Einstellungsforschung am Rande des Wahnsinns: Sie fragt – und gibt die Antworten selbst

Jedermann forscht, derzeit besonders gerne über Einstellungen zur Zuwanderung, zu Zuwanderern, ethnischen Gruppen, Minderheiten, Muslimen, über Antisemitismus, Vorurteile, Rassismus etc. etc. Aber niemand – vermutlich inklusive der Forschenden selbst – weiß, wovon er warum wie redet.

In den letzten Jahren ist es üblich geworden, jede Einstellung, jede Aussage, jedes Verhalten, das von irgendjemandem, der sich als guter Mensch inszenieren will, als irgendwie negativ für ethnische oder soziale Minderheiten, für Zuwanderer, für Ausländer, für Flüchtlinge oder für Menschen anderer Hautfarbe oder muslimischer oder jüdischer Religionszugehörigkeit etc. etc. interpretiert wird, als Beleg dafür anzuführen, dass Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenhass oder Rechtsextremismus oder einfach „rechte“ Einstellungen oder – ganz schlicht – „Nazis“ in Deutschland weit verbreitet, wenn nicht gar auf dem Vormarsch, seien.

Dabei spielen politische Stiftungen eine große Rollle bzw. die bei ihnen oder von ihnen prekär beschäftigten Auftragsforscher sowie eine ganze Reihe von Instituten und Institütchen, die die Gunst der Stunde nutzen und auf den fahrenden Ideologie-Zug aufspringen, um durch die Imitation sozialwissenschaftlicher empirischer Forschung in Form von standardisierter Befragungen ihre „Befunde“ als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung auszugeben – auf dass ihre Existenz – zumindest kurzfristig – gesichert sei.

Aber leider tut dies auch eine ganze Reihe von Angestellten an Hochschulen; auch sie sind zum kritischen oder auch nur einigermaßen differenzierten Denken unfähig oder unwillig und ziemlich unbedarft in Sachen empirischer Sozialforschung. Es scheint, dass sie gleichermaßen unter der Halluzination leiden, Forschen sei ein Kinderspiel, könne jeder, und was irgendwie geforscht worden sei, sei (deshalb) Wissenschaft, weshalb im Prinzip jeder Wissenschaftler und alles Wissenschaft sein könne.

Und so ist es bedauerlicherweise inzwischen normal, in Befragungen weitgehend wahllos nach Einstellungen gegenüber „Zuwanderern“, „Flüchtlingen“, „ethnischen Gruppen“, „Muslimen“ u.v.m. zu fragen, um den Anteil der Einstellungen, die nicht als uneingeschränkt oder überwiegend positiv interpretiert werden können, als Ausdruck von „Ausländerfeindlichkeit“, „Fremdenhass“, „Rassismus“, „Autoritarismus“, „Rechtsextremismus“ und allem möglichen anderen, was als Stigma gegen die Menschen mit den „falschen“ Einstellungen verwendet werden kann, auszugeben.

Die ungekrönten Könige der Begriffsinflationierung und bis zur Unkenntlichkeit –verstümmelung sind zweifellos die diversen Verfasser der sogenannten Leipziger Mitte- bzw. Autoritarismus-Studien, die theoretisch, empirisch, argumentativ und sprachlich so schlecht sind, dass sie sich nur noch als eine Art cartoonisierte Sozialwissenschaftsparodie lesen lassen (sofern sich die fortgesetzte Lektüre überhaupt ertragen lässt) und dennoch – oder deshalb – von der „grüne[n] politische[n]“ Böll-Stiftung finanziert und als irgendwie ernstzunehmen beworben werden.

Das kann m.E. anhand eines beispielhaften Artikels, hier genau: anhand einer einzigen Seite [!] aus einem beispielhaften Artikel, mehr als hinlänglich gezeigt werden.

So widmen sich Pickel, Pickel und Yendell (2020) in ihrem Beitrag zur neuesten Mitte-Studie, die den Titel „Autoritäre Dynamiken“ (Decker & Brähler 2020) trägt, „Verschwörungstheorien“, die sie wohl ob ihrer umfassenden Kompetenz mit Bezug auf und Einbindung in internationale Politik, Naturwissenschaft und aufgrund ihrer intimen Verbindugnen zum deep state – entschuldigung: zu den höheren Etagen öffentlicher Verwaltungen – in allen möglichen Ländern der Erde als per se falsch beurteilen können – oder vielleicht auch nur, weil jemand Theorien darüber, dass die Amerikaner 1969 gar nicht auf dem Mond gelandet sind oder dass eben nicht jeder nächstbeste Kampfflieger über amerikanischem Luftraum ohne Entdeckung oder Gegenwehr durch das Militär herumfliegen kann, bis er das anvisierte Ziel erreicht hat und sein Zerstörungswerk tut, als „Verschwörungstheorien“ bezeichnet hat und nachplappern, was sie aus persönlichen Gründen gerne glauben möchten.

Bestenfalls liegt der nahezu psychopathischen Abwehrrekation auf „Verschwörungstheorien“ eine Art verzerrter „Logik“ zugrunde wie etwa die folgende: Wenn bestimmte Ideen oder Vermutungen zutreffend wären, dann würden sie ja nicht als Verschwörungstheorien bezeichnet. Dann wären sie nämlich durch Aufdeckung in den Status der Verschwörungsrealität übergewechselt; nur dann kann man wissen, dass die Theorie zutreffend war. Aber solange Verschwörungen nicht aufgedeckt sind, gibt es sie notwendigerweise nur in Form von Theorien über Verschwörungen, und so kann man, wenn man will, bis auf Weiteres behaupten, dass Verschwörungstheorien immer falsch seien.

