Hasskommentar-Windmühlen: Don Quichotte und Sancho Panza gespielt von Laiendarstellern aus Politik und Medien

„Sie fanden, was sie kannten“. So lautet der Titel eines Büchleins, in dem Joachim Rehork schon vor Jahrzehnten die (Selbst-)Beschränkung von Archäologen, die egal, was sie finden, rituelle Gefäße finden, deren Bedeutung sie rituell mit „Opfer“ oder sonstigen religiös verbrämten Vorstellungen angeben. Die Archäologie, sie war der Hort der Phantasielosen bis sie von Grewis (Grenzwissenschaftlern) aufgemischt wurde und den Stab der Erkenntnis- und Phantasielosigkeit an diejenigen in den Sozialwissenschaften weitergegeben hat, die seit Jahrzehnten erfolglos darauf warten, eine Idee zu haben.

Weil ihnen partout nichts selbst einfallen will, deshalb verlegen sie sich darauf, Mouthpiece, Sprachrohr der Phantasielosen zu spielen, die sich in Politik und Journalismus als Laiendarsteller versuchen. Es ist in diesem Kontext der Phantasielosigkeit, in dem Ideen wie die, soziale Medien seien der Hort von Hassrednern, in denen sich Hasser zusammentun, um zu hassen, und nur zu hassen in guten wie in schlechten Tagen bis die schlechte DSL-Leitung sie vom Server scheidet, florieren. Erst gestern haben wir von einem Hilfsakademiker, einem institutionalisierten Soziologen berichtet, der nichts anderes kann als das Internet vor dem Hintergrund seiner eigenen Vorurteile zu betrachten und sich seine Vorurteile zu bestätigen, täglich aufs Neue und in minutiöser Kleinkrämerei, die jeden Blick auf mehr als eine Fallstudie scheut.

Es ist in der Enge der Gehirne von Laiendarstellern aus Politik, Journalismus und Hilfsakademia, in der sich Phantasien der Abgeschlossenheit im eigenen Zirkel, in der eigenen Subkultur formieren, in der Feindbilder derer, die angeblich das Internet nur dazu benutzen, um zu hassen, gebildet werden und sich die Wut auf diese phantasierten Hasser aufstaut, bis sie sich in einem Shitstorm Bahn bricht, um Gesetz oder von einem vormals wissenschaftlichen Verlag zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden. Wenn sich die Phantasien vom bösen Anderen, der im anonymen Internet hassen soll, wie Azathoth im Dunkeln nagt, erst Bahn gebrochen haben, wenn sie erst zum herrschenden Gegenstand im eigenen Echozimmer, das die phantasie- und häufig auch kenntnislosen Polit-, Journalistik- und Wissenschaftsdarsteller gemeinsam bewohnen, geworden ist, dann entwickeln sie eine eigene Dynamik, dann werden sie zum eigenständigen Motiv, das all denjenigen, die außerhalb des Echozimmers in Normalität leben, unterstellt wird.

So entstehen dann die Märchen von den Wutbürgern und Hassern, die das Internet bevölkern und sich dort nur aufhalten, um zu hassen, sich mit Ihresgleichen im Hass zu verbrüdern und gemeinsame Hassorgien zu feiern. Derartige Phantasien sagen viel über die Laiendarsteller aus Politik, Medien und institutionalisierter Wissenschaft aus, aber sie sagen gar nichts über die Realität.

Mehr noch: Sie sind schlicht falsch.

Dass sie falsch sind, das zeigt eine brandneue Studie, die Dr. habil. Heike Diefenbach aufgetan und für uns besprochen hat. Nicht nur finden sich Echozimmer im Internet so gut wie gar nicht, die Forscher und all die anderen, die sie angeblich gefunden haben wollen, konnten dies nur, weil sie selbst in einem Echozimmer leben, das so sehr von methodischer Armseligkeit geprägt ist, dass es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, dass das Internet viel mehr Möglichkeiten bereitstellt als die eine, die einzige, die sie kennen und gegen die sich ihr ganzer Ärger richtet.

Der gemeine Internetnutzer, er ist viel informierter und versierter als die meisten derjenigen, die ihn beforschen wollen oder die ein Zerrbild erschaffen, um sich daran abzuarbeiten, jenes Zerrbild, aus Hasskommentaren (was immer genau das auch für wen sein mag) und Echozimmern, also der Vorstellung, dass jeder nur diejenigen sozialen Medien zur Kenntnis nehmen würde, die ihm weltanschaulich zusagen, aber keine anderen Medien (oder gar keine), so dass es zunehmend zur Entstehung von so genannten Echozimmern komme, in denen sich nur Gleichgesinnte austauschen, was zu politischer Polarisierung in der Gesellschaft zwischen politisch Interessierten und politisch nicht bis wenig Interessierten einerseits und zwischen weltanschaulichen „Lagern“ andererseits führe.

Diese Vermutungen werden zwar routinemäßig wiederholt, aber empirisch überprüft wurden sie bislang kaum oder wenn, dann auf der Grundlage mangelhafter Forschungsdesigns, insbesondere in Form von Betrachtungen einzelner sozialer Medien ohne Berücksichtigung der Frage, inwieweit Nutzer dieser Medien noch andere Medien nutzen.

Elizabeth Dubois von der University of Ottawa und Grant Blank vom Oxford Internet Institute haben diesem Mißstand nun Abhilfe geschaffen. Sie haben anhand einer 2.000 Personen umfassenden Zufallsauswahl von Erwachsenen im Vereinigten Königreich untersucht, welche Medien sie nutzen und inwieweit sie sich bei ihrer Mediennutzung in „echo chambers“ bewegen.

