Der Korruptions-Schwindel von Transparency International

Platz 10 von 176.
Hier findet sich Deutschland.
Bei Transparency International auf dem Corruption Perception Index.

Das ist schön.

Aber es ist auch verwunderlich. Allein die Seilschaften, die von Ministerien zu ihren Günstlingen in Stiftungen und Meinungsforschungsinstituten, die mit Parteisoldaten besetzt sind, verlaufen, legen eigentlich den Schluss nahe, dass politische Korruption in Deutschland verbreitet ist, verbreiteter als es der Platz bei Transparency International ausweist.

Also haben wir uns gefragt, wie es dazu kommt, dass Deutschland bei Transparency International so gut angesehen ist, was die Korruption angeht.

Die Antwort auf diese Frage muss man etwas suchen. Letztlich findet sie sich in einem Link, der mit „Source Description“ benannt ist.

Source Description bezeichnet die Datenquellen, aus denen Transparency International seinen Corruption Perception Index (CPI) zusammenklaubt. Anders als viele denken ist der Corruption Perception Index von Transparency International kein Ergebnis eigener Tätigkeit, sondern das Ergebnis von Mittelwertberechnung. Die Daten, die andere gesammelt haben, werden von Transparency International in einen Topf geworfen und gemittelt. Heraus kommt der Corruption Perception Index (CPI).

Der CPI ist natürlich nur so gut, wie die Datenquellen es sind, auf denen er beruht. Also haben wir uns gefragt, welche Datenquellen sind dafür verantwortlich, dass die politische Korruption in Deutschland – wie wir meinen – so schöngefärbt und als fast nicht vorhanden angezeigt wird? 

SGI Network media

Quelle: SGI-Network

Als Antwort haben wir z.B. die Daten des SGI-Networks das Sustainable Governance Indicators sammelt – alles ganz wissenschaftlich und von der Bertelsmann-Stiftung finanziert, gefunden. Unter anderem werden hier Daten zu Korruption und zur Unabhängigkeit der Berichterstattung der Medien gesammelt, Daten, die zeigen, dass in Deutschland Medien-Pluralismus und entsprechende Berichterstattung so gut ist, dass sie gar nicht besser sein könnten und Daten, die zeigen, dass Korruption in Deutschland kein Problem ist, lediglich bei der innerparteilichen Demokratie gibt es im von Bertelsmann finanzierten SGI-Index ein Problem, ein kleines Problem, das wohl nicht weiter relevant ist.

Wie kommen diese Daten zusammen?

Werden große Umfragen unter Tausenden Bundesbürgern durchgeführt, um u.a. ihre Sicht zur Korruption in Deutschland zu erheben?

Werden eine große Anzahl von Personen befragt, die in ihrer täglichen Arbeit, z.B. weil sie für ein Unternehmen mit Planungsbehörden zu tun haben oder mit Parteien und ihrer Macht konfrontiert sind, mit politischer Korruption in Kontakt kommen können?

Die Daten, die von der Bertelsmann zusammengestellt werden und gleichberechtigt mit allen anderen Daten, die Transparency International benutzt, um seinen, wie man wohl sagen muss, Reinwasch-Index für westliche Gesellschaften zu berechnen, sie werden von 3, DREI Personen zusammengestellt, eingeschätzt, wie das so schön heißt, nämlich von:

  • Friedbert Rüb, Professor für Politische Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin;
  • Friedrich Heinemann, Abteilungsleiter am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim;
  • Tom Ulbricht, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin

Diese drei „Experten“, von denen niemand so richtig weiß, was sie zum Experten z.B. in Fragen der Korruption für Deutschland macht, produzieren die Daten, die Transparency International dann im CPI verwurstet.

SGI Network media

Quelle: SGI-Network

Ja, wir haben auch zunächst gedacht, das kann nicht sein, drei Hanseln, die Daten für ein Land produzieren, das kann nur ein schlechter Witz sein. Ist es aber nicht, wie man der „Methodologie-Sektion“, noch ein Witz, noch ein schlechter Witz, von SGI-Bertelsmann entnehmen kann.

Aber halt, der CPI von Transparency International basiert ja nicht nur auf den Angaben der drei Hanseln für Deutschland. Es gibt noch weitere Datenquellen, wie die Weltbank oder das World Economic Forum. Beide Letztgenannten erheben ausschließlich Daten, die im Hinblick auf die staatliche Korruption, der sich Unternehmer gegenübersehen könnten, wenn sie ein Unternehmen eröffnen oder betreiben wollen, also Schmiergeldzahlungen und Bestechungen an staatliche Bedienstete, relevant sind. Politische Korruption, die Form von Korruption, die in Deutschland endemisch ist, sie kommt also überhaupt nicht vor. Als Beispiel mag der ebenfalls als Datenquelle fungierende Rule of Law Index des World Justice Projects dienen, der ebenfalls in den CPI von Transparency International eingeht.

Dort wird Korruption mit folgenden Aussagen erfragt:

  • 2.1 Government officials in the executive branch do not use public office for private gain
  • 2.2 Government officials in the judicial branch do not use public office for private gain
  • 2.3 Government officials in the police and the military do not use public office for private gain
  • 2.4 Government officials in the legislative branch do not use public office for private gain

Politische Korruption kommt abermals nicht vor. Es ist also kein Wunder, dass man sich verwundert die Augen reibt, wenn man sieht, welche Rangposition Deutschland im CPI zugewiesen wird. Wer nicht nach politischer Korruption, nach der Korruption von Parteien, von ihren Stiftungen, die ausschließlich von Steuergeldern unterhalten werden, nach Korruption von Parteimitgliedern, die als Ministerdarsteller über Steuergelder verfügen, die in entsprechende Netzwerke kanalisiert werden können, sucht, der wird sie auch nicht finden.

Der Korruptions-Index von Transparency International ist somit im schlimmsten Fall eine Täuschung der Öffentlichkeit, im besten Fall ein Instrument, das veraltet, nicht valide und auf Datenquellen basiert, die man abermals im besten Fall als dubios und im schlimmsten Fall als versuchte Täuschung der Öffentlichkeit bezeichnen muss. Dass die Bertelsmann-Stiftung dabei eine prominente Rolle spielt, ist im besten Fall ein Zufall im schlimmsten Fall das Ergebnis politischer Korruption.


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Die Entdeckung der Kinderarmut: Bertelsmann-Studie trifft hörige Journalisten

„Die Wirtschaft wächst, doch die Kinderarmut auch: In Deutschland leben heute im Vergleich zu 2011 mehr Kinder in Familien, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Das zeigen aktuelle Berechnungen der Bertelmann-Stiftung.“ So steht es am Anfang einer Pressemeldung, mit der die Bertelsmann-Stiftung einmal mehr die alte Leier von der Kinderarmut in Deutschland anstimmen will.

Die öffentlich-rechtlichen und alle anderen Medien haben die Leier gierig übernommen und texten wild drauflos: „Arm bleibt arm“, überschreibt die ARD einen Beitrag, in dem es mehr um soziale Verwahrlosung als um Armut geht. Fleißig werden darin die angeblichen Erkenntnisse der Bertelsmann-Stiftung aufgezählt, und Gudrun Engel, die für den Beitrag verantwortlich zeichnet, entwickelt sogar eine Vorstellung davon, was „arm“ eigentlich ist, wie sich die Kinderarmut in Beträgen niederschlägt.