Das scheint Ihnen ein Griff in den alten Trickkoffer von Persuasions-Schaustellern zu sein? Zu Recht; es handelt sich hier lediglich um den Versuch der Immunisierung gegen bestimmte Ideen oder Vermutungen. Natürlich kann man von jeder Theorie, gleich welcher Art und welchen Inhaltes, behaupten, sie sei nicht zutreffend, solange sie nicht durch Fakten belegt ist. Das ist eine Trivialität. Seltsamerweise wird diese Trivialität aber nur mit Bezug auf bestimmte, unliebsame Theorien ins Feld geführt, mit Bezug auf andere aber nicht.

Hinzu kommt, dass eine solche selektive Verwendung von Trivialitäten als „Totschlägern“ mit Bezug auf Theorien über Verschwörungen besonders unfair ist, weil es ja gerade in der Natur von Verschwörungen liegt, dass sie als solche möglichst nicht aufgedeckt werden sollen. Verschwörer werden daher besondere Vorkehrungen treffen, um Aufdeckung und damit Bestätigung der Theorie über die Existenz der Verschwörung zu verhindern. Die Bestätigung von Theorien über Verschwörungen ist deshalb besonders schwierig (und es ist deshalb überraschend, wie oft sie dennoch aufgedeckt werden).

Aber vermutlich ist es für die drei Autoren zu viel der Ehre, wenn man solche Überlegungen anzustellt, denn was folgt, spricht in seiner geballten Wucht eher für Einfältigkeit und sozialforscherische Inkompetenz. So schreiben die Autoren auf Seite 106 weiter:

„Generell tolerante Menschen mit Sozialvertrauen sind deutlich weniger anfällig für Verschwörungstheorien“ (Pickel, Pickel &  Yendell 2020: 106).

Wie ist das möglich? Ist nicht „generell tolerant“ jemand, der keine Idee, keine Möglichkeit der Erklärung bestimmter Phänomene oder Vorgänge von vornherein, also ohne gute Gründe dafür zu haben, als ausgeschlossen oder falsch aus dem Fenster wirft? Ist nicht „generell tolerant“ jemand, der das eigene Denken nicht der Selbstzensur unterwirft, sondern Fragen stellen oder zumindest die Fragen anderer Menschen zulassen und sich ihnen vielleicht sogar stellen kann!? Mir scheint, die drei Autoren gehören nicht zu den „generell toleranten“ Menschen!

Oder die entscheidende Zutat ist hier nicht die „generelle Toleranz“, sondern das „Sozialvertrauen“. In diesem Fall muss man sich fragen, ob „Sozialvertrauen“ eine hübsche Bezeichnung für ein hohes Ausmaß an Beeinfluss- oder Manipulierbarkeit ist, denn das würde die Aussage der Autoren wie folgt nachvollziehbar machen: Wer leicht beeinflussbar, manipulierbar ist, eher „anfällig“ ist für das, was ihm in mainstream-Medien oder von „Experten“ vorbehauptet wird, der ist weniger „anfällig“ für Inhalte, die von mainstream-Medien oder „Experten“ als „fake news“ bezeichnet werden und damit aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden sollen.

Aber dies alles ist erst das Vorspiel zu dem, was man schwerlich anders bezeichnen kann als eine intellektualistisch getarnte Raserei, einen akademisierten Verbal-Veitstanz:

„Auch für Rassismus sind sie [die Menschen mit „Sozialvertrauen“] weniger offen, der für eine demokratische politische Kultur und die Demokratie in ihren Grundwerten ebenso schädlich wie zersetzend ist, etwa in Form von antisemitischen Ressentiments und Vorurteilen oder von Ressentiments gegenüber Musliminnen und Muslimen … Tatsächlich bündelt sich die Ablehnung des Pluralismus speziell in den Rassismen und richtet sich gegenwärtig besonders gegen Muslime und Musliminnen“ (Pickel, Pickel & Yendell 2020: 106).

In einem (im Originaldruck) achtzeiligen Absatz schaffen es die Autoren, eine bemerkenswert lange Reihe von Plastikwörtern, Floskeln und Gemeinplätzen unterzubringen, denen sie anscheinend emotional verbunden sind:

  • Was z.B. sind die „Grundwerte“ von Demokratie? Manche würden vielleicht meinen, dass Volksentscheide mit Bezug auf Fragen, die alle betreffen, unbedingt dazu gehören….
  • Und was unterscheidet „die Demokratie in ihren Grundwerten“ von einer damit implizierten Demokratie mit anscheinend verzichtbaren, sagen wir: Nebenwerten? (Und welche sind das?!)
  • Wie kann es ein abstraktes Konstrukt gleichzeitig im Singluar und im Plural geben? Gibt es „Rassismus“, oder gibt es „Rassismen“? Oder was wollen die Autoren auf diese überaus unglückliche Weise der logisch unmöglichen Doppelung zum Ausdruck bringen?
  • Was sind die empirischen Belege dafür, dass „Rassismus“ [!] „schädlich“ auf „die Demokratie“ [in ihren Grundwerten oder in ihren Nebenwerten oder was?] wirkt, und was sind die empirischen Belege dafür, dass er „zersetzend“ auf „die Demokratie“ [welche auch immer und wie auch immer] wirkt? Wie haben die Autoren den Unterschied zwischen „schädlich“ und „zersetzend“ operationalisiert?
  • Und was sind die empirischen Belege dafür, dass beide Effekte statistisch etwa gleich groß sind, also „Rassismus“ ebenso schädlich wie zersetzend auf „die Demokratie“ wirkt?
  • Was ist für die Autoren der Unterschied zwischen „Ressentiments“ und „Vorurteilen“? Oder hat beides dieselbe Qualität und Relevanz? Tritt beides zusammen auf oder nicht? Kurz: warum und wie unterscheiden die Autoren beides?
  • Warum sprechen die Autoren im Zusammenhang mit Antisemitismus von Ressentiments und Vorurteilen, aber im Zusammenhang mit „Musliminnen und Muslimen“ nur von „Ressentiments“ (aber nicht von „Vorurteilen“)? Haben sie keine Vorurteile gegenüber „Musliminnen und Muslimen“ feststellen können, sondern nur „Resentiments“? Was soll das bedeuten?
  • Was sind die empirischen Belege dafür, dass „Ressentiments“ gegenüber „Musliminnen“, also Muslimen weiblichen Geschlechts, und gegenüber „Muslimen“ (männlichen Geschlechts) gleichermaßen bestehen? Haben die Autoren ihren Befragten entsprechend geschlechtsspezifische Fragen gestellt, dies jedoch im Bericht unterschlagen?
  • Woher wissen die Autoren, dass Leute, die (einige? welche?) „Verschwörungstheorien“ glauben – oder Leute, die wenig „Sozialvertrauen“ haben?; niemand weiß, von wem genau die Autoren hier sprechen –, „Pluralismus“ „[a]blehn[en]“? Wie und wo wurde das gemessen?
  • Woher wissen die Autoren, dass die postulierte „Ablehnung des Pluralismus“ sich „speziell in den Rassismen“ (was immer sie auch sein mögen) „bündelt“? Bzw.:
  • Was neben „den Rassismen“ sind die Indikatoren für „Ablehnung von Pluralismus“? (Denn wenn sich die „Ablehnung von Pluralismus“ in „den Rassismen“ bündelt, fragt man sich, wo sie sich sonst noch – ungebündelt –Ausdruck verschafft.) Und:
  • Welche „Rassismen“ haben die Autoren gemessen, und woher wissen sie, dass das, was sie gemessen haben, tatsächlich als Dimensionen ein und desselben Konstruktes gelten kann? Und wie verhalten sich die „Rassismen“ im Plural zu „Rassismus“ im Singular? (S.o.)
  • Was ist konzeptionell und messtechnisch der Unterschied zwischen „Rassismen“ und „Ressentiments“ und/oder „Vorurteilen“? Die Autoren haben – bestenfalls! – Daten über „Ressentiments“ oder „Vorurteile“ gesammelt. Woher wollen sie ihre Messung von „Rassismen“ haben?
  • Was sind die empirischen Belege dafür, dass sich „Ablehnung des Pluralismus“ „gegenwärtig besonders gegen Muslime und Musliminnen“ richtet, ganz davon zu schweigen, dass eine kritische Einstellung gegenüber „Musliminnen und Muslimen“ doch schon einen „Rassismus“ messen soll, was bedeuten würde, dass „Ablehnung von Pluralismus“, „Abkehr von Demokratie“ (wovon die „Ablehnung von Pluralismus“ ein „Kernelement“ sein soll; s. dazu das unten stehende Zitat) und (ein!?) Rassismus messtechnisch und dementsprechend anscheinend auch im Geist der Studienkonzipierer schlichtweg identisch sind – als blumige Floskeln verwendet zur Bezeichnung desselben, nämlich dessen, was sie als ein Feindbild entworfen haben, das sie nunmehr pflegen und propagieren können.

Kein vernünftiger Mensch kommt angesichts all dieser Ungereimtheiten und ungeklärten Fragen in einem achtzeiligen Abschnitt (!) umhin, einzugestehen, dass er nicht weiß, wovon die Autoren überhaupt sprechen – und zu vermuten, dass sie es selbst auch nicht wissen.

Offensichtlich benutzen die Autoren die Antworten, die Befragte geben – in Umkehrung des wissenschaftlichen Forschungsprozesses – lediglich als Stimuli, anlässlich derer sie den eigenen Assoziationen, Vorurteilen und Ressentiments – wer weiß, vielleicht: „Rassismen“!? – Ausdruck verleihen.

Und wer meint, der Achtzeiler sei „bloß“ eine beispiellose kognitive und sprachliche Minderleistung, der täuscht sich. Der gesamte Text ist zweifelllos eine solche, aber nicht nur eine solche, sondern eine Übung im Assoziationsketten-Bilden durch die „Forscher“ aufgrund der Antworten, die Befragte den „Forschern“ gutwilligerweise gegeben haben. Bleiben wir nur auf Seite 106, auf der auch der Achtzeiler steht. Dort heißt es weiter unten:

„Dies gilt, obwohl auch beachtliche antisemitische Tendenzen zu erkennen und statistisch zu belegen sind“ (Pickel, Pickel & Yendell 2020:106).

Aber der interessierte Leser kann keine entsprechende Zeitreihe irgendwo wiedergegeben sehen, die die „Tendenz“ belegen könnte. Wovon, bitte, sprechen die Autoren hier also? Sie assoziieren sie. Jedenfalls benutzen sie den Begriff „Tendenz“ nicht gemäß der Standards der Sozialwissenschaften, sondern affektiv, wobei „Tendenz“ eher mit ideologischem „tendenzös“ als mit statistisch begründetem „tendenziell“ zu tun hat.

Und weiter schreiben die Autoren in ihrem Text, der m.E. am besten als eine verbal gewordene Raserei bezeichnet wird:

„Die Abwehr der befürchteten Umvolkung vor dem Hintergrund der Zuwanderung von Muslimen [aber nicht Musliminnen, die sonst im Text immer extra erwähnt werden; anscheinend hat das „Volk“ irgendwelche Vorstellungen davon, was man Angenehmes mit den Mädels tun kann!?] stellt ein Kernelement der Abkehr von der Demokratie dar …“ (Pickel, Pickel & Yendell 2020: 106).