Das Ergebnis im Originalton von Grant Blank: „Whatever the causes of political polarisation today, it is not social media or the internet” [Was immer auch die Ursache der derzeitigen politischen Polarisierung sein mag, soziale Medien oder das Internet sind nicht die Ursache], denn die Untersuchung ergab, dass soziale Medien weniger dazu genutzt werden, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen oder Informationen nur aus weltanschaulich nahestehenden Medien zu suchen. Vielmehr werden soziale Medien von der Mehrheit ihrer Nutzer dazu genutzt, Informationen, die sie irgendwo gelesen haben, zu überprüfen. Sie nutzen dazu auch Suchmaschinen und werden dabei häufig mit Darstellungen oder Meinungen konfrontiert, die nicht ihren eigenen entsprechen. Die Forscher haben festgestellt, dass die Nutzer in der Stichprobe durchschnittlich vier verschiedene Medien als Hauptinformationsquellen nutzten und im Durchschnitt auf Plattformen dreier verschiedener sozialer Medien angemeldet waren. Sie haben weiter festgestellt, dass einige der Nutzer in der Stichprobe aufgrund dieser Art der Mediennutzung ihre Meinung zu bestimmen Fragen geändert haben.

In der Stichprobe von Dubois und Blank waren nur 8 Prozent der Befragten Nutzer eines einziges Mediums, aus dem sie sich gesellschaftspolitische Informationen verschafft haben. Sie zeichnen sich auch dadurch aus, politisch nicht besonders interessiert zu sein. Während sie also diejenigen Mediennutzer sind, die am ehesten in der Gefahr stehen, sich in „echo chambers“ zu bewegen, sind sie aufgrund ihres realtiven politischen Desinteresses auch diejenigen, die am wenigsten meinungsbildend auf andere Personen wirken dürften. Während das politische Interesse oder Desinteresse also einen (statistisch signifikanten) Zusammenhang mit der Mediennutzung ergab, war das für andere Variablen wie Alter, Einkommen, ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht der Befragten nicht der Fall.

Diese Studie, die – anders als die vielen Arbeiten, die sich nur der Betrachtung eines einzelnen sozialen Mediums widmen, wohl oft in der Absicht, Belege für ihre vorgefassten Meinungen über die Fragwürdigkeit sozialer Medien zu beschaffen – erstmals die Breite der Mediennutzung durch Befragte in Rechnung stellt, ergibt also ein klares Bild: sofern eine politische Polarisierung in (westlichen) Gesellschaftlichen zu beobachten ist, spielen soziale Medien dabei keine Rolle. (Der Fairneß halber sei bemerkt, dass Barberá et al. im Jahr 2015 aufgrund ihrer Studie mit dem Titel „Tweeting From Left to Right“ über die Nutzung von Twitter, also aufgrund ihrer Betrachtung eines einzigen sozialen Mediums, ebenfalls zu dem Ergebnis kamen, dass das Ausmaß politischer bzw. weltanschaulicher Segregation bei der oder durch die Nutzung sozialer Medien überschätzt wird.)

Nun wäre es notwendig, diese Studie in anderen Ländern, z.B. in Deutschland, und möglichst auf der Grundlage einer noch größeren Anzahl von Befragten zu replizieren, um festzustellen, ob sich bezüglich der Bedeutung sozialer Medien bzw. des Internets für eine politische Polarisierung Unterschiede zwischen verschiedenen (westlichen) Gesellschaftlichen feststellen lassen. 

Die Studie von Dubois und Blank ist in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Information, Communication & Society“ erschienen.

Dubois, Elisabeth & Blank, Grant, 2018: The Echo Chamber is Overstated: The Moderating Effect of Political Interest and Diverse Media. Information, Communication & Society 21(5): 729-745.
https://doi.org/10.1080/1369118X.2018.1428656

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12 Responses to Hasskommentar-Windmühlen: Don Quichotte und Sancho Panza gespielt von Laiendarstellern aus Politik und Medien

  1. Marbald says:

    Diese Studie ist sehr wichtig, da sie bisherige Studien in einen neuen Zusammenhang bringt und einen bisher offenbar zu wenig beachteten Faktor ins Licht rückt.

    Was lernen wir daraus?
    Soziale Netzwerke sind offenbar in der Tat polarisiert und vom Facebook-Algorithmus weiß man, dass er Echoräume (alias Filterblasen) fördert bzw. produzieren kann¹. Die Vielfalt der Medien und deren Konsum wirkt allerdings der Einseitigkeit einzelner Medien entgegen und die Nutzung verschiedener Medien (von denen sozialen Netzwerken am wenigsten getraut wird) zur Informationsgewinnung und -überprüfung ist ein wirksames Mittel gegen Echoräume, wodurch sie ein kleineres Problem sind, als man es anhand bisheriger Studien erwartet hat.

    Dennoch ist in vielen Gesellschaften der westlichen Welt eine Tendenz zu verschärfter Auseinandersetzung und eine Polarisierung zu beobachten. Wie ist das in Einklang zu bringen?

    Meine Vermutung ist, dass zwar die Informationsaufnahme der Menschen diversifiziert ist, die Informationsabgabe allerdings nicht. Mit anderen Worten: Wenige Meinungsmacher dominieren in sozialen Netzwerken den Diskurs. Das hat unlängst eine Studie gezeigt, der zufolge ein Großteil der politischen Kommentare einer bestimmten Richtung von nur 5 % der Nutzer stammen.
    Die Informationskonsumenten sind demnach zwar ausgewogen informiert, äußern tun sich aber vor allem Hardliner und Radikale (die tatsächlich häufig in Filterblasen sitzen).

    Deswegen würde mich – wie den Autor vermutlich auch – ein Vergleich zwischen UK und USA interessieren, wo der institutionelle (ÖR-)Rundfunk bekanntlich eine im Vergleich zur BBC vernachlässigbare Rolle spielt.

    Gerade bei den vornehmlich im ländlichen Raum lebenden Trump-Anhängern könnte ich mir dank geringer Bevölkerungsdichte und Medienvielfalt eine verstärkte Blasen- bzw. Echoraumbildung vorstellen, um mal ein konkretes Beispiel zu nennen.