So nämlich:

„Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beträgt. Für eine klassische vierköpfige Familie liegt die Grenze derzeit bei knapp 2000 Euro netto pro Monat.“

Das hier beschriebene Netto-Äquivalenzeinkommen hat zwar nichts mit Armut zu tun, denn mit dem Netto-Äquivalenzeinkommen soll relative Armut erfasst werden, und zwar so, dass es selbst in einer Gesellschaft, die nur aus Millionären besteht, relative Armut gibt, aber immerhin hat Engel versucht, die Zahlen zu Armut, die die Bertelsmann-Stiftung unter die Journalisten geworfen hat, damit sie sich darauf stürzen und sich darum balgen können, zu konkretisieren.

Dummerweise hat sich die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Analyse nicht an das gehalten, was Engel als „gängige wissenschaftliche Definition“ ausgemacht hat. Unbeachtet von nahezu allen Journalisten, die die Zahlen der Stiftung verbreiten, hat die Bertelsmann-Stiftung „Kleingedrucktes“ in ihren Text geschmuggelt, das in normaler Schriftgröße wie folgt lautet:

european-slum

Noch mehr Kinder ohne eigenes Zimmer … 

“Die hier verwendete Armutsdefinition bezieht sich auf die sozialstaatlich definierte Armutsgrenze, nach der diejenigen Kinder als arm gelten, die in einer Bedarfsgemeinschaften leben, also in einem Haushalt, der Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch Zweites Buch – Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II/Hartz IV) erhält. Sofern nicht anders benannt, basieren die Daten dieser Veröffentlichung auf eigenen Berechnungen auf der Grundlage der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt in Zahlen, Kinder im SGB II, Nürnberg, August 2016 (Datenstand Dezember 2015)“

Kurz: Als arm gilt jedes Kind, das in einer Familie mit einem oder zwei Hartz-IV-Beziehern aufwächst. Das tatsächliche Einkommen, das in der entsprechenden Familie vorhanden ist, spielt also bei der Festsetzung von „Armut“ keinerlei Rolle, so dass ein Kind, das vorgeblich in einem Haushalt aufwächst, der statistisch als alleinerziehend geführt wird, weil sich die Partnerschaft oder gar Heirat mit einem Vollverdiener negativ auf die Höhe der staatlichen Unterstützungsleistungen auswirken würde, als Kind in Armut gezählt wird.

Dass die Bertelsmann-Stiftung „Armut“ im umfassenden ökologischen Fehlschluss definiert, hat die Journalisten, die beim Wort „Kinderarmut“, schon vorsorglich in Tränen ausbrechen, nicht daran gehindert, Schlagzeilen zu formulieren, in denen ein Steigen der Kinderarmut beklagt wird, eine Steigerung, die man wohl als statistisches Artefakt bezeichnen muss (siehe unten).

Interessanter Weise ist die ungewöhnliche Art und Weise, in der die Bertelsmann-Stiftung Armut definiert, eine Art und Weise, die dieselbe Stiftung in einer ihrer Studien zum Thema „Kinderarmut (Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche)“ als einen Ansatz zur Bestimmung von Armut bezeichnet, der „hilfs- oder ergänzungsweise“ (35) angewendet werden solle, da er „kein vom Einkommen der Person ausgehende[s] objektives Verfahren zur Armutsmessung“ darstelle. Mit anderen Worten: Die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger sagt nichts über Armut aus. Wer die Anzahl der Hartz-IV-Empfänger zur Grundlage seiner Aussagen über Armut macht, begeht somit mindestens einen ökologischen Fehlschluss.

Aber wenn es um Kinderarmut geht, dann werden Bedenken aus Lauterkeit oder Bedenken, wie sie die Ehrlichkeit im Umgang mit Lesern nahelegen würden, beiseite geschoben, in ähnlicher Weise beseitige geschoben, wie die eigenen Forschungsergebnisse bei der Bertelsmann-Stiftung:

„Je länger Kinder in Armut leben, desto negativer sind die Folgen für ihre Entwicklung und ihre Bildungschancen. Sie haben häufig kein eigenes Zimmer, keinen Rückzugsort für Schularbeiten, essen kaum oder gar kein Obst und Gemüse. Verglichen mit Kindern in gesicherten Einkommensverhältnissen sind arme Kinder häufiger sozial isoliert, gesundheitlich beeinträchtigt und ihre gesamte Bildungsbiografie ist deutlich belasteter. Das zeigt eine Metastudie, die Claudia Laubstein, Gerda Holz und Nadine Seddig vom „Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.“ (ISS) in Frankfurt am Main für die Bertelsmann Stiftung verfasst haben.“

Sich zum Beleg dieser erschreckenden Befunde, nach denen arme Kinder kein eigenes Zimmer haben oder gar kaum Obst oder Gemüse essen, vermutlich weil ihre Eltern lieber zu McDonalds gehen als dass sie die Mühe von Kochen und Abwasch auf sich nehmen wollen, ausgerechnet auf die Metastudie von Laubstein, Holz und Seddig zu berufen, ist frech und grenzt an Zynismus der Art: Ihr Deppen in den Redaktionen schreibt doch sowieso, was wir Euch schicken und lest nicht nach!“ Und in der Tat, die von uns gelesenen Varianten der Bertelsmann-Pressemeldung stellen alle nicht in Frage, was da behauptet wird.

Aber die Meta-Studie, die belegen soll, was an negativen Folgen von Kinderarmut vorhanden ist, sie stellt eben diese negativen Folgen in Frage. Wir zitieren aus der Meta-Studie:

armut-bei-bertelsmann“Erschwerend für die Analyse und Verknüpfung von Forschungsergebnissen sind die uneinheitliche Definition von ‚Kinderarmut‘, sowie eine Vermischung von Konzepten sozialer Ungleichheit und materieller Einkommensarmut“ (73) [Kurz: Die Forschung zu Kinderarmut ist eklektizistisch, wenig aussagekräftigt und vom Geschmack (oder der Ideologie) derjenigen abhängig, die sie ausführen.]

“Die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema „Kinderarmut“ steht in keinem Verhältnis zu den vorhandenen empirischen Grundlagen; die Argumentationen stützen sich vielfach auf wenige empirische Studien oder auf Plausibilitätsannahmen“(73) [Zu Kinderarmut und ihren Folgen gibt es keine gesicherten Befunde.]

“Auf Basis der vorliegenden empirischen Studien ist derzeit noch immer wenig über kausale Zusammenhänge und die genauen Wirkmechanismen im Bereich der Kinderarmut bekannt“.(74) [Ursache und Folge von Kinderarmut sind unbekannt.]

