesehen und auf Grundlage von Tabelle 11 in der Bertelsmann-Studie rekonstruiert, was die Bertelsmann-Stiftung verschweigen will, um die Schlagzeile: Kinder von Eltern, die dauerhaft nicht gesichert sind (also dauerhaft Hartz-IV beziehen und in der Regel alleinerziehend sind), müssen in Deutschland auf 7,3 der 23 „abgefragten Güter“ verzichten: „Armut bedeutet laut Bertelsmann-Stiftung für die Kinder Verzicht“.

Verzicht worauf?

7,3 Güter sind es, auf die die entsprechenden Kinder durchschnittlich verzichten müssen.
Rekonstruieren wir, worauf (auf Grundlage von Tabelle 11, Seite 50).
Sie müssen auf die eines der folgenden Güter verzichten:

  • Eine Wohnung ohne feuchte Wände oder Fußböden
  • Eine Wohnung, die mindestens so viele Zimmer hat, wie dort Personen wohnen.
  • Ein separates Badezimmer mit Badewanne oder Dusche in der Wohnung.
  • Eine Toilette innerhalb der Wohnung.
  • Ein Garten, ein Balkon oder eine Terrasse.
  • Sich ab und zu neue Kleidung kaufen können, auch wenn die alte noch nicht abgetragen ist.
  • Mindestens einmal täglich eine warme Mahlzeit haben.

Auf eines der oben genannten acht Güter müssen Kinder, die als arm verkauft werden sollen, damit sich Gutmenschen inszenieren können, verzichten. Verzichten müssen Sie auch auf 3 der folgenden vier Güter:

  • Einmal im Monat Freunde zum Essen zu sich nach Hause einladen können.
  • Einmal im Monat zum Essen in ein Restaurant gehen können.
  • Mindestens einmal im Monat ins Kino, Theater oder Konzert gehen können.
  • Eine mindestens einwöchige Urlaubsreise pro Jahr.

Schlimm, wenn man nicht mindestens einmal im Monat ins Kino oder ins Restaurant gehen kann. Das ist Armut!

Damit nicht genug, denn für die Kinder von Eltern, die sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten auf Basis von Hartz-IV, Kindergeld und sonstigen Transferzahlungen durchschlagen (müssen), gibt es noch mehr Verzicht. Nicht nur das monatliche Essen im Restaurant ist in Frage gestellt, auch drei der folgenden 11 Güter können nicht konsumiert werden bzw. sind nicht vorhanden:

  • Eine Waschmaschine
  • Ein Fernseher
  • Ein Auto
  • Ein Computer mit Internetanschluss
  • Ein Videorekorder mit DVD-Player
  • Die Miete für die Wohnung bzw. die Zinsen für das Wohneigentum immer pünktlich zahlen können
  • Die Gas-, Wasser-, Heizungs- und Stromrechnung immer pünktlich zahlen können;
  • Einen festen Betrag im Monat sparen können;
  • Behandlungen in Anspruch nehmen können, die von der Krankenkasse nicht vollständig bezahlt werden, wie z.B. Zahnersatz oder Brille
  • Unerwartet anfallende Ausgaben mit eigenem Geld bezahlen können, z.B. eine kaputte Waschmaschine ersetzen;
  • Abgenutzte, aber sonst noch brauchbare Möbel durch neue ersetzen.

Dass der Besuch des Theaters, der nicht gemacht werden kann, oder die Einladung eines Freundes zum Essen für jedes Kind einen Verzicht darstellt, das ist natürlich die Phantasie der Bertelsmann-Stiftung. Niemand hat die Kinder gefragt, ob sie überhaupt ein gemeinsames Essen mit Freuden UND ELTERN oder einen monatlichen Theaterbesuch wollen. Hier scheint ihre Mittelschichtssozialisation mit den Bertelsmännern durchgegangen zu sein. Mit ihrem Ergebnis bestätigen sie entsprechend das, was die andere Stiftung aus Berlin herausgefunden haben will: Man findet immer, was man sucht, was nicht unbedingt das ist, was ist oder relevant ist. [Wenn man schon nach Theaterbesuchen und Computern mit Internetanschluss fragt: Um wie viel plausibler ist es, dass sich Rentner keinen Theaterbesuch leisten können (von dem sie etwas hätten im Gegensatz zu z.B. achtjährigen Kindern, die nicht ruhig sitzen bleiben) und wie viele Rentner leben wohl ohne Balkon und Terrasse, ohne Auto, Computer mit Internetanschluss, ohne monatlichen Restaurantbesuch und Sparvertrag, mit abgenutzten Möbeln und in feuchten alten Wohnungen und gelten dennoch nicht als arm, weil sie bekommen ja Rente?]

Tatsächliche Armut

Und für Deutschland 2017 hat dies folgende Konsequenz: Arm soll sein, wer nicht einmal im Monat ins Restaurant gehen kann, wer nicht monatlich mindestens einmal ins Kino oder Theater gehen kann, nicht mindestens eine Woche in Urlaub fahren kann, kein Auto hat, zwar Hauseigentum hat, aber die Zinsen darauf nicht zahlen kann, in einer feuchten Wohnung lebt und keinen festen Betrag im Monat sparen kann.

Arm soll auch sein, wer neben den Verzichten auf Restaurant, Kino und Urlaub, noch brauchbare Möbel nicht ersetzen kann, keinen Computer mit Internetanschluss, kein Auto, keinen Balkon, keinen Garten und keine Terrasse hat.

Wie man sieht, schrecken gute Menschen in ihrem Kampf gegen die Kinderarmut auch nicht davor zurück, sich lächerlich zu machen und das Konzept von Armut von jedem Sinn zu entleeren.

Wo sich inszeniert wird, da fallen eben Späne.

Eigentlich müssten die Ergebnisse der Bertelsmann-Stiftung dazu führen, dass man es feiert, dass nicht einmal Kinder von dauerhaften Hartz-IV-Beziehern in Armut leben und ihnen deshalb nichts Wesentliches zu einer gesunden und unbeeinträchtigten Entwicklung fehlt. Aber das ist natürlich nicht das, was guten Menschen wie den Bertelsmännern den Warm Glow verschafft, gegen die furchtbare Kinderarmut, die monatliche Theaterbesuche verhindert, vorgegangen zu sein, bloß verbal versteht sich.