    Auch ein Vergleich der Mediennutzung zwischen Briten und Deutschen fände ich sehr interessant. Schließlich ist letzteren bei unzureichenden Sprachkenntnissen ein Großteil der Inhalte der großen sozialen Netzwerke nicht zugänglich und sie sind auf Übersetzer angewiesen – also einen zusätzlichen Filter. Das gilt vor allem für die unteren Bildungsschichten, die, da das politische Interesse mit dem Bildungsgrad korreliert, sowieso am ehesten von Filterblasen betroffen sind.

    Übrigens:
    Auch wenn die Studie von Google mitfinanziert worden ist, sehe ich momentan keinen Grund, an den Ergebnissen zu zweifeln.

    ¹ http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/filterblase-radikalisierung-auf-facebook-a-1073450.html

  2. Heike Diefenbach says:

    @Marbald

    Wir in der SF-Redaktion haben ebenfalls den Eindruck, dass es eine politische Polarisierung in Teilen der Gesellschaft gibt, und wir haben aussderdem den Eindruck, dass das mit der immer umfassenderen Institutionalisierung von allen möglichen Lebenszusammenhängen (und inbesondere mit der enormem Staatsquote als “Prototyp” der umfassenden Institutionalisierung von Lebenszusammenhängen) zu tun hat.

    “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing” dürfte eine Rolle spielen, aber wir vermuten, dass eine ebenso große Rolle dabei eine mehr oder weniger unbewusste Suche nach (sozialer statt personaler!) Identität ist, die in einer Positionsgesellschaft wie Deutschland für viele Menschen eben über die Position definiert ist. Wie sonst sollte man erklären, warum Leute alles daran setzen, ein Angestelltenverhältnis (oft auf Zeit) z.B. an einer Uni zu finden, in dessen Rahmen sie jährlich dieselben Module einer Masse von Leuten vorlesen dürfen, die dies auf sich nehmen, weil sie sich ihrerseits eine Anstellung an irgendeiner Institution, die hoffentlich noch einen bislang unbesetzten einen Zeitgeist-white-collar-job zu vergeben hat, anstreben, einfach, damit sie kraft Position auch “wer” sein und vom Positionskatheder aus die Version der “Wahrheit” predigen können, die zu multiplizieren ihnen die Position aufgibt. Andere Wege der Entwicklung einer Ich-Identität sind in der Tat schwierig zu gehen für Generationen, die in zunehmendem Maß gar nichts anderes kennen als die 24-Stunden-“Begleitung” durch staatlich geregelte Lebenspraxis und Sinnstiftungsprozesse.

    Insofern – und ich persönlich finde, dass die Beobachtung der Szene der Politdarsteller und ihrer An-Institute dies täglich illustriert – ist die politische Polarisierung, die sich in den westlichen Gesellschaften beobachten lässt, vor allem eine Inszenierung derer, die sich ihres prekären Mittelschichtsstatus’ auf Pöstchen im öffentlichen Dienst versichern wollen (oder eine Folge dieser Inszenierung).

    Man nehme nur das Beispiel “Hasskommentare”: Wer, bitte, ist denn mit Ausfälligkeiten in den Medien aufgefallen, wenn nicht die Laiendarsteller der politischen Bühne?!! Man denke da z.B. an das “Miststück Deutschland” oder die Beleidigungen bekannter SPD-Politiker oder auch nur an die systematische Kriminalisierung der AfD, an der nach wie vor der Verfassungsschutz keinen Anstoß finden kann und die deshalb als ganz normale demokratische Partei gelten muss. Wenn Wünsche, Interessen und Normalitätsvorstellungen großer Gruppen der Gesellschaft einfach permanent mit Füßen getreten werden, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie der täglichen performance der Laiendarsteller nicht mehr schweigend zusehen wollen und deshalb aus der Sicht derselben beginnen, sich “zu polarisieren”, d.h. ihre Nicht-Zustimmung zunehmend zu äußern und damit sichtbar(er) zu machen.

    Selbst dann, wenn es “Hasskommentare” in nennenswertem Ausmaß geben würde, wäre doch wohl klar, dass diese Laiendarsteller diesbezüglich offensichtlich Schule gemacht haben. Und wer so gerne auf die sogenannten ungebildeten Schichten herabsieht (ich hoffe, Sie tun das nicht!?) wie die Laiendarsteller auf der politischen Bühne, und ihnen unterstellt, dass sie es sein müssten, die “polarisiert”, d.h. anderer Meinung als sie selbst, sein müssten, der sollte doch umso größere Sorge dafür tragen, dass er gerade ihnen kein schlechtes Rollenmodell abgibt, oder!?

    Und das beginnt sicherlich mit einem anständigen und vernünftigen Gebrauch der deutschen Sprache und dem Respekt vor dem semantischen Gehalt von Worten. Dann kann man z.B. seine Frauenbevorteilungspolitik nicht nonchalant einmal als “Gleichstellung”, ein anderes Mal als “Chancengleichheit” o.ä. darstellen. Das funktioniert so einfach nicht; die Leute nehmen so etwas – unabhängig davon, ob ein solcher Sprachmissbrauch nun ein Ergebnis von Zynismus oder maßloser Selbstüberschätzung oder mangelnder Bildung ist – zunehmend übel. Und sie entdecken zunehmend, dass rein formale Bildung in vollständiger Abwesenheit inhaltlicher, geschweige denn: menschlicher, Bildung keine tragfähige Basis für ein gesellschaftliches Zusammenleben ist.

    Kurz: Die derzeitige “Polarisierung” westlicher Gesellschaften scheint mir lediglich eine wachsende Kluft zwischen denjenigen zu sein, die in einer Gesellschaft produktiv sind und Eigenverantwortung übernehmen (von Unternehmer bis zum Schichtarbeiter) einerseits und denjenigen, die alles daran setzen, ihre prekäre Lebenssituation als white-collar-Mittelschichtler samt irgendwelcher akademischer Ramschbildung (wie z.B. Medienwissenschaft, Theaterwissenchaft oder Gender Studies) so lange wie möglich zu erhalten, und sei es um den Preis einer Surrogatidentität, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man das Selbst-Denken komplett ausschaltet und brav nachbetet, was die positionsgebende Institution vorpredigt. Es ist schließlich auch diese Klasse von Leuten, die die “Polarisierung” beschreibt, weil sie sich durch die zunehmende Nicht-Bereitschaft aller anderen in der Gesellschaft, sie nicht nur zu dulden, sondern lebenslang zu finanzieren und sich dann auch noch von ihr gängeln oder beschimpfen zu lassen, beängstigend finden.