Im weiteren Verlauf dieser eindrücklichen Bestandsaufnahme davon, dass über Kinderarmut überhaupt nichts bekannt ist, was man als wissenschaftlich fundiert bezeichnen könnte, bezeichnen die Autoren qualitative Studien als Beschreibung von Einzelfällen, die „keiner Quantifizierung zugänglich“ sind, finden die Forschung zur Heterogenität der Gruppe „armutsbetroffener junger Menschen“ wenig ausgeprägt [Heterogenität meint in diesem Fall, dass nicht alle, die auf Grundlage welchen Kriteriums auch immer der Gruppe der armutsbetroffenen Menschen zugerechnet werden, auch von Armut betroffen sind]. Sie weisen auf das Fehlen von Langzeitbetrachtungen und das vollständige Fehlen systematischer Betrachtungen und Konzeptualisierungen zum Thema Kinderarmut hin und liefern so auf rund 3 Seiten eine systematische Bestandsaufnahme, die zeigt, dass es „Kinderarmut“ als wissenschaftliches Forschungsgebiet nicht gibt – was auch kein Wunder ist, denn Kinderarmut als solche gibt es nicht, kann es nicht geben, weil es auch kein Kindereinkommen oder Kindervermögen geben kann, schon weil es keine Kinderarbeit in Deutschland gibt.

Wir waren über die Studie von Claudia Laubstein, Gerda Holz und Nadine Seddig vom „Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. überrascht. Da es sich bei der Studie um eine Auftragsarbeit für die Bertelsmann-Stiftung gehandelt hat, hatten wir schon die schlimmsten Befürchtungen – umsonst, wie sich gezeigt hat, denn Laubstein, Holz und Seddig haben bis drei Seiten vor Schluss eine wissenschaftliche Analyse der vorhandenen Literatur geliefert und erst dann und sehr gedämpft, die Bedürfnisse ihres Auftraggebers mit ihren Forschungsergebnissen vermengt“.

Kinder als solche wachsen in Familien auf. Und dass manche Kinder in Familien aufwachsen, deren finanzielle Ressourcen möglicherweise nicht ausreichen, um den Kindern ein eigenes Zimmer zu gönnen oder deren Kinderreichtum die Größe ihres Einfamilienhauses überschreitet, hat nichts mit Kinderarmut zu tun, sondern damit, dass Personen, die sich aus unterschiedlichen Gründen eigentlich keine Kinder leisten können, dennoch Kinder in die Welt setzen, weil sie sicher sein können, dass ihre Unfähigkeit, den eigenen Nachwuchs zu unterhalten, von der Solidargemeinschaft, die in solchen Fällen immer angerufen wird, aufgefangen und so großzügig subventioniert wird, dass es sich in vielen Fällen lohnt, in Kinder und nicht in die Suche nach einem Arbeitsplatz zu investieren.

Damit kommen wir zu einem weiteren wissenschaftlichen Einwand, der die Diskussion um die Kinderarmut als die Farce enttarnt, die sie nun einmal ist: Nicht die vermeintliche Armut kommt zu den Kindern, sondern die Kinder zur angeblichen Armut. Angebliche Forscher, die sich abmühen, in der deutschen Gesellschaft arme Familien zu finden, um diese dann für ihre Zwecke zu verwenden, vergessen dabei nur zu häufig, dass nicht die Kinder die Ursache von Armut sind, sondern die Eltern. Letztere sind nicht nur für die Armut verantwortlich, wenn man denn einmal davon ausgehen will, dass Hartz-IV generell mit Armut gleichzusetzen ist, was es natürlich nicht ist, sondern dafür, dass sie Kinder in die Welt setzen, die sie nicht aus eigenen finanziellen Mitteln unterhalten können oder nicht in der Weise unterhalten können, wie es Pseudo-Forschern aus der Mittelschicht richtig erscheint, für die Armut da beginnt, wo Kinder kein eigenes Zimmer haben und von ihren Eltern zu McDonalds geschleppt werden anstatt mit Äpfeln aus kontrolliertem Anbau gefüttert zu werden.

Das bringt uns zurück zum statistischen Artefakt der Steigerung der Kinderarmut: Wenn Arbeitslosigkeit und Hartz-IV-Bezug stagnieren oder gar zurückgehen, die Kinderarmut, gemessen als Anzahl von Kindern mit einem oder zwei Eltern in Hartz-IV-Bezug aber zunimmt, dann hat man damit eine zunehmende Fertilität von Hartz-IV-Eltern, keine zunehmende Kinderarmut gemessen, jedenfalls dann, wenn man Wissenschaftler und nicht damit beschäftigt ist, ideologische Botschaften unter die Leute zu bringen.


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Wer soll das bezahlen? Sozialausgaben machen Kommunen handlungsunfähig

Wer im Vereinigten Königreich lebt, der zahlt seine County Tax. Die Höhe der County Tax bestimmt sich über die Größe des bewohnten Hauses, wächts also mit der Größe des Hauses. Aus der County Tax werden die Polizei, die Ausgaben für Schulen und Bildungseinrichtungen, die Verkehrsinfrastruktur und die Abfallentsorgung finanziert. Über die Ausgaben legen die Local Councils jährlich jedem privaten Haushalt Rechnung.

Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die Abgaben von Hausbesitzern oder Mietern auch der Verbesserung der Infrastruktur zu Gute kommen, die wiederum Hausbesitzern und Mietern zu Gute kommt, dass sie nicht für Leistungen bezahlen, die sie nicht in Anspruch nehmen oder bezahlen und keine Gegenleistung dafür erhalten [Die Mehrzahl der Briten lebt im eigenen Haus. Mieter sind die Minderheit].

In deutschen Kommunen ist das anders. Hier gehen die kommunalen Abgaben wie Gewerbesteuer oder Grundsteuer A und B gemeinsam mit den kommunalen Anteilen am Steueraufkommen in ein Säckchen, aus dem heraus und ohne Zweckbindung die Ausgaben finanziert werden.

Und in diesen Beutel greifen so viele Hände, dass kommunale Leistungen wie die Müllentsorgung oder die Erhaltung der Infrastruktur in manchen Kommunen nur mit Schwierigkeiten erbracht werden können. Das Schlagloch in der Straße ist hier der gewohnte Anblick geworden, an die ständig steigenden Müllgebühren und Anliegerkosten hat man sich fast schon gewöhnt.

Grund für die klamme Lage der Kommunen sind, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, Sozialausgaben:

  • Kommunale SozialausgabenDie Sozialausgaben machen bis zu 58% kommunaler Haushalte aus;
  • Die Sozialausgaben der Kommunen sind in 10 Jahren um 50% gewachsen, von 51 Mrd. Euro auf 78 Mrd Euro.
  • Einer der größten Ausgabenposten sind die Leistungen aus dem SGB II, d.h. Leistungen für Heizung und Unterkunft (Wohngeld). Sie addierten sich bundesweit im Jahr 2013 auf 14 Mrd. Euro.

Dass den Kommunen, das Wasser bis zum Hals steht, hat also (mindestens) einen Grund: Sozialausgaben.

Betrachtet man Nordrhein-Westfalen genauer, das Bundesland mit der durchschnittilch höchsten Belastung der Kommunen durch Sozialausgaben, dann ergeben sich folgende Ausgabenrekorde im Jahr 2013:

  • Ausgaben für Sozialhilfe: 6,74 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Unterkunft und Heizug: 3,57 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Jugendhilfe: 2,29 Mrd. Euro;
  • Ausgaben für Arbeitslosengeld II: 1,30 Mrd. Euro;
  • Sonstige soziale Leistungen: 0,81 Mrd. Euro;
  • Asylbewerberleistungen: 0,35 Mrd. Euro;
  • Eingliederung von Arbeitsuchenden: 0,19 Mrd. Euro;
  • Bildung und Teilhabe sowie einmalige Leistungen an Arbeitsuchende je: 0,14 Mrd. Euro

Insgesamt belaufen sich die kommunalen Sozialausgaben in Nordrhein-Westfalen auf 15,5 Mrd. Euro im Jahr 2013. Im Jahr 2005 waren es noch 10,9 Mrd. Euro. In acht Jahren sind die Sozialausgaben somit um 42% angewachsen.