Davon abgesehen, dass Muslime kein „Volk“ darstellen, sondern Anhänger einer bestimmten Religion bezeichnen, weshalb es keinen Sinn macht, anderen Leute Befürchtungen von „Umvolkung“ durch „Muslime“ zu unterstellen, solange man nicht empirisch belegt, dass sie demselben Irrtum zum Opfer fallen wie man selbst, wird der interessierte Leser von den Autoren nicht über weitere Dimensionen der „Abkehr von der Demokratie“ unterrichtet, geschweige denn über solche, die aus statistischen Gründen als nicht zu den „Kernelement[en]“ gehörig angesehen werden können. Aus welchen statistischen Gründen sollte dann die „befürchtete Umvolkung“ ein „Kernelement“ der „Abkehr von Demokratie“ sein? Es gibt keine. Die Autoren finden die Befürchtung einer „Umvolkung“ so schlecht, schlimm, unglaublich, verachtenswert, was auch immer, dass sie in ihren eigenen Augen ein „Kernelement“ einer von ihnen befürchteten „Abkehr von Demokratie“ sein muss. Das Ganze Wortgeklingel ist nur psychologisch zu deuten; es soll einer Vorstellung Wichtigkeit mit Bezug auf eine andere Vorstellung zuschreiben, die die „Forscher“ haben und die die „Forscher“ wichtig finden. Auf empirische Daten können sie ihre Behauptungen jedenfalls nicht gründen.

Dann schreiben die Autoren über „Bedrohungsängste“ das Folgende:

„Unter den Minderheiten sind es vor allem die Muslime und Musliminnen durch die sich die Deutschen besonders bedroht fühlen. Doch auch knapp über 15% fühlen sich von Jüdinnen und Juden [anscheinend erfolgte auch mit Bezug auf Personen jüdischer Religion eine entsprechend geschlechtsspezifische Abfrage] bedroht. Solche Wahrnehmungen befördern massiv bereits bestehende Abneigungen, welche fundamental für antimuslimischen Rassismus und Muslimfeindschaft sind.“

Aber:

  • Ist das tatsächlich so, dass sich (auch?) die Männer unter den Befragten von Musliminnen bedroht fühlen? Wenn das zuträfe, wäre es ein interessantes Datum, das einer Diskussion wert wäre. Und wie ist es möglich, dass sich Befragte von Musliminnen bedroht fühlen, obwohl sie mit ihrer Zuwanderung doch anscheinend gar keine „Umvolkung“ verbinden? (S.o.)
  • Was meinen die Autoren mit „Abneigung“? Wie haben sie sie gemessen? Sollen sie etwas anderes als „Ressentiments“ sein, oder sollen sie dasselbe bezeichnen? Oder dasselbe wie „ein Rassismus“, oder was?
  • Wie haben die Autoren den Zugewinn an „Abneigung“, der durch „solche Wahrnehmungen“ erzielt wird, gemessen? Also woher wissen sie, dass es erstens einen entsprechenden Zugewinn gibt – und den muss es ja geben, wenn etwas etwas anderes „befördert“ –
  • und dass der Zugewinn außerdem „massiv“ ist? Eine solche Analyse könnte man nur auf der Basis von Daten aus einer Wiederholungsbefragung mit jeweils denselben Befragten oder aufgrund eines experimentellen Designs durchführen, aber von beidem ist in den Daten, die die Autoren benutzt haben, keine Spur zu finden.

Also auch diesbezüglich muss man festhalten, dass die Autoren selbst es sind, die eine „massiv[e]“ Förderung von Abneigungen mit Bedrohungsgefühlen assoziieren, weil es ihnen (vielleicht zu Recht, vielleicht nicht,) plausibel vorkommt, aber jedenfalls nicht, weil sie einen entsprechenden empirischen Zusammenhang beobachtet hätten.

Die Autoren stellen weiter fest, dass

„… sich … 43% [der Befragten, jeweils Männer und Frauen?] von [jeweils?] Muslimen und Musliminnen bedroht und 36% von Geflüchteten [gleich welchen Geschlechts!?] [bedroht] fühlen, …“ (Pickel, Pickel & Yendell 2020: 106).

Von der ungeklären Geschlechter-Frage abgesehen wirft das die Frage auf, wie in der Befragung dafür Sorge getragen wurde, dass die beiden Gruppen – „Muslime und Musliminnen“ – und „Geflüchtete“ voneinander getrennt wurden, denn unter den „Geflüchteten“ sind bekanntermaßen sehr viele „Muslime und Musliminnen“. Wie wurde in der Studie erreicht, dass Befragte mit Bezug auf „Muslime und Musliminnen“ nur an solche Muslime und Musliminnen denken, die nicht nach Deutschland „geflüchtet“ sind, also vorrangig in Deutschland geborene „Muslime und Musliminnen“ oder solche, die bereits die deutsch Staatsangehörigkeit haben?

Möglicherweise gibt es in der Echokammer der „Forscher“ irgendeine Sprachregelung mit Bezug auf „Geflüchtete“ und „Muslime und Musliminnen“, die irgendeinen geheimen Sinn für sie macht oder einfach Resultat einer schlechten, aber dort geteilten, Angewohnheit des Nicht-Hinterfragens ist. Für die meisten Menschen (nämlich alle außerhalb der Echokammer) dürfte es aber durchaus unklar sein, worauf genau die „Forscher“ abstellen wollen, wenn sie getrennt nach Einstellungen gegenüber „Geflüchteten“ und gegenüber „Muslimen und Musliminnen“ zu fragen. Und tatsächlich muss man sich fragen, als was sie „Muslime und Musliminnen“ hier ansehen, denn „Muslime und Musliminnen“ stehen für sie ja nicht einfach für Anhänger einer bestimmten Religion, sondern für ein „Volk“ (s.o. mit Bezug auf „Umvolkung“).