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Phatische Diskussion: Modernisierungsskeptiker, von denen niemand etwas weiß

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Diskussion um die AfD um eine neue Konfliktlinie erweitert: AfD-Wähler seien mehrheitlich „Modernisierungsskeptiker“, so die Bertelsmänner, die jeden Variablensoziologen erblassen lassen. Es gebe eine neue Konfliktlinie in der deutschen Gesellschaft, zwischen Modernisierungsskeptikern und Modernisiserungsbefürwortern.

Klingt gut, so lange man nicht fragt: Was bitte, ist ein Modernisierungsskeptiker?
Was ist Modernisierung? Wie kommt man zu der Einordnung von Wählern in die Gruppe der Modernisierungsskeptiker bzw. der Modernisierungsbefürworter?

Glücklicherweise fragen sich deutsche Journalisten diese Fragen nicht. Sie berichten stattdessen brav und treu, was es neues aus dem Hause Bertelsmann zu berichten gibt:

Klassische Modernisierungsverlierer

DIE ZEIT

„Die AfD sei also ganz überwiegend von Menschen gewählt worden, “die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen”, teilte der Studienautor Robert Vehrkamp mit.

Deutschlandfunk:

In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt es, statt einer regionalen Spaltung zeige sich eine neue Konfliktlinie zwischen Modernisierungsbefürwortern und Modernisierungsskeptikern.

Frankfurter Rundschau:

Die Bertelsmann Stiftung hat diese nun um eine Zuschreibung erweitert: zukunftsängstliche Modernisierungsskeptiker. Basierend auf Befragungen nach der Bundestagswahl 2017 sieht die Stiftung in einer Studie, die seit Freitagfrüh online verfügbar ist, eine „neue Konfliktlinie der Demokratie“.

BERTELSMANN:

„Auf der einen Seite der Konfliktlinie sind diejenigen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen eher skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Sie empfinden sich zumindest subjektiv als soziale, ökonomische und/oder kulturelle Verlierer der Modernisierung. Das prägt auch ihr Wahlverhalten.

Fassen wir zusammen.

  • ZEIT: Modernisierungsskeptiker stehen sozialen und kulturellen Veränderungen skeptisch gegenüber.
  • Deutschlandfunk: Modernisierungsskeptiker wählen vornehmlich AfD.
  • Frankfurter Rundschau: Modernisierungsskeptiker sind zukunftsängstlich.
  • Und die Bertelsmänner: Modernisierungsskeptiker sind skeptisch bis ablehnend gegenüber ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen.

Es gibt nichts Schöneres als deutsche Journalisten dabei zu beobachten, wie sie wortreich über Dinge berichten, von denen sie keine Ahnung haben. Wir wetten: Keiner der Journalisten, die über die Modernisierungsskeptiker in der AfD berichtet haben, hat eine konkrete Vorstellung davon, was ein Modernisierungsskeptiker ist oder sein soll und wenn man sie dennoch dazu zwingen würde, sich eine konkrete Definition von Modernisierungsskeptiker abzuquälen, es gäbe zwischen den Journalisten keine Übereinstimmung.

Nicht einmal bei der Bertelsmann-Stiftung hat man auch nur eine ansatzweise konkrete Formulierung parat, um klar zu benennen, was ein Modernisierungsskeptiker denn nun einmal sein soll. Was die Bertelsmänner in ihrer Studie an Definition anbieten, verlagert das Problem eher, denn: „Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den ökonomischen, sozialen, technischen und kulturellen Modernisierungstendenzen eher skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen“, sagt grundsätzlich gar nichts aus. Was sind ökonomische Modernisierungstendenzen? Hedge Fonds? Der Euro? Die EZB-Geldpolitik? Was sind soziale Modernisierungstendenzen? Die zunehmende Verbreitung von Syphilis? Die Ehe für alle? Die Benachteiligung von Jungen bei der Schulbildung? Was sind technische Modernisierungstendenzen? Spam in der Mailbox? Das Netzwerkduchsetzungsgesetz? Die Flatrate bei der Telekom? Und was sind kulturelle Modernisierungstendenzen? Dazu fällt uns jetzt wirklich nichts ein.

Die deutsche Presse berichtet also treudoof über einen Begriff, den die Bertelsmann-Stiftung in die Welt gesetzt hat und für den nicht einmal die Bertelsmann-Stiftung selbst eine konkrete Beschreibung geben kann. Das Wischiwaschi ist bezeichnend für Diskurse innerhalb der Mittelschicht, bei denen sich alle ganz wichtig fühlen und keiner auch nur ansatzweise eine Ahnung hat, worüber eigentlich gesprochen wird.

Leisten wir ein wenig Aufklärungsarbeit.
Datenhuberei wie die der Bertelsmann-Stiftung basiert letztlich auf Faktorenanalysen. Die Faktorenanalyse ist ein sehr nützliches Instrument zur Reduktion von Komplexität in Daten. Dazu muss man sie jedoch richtig benutzen können. Als Willem Saris und Harm Hartmann 1990 darauf hingewiesen haben, dass man mit einer Faktorenanalyse immer zu Faktoren und Ergebnissen kommen wird, die Frage, ob diese Faktoren sinnvoll, reliabel und valide seien, davon aber unabhängig beantwortet werden müsse, da gab es bereits viele „Datenfuzzis“, die die Faktorenanalyse zur Data-Speak-to-Me-Technik degradiert hatten und hofften, ihre fehlenden Ideen und theoretischen Kenntnisse dadurch beheben zu können, dass sie Faktorenanalysen „machen ließen“. Es ist in diesem Zusammenhang, dass die Sinus-Milieus zum ersten Mal auftauchen.