Bedenkt man, dass Sozialausgaben eigentlich Luxusausgaben sind, die dann entstehen können, wenn die dringenden Ausgaben, die zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur, zur Bereitstellung kommunaler Versorgungsleistungen usw. notwendig sind, getätigt wurden, dann sind die präsentierten Zahlen erschreckend.

Anders formuliert: Bevor partikulare Leistungen, die bestimmten Gruppen zu Gute kommen, erbracht werden, müssen die Leistungen erfüllt sein, die allen Gruppen zu Gute kommen, also Leistungen in Infrastruktur, Versorgung usw. Schließlich sind diese Leistungen die Grundlage der Produktivität, die es erst ermöglich, Sozialleistungen überhaupt zu erbringen.

Vermeintliche Armut ist an allem schuld – Junk Science aus dem Hause Bertelsmann

“Armut ist Risiko für Entwicklung von Kindern”, so steht es in der Überschrift einer Pressemeldung aus der Bertelsmann-Stiftung. Die Überschrift soll die Ergebnisse einer Studie zusammenfassen, die Bertelsmann finanziert hat. Geforscht haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung Forscher am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Universität Bochum. Beforscht haben sie Schuleingangsuntersuchungen.

Naja, nicht wirklich beforscht – eher ausgezählt, bivariat, mit Kreuztabellen. Dies jedenfalls ist der Eindruck, den die Pressemeldung vermittelt. Bleiben wir noch eine Weile bei der Pressemeldung. “Ein Auwachsen in Armut beeinträchtigt die Entwicklung von Kindern”, so wird behauptet, bevor bivariate Ergebnisse für “armutsgefährdete Kinder” berichtet werden.

rubbish in binUnd eigentlich könnte man hier die Pressemeldung schon in den Mülleimer werfen, denn offensichtlich sollen die Ergebnisse genutzt werden, um Stimmung zu machen, um all die guten Menschen aus ihren Löchern zu holen, die beim Wort “Armut” so richtig erregt werden und etwas brauchen, um ihre Gutheit daran abzuarbeiten. Dazu eignet sich Armut immer besser als Armutsgefährdung, heißt doch Armutsgefährdung, dass die Armut drohen könnte, aber noch nicht da ist, und entsprechend sind wir alle von Armut gefährdet. Da ist Armut schon besser als Begriff.

Betrachten wir, was in der Pressemeldung über armutsgefährdete Kinder, die nach der Logik von Maria Dropp, die die Meldung wohl verbrochen hat, zwar armutsgefährdet sind, aber dennoch in Armut leben, berichtet wird:

“Während 43,2 Prozent der armutsgefährdeten Kinder mangelhaft Deutsch sprechen, wurde dies nur 14,3 Prozent der nicht-armutsgefährdeten Kinder attestiert. Probleme in der Körperkoordination haben 24,5 Prozent der Kinder aus SGB-II-Familien (Übrige: 14,6). Ähnliches gilt für die Visuomotorik, der Koordination von Auge und Hand (25 zu 11 Prozent). 29,1 Prozent der armutsgefährdeten Kinder haben Defizite in ihrer selektiven Wahrnehmung (Übrige: 17,5), Probleme beim Zählen haben 28 Prozent (Übrige: 12,4). Adipös, also deutlich übergewichtig, sind 8,8 Prozent der Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben (Übrige: 3,7).”

Und an all dem, so verkünden die Bertelsmänner, ist die Armut, also die Armutsgefährdung, bzw. der SGB-II-Bezug, nein die staatliche Grundsicherung schuld. Nur, wie macht die Armut das? Oder war es die Armutsgefährdung, der SGB-II-Bezug oder die staatliche Grundsicherung, die verhindert, dass Kinder richtig sprechen lernen, keine normal entwickelteVisumotorik haben und sich konzentrieren können? Wie auch immer, irgendwie wird es schon die Armut sein.

Es ist wirklich erstaunlich, wie gerne man in Deutschland Entitäten wie Armut oder Armutsgefährdung bemüht, um konkrete Befunde von Forschungen zu erklären. Es ist insofern erstaunlich, als es eigentlich naheliegen würde, nicht eine abstrakte Situationsbeschreibung wie Armut oder Armutsgefährdung als erklärende Variable einzuführen, sondern konkrete Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen.

Wenn Kinder mit 6 Jahren, wenn sie der Einschulungsuntersuchung unterzogen werden, nicht richtig sprechen können, nicht richtig zählen können, die Koordination zwischen Augen und Hand nicht richtig hinbekommen, fett sind, motorische Störungen aufweisen und sich nicht konzentrieren können, dann liegt eigentlich der Schluss nahe, dass die entsprechenden Kinder vernachlässigt wurden: Niemand scheint mit ihnen gesprochen zu haben. Niemand scheint sich mit ihnen zu bewegen. Niemand scheint mit ihnen zu zählen, niemand sich schlicht um sie zu kümmern.

Da fragt sich: Wer ist dieser Niemand, der sich nicht um Kinder kümmert?

Sind es die Angestellten in den Kindertagesstätten, die die Kinder spätestens ab dem vierten Lebensjahr besuchen? Oder sind es am Ende die Eltern? Muss man am Ende das Undenkbare denken: Nicht jeder, der sich fortpflanzen kann, ist in der Lage oder willig, Kinder auch zu erziehen. Bringen manche Eltern schlicht nicht die menschliche Reife, die geistige Reife, das Humankapital, die Fähigkeit oder den Willen mit, um Kinder zu erziehen? (Ähnliche Fragen lassen sich für Angestellte in Kindertagesstätten formulieren.)

Nein, derartige Fragen stellen wir lieber nicht. Es ist viel bequemer eine Entität zu erfinden, nennen wir sie Armut, und die Verantwortung auf die Armut abzuschieben, dann muss man nicht überlegen, ob finanzielle Anreize für Kinderbesitz die Ursache dafür sind, dass Kinder von Personen in die Welt gesetz werden, die keinerlei Interesse, außer vielleicht einem finanziellen an diesen Kindern haben. Nein, derartige Fragen stören die Reinheit staatlicher Kinderalimentierung, und entsprechend werden sie nicht gestellt.

Und außerdem zeigt ja die Studie der Bertelsmänner, dass Kinder, die in Armut oder Armutsgefährdung (ist ja wurtscht, eines von beiden) aufwachsen, häufiger unter denen zu finden sind, die nicht richtig sprechen, sich nicht richtig bewegen, nicht richtig zählen und dergleichen können, als Kinder, die nicht in Armut oder Armutsgefährdung oder was auch immer aufwachsen.

Aber zeigt sie das wirklich?

Die Studie, auf die sich die Pressemeldung bezieht, haben Thomas Groos und Nora Jehles erstellt, und man findet die Studie tatsächlich frei zugänglich bei Bertelsmann, was ungewöhnlich ist.