Man könnte natürlich annehmen, dass „Muslime und Musliminnen“ als der Teil der „Geflüchteten“ herausgehoben werden sollte, der muslimischen Glauben ist, aber erstens hätten die „Forscher“ das dann entsprechend deutlich machen müssen, indem sie z.B. formulieren: „Muslime und Musliminnen als eine nach Religion definierte Untergruppe von Geflüchteten“, und zweitens hätten sie erklären müssen, warum sie gerade diese Gruppe von „Geflüchteten“ gesondert thematisieren wollen, und nicht z.B. Buddhisten. Offenbar haben die „Forscher“ hier eigene Vorurteile zugrundegelegt, denn nirgendwo wird auf empirische Daten verwiesen, die zeigen würden, dass es Befragte sind, die mehr „Ressentiments“ oder was auch immer gegenüber „Muslimen und Musliminnen“ als z.B. gegenüber dem, was sie wohl Buddhisten und Buddhistinnen nennen würden, oder gegenüber Katholiken und Katholikinnen etc. empfinden. (Und wenn schon, was hat das mit Verhalten zu tun, das allein lebenspraktisch relevant ist?!)

Wie gesagt: All der zitierte Unsinn ist auf einer einzigen Seite des Beitrags von Pickel, Pickel und Yendell zu finden. Den gesamten Text, geschweige denn alle Texte im Sammelband, als Lektüre zuzumuten, grenzt an psychologische Grausamkeit, um nicht zu sagen: an Totschlag nicht nur der Sprache, sondern auch des Verstandes – „menticide“, um mit Meerloo (2015) zu sprechen – der ggf. vorhandenen Leser.

Merke: So „geht“ empirische Sozialforschung nicht, und nein, nicht jeder kann forschen!

Aber wie ist es mit Forschung, von der man meinen sollte, dass sie auch tatsächlich welche sei, also Forschung von Leuten, die an eine jahrzehntelange Tradition der Forschung mit den Mitteln empirischer, quantitativer Sozialforschung anschließen und dementsprechend auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken können müssten?

Leider ist auch sie oft – mangels klarer theoretischer Konzeption samt entsprechender Operationalisierungen und Frageformulierungen – weitgehend unbrauchbar.

Nehmen wir als Beispiel die deutsche Teilstudie „Deutschland in Europa“, die im Rahmen der neunten Welle des „European Social Survey“ von 2018/2019 durchgeführt wurde. In ihr wird eine Reihe von Fragen gestellt, die der Interviewer dem Befragten wie folgt einleitet:

„Ich möchte Ihnen nun ein paar Fragen zu Menschen stellen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, um hier zu leben“.

Gefragt wird nach diesem Einleitungssatz danach, wie viele „Zuwanderer, die derselben Volksgruppe oder ethnischen Gruppe angehören wie die Mehrheit der Deutschen“ oder einer „anderen“, die Zuwanderung nach Deutschland „erlaub[t]“ sein solle. Danach wird gefagt, wie vielen Menschen „aus den ärmeren Ländern außerhalb Europas“ die Zuwanderung erlaubt sein solle.

Es folgen drei Fragen, die messen sollen, inwieweit die Befragten Zuwanderung „gut oder schlecht“ bzw. als „untergraben[d] oder bereicher[nd]“ einschätzen und meinen, dass „Deutschland durch Zuwanderer zu einem schlechteren oder besseren Ort zum Leben [wird]“.

Hauptkritikpunkt an dieser Vorgehensweise ist, dass keine klare Unterscheidung zwischen „Zuwanderern“, die bereits in Deutschland leben, teilweise seit vielen Jahren oder Jahrzehnten in Deutschland leben, und solchen „Zuwanderern“, die derzeit als sogenannte Flüchtlinge nach Deutschland kommen, erfolgt.

Wenn z.B. im Einleitungssatz „Menschen …, ,die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, um hier zu leben“ angesprochen werden, dann bleibt unklar, ob der gewählte Präsens tatsächlich als zeitlicher Präsens gemeint ist – also Menschen bezeichnen will, die derzeit bzw. in der jüngeren Vergangenheit zugezogen sind, – oder als Präsens der Allgemeinheit gelten soll, also als Präsens, der eine Gruppe von Menschen bezeichnen soll, auf die ein bestimmtes Merkmal – hier: „Zuwanderung nach Deutschland , um hier zu leben“ – zutrifft – oder vielmehr –zutreffen soll, denn niemand weiß, aus welchen Motiven und mit welchen zeitlichen oder biographischen Planungen Menschen nach Deutschland kommen.

Wollen die Forscher mit der Frage nach „Zuwanderern, die aus den ärmeren Ländern außerhalb Europas kommen“ nach Wirtschaftsflüchtlingen von außerhalb Europas fragen? Wenn ja, warum fragen sie nicht einfach genau danach? Es mag für sie selbst politisch unkorrekt sein, nach „Wirtschaftsflüchtlingen“ zu fragen, aber die eigenen Vorurteile auf die Befragten zu übertragen, ist keine gute sozialforscherische Praxis. Und wenn das nicht der Grund für die seltsame Frage ist, was dann? Was soll dann die Einschränkung auf die „ärmeren Länder“ bedeuten?

Es ist eine der Todsünden der empirischen Sozialforschung, zweí oder mehr Stimuli in einer Frage zu setzen, wie es hier geschieht, wenn in derselben Frage der Stimulus „ärmere Länder“ und der Stimulus „außerhalb Europas“ gesetzt wird. Um die Antworten auf diese Frage einigermaßen sinnvoll interpretieren zu können, hätten die beiden Stimuli (wenn man schon meint, man müsse sie setzen) systematisch varriert werden müssen, d.h. man hätte außerdem fragen müssen nach Zuwanderern aus ärmeren Ländern innerhalb Europas, nach Zuwanderern aus reicheren Ländern außerhalb Europas und nach Zuwanderern aus reicheren Ländern innerhalb Europas (sofern es sie geben sollte).