Sinus selbst beschreibt seine Milieus wie folgt:

„Die Sinus‐Milieus sind das Ergebnis von 40 Jahren sozialwissenschaftlicher Forschung. Die Zielgruppenbestimmung von SINUS orientiert sich an der Lebensweltanalyse unserer Gesellschaft. Die Sinus‐Milieus gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Grundlegende Wertorientierungen gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie Alltagseinstellungen zur Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu Geld und Konsum.“

Die Sinus-Milieus basieren also auf einer Vielzahl von Aussagen, die Befragten vorgelegt werden und die deren Wertorientierungen und Alltagseinstellungen zu Arbeit, Familie, Freizeit etc erfragen. Welche konkreten Aussagen dazu genutzt werden, ist das Geheimnis von Sinus. Angesichts vorhandener Forschung, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht, kann man jedoch sicher sein, dass es Aussagen wie die folgenden sein werden:

  • Die EDV hat eine Reihe unerwünschter Nebeneffekte für die Arbeiter mit sich gebracht.
  • Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben: Glauben Sie, dass Sie ihren gerechten Anteil erhalten?
  • Welche Ziele auf dieser Liste erscheinen Ihnen persönlich am wichtigsten?
    • Sicherung von Ruhe und Ordnung
    • Mehr Mitbestimmung
    • Mehr Einfluss der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung

Usw.

Auf Grundlage derartiger Aussagen errechnet Sinus dann seine Milieus und stellt sie z.B. der Bertelsmann-Stiftung zur Verfügung. Und auf Grundlage von entsprechenden Aussagen wurde auch die Bezeichnung „Modernisierungsskeptiker“ geboren, jene Bezeichnung, von der die Bertelsmänner nicht sagen können, was genau sie denn nun bezeichnet. Dass sie das nicht können, ist eine Eigenart der Faktorenanalyse. Mit der Faktorenanalyse können Antworten, die Befragte auf eine Vielzahl von Aussagen wie die oben dargestellten, gemacht haben, zu wenigen Faktoren zusammengefasst werden. Das Problem, das Forscher nun haben, besteht darin, dass auf einem Faktor z.B. die Forderung nach mehr Mitbestimmung mit dem Glauben, die EDV habe keine unerwünschten Nebeneffekte und der Ansicht, man erhalte nicht seinen gerechten Anteil lädt. Wie benennt man eine solche Ansammlung von unterschiedlichen, oft kaum zu vereinbarenden Aussagen, die nur mit viel Mühe, wenn überhaupt, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind?

  • Modernisierungsskeptiker
  • Postmaterialisten
  • Traditionalisten
  • Progressive

Je nichtssagender der Begriff, desto besser geeignet scheint er, um die Vielfalt der Variablen, die ihn per Faktorenanalyse geschaffen haben, zu repräsentieren. Und je nichtssagender und pompöser er klingt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihn Journalisten aufnehmen und weiter transportieren. Wir nennen diesen Effekt den Habermas-Effekt. Obwohl kaum jemand versteht, was Habermas schreibt, hat er viele Anhänger. Die verstehen zwar auch nicht, was Habermas schreibt, aber sie wollen sich mit dem pompösen Wortschwall schmücken, sich als Eingeweihte, als Teilhaber tieferen Wissens inszenieren, in der Hoffnung, dadurch sozialen Status zu gewinnen und die eigene intellektuelle Seichtheit überdecken zu können.

Mit den Modernisierungsskeptikern ist das genau so. Prüfen Sie es. Fragen Sie einen Journalisten Ihrer Wahl, wie der Modernisierungsskeptiker zu Stande gekommen ist, durch welche Aussagen er sich auszeichnet, wie er in empirischen Studien konstruiert wurde, welche konkrete Aussage sich mit dem Begriff verbindet?

Wetten, Sie ernten umfassendes Schweigen? Dieses Schweigen ist die perfekte Äquivalenz zum Informationsgehalt des Begriffs “Modernisierungsskeptiker”.

Saris, Willem & Hartmann, Harm (1990). Common Factors can always be found, but can they also be rejected? Quality and Quantity 24(4): 471-490.

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Bertelsmann-Studie: Weibliche Muslime schlechter integriert als männliche Muslime

Derzeit geht die Bertelsmann-Studie „Muslime in Europa – Integriert, aber nicht akzeptiert?“ durch die Medien. Eine Reihe von Lesern hat uns auf diese Studie und die dazugehörige Berichterstattung hingewiesen, deren Tenor weitgehend lautet: Muslime sind gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Angesichts eines nunmehr mehrere Jahrzehnte dauernden Aufenthalts von Muslimen in Deutschland, die oft in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, wäre alles andere auch mehr als bedenklich.

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Wir haben ein paar Abbildungen zusammengestellt, die die wichtigsten deskriptiven Ergebnisse aus der Befragung von für Deutschland 1.114 Muslimen und 1.453 Deutschen zeigt. Für uns ist jedoch nicht der deskriptive Firlefanz, der in den Medien berichtet wird, von Interesse sondern der in der Bertelsmann-Studie unternommene Versuch, die Integration von Muslimen der zweiten Generation in den Arbeitsmarkt als alleinigen Indikator für deren gesellschaftliche Integration zu erklären.

Diese Erklärung basiert zunächst auf einer mehr oder weniger verballhornten Übernahme von vier Dimensionen der Integration, die Esser zugeschrieben werden, der sie allerdings bei Berry entliehen hat. Die vier Dimensionen im originalen Akkulturationsmodell von Berry lauten Segregation, Marginalisierung, Assimilation und Integration. Bei Bertelsmann hat man die Segregation und die Marginalisierung vermutlich schon deshalb gestrichen, weil beide negativ und politisch nicht erwünscht sind und durch Platzierung und Interaktion ersetzt. Nimmt man noch Akkulturation und Identifikation hinzu, dann kommt man zu dem, was bei Bertelsmann als Modell der sozialen Integration bezeichnet wird.