Bertelsmanns ArmutEin erster neugieriger Blick in die Studie, um zu erfahren, was denn nun gemessen wurde, Armut oder Armutsgefährdung, zeigt: Keines von beiden. Gemessen wurde, ob Kinder in einer Familie aufwachsen, die eine Grundsicherung nach SGB-II beziehen. Das hat nun mit Armut überhaupt nichts zu tun, nicht einmal mit Armutsgefährdung, wie eine einfache Rechnung zeigt:

  • Zwei Erwachsene, die SGB-II beziehen, erhalten 720 Euro;
  • Für ein Kind unter 6 Jahren erhalten sie zudem 234 Euro;
  • Eine Wohnung für drei Personen wird mit 542 Euro bezuschusst;
  • Ohne sonstige und Sonderzahlungen kommt ein Dreipersonenhaushalt somit nach SGB-II auf: 1.496 Euro im Monat.
  • Im Jahr 2013 beträgt das Bruttoäquivalenzeinkommen 19.582 Euro. 60% geben die mathematische Grenze an, die willkürlich gesetzt wurde, um von Armutsgefährdung sprechen zu können. 60% von 19.582 Euro macht ein monatliches Haushaltseinkommen von 979,10 Euro und somit deutilch weniger als in der Beispielrechnung nach SGB II.

Wie sich zeigt, wird in der Studie der Bertelsmannstiftung zwar von Armut gesprochen, aber es wird keine Armut gemessen. Dennoch haben Groos und Jehle in ihrem Bericht kein Problem, das Wort “Armut” 181 Mal zu verwenden. Dagegen kommt der Begriff “Armutsgefährdung” überhaupt nicht vor. Er muss entsprechend als Erfindung dessen angesehen werden, der die Pressemeldung erstellt hat.

Aber was soll man von einer Studie halten, in der schlicht behauptet wird, SGB-II-Bezieher (Hartz-IV) wären arm und nicht nur das, die Armut, in der sie leben, wäre dafür verantwortlich, dass die Kinder dieser armen Hartz-IVler, also die armen Kinder der armen Eltern erhebliche Entwicklungsdefizite aufweisen? Und überhaupt, wie hat man sich das vorzustellen? Haben Hartz-IV-Eltern weniger Zeit als andere Eltern, um ihren Kindern vorzulesen, mit ihnen zu spielen, zu zählen, mit ihnen zu sprechen, damit sich Motorik, Sprachvermögen usw. bei diesen Kindern normal entwickeln können?

Nein, derartige Fragen stellen Groos und Jehle nicht. Sie haben sich vorgenommen, Armut zu finden und Armut für alles verantwortlich zu machen, was sie sonst noch an Negativem finden. Sie haben sich nicht vorgenommen, eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen und zu erklären, wie es dazu kommen kann, dass die Kinder von Hartz-IV-Beziehern so vernachlässigt sind.

Und in ihrem Bemühen, Armut verantwortlich zu machen, übersehen sie ihre eigenen Ergebnisse, die sie in den – wie könnte es anders sein – logistischen Regressionen finden könnten, die sie berechnet haben. Ein Blick auf die Tabellen A1 bis A4 im Anhang reicht aus, um zu sehen, dass die Erklärung mit der Armut nicht nur deshalb Humbug ist, weil Groos und Jehle gar keine Armut gemessen haben.

Denn:

  • Jungen haben häufiger als Mädchen Koordinationsstörungen, Konzentrationsstörungen und Probleme mit dem Zählen;

Es ist schon erstaunlich, dass die von Groos und Jehle herbeiphantasierte Armut auf Jungen stärker wirkt als auf Mädchen. Glaubte man wirklich, dass das, was Groos und Jehle hier berichten, kein Humbug ist, man müsste der Stadt Mühlheim, von der die Daten stammen, empfehlen, vornehmlich Jungen aus Hartz-IV-Familien zu fördern. Das wird natürlich nicht geschehen.

Es ist auch nicht notwendig, denn die Ergebnisse sprechen für sich:

  • Mangelhaftes Deutsch steht mit allen Entwicklungsstörungen in Zusammenhang. Wer mit sechs Jahren nicht richtig sprechen kann, der kann auch nicht richtig zählen, hat Konzentrationsstörungen, Koordinations- und motorische Störungen.
  • Kinder mit den entsprechenden Problemen finden sich vornehmlich bei Eltern, die unterdurchschnittlich gebildet sind und Hartz IV beziehen.

Daraus muss man den Schluss ziehen, dass eine latente Variable erklärt, warum Eltern ihre Kinder so vernachlässigen, dass sie die beschriebenen Störungen haben, die erklärt, warum Eltern nur gering gebildet sind und die erklärt, warum die Eltern keinen Arbeitsplatz haben. Was liegt näher als anzunehmen, dass es Probleme in der Persönlichkeit der Eltern sind, die sie in gleichem Maße unfähig oder unwilig machen, eine Arbeit aufzunehmen und Kinder zu erziehen. Der Bezug von Hartz-IV wäre entsprrechend das Ergebnis der Persönlichkeit der Eltern, die Vernachlässigung der Kinder ebenso. Nicht Armut ist deshalb der Grund dafür, dass Kinder nicht richtig sprechen können, motorische Störungen und Koordinationsstörungen aufweisen, sondern das Pech, das sie mit ihren Eltern hatten, ist die Ursache, denn diese Eltern sind schlicht nicht in der Lage oder schlicht nicht willig, ihre Kinder zu erziehen.

Man muss eigentlich nicht lange nachdenken, um zu diesem Schluss zu kommen. Er drängt sich quasi auf, normaldenkenden Menschen drängt er sich auf, nicht Politikern, die denken, wenn sie finanzielle Anreize für Fertilität setzen, dann wären sie nicht verantwortlich für die Vernachlässigung von Kindern.

Eigentlich ist es an der Zeit, die Politiker, die mit ihren finanziellen Geschenken dafür verantwortlich sind, dass Kinder vernachlässigt werden und bereits bei der Einschulungsuntersuchung deutlich ist, dass die entsprechenden Kinder ohne Chance in ihrer Gesellschaft sind, zur Rechenschaft zu ziehen, für die vielen Kollateralschäden, die ihren Weg pflastern.

Wer hat Angst vorm MuselMann?

Bertelsmann StiftungMehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“, so eine Überschrift im ARD Onlineangebot heute. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die von Mitarbeitern des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie der Universitäten Erfurt und Frankfurt erstellt wurde, hat für diese Überschrift Pate gestanden, wobei es sich bei der Studie wohl eher um eine schlichte Befragung handelt. Genaues weiß man wie so oft bei der Bertelsmann-Stiftung erst dann, wenn man die Studien-Katze im Sack und vom Bertelsmann-Verlag gekauft hat. (Wo der Kommerz anfängt. hört bekanntlich die Stiftung auf…). Entsprechend muss man derzeit glauben, dass die Ergebnisse auf einer “repräsentativen” und “international vergleichenden” Untersuchung basieren.