Und wie stellen sich die Forscher das Verhältnis zwischen der Frage vor, die danach fragt, wie vielen „Zuwanderern, die einer anderen Volksgruppe oder ethnischen Gruppe angehören als die Mehrheit der Deutschen“ die Zuwanderung erlaubt sein solle, und der Frage danach, wie vielen „Zuwanderern, die aus den ärmeren Ländern außerhalb Europas kommen“, die Zuwanderung erlaubt sein solle?

Wenn beide Frage nicht Identisches messen sollen, dann müssen die Forscher vermuten, dass Befragte bei der zuerst genannten Frage auch an Zuwanderer, die einer anderen ethnischen Gruppe angehören und außerdem aus einem europäischen Land zuwandern, denken, statt dabei allein an Zuwanderer zu denken, die als „Flüchtlinge“ nach Deutschland kommen (und kamen!?). Aber warum haben die Forscher dann nicht einfach direkt einmal nach Zuwanderern von außerhalb Europas und einmal von Zuwanderern von innerhalb Europas gefragt (wie oben schon bemerkt)?

Niemand weiß, worauf die Befragten tatsächlich antworten bzw., worauf sich ihre Antwort tatsächlich bezieht, wenn sie solche unklaren Fragen, die teilweise auch noch mehrere Stimuli enthalten, beantworten. Denken sie bei den beiden Stimuli „aus ärmeren Ländern außerhalb Europas“ an aktuell als (politische oder wirtschaftliche) Flüchtlinge nach Deutschland kommende Menschen, oder denken sie an die türkischen Gastarbeiter, die in den 50er- und 60er-Jahren aus der Türkei oder aus Marokko gekommen sind, um die deutsche Wirtschaft mitaufzubauen? Ist allein durch die Frage, ob es „Deutschland“ erlauben solle, wie viele von diesen Menschen aufzunehmen, sichergestellt, dass Befragte mit ihnen keine Gastarbeiter der Vergangenheit assoziieren?

Vielleicht. Vielleicht nicht. Wir wissen es nicht, die Forscher wissen es nicht. Niemand weiß, was mit der Frage tatsächlich gemessen wurde, und das bedeutet: sie ist unauswertbar und müsste auf dem Abfallhaufen der empirischen Sozialforschung entsorgt werden.

Und was ist mit der Frage danach, ob es „im Allgemeinen gut oder schlecht für die deutsche Wirtschaft [sei], dass Zuwanderer hierher kommen“?

Denken Befragte bei dieser Frage an aktuell zuziehende Flüchtlinge oder an früher zugezogene Gastarbeiter aus der Türkei, aus Marokko oder aus Italien oder aus Spanien? Immerhin werden Befragte hier direkt aufgefordert, ihre Einschätzung „im Allgemeinen“ abzugeben, so dass man damit rechnen muss, dass die Befragten sich aufgfordert fühlen, ihre Einschätzung nicht auf eine oder wenige bestimmte Gruppe von Menschen zu beziehen. In jedem Fall kann man nicht wissen, auf welche Erfahrungen mit oder Vorstellungen von wem die Befragten hier antworten. Sie dürften jedenfalls sehr viel komplexere Vorstellungen von verschiedenen Gruppen von Menschen haben als eine Unterscheidung zwischen (explizit) „Zuwanderern“ und (implizit) „Nicht-Zuwanderern“ (wer auch immer als solcher von Befragten angesehen wird) suggeriert.

Und natürlich hat alles seine „guten“ und seine „schlechten“ Aspekte. Für die deutsche Wirtschaft sind Zuwanderer „gut“, wenn sie arbeiten wollen und Arbeit finden können und in die öffentlichen Kassen einbezahlen, aber „schlecht“, wenn dies nicht der Fall ist, sie also nicht arbeiten wollen oder z.B. mangels Ausbildung nicht arbeiten können oder der Arbeitsmarkt so schwach ist, dass er nicht genügend Arbeitsplätze bereitstellen kann, die Zuwanderer jedenfalls eine zusätzliche Belastung für die öffentlichen Kassen darstellen – und dies, ohne jemals in sie einbezahlt zu haben, was das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen verletzen dürfte, was es schwierig macht, die „schlechten“ Aspekte für die deutsche Wirtschaft von „schlechten“ Aspekten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu trennen – jedenfalls dann, wenn man in einer Befragung nicht explizit nach beidem fragt. Aber auf solche Ideen kommt man nur, wenn man eine Forschung theoriegeleitet konzipiert und seine Konzepte klar definiert und sich bemüht, sie vernünftig zu operationalisieren, kurz: wenn man mit seiner „Forschung“ ein angebbares Erkenntnisinteresse verbindet, das über die Hoffnung hinausgeht, man könne durch Befragungen möglichst Material sammeln, das für ideologische Zwecke (und gegen Menschen!) verwendet werden kann.

Und was bedeutet im Zusammenhang mit der Relativität der Dinge „im Allgemeinen“? Sollen die Befragten sozusagen einen Mittelwert aus den Vor- und Nachteilen, den positiven Möglichkeiten und den Gefahren, bilden? Und falls ja, tun sie es tatsächlich? Oder antworten sie einfach gemäß der erstbesten Assoziation, die sich bei ihnen im Zusammenhang mit den Stimuli „Zuwanderer“ und „Wirtschaft“ einstellen?