Aufgelöst in die Bestandteile wird alles wieder etwas trivialer:

  • Platzierung wird durch Erwerbstätigkeit operationalisiert,
  • Akkulturation auf Spracherwerb und Schulbildung verkürzt,
  • Interaktion als Freizeitkontakt mit Einheimischen definiert und
  • Identifikation als Verbundenheit mit der Aufnahmegesellschaft angesehen (was letztlich eher Akkulturation als Identifikation misst, aber lassen wir das);

Aus Gründen, die nicht angegeben sind und von uns auch nicht nachvollzogen werden können, gilt den Bertelsmännern nur die Platzierung als erklärungsbedürftig, als multivariat erklärungsbedürftig. Multivariat scheint heute vornehmlich mit logistischer Regression einher zu gehen und die Berechnung derselben, die zum Ziel hat, auf Grundlage der abhängigen Variablen „Platzierung“ die Determinanten einer erfolgreichen Integration in die deutsche Gesellschaft zu bestimmen, ergibt Folgendes:

Alles, was in der letzten Spalte keine Sterne aufweist, kann vergessen werden, weil es n.s., also nicht signifikant ist.

Bleiben die signifikanten Ergebnisse:

Akkulturation, also bei den Bertelsmännern Sprachkenntnisse und ein formaler Bildungsabschluss erhöhen dann, wenn sie hoch sind, die Wahrscheinlichkeit von Platzierung, also von Erwerbstätigkeit, denn letzten Endes erklären die Bertelsmänner hier Erwerbstätigkeit und nicht Integration oder Platzierung.

Viele Freizeitkontakte zu Deutschen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit.

Der Unsinn, den logistische Regressionen dann produzieren, wenn sie von Unbedarften bedient werden, kommt darin zum Ausdruck, dass Befragte, die sich Deutschland als eher verbunden erklären, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als Befragte, die von sich sagen, sie seien Deutschland sehr verbunden. Dass hier Unbedarfte am Werk sind, zeigt sich schon daran, dass Sie den Referenzkategorien Signifikanzen zuweisen, im Ergebnis stellt sich bei statistisch Bedarften Schüttelfrost ein.

Mit zunehmender Religiosität sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit (also von Platzierung für die Bertelsmänner).

Schließlich wirkt sich auch Geschlecht auf die Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, aus. Weibliche Muslime haben eine deutliche, um 60% geringere Wahrscheinlichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen als männliche Muslime.

Die Bertelsmänner berücksichtigen in ihrer Analyse ausschließlich Angehörige ab der zweiten Migrantengeneration also Befragte, die bereits in Deutschland geboren wurden.

Übrigens: Das Modell ist insofern ein sinnloses Modell als die Analysen auf Muslime beschränkt bleiben. Wollte man tatsächlich Aussagen darüber machen, ob Muslime integriert sind und wenn ja, wie gut sie integriert sind, dann muss man sie in Relation zur deutschen Bevölkerung analysieren und Letztere auch als Referenzgruppe wählen.

Folgt man den Bertelsmännern dennoch in ihrer Ansicht, dass die Platzierung auf dem Arbeitsmarkt letztlich die Variable ist, die eine gelungene Integration signalisiert, dann muss man daraus folgern, dass dieselbe bei weiblichen Muslimen in geradezu spektakulärer Weise misslungen ist. Da die weiblichen Muslime, die in der logistischen Regression berücksichtigt sind, alle in Deutschland geboren sind und alle das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, stellt sich die Frage: What went wrong?

Das ist doch einmal eine Frage, die die Gender Studierten beantworten könnten – oder?

Und für den Fall, dass die Gender Studierten auf ihre Lieblingsvariable springen: Es hat nichts mit Diskriminierung zu tun, denn von Diskriminierung geht keinerlei Effekt auf die „Platzierung“ aus.

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Bertelsmann-Studie: Zwei-Drittel der Deutschen sind totalitär und naiv

Man muss nicht nach dem Motiv oder der Intention der Verfasser fragen, wenn die Ergebnisse einer „Online-Panel-Befragung“, die seit 2015 in drei Wellen durchgeführt wurde, zeitlich so getaktet wurde, dass ein Ergebnisbericht kurz vor der Bundestagswahl bereit steht. Man muss schon deshalb nicht nach ihren Motiven fragen, weil der Ergebnisbericht mit „Die Stunde der Populisten?“ überschrieben ist. Man kann bereits hier feststellen, dass es nicht darum geht, wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu präsentieren, sondern Nahrung für politische Kämpfer bereitzustellen, für all diejenigen, die (1) „Populismus“ täglich gebrauchen, (2) keine Ahnung haben, was der kognitive Gehalt von Populismus sein soll, was Populismus bedeutet und (3) den Begriff einzig wegen seiner affektiven, seiner affektiv-negativen Konnotation benutzen.

Dass Populismus von denen, die sich für die politischen oder irgendwelche Eliten in Deutschland halten als negativer Kampfbegriff benutzt wird, das wussten wir allerdings schon vor dem teuren Online-Panel der Bertelsmann-Stiftung. Dass Populismus vor allem benutzt wird, um die AfD und ihre Wähler zu bekämpfen, war auch bekannt. Was also ist der Zweck dieser neuen Studie? Der Zweck kommt bei der ARD eher unter der Hand mit: Populisten, das sind Ungebildete mit geringem Einkommen. Wer gebildet ist, kein geringes Einkommen hat und etwas vorstellen will, der ist kein Populist. Da Populisten vorzugsweise die AfD oder die LINKE wählen, sind beide Parteien als Parteien der Loser ausgezeichnet. Das sollte reichen, um die Mittelschicht von der Wahl der AfD abzuhalten. So wohl das Kalkül.

Ob dieses Kalkül aufgeht, ist letztlich eine Frage, deren Antwort davon abhängt, wie naiv Deutsche wirklich sind, wie viele Deutsche sich durch einen methodisch völlig unnötig aufgebauschten Ansatz täuschen lassen und wieder einmal der Behauptung, die Ergebnisse seien „repräsentativ“ auf den Leim gehen. Denn: Methodisch betrachtet ist die vorliegende Studie ebenso Junk, wie sie es inhaltlich ist.