Wie auch immer die Ergebnisse zu Stande gekommen sein mögen, 61% der Befragten in der Bertelsmann-Studie sind der Ansicht, “der Islam passe nicht in die westliche Welt”, und von den “54-Jährigen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, von den unter 25-Jährigen hingegen nur 39 Prozent. Die Angst vor dem Islam ist am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben”, so die Bertelsmann-Stiftung, für die offensichtlich klar ist, dass eine Verbindung zwischen Islam und Muslimen bestehen muss.

world muslim populationFür eben diese Muslime zeigt die selbe Studie, wie die ARD zitiert, dass sie “mehrheitlich fromm und liberal zugleich” sind. Aber ganz offensichtlich hat die Angst vor “dem Islam” nichts mit Muslimen  zu tun, bestenfalls mit Muslimen, die medial als Islamisten oder Vertreter mit Alleingeltung für eine Religion aufgebaut werden, die weltweit 1,57 Milliarden Gläubige unter ihrem Dach versammelt.

Es ist sicher nicht falsch, wenn man feststellt, dass es die Mehrheit der 1,57 Milliarden Muslime nicht in die Nachrichten schafft. Die Tariqs und Ahmeds, die in Kairo versuchen, ihren Lebensunterhalt zu bestrieten, bleiben unerwähnt. Muslime haben als Person keine Existenz, sie kommen in deutschen Medien entweder als Attentäter oder Gotteskrieger oder religiöse Fanatiker vor, die man instrumentalisieren kann, um sie zum Gegenstand von Angst und in einem klassischen Fehlschluss zu einer repräsentativen Auswahl des Islams zu machen.

Der Islam, vor dem Deutsche Angst haben. Was ist dieser Islam eigentlich?

Zunächst einmal ist eine Frage wie die, die in der Studie der Bertelsmann-Stiftung offensichtlich gestellt wurde: “Fühlen Sie sich durch den Islam bedroht”, eine sozialforscherische Katastrophe, denn wer weiß schon, was sich ein beliebiger Befragter unter “dem Islam” vorstellt? Wie viele Befragte kennen wohl “den Islam”? Wie viele Befragte haben auch nur eine blasse Ahnung davon, was im Koran steht? Wie viele Befragte haben schon einmal davon gehört, dass Jesus ein von Muslimen anerkannter Prophet ist, den sie verehren, dass, mit anderen Worten, Muslime und Christen wenn es um die religiösen Inhalte geht, nicht allzuviel trennt?

Anders formuliert: Was fragt man eigentlich, wenn man Befragte fragt, ob sie sich von “dem Islam” bedroht fühlen?

Niemand kann sich von etwas Abstraktem bedroht fühlen, auch wenn die Bundesregierung sich das einbildet. Bedrohung geht nicht von der Mafia aus, nicht von der Bundesregierung, nicht von der Wehrmacht und auch nicht von der Sportgemeinde Edesheim. Bedroht kann man sich nur von konkreten Personen fühlen, von Al Capone, post-hum, von den Häschern des Finanzamts, die im Auftrag des Finanzmininsters Jagd auf ihren Souverän machen, von Major Trapp oder von Peter Ludwig.

Muslime

Public Viewing I

Bislang ist kein Fall bekannt, in dem “der Islam” jemanden erschossen hätte. Es ist kein Fall bekannt, indem “das Christentum” gemordet hätte, es ist nicht einmal ein Fall bekannt, in dem der Kommunismus Konzentrationslager eingerichtet hat. In jedem Fall waren es konkrete Individuen, die gehandelt haben. Stalin hat den Gulag in Sibirien einrichten lassen und Willige gefunden, die das für ihn tun. Attentäter, die von sich behaupten, sie wollten, was auch immer für den Islam erreichen, verdingen sich als Mörder und es war Bernhard von Clairvaux, der Brandreden gehalten hat, um Kreuzzüge vorzubereiten.

Warum fragen dann angebliche Forscher nach dem Bedrohungspotential “des Islam” und warum titeln Journalisten “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht”?

Zwei Ursachen: Dummheit oder Brandstiftung.

Dummheit bei den angeblichen Forschern drückt sich in einer vollkommenen Unkenntnis der Methoden der empirischen Sozialforschung im Allgemeinen und der Befragung im Besonderen aus, Methoden, die Kurt Holm bereits im Jahre 1975 und im Hinblick auf stereotype Formulierungen wie folgt dargelegt hat:

“Stereotype Formulierungen lassen sich im hier erörterten Zusammenhang als eine besondere Art suggestiver Formulierung begreifen. Es handelt sich dabei um Worte oder Wortkombinationen (Floskeln), deren positive oder negative Wertbesetzung für bestimmte Befragte so hoch ist, dass ihre inhaltliche Bedeutung dahinter zurücktritt, und der Befragte statt auf den gemeinten Inhalt nur noch auf den Reiz des bloßen Wortes reagiert, und zwar nahezu mechanisch und auf voraussagbare Weise. Beispiele hierfür sind die Worte ‘Kapitalismus’, ‘die Kommunisten'” (Holm, 1975: 60) oder heute “der Islam”.

Christen

Public Viewing II

Stereotype Formulierungen, also krude Verallgemeinerungen, sind nicht nur in vielen Fällen suggestiv, und deshalb werden sie von gewissenhaften Sozialforschern vermieden, sie sind auch so unbestimmt, dass es keinen Zweck hat, nach ihnen zu fragen, denn man hat nicht die Spur einer Chance herauszufinden, woran die Befragten gerade gedacht haben, als sie “den Islam” als Bedrohung eingeordnet haben. Die Bertelsmann-Forscher sind entsprechend keine gewissenhaften Forscher, sondern von Unkenntnis Getriebene oder, – sofern sie wissen, was sie tun: Brandstifter, die versuchen, Ergebnisse in ihrem Sinne herbei zu manipulieren.

Und was ist von Journalisten zu halten, die titeln “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“?

Alternative 1:

Nichts – einfach nur nichts. Sie sind fehl am Platze. Ihnen fehlt jegliche Befähigung zum kritischen Denken und damit jegliches Urteilsvermögen. Letzteres ist jedoch für Journalisten zwingend erforderlich, schließlich setzen sie die Ergebnisse ihres vermeintlichen Denkprozesses vielen Lesern vor.

Alternative 2:

Nichts – denn sie wissen was sie tun und verwischen mit Bedacht und Bösartigkeit den Unterschied, der zwischen einem allgemeinen Begriff wie “Islam” und 1,57 Milliarden Muslimen besteht. Letztere sind Muslime und nicht der Islam (immer vorausgesetzt, man kann überhaupt des Islams im Gewirr der unzähligen Schulen habhaft werden), und der Islam ist etwas anderes als die 1,57 Milliarden Muslime. Wenn zwei Attentäter ein Büro eines islamkritischen Satirejournals überfallen, dann hat das ebenso wenig mit “dem Islam” zu tun, wie es mit dem Christentum zu tun hat, dass katholische Priester sich in doch recht großer Zahl an Jungen vergangen haben.

Die Gleichsetzung von Individuen mit einem abstrakten Begriff dient enstprechend dazu, eine Menschengruppe in Bausch und Bogen zu verteufeln und als unwert zu deklarieren, und sie passt in eine Zeit, in der eine Horde von Verrückten der Ansicht ist, es gäbe “die Männer” und “die Frauen” und alle unter dem Begriff “die Männer” oder “die Frauen” Eingeordneten seien sich so furchtbar ähnlich, während zwischen Männern und Frauen ein so großer Unterschied bestehe, dass man keine Gemeinsamkeit mehr finden könne.