Dieselben Einwände gelten mit Bezug auf die Frage, die anschließend gestellt wird:

„… würden Sie sagen, dass das kulturelle Leben in Deutschland im Allgemeinen durch Zuwanderer untergraben oider bereichert wird?“

Nun – es dürfte viel davon abhängen, ob jemand, der hierauf antworten soll, gerade daran denkt, dass er gerne mit den Kumpels von der Nachtschicht bei Bier und Bratwurst in der Kneipe Karten spielt oder daran, dass er mit seiner neuen Freundin letzte Woche einen wunderbaren Abend im Programmkino mit einem experimentellen Film aus Peru (von dem er vielleicht nicht viel mitbekommen hat) und anschließend im mexikanischen Restaurant beim Tacos-Essen verbracht hat. (Und entgegen der in bestimmten Echokammern gepflegten Überzeugung ist es durchaus möglich, dass eine relevante Anzahl von Menschen beides innerhalb einer Woche oder eines Monats tun kann, beides zu seiner Lebenspraxis gehört.)

Und was antwortet jemand auf die Frage, ob „Deutschland durch Zuwanderer zu einem schlechteren oder besseren Ort zum Leben“ wird?

Bei dieser Frage fehlt das „im Allgemeinen“, was mangelnde interne Konsistenz bedeutet, wenn diese Frage in Verbindung mit den beiden vorher gestellten Fragen eine Fragebatterie darstellen soll. Aber sei’s drum.

Was bedeutet es, wenn ein Befragter seine diesbezügliche Einschätzung anhand der 10-Punkte-Skala abgibt? Welchen Unterschied zeigt es an, wenn z.B. jemand mit „3“ antportet und jemand anderes mit „4“? Es zeichnet der empirischen Soialforschung weitgehend hilflos Ausgelieferte aus, dass sie jeden inhaltlichen Sinn, den man normalerweise (auch) mit standardisierten Befragungen verbindet, zugunsten der statistischen Anforderungen der Prozeduren, die das Statistik-Pakt SPSS (und andere, aber die kennen sie in der Regel nicht) aufgeben. Und man kann ja so viele statistische Prozeduren mehr „laufen“ lassen, wenn man Antworten künstlich differenziert, als wenn man sich mit wenigen, aber dafür inhaltlich relativ klar interpretierbaren, Antwortvorgaben bescheidet. Nicht, dass man wüsste, was bei diesen statistischen Prozeduren tatsächlich vorgeht, ….

Falls ein Befragter in einem wirklich ländlichen Gebiet in Wales lebt, kann er die Frage eigentlich gar nicht beantworten: er muss sich zuerst einmal die Frage stellen, ob es überhaupt eine relevante Anzahl von Zuwanderern gibt, und dann muss er darüber spekulieren, was sie, falls es sie gibt, den ganzen Tag wohl so treiben mögen, und ob das überhaupt irgendeinen Unterschied machen würde, der seinerseits Wales zu einem besseren oder schlechteren Ort machen würde – immer vorausgesetzt, dass es seiner Wahrnehmung oder Erfahrung nach einen nennenswerte Anzahl von Zuwanderern gebe und die Zuwanderer just dies und jenes dort treiben, was der Befragte sich gerade vorstellt. Kurz: Die Antwort auf die Frage ist in diesem Fall ein reines Phantasieprodukt.

Es stimmt: fast überall in Deutschland dürfte das anders sein. Aber gerade wer mit der mehr oder weniger starken Präsenz von Zuwanderern lebt, wird aus eigener Erfahrung wissen, dass ihre Präsenz in manchen Hinsichten angenehm oder vorteilhaft ist oder sein kann, z.B. in Form eines indischen Restaurants oder der Erreichbarkeit eines Muttersprachlers, den man als Sprachcoach anwerben kann, und in anderen Hinsichten unangenehm oder nachteilig, z.B. wenn er meint, dass nächtliche Straßenpartys mit möglichst vielen Freunden oder Bekannten eine kulturelle Normalität seien oder er monatelang von Transferzahlungen lebt, obwohl man ihm gesagt hat, dass er einen Job im selben Betrieb haben könnte, in dem man arbeitet, weil der Chef gerade händeringend Arbeitskräfte sucht.

Der durchschnittliche Befragte lebt ein Leben.
Er macht Erfahrungen.
Er verarbeitet sie.
Er denkt demgemäß mehr oder weniger differenziert.

Der durchschnittliche Sozial“forscher“ von heute braucht nicht zu denken; er kennt die „richtigen“ Antworten und teilt Befragte danach ein, ob sie im Stande oder willens sind, diese „richtigen“ Antworten zu geben oder nicht, ungeachtet der Tatsache, dass der „Forscher“ seine Kenntnis von den „richtigen“ Antworten nur einbildet, eben weil sich ihm Antworten bloß aufgrund seiner eigenen Assoziationen als „richtig“ offenbaren. Oder vielleicht auch aufgrund dessen, was er meint, sich als öffentlich Angestellter in seinem Job „leisten“ zu können bzw. was „man“ von ihm hören möchte.

Wie dem auch sei – man muss sich fragen, welches Leben er lebt, ob er Lebenserfahrungen macht, die diese Bezeichnung verdienen, oder ob er Erfahrungen, die er macht, nicht verarbeitet oder gemäß stark ritualisierter Assoziationsgewohnheiten verarbeitet, so dass er für die Erfahrung von Komplexität weitgehend unzugänglich ist. Und dieses Defizit überträgt er auf andere Menschen, die Befragten, zählt er sich selbst doch zu den komplexen Denkern kraft eines (oft sehr bescheidenen) akademischen Titels oder einer Anstellung an einer Institution, die traditionell als eine „wissenschaftliche“ angesehen wurde (was immer das im konkreten Fall auch bedeuten mag).

In jedem Fall ist es einigermaßen auffällig, dass diejenigen, die meinen, aus den Antworten Anderer etwas über diese Anderen erfahren zu können, so wenig über sich selbst zu wissen scheinen, dass sie nicht einmal bemerken, dass sie in weiten Teilen ihre eigene Konstruktion der Anderen – anlässlich ihrer ziemlich willkürlichen Interpretationen von Antworten der Anderen – zum Besten geben und dass sie sich aber immerhin selbst erforschen könnten, wenn sie sich hierüber im Klaren wären.