So hat sich z.B. der Redakteur der Tagesschau, der die Studie beschreiben musste, ernsthaft bemüht zu verstehen, was die Bertelsmänner Robert Vehrkamp und Christopher Wratil da methodisch getrieben haben. Herausgekommen ist folgender Unfug:

„Um die Populismus-Neigung zu erfassen, haben die Forscher drei repräsentative Onlinebefragungen durchgeführt“ und:
„Infratest dimap befragte zwischen Juli 2015 und März 2017 dreimal jeweils mehr als 1600 Wahlberechtigte.“

Beides wird dem, was die Bertelsmänner getrieben haben, nicht gerecht. Die Bertelsmänner behaupten bekanntlich, sie hätten eine Online-Panel-Befragung durchgeführt. Panel ist die wissenschaftliche Bezeichnung für eine zu mehreren Zeitpunkten mit den selben Befragten durchgeführte Befragung. Die Bertelsmänner haben drei Wellen durchgeführt. In der ersten Welle (Juli 2015) wurden 1.049 Wähler und 1.052 Nichtwähler gezogen und befragt. Die Grundgesamtheit des Panels umfasst somit 2.101 Befragte. Natürlich ist diese erste Welle repräsentativ, obwohl es in der Bevölkerung nicht mehr als 50% Nichtwähler bei Bundestagswahlen gibt. Aber lassen wir den Bertelsmännern für den Moment die Einbildung, sie hätten zwei jeweils für sich repräsentative Teilstichproben gezogen, einmal für Wähler, einmal für Nichtwähler. Die zweite Welle des Panels fand im Juli 2016 statt. Die Idee bei einem Panel besteht nun darin, nach einiger Zeit, dieselben Personen zu befragen. Das ist die Theorie. In der Praxis gibt es Panelmortalität, d.h. von den 2.101 Befragten, die 2015 die Fragen beantwortet haben, beteiligt sich nur noch ein Teil an der zweiten Befragung. Den Bertelsmännern sind zwischen Juli 2015 und Juli 2016 417 Befragte oder 20% ihrer Grundgesamtheit abhanden gekommen. Sollte die erste Welle tatsächlich repräsentativ gewesen sein, so ist es die zweite nach einer Mortalität von 20% sicher nicht mehr. Für die dritte Welle, die seltsamerweise nicht im Juli 2017, sondern bereits im März 2017 durchgeführt wurde, weil man ansonsten die Ergebnisse nicht mehr vor der Bundestagswahl hätte präsentieren können, sind den Bertelsmännern dann nur noch 1.464 Befragte, also 70% ihrer Grundgesamtheit geblieben. Viel zu wenig, als dass man noch von einer repräsentativen Stichprobe ausgehen könnte. Also haben die Bertelsmänner die Stichprobe aufgefüllt, um weitere 907 Befragte, so dass die Grundgesamtheit nun 2.371 Befragte umfasst, die keinerlei Verbindung mehr zu der ursprünglichen Grundgesamtheit von 2.101 Befragten mehr aufweisen, da die 907 Neubefragten einfach aus dem Pool von Infratest-Dimap gezogen wurden. All die hehren Motive der ersten Welle, die die angebliche Repräsentativität gewährleisten sollen, haben sich also in Luft aufgelöst, angesichts der Notdurft, noch schnell vor der Wahl etwas über Populismus in die Medienlandschaft zu emittieren. Übrigens sind Wähler der AfD und der LINKE in der Befragung überrepräsentiert. Wir haben also eine vermeintlich repräsentative Grundgesamtheit mit einer Überrepräsentation von AfD-Wählern, LINKE-Wählern und Nichtwählern. Wie lange muss man deutschen Journalisten mit dem Begriff „Repräsentativität“ eigentlich vor der Nase wedeln, bevor sie bemerken, dass sie gerade in vollem Zaumzeug einen Manipulations-Karren durch die Landschaft ziehen?

Die Ergebnisse, die die Bertelsmänner nun „Als Stunde der Populisten“ verkaufen wollen, basieren auf den Angaben von nicht mehr als 3000 Befragten. Dennoch findet sich unter den Abbildungen, die im Bericht verteilt wurden, keinerlei Angaben zur Anzahl der Befragten, die in die jeweilige Abbildung eingeflossen sind. Statt dessen wird versucht, die Leser mit der Formulierung: „Grundgesamtheit: Wahlberechtigte deutsche Staatsbürger zum Zeitpunkt der Bundestagswahl 2013“ zu täuschen. Diese Aussage ist eine Lüge, denn (1) ist die Grundgesamtheit nicht die Grundgesamtheit aller wahlberechtigten deutschen Staatsbürger, eine solche Vollerhebung würde selbst die üppigen Finanzen der Bertelsmann-Stiftung überdehnen und wäre zudem technisch nicht durchführbar; (2) sind in der Grundgesamtheit 907 Befragte enthalten, die – weil 30% der ursprünglichen Befragten, die 2015 dass Panel konstituiert haben, sich nicht mehr am Panel beteiligt haben, kurzerhand aus dem Fundus von Infratest Dimap aufgefüllt wurden.

Die entsprechende Behauptung unter den Abbildungen ist eine Lüge, die Wissenschaftler früher aufgeregt hätte. Heute sind derartige Lügen wohl als Normalität anzusehen.

Methodisch betrachtet, ist der ganze Zinnober mit den drei Wellen des Panels vollkommen unnötig, denn die Ergebnisse werden als Querschnittsergebnisse, nicht als Längsschnittsergebnisse präsentiert (es gibt keinen Zeitverlauf), was den Verdacht nahelegt, dass durch die methodische Kanone, die hier aufgefahren wird, um auf journalistische Spatzen zu schießen, einzig dazu gedacht ist, Ehrfurcht vor den Ergebnissen zu verbreiten. Denn in Deutschland haben Journalisten Ehrfurcht vor dem, was prätentiös daherkommt, und was sie nicht verstehen. Sie halten derartigen methodischen Unfug dann für komplex. Außerdem steht empirische Sozialforschung im Verdacht, mit Zahlen zu operieren, was den Ehrfurchtsfaktor um den Faktor 10 erhöht und dazu führt, dass mit Sicherheit kein Journalist an dem Zinnober zweifelt und merkt, dass er hier von Bertelsmännern vorgeführt wird.