    P.S. Auf den m.E. wundervoll treffenden Begriff “Ramschbildung” habe ich ein copyright! 🙂

    • Marbald says:

      @ Heike Diefenbach:
      Ihren Beitrag habe ich gelesen und zur Kenntnis genommen. Jeden Punkt daraus zu diskutieren würde aber den Rahmen dieser Kommentarspalte sprengen. Deswegen möchte ich mich auf Ihre Kurzfassung konzentrieren:
      “Die derzeitige “Polarisierung” (…) scheint mir lediglich eine wachsende Kluft zwischen denjenigen zu sein, die in einer Gesellschaft produktiv sind und Eigenverantwortung übernehmen (…) und denjenigen, die alles daran setzen, ihre prekäre Lebenssituation als white-collar-Mittelschichtler (…) so lange wir möglich zu erhalten.”

      Diese Grenzziehung sehe ich so nicht. Das impliziert, dass der Leiharbeiter Seite an Seite mit dem Oberarzt gegen die “White-Collar-Mittelschichtler” steht. Das mag für einige spezielle Themen, wie Gender-Mainstreaming und andere sozial-kulturell geprägte Diskurse, stimmen.
      Bei anderen Themen, wie dem Umgang mit Ausländern, scheinen dagegen besonders die prekär beschäftigten die lautesten Schreihälse zu sein, denen die bürgerliche Mitte (und die Linke sowieso) entgegen stehen, während ein Teil der Konservativen stillschweigend zustimmt.
      Beim Thema Kapitalismus und Ausbeutung würden die prekär Beschäftigten dagegen zusammen mit der Linken gegen Teile der Wirtschaft stehen.
      Beim Thema Diesel wiederum läuft die Grenze mitten durch die Gesellschaft.

      Eine generelle polarisierte Teilung der Gesellschaft sehe ich daher nicht, wohl aber eine zugenommene Schärfe in der öffentlichen Diskussion, vor allem online (ich bin seit 21 Jahren online). Dass die Politiker das verursacht haben, sehe ich allerdings nicht. Man erinnere sich an die Zeiten von Franz-Josef-Strauß, als Polemik in politischen Debatten im Parlament noch normal war. Heutzutage ist es eine erfrischende Seltenheit, wenn der politische Gegner im Parlament rhetorisch fertig gemacht wird (schade, dass Gregor Gysi nicht mehr aktiv ist).
      Die Politiker sehe ich wenn, dann eher als Katalysatoren, als Spiegel der gesellschaftlich gewandelten Mentalität.

      Dieser Wandel wiederum wird m. E. vor allem durch zwei Faktoren befeuert:
      1. Die zunehmende Enthemmung und Niveaulosigkeit in den (privaten) Medien. Sendungen wie Big Brother oder das Dschungelcamp sind teilweise hart an der Grenze zur Menschenunwürdigkeit, auch bei “Germanys Next Top Model” werden letztlich junge Mädchen schamlos für product placement ausgenutzt. “Doku-Soaps” fördern höchst zweifelhafte Vorbilder und Witzfiguren (Andreas aus Frauentausch) und bei Circus Halli Galli muss ich immer an den Film “Idiocrazy” denken, den ich vor einigen Jahren gesehen habe und bei dessen Erinnerung ich erschrecke, wie schnell sich unsere Gesellschaft in Richtung dieser Dystopie bewegt.

      2. Die Ankunft der Onlinewelt und der “digital natives” in der Gesellschaft, die mit anonymen Meinungsäußerungen und der Erfahrung groß geworden sind, dass jeder immer und überall seine Gedanken ins Internet abladen kann sowie, dass auch im realen Umgang miteinander der Schein zählt, den man sich auch über das soziale Netzwerk (online) aufbaut. Da werden (angefangen mit den Gruppen beim altehrwürdigen StudiVZ) Profile zum Schaufenster der eigenen Person und im eigenen sozialen Umfeld konträre Meinungen nur von selbstbewussten Menschen vertreten. Im Gegenteil kann man sich mit knackigen und polemischen Äußerungen für einen zustimmungsfähigen Standpunkt eine Menge Anerkennung holen.
      Sobald es anonym zugeht, kann dafür umso mehr die Sau rausgelassen werden. Egal, ob man nun fremdenfeindlich, ein radikaler Feminist oder Hardcore-Veganer mit Sendungsbewusstsein ist. Da geht es dann oft einfach nur darum, den Gegner in einer Diskussion “totzuschreien”, indem dieser entweder durch harte Sprache und Polemik bzw. persönliche Angriffe vertrieben wird, oder die Diskussion durch so viele Kommentare einer Seite dominiert wird, dass die andere Seite kaum mehr wahrgenommen werden kann.

      Dieses Verhalten überträgt sich nach meinem Eindruck in letzter Zeit mehr und mehr auch in die reale Welt. Ich erinnere mich daran, wie die Medien vorletztes und letztes Jahr schockiert berichtet haben, dass Hetze inzwischen sogar unter Klarnamen veröffentlicht wird.
      Das gilt aber nicht nur für Online-Kommentare mit Klarnamen, sondern auch für Stellungnahmen vor der Kamera (z. B. Gabriels “Pack”).

      Diese Mentalität “stark ist, wer starke Worte wählt” führt gleichzeitig zu verhärteten Fronten, da man mit Zustimmung für den “Gegner” als schwach und “Verlierer” dasteht. Je mehr eine Diskussion der Selbstdarstellung dient, desto erbitterter werden auch die eigenen Standpunkte verteidigt. Und DIESBEZÜGLICH sind die Politiker der großen Parteien leider Vorreiter, ob sie nun Seehofer, Doofrind, Lindner, Gabriel oder Wagenknecht heißen.
      Recht hat die Seite, die die meisten Äußerungen vom Stapel lässt und in der radikalsten Form werden dafür auch Fakten verbogen, erfunden oder ignoriert. Wer hierin der Meister ist, wissen wir ja alle.