In der Redaktionsbesprechung hat Michael Klein die Krux dieser Sozialforschung, wenn man sie denn so nennen kann, auf die ihm eigene Weise wie folgt zusammengefasst:

Forscher fragen nach etwas, das sie nicht benennen können.
Befragte antworten probeweise auf ihnen unverständliche Fragen.
Und Forscher interpretieren ihre „Ergebnisse“ dann auf der Basis von Antworten, die sie meinen, erhalten zu haben.

Genau.

Dabei ist es gar nicht so schwierig, einigermaßen klare Stimuli in Fragen im Rahmen von standardisierten Befragungen zu setzen und dementsprechend relativ leicht zu interpretierende Antworten zu erhalten. So wurde z.B. im ALLBUS 2018 die Frage (F138 auf Seite 79) gestellt:

„In den letzten Jahren sind viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Wenn Sie an die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren denken: Ergeben sich da Ihrer Meinung nach in den folgenden Bereichen wegen der Flüchtlinge mehr chancen, mehr Risiken oder weder noch? …“

In Bezug auf den Sozialstaat …
In Bezug auf die öffentliche Sicherheit …
In Bezug auf das Zusammenleben in der Gesellschaft …
In Bezug auf die wirtschaftliche Lage …

Schwachpunkt ist hier offensichtlich die nichtssagende, weil nahezu uferlos weitgefasste, Formulierung „Zusammenleben in der Gesellschaft“, aber die Frage trägt der Tatsache Rechnung, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland – wie jedes Phänomen – in verschiedenen Hinsichten Nachteile oder Vorteile haben, positiv oder negativ bewertet werden kann. Damit ist eine solche Abfrage sehr viel komplexer und (schon deshalb) realistischer bzw. auf die Beobachtungen, Wahrnehmungen und Lebenserfahrungen von real existierenden Menschen bezogen als die oben beschriebene aus der deutschen Teilstudie „Deutschland in Europa“ im Rahmen der neunten Welle des European Social Survey.

Die Antwortvorgaben, die die Befragten wählen konnten, lauteten:

Deutlich mehr Risiken
Eher mehr Risiken
Weder noch
Eher mehr Chancen
Deutlich mehr Chancen
Weiß nicht
Keine Angabe

So sieht eine gute Antwortvorgaben-Skala aus, „gut“ im doppelten Sinn von für die empirische Sozialforschung aufschlussreich, weil relativ klar interpretierbar, und fair gegenüber Befragten:

Es handelt sich hier um eine hinreichend komplexe aber nicht künstlich Differenzierungen schaffende und außerdem durch Verbalisierung inhaltlich klar interpretierbare 5-Punkte-Skala, die dennoch „Platz“ für einen Mittelpunkt hat, der die Befragten nicht auf die eine oder andere Seite zwingt. Und der Skala beigegeben sind auch die „klassischen“ Antwort-Vorgaben „weiß nicht“ und „keine Angabe“, die Ausweich-Kategorien für diejenigen Befragten darstellen, die meinen, sie könnten sich diesbezüglich kein Ureil bilden (was seinerseits eine inhaltlich sinnvolle und lebenspraktische realistische Antwort darstellen würde) oder sie hätten dazu einfach keine Meinung (vielleicht mangels Interesse am Thema, was ebenfalls durchaus eine lebenspraktische Realität abbilden würde) oder ihre diesbezügliche Einschätzung nicht mitteilen und statt dessen für sich behalten wollen (was etwas über die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Klimas durch den Befragten aussagen mag).

Eine bessere Befragungspraxis ist also ohne größeren Aufwand erreichbar, und damit sie sich durchsetzt, wäre es wünschenswert, dass Menschen sich an Befragungen nur noch beteiligen, wenn im oben genannten Sinn „gute“ Fragen gestellt werden, also sinnvolle, verständliche und faire Fragen, bzw. wenn Befragte die Befragung abbrechen, sobald sie mit vagen Fragen bzw. mit nichtssagenden oder unklaren oder unsinnigen Formulierungen oder manipulativen Antwortvorgaben (wie durch das schlichte Weglassen eines Mittelpunktes in einer Antwortskala) oder beidem konfrontiert werden. Sie täten damit der empirischen Sozialforschung tatsächlich – und anders, als es auf den ersten Blick scheinen mag – einen Gefallen.

Aber Hoffnung besteht auch auf Seiten von Forschern selbst. Jede Talsohle muss notwendigerweise zur nächsten Anhöhe führen, und im einem bald folgenden Post wird über eine gerade erst veröffentlichte Studie berichtet, bei der Forscher von der Tel Aviv University einen Aspekt dieser Unklarheiten mit Bezug auf Zuwanderung bzw. Einstellungen zur Zuwanderung identifiziert, kritisiert und zum Anlass genommen haben, zu prüfen, was dabei herauskommt, wenn man diese Unklarheit beseitigt.


Literatur:

Decker, Oliver, & Brähler, Elmar (Hrsg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. (Leipziger Autoritarismus Studie 2020.) Gießen: Psychsozial-Verlag.

Meerloo, Joost A. M:, 2015[1956]: The Rape of the Mind: The Psychology of Thought Control, Menticide, and Brainwashing. Mansfield Centre, CT: Martino Publishing.

Pickel, Gert, Pickel, Susanne, & Yendell, Alexander, 2020: Zersetzungspotenziale einer demokratischen politischen Kultur: Verschwörungstheorien und erodierender gesellschaftlicher Zusammenhalt?, S. 89-118 in: Decker, Oliver, & Brähler, Elmar (Hrsg.): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments – neue Radikalität. (Leipziger Autoritarismus Studie 2020.) Gießen: Psychsozial-Verlag.



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