Wenn man Journalisten noch zugute halten könnte, dass sie methodische Illiteraten sind, wenn es um empirische Sozialforschung geht, so kann man ihnen nicht mehr zugute halten, dass sie sich einen totalitaristischen Entwurf als „Idelatypus“ unterschieben lassen und sich daran beteiligen, Teile der Bevölkerung als populistisch zu beschimpfen.

Damit sind wir bei der Frage: Wie wird Populismus eigentlich gemessen? Auch hier zeichnet sich die Studie der Bertelsmänner durch eine Mischung von unnötiger Verquasung und fast schon boshafter Interpretation aus, die bemerkenswert ist. Zunächst zur Verquasung: Acht Aussagen konstituieren Populismus. Vier dieser Aussagen sollen „den Gegensatz zwischen politischer Elite und Bürgern“ messen, vier Aussagen „Anti-Pluralismus … die Idee der Bürger als homogene Einheit“. Zudem sollen drei der acht Aussagen noch den „Wunsch nach direkter Volksherrschaft messen“. Eigentlich kann man den Junk nun ad acta legen, denn Sozialforscher, die offen zugeben, dass sie nicht wissen, was ihre Items (Aussagen) genau messen, flehen quasi darum, nicht ernstgenommen zu werden.

Ein ehernes Gesetz der empirischen Sozialforschung, dessen Nichtbefolgung den Mülleimer für die Ergebnisse zur Folge hat, hat die Eindeutigkeit der Frageformulierung zum Gegenstand. (1) Fragen oder Aussagen, die Befragten vorgelegt werden, dürfen nicht mehr als einen Stimulus enthalten, da man bei zwei Stimuli nicht weiß, worauf ein Befragter reagiert hat. (2) Fragen oder Aussagen, die Befragten vorgelegt werden, dürfen auf nur ein latentes Konzept verweisen, weil sonst nicht klar ist, was die entsprechenden Aussagen genau messen sollen. Vehrkamp und Wratil sagen ganz offen, dass drei ihrer acht Aussagen nicht eindeutig einer latenten Variablen zuordenbar sind. Mit anderen Worten, sie haben keine Ahnung, was sie da messen. Sie haben Junk produziert.

Soweit zu den methodischen Fehlern, nun zum Inhalt. Wie haben die Bertelsmänner „Populismus“ gemessen? Sie haben ihren Populismus über zwei latente Konzepte gemessen. Wir zitieren: „Im Zentrum dieser Populismus-Definition steht das ‚Volk‘ … und die Forderung nach seiner direkten und umittelbaren Herrschaft, der sogenannten Volkssouveränität“. Die Forderung nach Volkssouveränität ist also für die Bertelsmänner populistisch.

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, so heißt es im populistischen Artikel 20, Absatz 2 des populistischen Grundgesetzes. Man muss somit folgern, dass Menschen, die auf die im Grundgesetz verankerte Volkssouveränität verweisen, von den Bertelsmännern als populistisch bezeichnet werden. Da dasselbe populistische Grundgesetz in seinem Artikel 20 Absatz 1 feststellt, dass Deutschland .. „ein demokratischer Bundesstaat“ sei, muss (transitiv) man weiter schließen, dass populistisch und demokratisch hier synonym benutzt werden, was für all diejenigen, die nicht populistisch sind, nur anti-demokratisch als Bezeichnung übrig lässt.

Ein weiterer Aspekt von Populismus, neben der demokratischen Haltung, so schreiben die Bertelsmänner, besteht in der Gegenüberstellung von Volk und wie sie schreiben „Elite“: „Populismus begreift gesellschaftliche Auseinandersetzungen als Konflikte zwischen ‚einem‘ guten Volk und dem ‚einen‘ korrupten Establishment“. Lassen wir die wenig zweckdienliche Bewertung, die die Bertelsmänner den Lesern hier unterschieben wollen, einmal außen vor, dann gehen Populisten davon aus, dass Politiker eigene Interessen haben, die nicht immer, wenn überhaupt, mit den Interessen derer, die sie vertreten, übereinstimmen. Insofern jede andere Ansicht, die man in der Terminologie von Vehrkamp und Wratil als Gegenüberstellung der „reinen politischen Elite“ und dem Volk beschreiben könnte, kaum anders als naiv zu nennen ist, denn die Vorstellung, die politische Kaste, die die Autoren in wilhelminischer Tradition als Elite bezeichnen, sei nur von dem selbstlosen Wunsch getrieben, die Interessen der Bevölkerung zu vertreten, der „einen Bevölkerung“, wie Vehrkamp und Wratil schreiben, ist an Naivität nicht mehr zu übertreffen. Entsprechend muss man feststellen, dass alle, die sich in der Befragung der Bertelsmänner nicht als populistisch erwiesen haben, anti-demokratische Naivlinge sein müssen. Die gute Nachricht für Deutsche: Die Menge der anti-demokratischen Naivlinge ist kleiner als von den Bertelsmännern behauptet. Letztlich beruht die Einstufung von Befragten als Populist nämlich auf einer Skala von 0 bis 32, die sich als Ergebnis der Bildung eines summarischen Index‘ über die acht Aussagen ergibt. Normalerweise teilt man eine solche Skala in der Mitte, addiert eine Einheit und sagt, alle Befragten, die 17 und mehr Punkte erreichen, werden von uns als populistisch klassifiziert. Die Bertelsmänner klassifizieren Befragte erst ab 21 Punkten als populistisch. Warum? Fragen Sie die Bertelsmänner.

Damit wollen wir es jedoch nicht bewenden lassen, denn die Frage, was denn Populismus sein soll, ist nach wie vor nicht beantwortet. Wie Populismus technisch zusammengerechnet wurde, haben wir dargestellt, aber nicht, aus welchen Aussagen er zusammengerechnet wurde. Hier die Acht Items, denen Befragte voll oder eher zu- bzw nicht zustimmen konnten.