      “Meine Meinung steht fest, bitte verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen” stand auf dem Auto einer meiner Lehrerinnen. Heute scheinen das große Teile der Bevölkerung leider ernst zu nehmen und nicht ironisch.

      • Heike Diefenbach says:

        @Marbald

        Das sind interessante Dinge, und ja, es ist schade, dass man sie schriftlich nicht wirklich (aus-/)diskutieren kann.)

        Vieles von dem, was Sie schreiben, kann ich nachvollziehen, aber ich denke nicht, dass sie die “Polarisierung” entlang bestimmter Inhalte differenziert (also: politische Inhalte oder Meinungen zu bestimmten Fragen eben doch nicht hinreichend “polarisieren”).

        M.E. sind die einzelnen Einstellungsobjekte, die Sie genannt haben (Ausländer, Gender Studies etc.) nur eine Art Spielfiguren, mit deren Hilfe auf dem Spielfeld der sozialen Verortung und des relativen materiellen Überlebens ein möglichst gutes Abschneiden erzielt werden soll. Dafür spricht schon, dass sie alle Konjunkturen haben, kommen, gehen, wieder, vielleicht in leicht veränderter Form, aus dem Hut gezaubert werden, je nachdem, was zu einem bestimmten Zeitpunkt weniger abgenutzt erscheint als etwas anderes wie z.B. derzeit “Rassismus” gegenüber “Feminismus”.

        Wie gesagt denke ich, dass es im Großen und Ganzen tatsächlich (einmal mehr!) um einen Konflikt zwischen (relativ) Produktiven und (relativ) Unproduktiven geht, bei dem Themen gezielt im Dienst der Sache eingesetzt werden. Das bedeutet ja nicht notwendigerweise, dass die (relativ) Produktiven und die (relativ) Unproduktiven immer und überall und in jeder Frage (jeweils untereinander) übereinstimmen müssen.

        (Klar ist hoffentlich, dass ich im Zusammenhang mit “Unprodktiven” willentlich oder selbst gewählt Unproduktiven spreche und selbstverständlich nicht von erzwungener Unproduktivität wie durch Krankheit oder von selbstfinanzierten Unproduktivitätsphasen, gegen die ja niemand etwas einzuwenden haben kann.)

        Mein Punkt ist, dass die “Polarisierung” ja gar nicht ALS SOLCHE wahrgenommen werden würde, wenn es um jeweils einzelne Meinungsunterschiede zwischen jeweils einzelnen Gruppen ginge. (Das wäre einfach Meinungsvielfalt in einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft.) Dass von “Polarisierung” gesprochen wird, verweist m.E. doch schon darauf, dass tiefergehende und systematische Unterschiede, sagen wir: Unterschiedssyndrome, gesehen werden, und wenn man versucht, diese Syndrome zu erklären, kommt man, glaube ich, sehr schnell zu einer Art Eigenlogik, die die “Polarisierung” annimmt:
        je stärker das staatlich finanzierte white-collar-Prekariat sein materielles Überleben und seinen Überlegenheitsanspruch gefährdet sieht, desto größer werden seine Anstrengungen, die Gefährdungen oder Kritik abzuweisen. Im Zuge dieses Unternehmens werden immer mehr ganz normale Leute zu “Rechten”, zu “Rassisten”, zu “Antifeministen”, zu Leuten, die gegen all das gerichtet sind, von dem die staatlich in Maßnahmen und Projekten Finanzierten unproduktiv leben.

        Und im Zuge dieses Prozesses schaffen diese Unproduktiven in einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung erst die “Polarisierung”, die den zugrundeliegenden Interessenkonflikt zwischen Produktiven und Unproduktiven bzeichnet, aber nicht so beschrieben wird, weil das Prekariat ja dann als solches erkennbar werden würde. Deshalb muss so getan werden, also ginge es vornehmlich um einzelne inhaltliche politische Standpunkte. Für manche geht es sicherlich hierum, aber ich glaube nicht, dass diese Standpunktsunterschiede irgendwie so neuartig oder so bemerkenswert sind, dass sie eine Polarisierung kreieren könnten.

        Ich messe also den zeitgeistlichen Politiken keinen besondere Bedeutung zu, sondern sehe “Polarisierung” im Zusammenhang mit einem sozialstrukturellen Prozess, vermutlich aus einer soziologischen Perspektive, die man konflikttheoretisch nennen könnte und aus der heraus die Feststellung einer gemeinsamen Interessenlage z.B. von Oberärzten und Leiharbeitern durchaus Sinn machen kann.

        Zweifellos kann man aus verwandten Perspektiven durchaus sinnvoll auf dieselbe Sache schauen. Sie haben ja u.a., wenn ich Sie richtig gelesen haben, auf sozialpsychologische Mechanismen (stark ist, wer starke Worte macht, usw.) verwiesen, und das habe ich mit Bezug auf “soziale Identität” ja auch getan. Diese Mechanismen und Prozesse haben ganz sicher ihren Platz in dem, was wir hier besprechen.

        Aber prinzipiell bin ich Soziologin. Ich kann nicht anders denn als Soziologin denken, und ich glaube, dass Vieles für meine sozialstrukturelle Perspektive spricht, von dem ich hier nur einen Teil beschreiben konnte.

        Es wäre wirklich interessant, das einmal mit einigen Leuten ausführlicher zu diskutieren!