Wer nicht mehr in der Lage ist, den Unterschied zwischen Peter Schmidt und Männer oder den Unterschied zwischen Ahmed Saad al-Din und Islam zu erkennen, der kann im normalen Leben nicht mehr funktionieren und sollte sich schnellstens in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen.

Langeweile pur: “Einschaltquoten” der Bundestags-Soap sinken rapide

Manche Politikwissenschaftler sind der Meinung, politisches Interesse sei für das Überleben einer Demokratie notwendig: Wenn, so ihre Behauptung, Bürger sich nicht oder nicht mehr für die Demokratie interessieren, dann stirbt die Demokratie, dann wird sie ausgehölt und verschwindet über kurz oder lang.

Wir sind anderer Meinung: Wenn, so unsere Behauptung, Bürger sich für ihr politisches System interessieren, wenn sie den politischen Akteuren auf die Finger sehen, dann stirbt das politische System, denn dann stellen die Bürger fest, was für Figuren sie finanzieren, wie sie geschröpft werden, und sie stellen sich immer öfter die Frage, warum sie politische Akteure und vor allem wofür sie politische Akteure bezahlen sollen.

Bundestag 1983Wir halten es hier mit Anthony Downs, der der Ansicht ist, dass normale Bürger sich den Politzirkus leisten, um ab und an von den entsprechenden Zirkus-Beschäftigten, den Clowns und den Wort-Akrobaten unterhalten zu werden und ansonsten zahlen normale Bürger den Politzirkus dafür, in Ruhe gelassen zu werden.

Nun hat die Bertelsmann-Stiftung gerade einen Bericht veröffentlicht, in dem die Autoren, Robert Vehrkamp und Dominik Hierlemann dem Alarmismus huldigen. Von einem “dramatisch schwindenen Interesse der Bürger” ist die Rede. Nur gut ein Viertel der Bundesbürger, so haben sie in einer Befragung herausgefunden, hat in den “vergangenen Monaten … eine Bundestagsdebatte im Radio oder Fernsehen verfolgt. Noch weniger können sich an ein dort diskutiertes Thema erinnern”.

Letzteres mag daran liegen, dass im Bundestag nicht diskutiert wird, schon gar keine Themen. Dort gibt es Redebeiträge, die der Selbstdarstellung, dem Angriff und der Verteidigung dienen, aber es gibt keine Diskussion, denn eine Diskussion setzt Argumente, Belege und Fakten voraus, und somit gleich drei Elemente, die im Bundestag nur in Spuren vorkommen. Insofern ist es ein Segen für die Bundestagsabgeordneten, dass sich kaum mehr jemand für ihre Redebeiträge interessiert.

Das war nicht immer so, wie man bei der Bertelsmann-Stiftung weiß: Im Vergleich zu den 1980er Jahren sei das Interesse der Bundesbürger an Bundestags-Debatten um rund die Hälfte zurückgegangen: Aus 50% Interessierten sind 27% geworden.

Bundestag 2014Das ist nun eine interessante Beobachtung, und es ist die Beobachtung, die Politikwissenschaftler interessieren sollte: Warum ist das Interesse zurückgegangen? Während die Autoren der Bertelsmann-Stiftung, die sich wohl als Politikberater sehen, Empfehlungen geben, wie man mehr Bundesbürger dazu bringt, den Politik-Zirkus im Bundestag wieder wahr zu nehmen, wollen wir uns an dieser Stelle mit dieser interessante Frage beschäftigen: Warum geht die Einschaltquote der Bundestags-Soap zurück und wieso werden auch die Kritiken der Dartseller in den Tageszeitungen immer seltener?

Drei erklärende Faktoren haben wir aufgestellt: Sie beziehen sich auf die Darsteller, die Zusammensetzung und die Qualität.

Darsteller – Farblose Versuche anstelle seriöser Ernsthaftigkeit

Bundestag 1983 – Darsteller: Wolfgang Emke (SPD), Joschka Fischer (Die Grünen), Heiner Geissler (CDU), Hans Dietrich Genscher (FDP), Helmut Kohl (CDU), Jürgen Möllemann (FDP), Helmut Schmidt (SPD):

Bundestag 2014 – Darsteller: Annalena Baerbock (Grüne), Cajus Julius Caesar (CSU), Marie-Luise Dött (CDU), Josef Göppel (CSU), André Hahn (Linke), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Hans-Christian Ströbele (Grüne).

Wer geht in Star Trek, wenn er weiß, Mr. Spock wird von Sebastian Meyer-Wohlgemut gespielt und nicht von Leonard Nimoy? Wer besucht ein Fussballspiel, wenn er weiß, es ist nicht das erste Team des 1. F.C. Kaiserslautern, das aufläuft, sondern die B-Jugend? Beim Bundestag ist das ganz genau so.

Zusammensetzung – Feminisierung verbreitet Langeweile

Bundestag 1983: 8,5% Frauenanteil

Bundestag 2014: 36,5% Frauenanteil

Frauenanteil BundestagDer Unterhaltungsfaktor sinkt, so könnte man den Zahlen entnehmen, mit der Anzahl der Frauen, die sich als Zirkusdarsteller im Bundestag versuchen. So wie Frauenfussball eben kein Fussball ist, so ist Frauen-Bundestag auch kein richtiger Bundestag. Es ist bekannt, dass mit einem steigenden Frauenanteil der Professionalisierungsgrad sinkt. Warum sollte das im Bundestag anders sein?

Qualität – Hausmannskost anstelle von Charisma

Vergleichen Sie einen beliebigen Redebeitrag aus dem Bundestag des Jahres 1983 mit einem Redebeitrag aus dem Bundestag 2014. Der Qualitäts-Unterschied zwischen beiden macht den ganzen Unterschied: Warum soll man sich langweilige Reden ohne Gehalt, bei denen nichts gesagt wird, was nicht sowieso schon bekannt ist, anhören? Warum soll man sich dasselbe von Vertretern unterschiedlicher Parteien, quasi als Endlos-Schleife anhören?

Warum soll man seine Zeit mit absoluter Langeweile verbringen, wenn man auch etwas Interessantes tun kann, z.B. Beiträge auf ScienceFiles, mehr als 1000 sind es mittlerweile, lesen?

Was ist nur mit der Mitte los?

Normalverteilung_der_IntelligenzlSie kennen doch die Mitte? Die Mitte, das ist da, wo die Normalverteilung ihren Bauch hat. Die Mitte ist da, wo man sich zwischen zwei Stühle setzt. Sie ist nicht oben, aber auch nicht unten, nicht rechts und nicht links, nicht eindeutig, genau, identifizierbar, die Mitte eben. Diese Mitte, das Mittel zwischen Ober- und Unterschicht, zwischen reich und arm, diese Mitte ist im Umbruch, nein, sie laviert zwischen Stabilität und Fragilität, so wie man es erwartet hätte, schrumpfte nicht genau diese lavierende Mitte seit “nunmehr 15 Jahren”. So ist sie eben, die Mitte, sie kann sich einfach nicht entschließen, was sie will: Mitte sein oder nicht, stabil sein oder nicht, schrumpfen oder nicht, im Umbruch sein oder nicht. Man hat schon seine liebe Müh und Not mit der Mitte, denn sie ist nicht Fisch, nicht Fleisch, und deshalb hervorragend geeignet, ja geradezu prädestiniert, um als Tummelfeld für Sozialforscher zu dienen.