  • „Die Bürger sind sich oft einig, aber die Politiker verfolgen ganz andere Ziele.“

Wenn man diese Aussage als Indikator für Populismus benutzen will, dann muss man ab jetzt jeden Politiker, der sich auf eine Mehrheit von Befragten in einer beliebigen Umfrage bezieht, um seine Position zu stützen als populistisch bezeichnen.

  • „Mir wäre es lieber, von einem einfachen Bürger politisch vertreten zu werden als von einem Politiker.“

Diese Aussage diskreditiert sich von selbst, soll den Befragten doch untergeschoben werden, dass Politiker mehr als einfach Bürger seien, etwas Besseres. Das ist unlauter und ein Fall für eine Ethikkommission, die die Bertelsmänner aber nicht haben.

  • „Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren sie nicht.“

Das wiederum ist Gegenstand einer wohl begründeten und gut geprüften Theorie. Anthony Downs hat sie als Ökonomische Theorie der Demokratie entwickelt. Gordon Tullock und James M. Buchanan haben die Theorie weiterentwickelt und im Rahmen ihres Public Choice Ansatzes mehrfach bestätigt.

  • „Die politischen Differenzen zwischen den Bürgern und Politikern sind größer als die Differenzen der Bürger untereinander.“

Das ist eine empirische Frage, die bislang noch niemand untersucht hat. Was an der Zustimmung zu einer Frage, deren Antwort niemand kennt, populistisch sein soll, ist unklar. Wer diese Frage jedoch als Beleg für Populismus wertet, der zeigt damit, dass er eine naive Vorstellung von Demokratie verinnerlicht hat, wie sie einst Charles Taylor in seiner normativen Theorie der Demokratie verewigt hat. Normativ bezieht sich auf das Sollen, nicht auf das Sein.

  • „Wichtige Fragen sollten nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden.“

Das ist eine Frage des demokratischen Verständnisses. Es gibt eine Vielzahl von Arbeiten zu den Vorteilen direkter Demokratie. In keiner davon, wird versucht direkte Demokratie als Populismus zu verunglimpfen. Aber es ist interessant zu wissen, dass die Bertelsmänner die Schweiz als populistisches Land ansehen.

  • „Die Politiker im Bundestag sollten immer dem Willen der Bürger folgen.“

Artikel 20 Absatz 2 ist unmissverständlich: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Wenn die Bertelsmänner hier allen Ernstes einer Staatsform das Wort reden sollen, bei der Wähler als Legitimationsvieh ihre Stimme in Urnen werfen und Politiker anschließend nach Gusto schalten und walten, dann erweisen sie sich als Anhänger von mindestens Autoritarismus wenn nicht Totalitarismus.

  • „Die Bürger in Deutschland sind sich im Prinzip einig darüber, was politisch passieren muss.“

Was diese unsinnige Aussage messen soll uns nicht klar. Uns ist jedoch klar, dass auch dann, wenn man Befragten eine unsinnige Aussage vorlegt ein Teil der Befragten eine Angabe machen wird. Und da uns die Bertelsmänner verschweigen, wie viele Befragte keine Angabe zu ihren Aussagen gemacht haben, ist es möglich, dass es gelungen ist, die Mehrzahl der Befragten auch dazu zu bewegen, zu einer unsinnigen Aussage eine Angabe zu machen.

  • „Was man in der Politik „Kompromiss“ nennt, ist in der Wirklichkeit nichts Anderes als ein Verrat der eigenen Prinzipien.“

Nun, wie soll man es den Bertelsmännern beibringen? Brachial! Das stimmt. Wenn ein Fleischesser und ein Veganer in ein Restaurant gehen, dann wird es keinen Kompromiss dahingehend geben, dass der Veganer ein wenig Fleisch isst. Tut er es, dann ist er kein Veganer. Wer Prinzipien hat, kann keine Kompromisse im Hinblick auf diese Prinzipien schließen. Wer aus z.B. einem religiösen Prinzip gegen die Einführung einer Ehe für alle ist, kann dahingehend keinen Kompromiss schließen. Dass unsere Aussagen zutreffen, zeigt sich schon daran, dass im Bundestag nach wie vor abgestimmt wird. Das wäre sicher nicht notwendig, wenn man es nur mit prinzipienlosen Kompromisshanseln zu tun hätte.

Die Fragen zeigen letztlich die Armut empirischer Sozialforschungsversuche, die betrieben werden, um Befragte zu diskreditieren bzw. Befragten die eigenen Wertungen unterzuschieben. Empirische Sozialforschung ist jedoch weder ein Legitimationsbeschaffungsinstrument für Politiker noch ein Vehikel, das man einsetzen kann, um Befragte zu diskreditieren. Es ist eine Technik, um Forschungsfragen zu beantworten.

Ah, Forschungsfrage.
Was war noch einmal die Forschungsfrage der Bertelsmänner, die so schnell beantwortet werden musste, dass die dritte Welle ihres Online-Panels um vier Monate nach vorne verlegt und die Tatsache, dass es sich um Paneldaten handelt, bei der nachfolgenden Auswertung schlichtweg ignoriert wurde?

Politische Arschkriecherei?
Speichellecken?
Politisches Andienen?

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Robert Vehrkamp, einer der beiden Autoren, ausgerechnet Direktor im Programm “Zukunft der Demokratie” der Bertelsmann-Stiftung ist. Welche Zukunft der Demokratie von hier droht, kann man sich nach der Analyse oben ausmalen. Aber vielleicht steht es um die Zukunft der Demokratie ja immer noch besser als um die Zukunft der empirischen Sozialforschung.

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Der Korruptions-Schwindel von Transparency International

Platz 10 von 176.
Hier findet sich Deutschland.
Bei Transparency International auf dem Corruption Perception Index.

Das ist schön.