        • oprantl says:

          Meine Worte sind sicher nicht so akademisch, aber ich versuche mal, das Problem, -Hass ist nur ein Teil des Problems-, mit einem einfachen Bild darzustellen.
          Man stelle sich eine Wippschaukel vor. Auf dem linken Balkenende stehen sehr viele Linke, auf dem rechten Balkenende wesentlich weniger Konservative. In der Mitte stehen auch einige Wenige. Die Linken, -ihr Kennzeichen ist, sie brauchen immer etwas zum Dagegensein-, versuchen nun sehr erfolgreich, z.B. mit Pressionen und Rufmord (Nazi), diejenigen, welche nicht unter linken Bedingungen leben wollen, zu zwingen, ihre Gegenposition nur aus der Balkenmitte zu formulieren, sowohl was die Form, als auch den Inhalt betrifft. Nun ist aber auch für einfachste Geister klar ersichtlich, wohin sich der Balken neigt, wenn nur die Mitte verstärkt wird. Wenn es mal eine Zeit gab, in welcher die Verstärkung der Mitte Sinn gab, diese Zeiten sind längst vorbei.
          Früher haben Menschen wie Strauß, stellvertretend für jedermann, die Dinge verständlich formuliert, Im Parlament und in der Presse. Diese Lücke, welche nie hätte entstehen dürfen, wird heute von den Menschen über die neuen Medien geschlossen. Sie wollen gehört werden, und je weniger zugehört wird, um so lauter und aggressiver fallen die Äußerungen aus.
          Dieses ist erstens völlig normal, ja sogar notwendig, und zweitens und vor allem, es ist von links erzwungen. Und die verlogene Ummünzung von “Ablehnung” auf “Hass” macht das Ganze zu einer unerträglichen Denuntiation. Wer ist nun der Übeltäter ?

          Und wenn es wirklich um Wut und Hass geht, so ist das mehr als verständlich, wenn man erfährt, wie auf dieser linken und leistungslosen Schiene lebenslange und unkündbare Hochversorgung ohne jede Korrekturmöglichkeit, und das nicht nur für Staatsbürger, organisiert wird. Das Ausmaß und die dahinter steckende Korruption würde längst eine Revolution rechtfertigen, denn diese Riesensummen müssen von anderen über Einkommensreduzierung zwangsfinanziert werden.

          Wir sollten langsam Artikel 20,3 und 20,4 GG sehr genau präzisieren, noch kann das in geordneten Bahnen ablaufen.

          Oder, um es praktisch zu sagen, ein Hoeneß im Gefängnis und Merkel macht justiziell unbelästigt weiter, was sie will, da gibt es einige große Aufgaben für Verfassungsrechts- und Strafrechtsüberarbeitung.

          • Heike Diefenbach says:

            … naja, “lebenslang” und “unkündbar” wird die “Hochversorgung” der Leistungslosen vorhersebar nicht sein können, denn diese müsste dann ja über eine lange Zeit von Leistenden erwirtschaftet werden, und es sieht immer mehr danach aus, dass die Schere zwischen den Leistenden und denen, die nicht leisten, aber versorgt werden wollen, immer weiter auseinandergeht; die Ersten werden weniger, die anderen mehr. Das kann nicht funktionieren.

            Und die Leistungsdemotivation in sozialistischen Staaten war sicherlich ein wichtiger, wenn nicht der entscheidende, Grund dafür, dass dieselben eine durchschnittliche Überlebenszeit von 30 Jahren haben – mehr nicht; dann sind sie pleite. Das mag für Frau Merkel gerade noch reichen, aber für all die, die jetzt und in noch jüngeren Jahren dumm genug sind, um sich für eine Ideologie einzusetzen, die sie selbst schädigt, wird das ein Debakel.

        • Marbald says:

          Wir stimmen sicherlich in Teilen überein. Die Verengung auf “unproduktives white-collar-Prekariat” auf der einen und den produktiven Teil der Bevölkerung auf der anderen Seite (wo stehen da eigentlich ALG II-Empfänger?) halte ich aber für zu eng gezogen.
          Dazu möchte ich diesmal weniger auf die Debattenkultur als auf die Ansichten und Meinungen eingehen.

          Nehmen wir als Beispiel die AfD*, die als momentan sehr beliebte Partei m. E. besonders für die Polarisierung steht, können ihre Positionen und Meinungen doch von vielen nicht mehr diskutiert werden. Die Anhängerschaft der AfD besteht – im Gegensatz zu dem, was die CSU denkt – gar nicht so sehr aus rechts oder “nationalkonservativ” eingestellten Menschen. Wie das Beispiel des Ruhrgebiets zeigt, sind es zu einem guten Teil frühere SPD-Wähler, die von ihrer Stammpartei enttäuscht sind.
          Diese sicherlich zu den Produktiven gehörenden Menschen wählen aber, im Gegensatz zum gut verdienenden Facharbeiter, sicherlich nicht die Union, denn die tut für ihr sozio-ökonomisches Milieu bekanntlich auch nichts. Also bleibt die AfD als Ausdrucks des Protests.

          Die heutigen Politiker der großen Parteien sind allesamt derart abgehoben, ob nun Nahles, Gabriel, Merkel, oder die gesamte CSU-Klique, dass sie den Puls der einfachen Leute schlicht kaum mehr fühlen, wenn man ihnen nicht mit einem “Shitstorm” oder einem Medienskandal auf die Füße tritt.
          Diese Entfremdung hat sich zunächst in sinkender Wahlbeteiligung niedergeschlagen. Jetzt, wo die AfD als Alternative Partei auf der Tagesordnung steht, fließt ein guter Teil der Ex-Nichtwähler-Stimmen zur AfD und trägt dazu zu ihrem Höhenflug bei.

          Zu dieser Entfremdung hat sicherlich ein Teil des linken Spektrums beigetragen mit seiner übertriebenen politischen Korrektheit (wir bewegen uns hier leider mit großen Schritten in Richtung der USA, wo der im Prinzip gerechtfertigte Anti-Sexismus hysterische Züge angenommen hat – es sollen sogar antike Gemälde zensiert oder nicht mehr gezeigt werden, weil sie sexistisch seien. Au backe.) und einer unterdrückenden Meinungsmache. Ein mindestens genauso wichtiger Teil ist aber wirtschaftlicher Lobbyismus und die fortschreitende Monetarisierung aller Lebensbereiche (alles wird am Geldwert gemessen).