  • Die Mitte(lschicht) bewegt sich zwischen Stabilität und Fragilität, so weiß eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und das obgleich es doch auf die “Definition von Mittelschicht” ankomme, was man über die Mittelschicht aussagen könne. Die Mitte der Einkommen sei zwar wegen des staatlichen Umverteilungsprozesses stabil, die Mitte werde aber dennoch im “mittleren und oberen Bereich” ausgedünnt, dennoch sei eine Erosion der Mittelschicht, eine Reduktion der Mitte auch im Bewusstsein der Mittleren, der Mittelschichtler, derer, die sich in der Mitte (von was auch immer) sehen, nicht gegeben. Und zwar in den letzten 20 Jahren nicht.
  • “Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft” seit 1997. Das hat eine Studie der Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. Jeder Vierte in der Mitte mache sich latente Sorgen über den sozialen Abstieg. Dieses Ergebnis ist nicht irgendein Ergebnis. Es basiert auf den Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), über dessen Qualität man zwar geteilter Meinung sein kann, das aber – in Ermangelung eines anderen longitudinalen Datensatzes in Deutschland – unter Sozialforschern, die in Deutschland schon immer Mangelverwalter par excellence waren, hoch im Kurs steht. Die schrumpfende Mitte der Bertelsmann-Stiftung ist im Gegensatz zur stabil-fragilen Mitte der Konrad-Adenauer-Stiftung das Ergebnis zweier Prozesse: Von unten kommen immer weniger in die Mitte nach und von oben wanderen nach wie vor ehedem Mittige in die Führungsetage der Oberschicht. Noch, so könnte man formulieren, gibt es keine gläserne Decke für die Aufstiegsambitionen der Mittigen.
  • Berichte aus Stiftungen wären nicht vollständig, wäre nicht die Friedrich-Ebert-Stiftung, jener Hort der parteinahen Berichterstattung, darin vertreten. In der Friedrich-Ebert-Stiftung wiederum ist die Mitte im Umbruch. Angesichts der Tradition der ehedem Arbeiterpartei SPD würde man nun erwarten, dass der Umbruch Momente des sozialen Aufstiegs von unten nach oben, also von der Arbeiterschicht in die Einkommensmitte der Gesellschaft berücksichtigt. Aber: weit gefehlt. Die umbrechende Mitte der Friedrich-Ebert Stiftung  ist eine Mitte, die in einer Vorgängerstudie schon in der Krise war, und nun ist aus der Krise ein Umbruch geworden, der den “rassistischen Diskurs in die Mitte der Gesellschaft” verschoben sieht. Ja. 8,2% der Mittigen oder nicht-Mittigen, weil eigentlich Extremen oder so, waren es in Kriseneiten, 9% in Zeiten des Umbruchs, die über ein “geschloessenes rechtsextremes Weltbild verfügen”, und deshalb und weil es manche vielleicht immer noch nicht verstanden haben, ist die Mitte aus der Krise und nunmehr im Umbruch: 0,8% deutschlandweit machen den ganzen Unterschied.

middle_classDie umbrechend fragile, aber dennoch stabil schrumpfende Mitte oder Mittelschicht, wie sie hier auf der Grundlage von nur drei Studien gezeichnet wurde (ich kann nicht mehr als drei Dimensionen verarbeiten, sonst hätte ich noch eine vierte Studie und eine fünfte Studie und eine sechste Studie, die wiederum zu anderen Ergebnissen gekommen sind, berücksichtigt. Aber ich denke, der Punkt ist klar – oder?), offenbart eine Sehnsucht nach einer festen und sich nicht wandelnden Welt, wie sie bereits Hereklit herbeigesehnt hat als er voller Missmut festgestellt hat, dass alles fließt: ’Alles fließt’, so sagt er [Heraklit], und‚ man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.’ Enttäuscht argumentiert er gegen den Glauben, dass die bestehende soziale Ordnung ewig währen werde: ‚Wir dürfen nicht handeln und reden wie die Kinder, die nach dem beschränkten Grundsatz großgezogen wurden: Wie es uns überliefert ward’“ (Popper, 1992, S.19).

Christmas CarolEs scheint, viele Sozialforscher teilen mit Heraklit eine Aversion gegen Wandel, und sie teilen mit Aristoteles eine Vorliebe für die Mitte, die reine und schöne und gute und angenehme Mitte, in der die Wahrheit zu finden ist: “Es gibt also drei Grundhaltungen”, so schreibt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, “[z]wei fehlerhafte, durch Übermaß und Unzulänglichkeit gekennzeichnet, und eine richtige: die Mitte”. Da ist sie wieder die Mitte, der Ausgleich zwischen Feigheit und Tollkühnheit, den Aristoteles eher tollkühn, Tapferkeit nennt. Oder der Ausgleich zwischen Knausrigkeit und Verschwendungssucht, den er Großzügigkeit nennt. Man beachte, dass die Begrifflichkeiten, die Aristoteles benutzt, wertende Begrifflichkeiten sind, d.h. seine Gegensatzpaare und vor allem seine goldene Mitte kann man nur dann richtig finden, wenn man seine Wertsetzung und seine Begriffspaare akzeptiert.

Tut man das nicht, dann kann man seinen Extremen zuweilen etwas abgewinnen. Ohne Knausrigkeit, wäre Ebenezer Scrooge nie dem Ghost of Christmas begegnet. Ohne Verschwendungssucht von Regierungen würden ganze Bereiche der Sozialindustrie brach liegen. Wäre der verlorene Sohn nicht der Arbeitsmuffel gewesen, der er war, und wäre er nicht der Verschwender gewesen, der er war, die katholische Kirche wäre um einen Gegenstand der Vaterliebe, den verlorenen Sohn, und einen anderen Sohn, den ersten unfair behandelten, erstgeborenen Sohn der Literaturgeschichte ärmer.

mediocreDas Gegenteil von Feigheit ist nicht Tollkühnheit, sondern Mut, und das Gegenteil von Tollkühnheit ist Ängstlichkeit und nicht Feigheit. Die goldene Mitte von Aristoteles hat also mindestens so viele Prämissen wie die Sehnsucht nach einer stabilen Welt, in der sich vor allem die Bestimmung von Mitte nicht verändert. Und die meisten Prämissen weisen in die selbe Richtung, in Richtung der Angst vor Veränderung. Mitte ist in erster Linie ein Equilibrium, ein Zustand, der sich nicht ändert und auch nicht ändern soll, denn man hat sich gerade so schön in ihm eingerichtet. Entsprechend sind alle Prozesse des gesellschaftlichen Wandels eine Gefahr. Sie gefährden die Besitztümer (der Mitte), sie gefährden die soziale Struktur, die soziale Hierarchie, das Ausmaß sozialer Ungleichheit, und sie gefährden die Weltsicht derer, die so heftig davor warnen, dass sich die Mitte ändert. Zum Glück hat sich die Realität noch nie an die Vorlieben von Veränderungs-Aversen gehalten, sonst säßen wir jetzt noch in Höhlen und warteten auf die Erfindung des Feuers.

©ScienceFiles, 2012/2011

Literatur

Popper, Karl Raimund (1992). Gesammelte Werke 5: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 1: Der Zauber Platons.
Tübingen: J.C.B. Mohr.

Bildnachweis:

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