Aber es ist auch verwunderlich. Allein die Seilschaften, die von Ministerien zu ihren Günstlingen in Stiftungen und Meinungsforschungsinstituten, die mit Parteisoldaten besetzt sind, verlaufen, legen eigentlich den Schluss nahe, dass politische Korruption in Deutschland verbreitet ist, verbreiteter als es der Platz bei Transparency International ausweist.

Also haben wir uns gefragt, wie es dazu kommt, dass Deutschland bei Transparency International so gut angesehen ist, was die Korruption angeht.

Die Antwort auf diese Frage muss man etwas suchen. Letztlich findet sie sich in einem Link, der mit „Source Description“ benannt ist.

Source Description bezeichnet die Datenquellen, aus denen Transparency International seinen Corruption Perception Index (CPI) zusammenklaubt. Anders als viele denken ist der Corruption Perception Index von Transparency International kein Ergebnis eigener Tätigkeit, sondern das Ergebnis von Mittelwertberechnung. Die Daten, die andere gesammelt haben, werden von Transparency International in einen Topf geworfen und gemittelt. Heraus kommt der Corruption Perception Index (CPI).

Der CPI ist natürlich nur so gut, wie die Datenquellen es sind, auf denen er beruht. Also haben wir uns gefragt, welche Datenquellen sind dafür verantwortlich, dass die politische Korruption in Deutschland – wie wir meinen – so schöngefärbt und als fast nicht vorhanden angezeigt wird? 

SGI Network media

Quelle: SGI-Network

Als Antwort haben wir z.B. die Daten des SGI-Networks das Sustainable Governance Indicators sammelt – alles ganz wissenschaftlich und von der Bertelsmann-Stiftung finanziert, gefunden. Unter anderem werden hier Daten zu Korruption und zur Unabhängigkeit der Berichterstattung der Medien gesammelt, Daten, die zeigen, dass in Deutschland Medien-Pluralismus und entsprechende Berichterstattung so gut ist, dass sie gar nicht besser sein könnten und Daten, die zeigen, dass Korruption in Deutschland kein Problem ist, lediglich bei der innerparteilichen Demokratie gibt es im von Bertelsmann finanzierten SGI-Index ein Problem, ein kleines Problem, das wohl nicht weiter relevant ist.

Wie kommen diese Daten zusammen?

Werden große Umfragen unter Tausenden Bundesbürgern durchgeführt, um u.a. ihre Sicht zur Korruption in Deutschland zu erheben?

Werden eine große Anzahl von Personen befragt, die in ihrer täglichen Arbeit, z.B. weil sie für ein Unternehmen mit Planungsbehörden zu tun haben oder mit Parteien und ihrer Macht konfrontiert sind, mit politischer Korruption in Kontakt kommen können?

Die Daten, die von der Bertelsmann zusammengestellt werden und gleichberechtigt mit allen anderen Daten, die Transparency International benutzt, um seinen, wie man wohl sagen muss, Reinwasch-Index für westliche Gesellschaften zu berechnen, sie werden von 3, DREI Personen zusammengestellt, eingeschätzt, wie das so schön heißt, nämlich von:

  • Friedbert Rüb, Professor für Politische Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin;
  • Friedrich Heinemann, Abteilungsleiter am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim;
  • Tom Ulbricht, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin

Diese drei „Experten“, von denen niemand so richtig weiß, was sie zum Experten z.B. in Fragen der Korruption für Deutschland macht, produzieren die Daten, die Transparency International dann im CPI verwurstet.

SGI Network media

Quelle: SGI-Network

Ja, wir haben auch zunächst gedacht, das kann nicht sein, drei Hanseln, die Daten für ein Land produzieren, das kann nur ein schlechter Witz sein. Ist es aber nicht, wie man der „Methodologie-Sektion“, noch ein Witz, noch ein schlechter Witz, von SGI-Bertelsmann entnehmen kann.

Aber halt, der CPI von Transparency International basiert ja nicht nur auf den Angaben der drei Hanseln für Deutschland. Es gibt noch weitere Datenquellen, wie die Weltbank oder das World Economic Forum. Beide Letztgenannten erheben ausschließlich Daten, die im Hinblick auf die staatliche Korruption, der sich Unternehmer gegenübersehen könnten, wenn sie ein Unternehmen eröffnen oder betreiben wollen, also Schmiergeldzahlungen und Bestechungen an staatliche Bedienstete, relevant sind. Politische Korruption, die Form von Korruption, die in Deutschland endemisch ist, sie kommt also überhaupt nicht vor. Als Beispiel mag der ebenfalls als Datenquelle fungierende Rule of Law Index des World Justice Projects dienen, der ebenfalls in den CPI von Transparency International eingeht.

Dort wird Korruption mit folgenden Aussagen erfragt:

  • 2.1 Government officials in the executive branch do not use public office for private gain
  • 2.2 Government officials in the judicial branch do not use public office for private gain
  • 2.3 Government officials in the police and the military do not use public office for private gain
  • 2.4 Government officials in the legislative branch do not use public office for private gain

Politische Korruption kommt abermals nicht vor. Es ist also kein Wunder, dass man sich verwundert die Augen reibt, wenn man sieht, welche Rangposition Deutschland im CPI zugewiesen wird. Wer nicht nach politischer Korruption, nach der Korruption von Parteien, von ihren Stiftungen, die ausschließlich von Steuergeldern unterhalten werden, nach Korruption von Parteimitgliedern, die als Ministerdarsteller über Steuergelder verfügen, die in entsprechende Netzwerke kanalisiert werden können, sucht, der wird sie auch nicht finden.

Der Korruptions-Index von Transparency International ist somit im schlimmsten Fall eine Täuschung der Öffentlichkeit, im besten Fall ein Instrument, das veraltet, nicht valide und auf Datenquellen basiert, die man abermals im besten Fall als dubios und im schlimmsten Fall als versuchte Täuschung der Öffentlichkeit bezeichnen muss. Dass die Bertelsmann-Stiftung dabei eine prominente Rolle spielt, ist im besten Fall ein Zufall im schlimmsten Fall das Ergebnis politischer Korruption.


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