          Während die PC-Linken lautstark in der Öffentlichkeit Ihr Ansinnen durchsetzen wollen, ziehen Lobbyisten still und heimlich die Fäden und sorgen für eine zunehmende Ausplünderung des Staates durch die Wirtschaft.
          Die Riester-Rente ist hier das Paradebeispiel, deren Rendite durch enorm hohe Abschlussgebühren und hohe Verwaltungskosten fast immer unter dem staatlichen Zuschuss liegt. Aber auch ÖPP, die den Staat am Ende immer teurer kommen, aber die Kosten eben in die Zukunft (nach der eigenen Amtszeit) verschieben.
          Im einen Fall wird blind irgendwelchen Ideologien nachgegeben, deren Konsequenzen man selbst als Politiker nicht tragen muss. Im anderen Fall wird der Haushalt geschönt, um das eigene Prestige nicht zu gefährden – was später zu geringeren Ausgabemöglichkeiten bei staatliche Aufgaben führt. In beiden Fällen wird das Wohl und der Wille des Volkes ignoriert, um selbst besser dazustehen. Wenn dann noch so prominente, durch Geltungssucht von Politikern ruinierte Projekte wie der BER dazukommen, brauchen sich die Parteien nicht zu wundern, dass der Wähler ihnen ungenehme Ergebnisse beschert.

          Allerdings liegt die Polarisierung hier m. E. im einen Fall bei der bürgerlichen Mitte gegenüber ideologischen Utopisten (Frau Diefenbachs “white-collar”-Prekariat) und im anderen Fall bei der Mittel- und Unterschicht gegenüber Kapitalismus-Verfechtern.

          * über ein Werturteil über, oder Inhalte der AfD soll es hier aber nicht gehen.

          @oprantl:
          “Früher haben Menschen wie Strauß, stellvertretend für jedermann, die Dinge verständlich formuliert, Im Parlament und in der Presse. Diese Lücke, welche nie hätte entstehen dürfen, wird heute von den Menschen über die neuen Medien geschlossen. Sie wollen gehört werden, und je weniger zugehört wird, um so lauter und aggressiver fallen die Äußerungen aus.”

          Dem kann ich – bezogen auf die Politik – zustimmen. Aber wir sehen auch, dass der Ton der Menschen UNTEREINANDER schärfer geworden ist. Es ist also nicht nur ein politikbezogenes Problem. Im Übrigen halte ich die Ansicht, die Linken bestünden nur aus Vollversorgten oder Leistungsempfängern, für ein Vorurteil. Linke-Wähler stünden in ökonomischer Hinsicht stärker unter Druck als andere Wähler, sagt eine Umfrage von YouGov. Die Hauptthemen sind demnach: Soziale Sicherheit, Rente und Altersvorsorge, Gesundheitsversorgung sowie Bildung & Erziehung.
          Genderismus, Einwanderung oder Pazifismus tauchen unter den wichtigsten Themen nicht auf.

          • Heike Diefenbach says:

            Ich habe eigentlich schon alles zu dem Thema gesagt, was ich derzeit dazu zu sagen habe.

            Nur noch so viel:

            Sie schreiben:
            “Im Übrigen halte ich die Ansicht, die Linken bestünden nur aus Vollversorgten oder Leistungsempfängern, für ein Vorurteil. Linke-Wähler stünden in ökonomischer Hinsicht stärker unter Druck als andere Wähler, sagt eine Umfrage von YouGov. ”

            Wie macht das Sinn? Das ist ja gerade KEIN Widerspruch, denn z.B. die “Vollversorgten”, die an Unis angestellt sind, haben mehrheitlich zeitbefristete Verträge, die gar nicht verlängerbar sind oder deren Verlängerung von bestimmten Kriterien abhängig gemacht wird dem Einwerben von Drittmitteln, was wiederum voraussetzt, dass es gelingt, etwas potenziellen Finanzierern als Problem darzustellen, für das sich das Uni-Prekariat gerade “kompetent” fühlt. Die “Vollversrogung” ist eben nur eine für ein paar Monate, bestenfalls Jahre, und man weiß nie, wo welche Stellen geschaffen, wo welche Stellen gestrichen werden.

            Und niemand hat gesagt, dass “die Linken” “nur” aus Vollversorgten oder Leistungsempfängern bestünden. Diese Aussage dürfte schlicht aufgrund der absoluten Formulierung falsch sein. Es macht aber keinen guten Eindruck, wenn man für die eigene Position nicht argumentieren kann, sondern lediglich versucht, die Position Anderer so entstellend apodiktisch zu formulieren, dass sie einfach falsch sein muss!

            Es kommt u.a. darauf an, wie “die Linken” definiert werden. Wenn man sie nach Parteipräferen definiert, dann gibt es Studien, die zeigen, dass es tatsächlich so ist, dass das Uni-Prekariat stark mehrheitlich “links” ist und dass sich dies in seiner Arbeit niederschlägt. Spontan erinnere ich mich an die diesbezügliche Studie von Heine Anderson aus der Zeitschrift “Sociometrics” mit dem Titel “Political Attitudes and Cognitive Convictions among Danish Social Science Researchers” in Band 46, Heft 1 der Zeitschrift.

            Sie können also nicht einfach etwas, was Ihnen als Gedanke anscheinend nicht sympathisch ist (warum auch immer), als “Vorurteil” (ab-)qualifizieren, wenn Sie keine diesbezüglichen Daten haben, die Ihre Einschätzung stützen. Mein Urteil ist ein begründetes Urteil insofer es es ich auf im Prinzip replizierbare empirische Daten stützen kann. Dagegen muss ich Ihre Einschätzung bis auf Weiteres als Vor-Urteil ansehen.

            Zusammenfassend kann ich daher nur sagen, dass ich Ihnen wie schon festgestellt in Teilen zustimmen kann, aber nicht nachvollziehen kann, warum Sje mit Bezug auf bestimmte wesentliche Teile meiner Beschreibung – nun, sagen wir: Empfindlichkeiten zu haben scheinen, die (bis auf Weiteres) nicht vernünftig begründbar sind.

