Unterschlagung von Daten heißt nun: „veränderte statistische Erfassung“ – Fortzüge von Deutschen über Jahrzehnte unterschätzt

In Yes Minister spielen Jim Hacker und Sir Humphrey Appleby regelmäßig eine Form des Verwaltungsschachs, bei dem Appleby den Minister für Administrative Affairs mit so vielen Informationen zuschüttet, dass die Wahrscheinlichkeit, Hacker könnte die relevanten Seiten lesen, minimiert wird. In den 1970er Jahren hat man dies in Britannien noch für Comedy gehalten.

Der Migrationsbericht 2016/2017 der Bundesregierung, der am 29. Januar 2019 veröffentlicht wurde, ist ein 391 Seiten umfassendes Ungetüm, mit dem – als Drucksache 19/7470 – die Abgeordneten des Bundestages erschlagen werden sollen. Er ist so voller „Informationen“ zu Definitionen und Datenquellen, Zu- und Fortzügen, zu Erwerbsmigration, Einreise und Aufenthalt zum Zwecke der Ausbildung, Einreise und Aufenthalt aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen, Abwanderungen, irregulärer Migration, Personen mit Migrationshintergrund, Geburten und Sterbefällen usw., dass man Mühe hat, die Daten in einem Kapitel mit den Daten im nächsten oder übernächsten Kapitel stimmig zu bekommen.

Der Information-Overflow, der natürlich vornehmlich ein Arbeitsnachweis für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge darstellt und einen Interessenachweis für die Abgeordneten des Bundestags, ist so umfassend, dass eine Gesamtwürdigung des Werkes nur dem zugänglich ist, der in der Materie bereits zuhause ist. Weniger Versierte müssen sich mit Stichproben begnügen, die natürlich interessegeleitet sind, so dass die Wahrscheinlichkeit, mit Stichproben Interessantes zu Tage zu fördern sehr gering ist.

Dabei enthält der Migrationsbericht durchaus Interessantes, z.B. das Eingeständnis, dass die Statistik der Fortzüge von Deutschen, also mehr oder weniger die Anzahl der Auswanderer, jahrzehntelang einen viel zu geringen Wert ausgewiesen hat, weil man Fortzüge, bei denen in den Einwohnermeldeämtern das Kästchen „Ziel unbekannt/ohne Angabe“ behakt wurde, schlicht nicht gezählt hat. Da die Erfassung durch deutsche Meldeämter umfassend ist, und man als Deutscher nicht einfach von A nach B ziehen kann, ohne dem Einwohnermeldeamt davon Kenntnis zu geben und die amtlichen Dokumente mit dem neuen Wohnsitz versehen zu lassen, wie dies z.B. im Vereinigten Königreich der Fall ist, in dem man von A nach B umziehen kann, ohne auch nur eine Verwaltungsstelle zu besuchen, ohne sich ab- oder anzumelden, kommt die Nicht-Erfassung der entsprechenden Daten einer Unterschlagung oder bewussten Geringrechnung der Deutschen, die ins Ausland ziehen, gleich.

Das steht natürlich nicht in der Weise, wie wir es geschrieben haben, im Migrationsbericht. Dort wird auf Seite 177 vielmehr auf den erfreulichen Umstand verweisen, dass die Statistik der deutschen Auswanderer seit 2016 vollständig ist. Wenn Sie Unterschlagungen in der Vergangenheit übergehen wollen, verweisen sie darauf, dass der Kassenbestand seit 2017 korrekt ist. Mal sehen, ob das Finanzamt diese Erklärung akzeptiert.

Weil es so schön ist, hier die entsprechende Passage aus dem Migrationsbericht:

„Die Fortzüge von deutschen Staatsangehörigen bewegten sich seit den 2000er Jahren konstant zwischen 100.000 und 170.000 jährlich, im Jahr 2016 wurden 281.411 Fortzüge von Deutschen aus dem Bundesgebiet registriert und damit im Vergleich zum Vorjahr mehr als doppelt so viele (2015: 138.273) (vgl. Tabelle 3-38). Hintergrund dieser starken Veränderung ist aber im Wesentlichen der Effekt einer veränderten statistischen Erfassung. Seit 2016 werden die Zu- und Fortzüge von Deutschen von bzw. nach „unbekannt/ohne Angabe“ als Außenwanderung verbucht. Zuvor blieben sie in der Wanderungsstatistik und in Folge auch in der Bevölkerungsfortschreibung weitgehend unberücksichtigt. Dieser methodische Effekt trifft vor allem auf die Ergebnisse 2016 und 2017 zu, daher fallen die Werte für diese Jahre deutlich höher aus und sind nur bedingt mit den Vorjahreswerten vergleichbar.“ 

Wenn Sie ihre Einkünfte dem Finanzamt gegenüber zu gering angegeben haben, dann verweisen sie in Zukunft bitte darauf, dass dies ein methodischer Effekt der Erfassung ihrer Eingänge und Ausgänge gewesen sei. Man soll ja Gleiches immer mit Gleichem vergelten.

Wir haben uns bemüht, die tatsächliche Anzahl der Auswanderer aus Deutschland seit 2000 ungefähr zu schätzen. Die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis:

Seit 2000 sind demnach nicht 2.8 Millionen, sondern rund 4 Millionen Deutsche und somit 42% mehr als in den offiziellen Zahlen ausgewiesen, ausgewandert. Normalerweise wird dann, wenn eine neue Erfassung von Daten umgesetzt wird, versucht, die Daten in der Vergangenheit, die anders erfasst wurden, entsprechend zu bereinigen. Dies wäre im vorliegenden Fall leicht möglich. Warum es nicht erfolgt ist, ist eine Frage, die sich jeder selbst beantworten kann.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Dann unterstützen Sie bitte das private Blog ScienceFiles!



ScienceFiles-Spendenkonto

Weitere Möglichkeiten, ScienceFiles zu unterstützen

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Print Friendly, PDF & Email
5 Comments

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Translate »

DIE REGIERUNG LÄSST IHNEN KEINE WAHL!

Ob Sie wollen oder nicht, Sie müssen die AMADEU-ANTONIO-STIFTUNG unterstützen. Zum Dank werden Sie indoktriniert.

BEI UNS HABEN SIE EINE WAHL.

Sie können uns, wenn Sie wollen, mit einer Spende unterstützen. Zum Dank werden Sie von uns informiert.


ScienceFiles-Spendenkonto

Holler Box