            • Heike Diefenbach says:

              P.S.

              Ich sehe auch nicht, worauf Sie Ihren Eindruck gründen:

              “Aber wir sehen auch, dass der Ton der Menschen UNTEREINANDER schärfer geworden ist.”

              Also, ich sehe das nicht, und ich höre es auch nicht. Ich sehe und höre nur, dass sich eine besimmte Klasse von Leuten (materielles/von sozialem Abstieg bedrohtes white-collar-Prekariat) zunehmend grob, dumm, anmaßend und beleidigend gegenüber Angehörigen anderer sozialer Lagen und insbesondere gegenüber Kritikern in der Öffentlichkeit äußert.

              Inwieweit dies auf DEN Ton DER Menschen übertragbar ist, scheint mir doch eine völlig offene Frage zu sein. Mein persönlicher Eindruck ist aber, dass die meisten Menschen (unter denen, mit denen ich zu tun habe, jedenfalls) einen mehr oder weniger höflichen Ton pflegen, und manche sind tatsächlich richtig nett. Und ich habe den Eindruck, dass es diesbezüglich auch noch lokale Kulturen gibt, die einen Einfluss darauf haben, wie man miteinander redet.

              Ich habe allerdings auch den Eindruck, ,dass Worte wie “bitte” und “danke” sowie Ausdrücke der allgemeinen Anerkennung oder Solidarität immer seltener werden (was in der Positionsgesellschaft Sinn macht, weil sie dann Über- bzw,. Unterordnungsbeziehungen anzeigen können), und dass es einige Leute mehr Mühe kostet, höflich zu bleiben, was man daran merkt, dass sie zunächst höflich und verbindlich sprechen/schreiben, aber bei Widerspruch schnell richtig biestig werden und mit Unterstellungen u.ä. reagieren. Vermutlich ist das eine psychologische Reaktion auf Hilflosigkeit; sie wissen einfach nicht, was sie tun können oder sollen, wenn nicht sozusagen gesetzlich geregelt ist, wie etwas abzulaufen hat …. Aber das ist bis auf Weiteres nur Spekulation meinerseits.

            • Marbald says:

              Niemand hat bezweifelt, dass ihr “white-collar”-Prekariat existiert.
              Die Situation vieler Akademiker ist tatsächlich prekär, da sie keine Zukunftssicherheit haben. Auch bezweifle ich nicht, dass dieses Prekariat mehrheitlich links ist (wie übrigens auch die Mehrheit aller Studenten an den Unis).
              1. halte ich diese Gruppe allerdings nicht für die Haupt-Triebfeder einer Polarisierung unserer Gesellschaft und das habe ich auch ausführlich dargelegt und
              2. halte ich diese Gruppe nicht für den dominierenden Kern des linken Spektrums. Es mag derjenige Teil sein, der öffentlich besonders präsent ist.
              Aber das linke Spektrum konstitutioniert sich zusätzlich erheblich aus wirtschaftlich schwachen Personen, der (früheren?) Stammwählerschaft der SPD, die erst teilweise zur PDS/WASG, später zur Linken abgewandert ist und jetzt zur AfD.

              Der Punkt an der Sache ist, dass eine Verunglimpfung sozialideologischer Traumzänzer aus dem intellektuellen linken Spektrum (ihr akademisches Prekariat) als “die Linken” auch die übrigen Gruppen trifft, die mit diesen ideologischen Utopien meist gar nichts anfangen können. Es werden alle in einen Topf geworfen.
              Sie kritisieren jetzt meinen Begriff “Vorurteil”. Aber oprantls Beitrag zeichnet für mich genau dieses Bild.
              “Die Linken, -ihr Kennzeichen ist, sie brauchen immer etwas zum Dagegensein”
              “wie auf dieser linken und leistungslosen Schiene lebenslange und unkündbare Hochversorgung ohne jede Korrekturmöglichkeit (…) organisiert wird”

              Wenn Ihnen der Begriff “Vorurteil” nicht gefällt, dann biete ich folgende Alternativen an: falsches Bild, alle-über-einen-Kamm-Scheren, Von einer Teilgruppe auf das Ganze schließen, sich auf eine Minderheit einschießen.

              Die Kernanliegen des “linken” Spektrums (das, was allgemeinsprachlich darunter verstanden wird) sind bekanntlich sozialpolitischer Natur. Ich hoffe, dafür muss ich Ihnen keine Studie zitieren. Den klassischen Linken geht es z. B. um günstigen Wohnraum, stabile Sozialsysteme, Einkommensgerechtigkeit und wenn sie linksgrün sind auch um Umweltschutz.
              Natürlich auch mit den ungesunden Auswüchsen, die immer wieder zu beobachten sind. Darüber brauchen wir gar nicht zu streiten. Extremismus gibt es auf allen Seiten.
              Das Bild, das oprantl zeichnet, übergeht diesen Teil dagegen komplett. Schließlich besteht die Wippe ja nur aus dieser einen linken Seite, in der angeblich ‘unkündbare Hochversorgung’ für alle angestrebt wird. Bei vielen Betroffenen geht es dagegen um weit weniger hochtrabende Anliegen wie, endlich den Mindestlohn zu bekommen. Da kann man wirklich nicht von einer “Hochversorgung” sprechen.

  3. corusalbusberlin says:

    Ja, das waren noch leidenschaftliche Gestalten Franz Josef Strauß, selbst wenn er viel Mist gebaut hat und nicht zu vergessen, Herbert Wehner. Der ging doch schon wutentbrannt zum Rednerpult. Lang , lang ist’s her…….

  4. Heike Diefenbach says:

    … und was waren das für Zeiten, als die schlimmste im Bundestag zu vernehmende Beleidigung die durch Herbert Wehner war: “Sie sind doch ein Toffeltöffel” (oder Doffeldöffel?). Das klingt, verglichen mit heutigen Normalitäten, doch richtig nett!

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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