Sind 40% „fast die Hälfte“? Rinnsal wird zur Hasswelle gegen Bürgermeister

Eingeschüchtert, angefeindet und bedroht“, so lautet die Überschrift eines Beitrags auf Tagesschau.de, der von einer Umfrage berichtet, die report München in Auftrag gegeben hat, die also aus Mitteln der Gebührenzahler finanziert wurde. Ausgeführt hat die Umfrage „Kommunal.de“, eine Seite, von der nicht bekannt ist, welche methodischen und statistischen Kenntnisse die dort Versammelten zur Durchführung von Umfragen befähigen.

Quelle

Hasswelle: Exklusive Umfrage – Aus Hetze werden Taten“, so lautet die Überschrift, die der Bericht über die Ergebnisse der Umfrage für report München bei Kommunal.de erhalten hat. Die Überschrift bestätigt den Verdacht methodischer Kenntnislosigkeit, denn die berichteten Ergebnisse enthalten keinerlei Hinweis auf eine „Hasswelle“, was sie auch nicht können, denn eine Welle ist eine kontinuierliche Erscheinung, die zu beschreiben Längschnittdaten erforderlich sind, also Daten im Zeitverlauf. Kommunal.de hat aber nur Querschnittsdaten, Daten, die zu einem Zeitpunkt erhoben wurden. Gehen Sie nachts zum Meer. Nehmen Sie eine Taschenlampe mit. Richten Sie die Taschenlampe für genau eine Sekunde auf das Meer. Haben Sie eine Welle beobachtet? Wenn ja, dann haben Sie ungefähr die Einbildungskraft, die bei Christian Erhardt von Kommunal.de, der für den oben zitierten Titel vorantwortlich zeichnet, zu finden sein muss.

Tatsächlich wurden von Kommunal.de 1.055 Bürgermeister befragt. Wie die Auswahl der Bürgermeister erfolgt ist, ist unklar. Ebenso unklar ist, wie die Bürgermeister befragt wurden, ob schriftlich, telefonisch, online? Folglich ist der Status der Umfrage offen, die Frage, ob es sich um eine seriöse und nach den Regeln der empirischen Sozialforschung ausgeführte Umfrage handelt, nicht zu entscheiden.

Indes findet sich in der Pressemeldung von Kommunal.de die folgende Zeile: „Die Stichprobe von Bürgermeistern ist ein repräsentatives Abbild der Gesamtheit aller Bürgermeister (11.100) in Deutschland.“

Um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu bestimmen, ist es unerlässlich zu wissen, wie die Bürgermeister ausgewählt wurden. Dass sich Kommunal.de ausgerechnet mit Blick auf dieses entscheidende Kriterium in Schweigen hüllt, lässt nichts Gutes vermuten. Nimmt man die Unfähigkeit oder Unwilligkeit von Christian Erhardt zwischen Längsschnitt- und Querschnittsdaten zu unterscheiden, hinzu, dann muss man die Wahrscheinlichkeit, dass die Daten irgendwelche Aussagen erlauben, die über die Menge der befragten 1.055 Bürgermeister hinausweist, für sehr gering einschätzen. Abgesehen davon ist, wie wir nicht müde werden zu betonen, Repräsentativität ein Idealtypus, den zu erreichen schon unter Laborbedingungen weitgehend ein Ding der Unmöglichkeit ist.






Das hindert Fabian Mader vom Bayerischen Rundfunk nicht daran, in seinem Beitrag für tagesschau.de den Eindruck zu erwecken, dass die Ergebnisse, die er berichtet, Ergebnisse seien, die Aussagen über alle Bürgermeister in Deutschland zuliesen, wenn er z.B. schreibt: „40 Prozent der Kommunen haben demnach Erfahrungen mit Hassmails, Einschüchterungsversuchen oder anderen Übergriffen gemacht. In rund acht Prozent der Gemeinde- oder Stadtverwaltungen kam es in den vergangenen Jahren sogar zu körperlichen Attacken“.

Tatsächlich berichten 215 befragte Bürgermeister davon, in ihrer Gemeinde seien schon einmal Hassmails eingetroffen, 210 befragte Bürgermeister berichten von Einschüchterungsversuchen und 151 befragte Bürgermeister berichten von „anderen Formen von Übergriffen“, was auch immer damit gemeint ist. Indes berichten manche der Bürgermeister, die von Hassmails berichten auch von „anderen Übergriffen“ oder von Einschüchterungsversuchen, und letztlich sind es 429 der 1055 befragten Bürgermeister, die von irgendeiner Form der versuchten Einflussnahme berichten, 626 befragte Bürgermeister geben an, weder Hassmails, noch Einschüchterungsversuche oder andere Formen von Übergriffen erlebt zu haben. Daraus macht Mader auf tagesschau.de dann „[f]ast die Hälfte der Befragten“, die „Erfahrungen mit Hassmails, Einschüchterungsversuchen oder anderen Übergriffen“ habe, während Erhardt bei Kommunal.de eine „Hasswelle“ zusammenfabuliert. Das Bemühen, aus einem Rinnsal einen Tsunami zu konstruieren, ist unverkennbar.

Es wird bei Erhardt noch deutlicher, wenn die „körperlichen Angriffe“ betrachtet werden. 20 befragte Bürgermeister geben an, selbst seit 2015 schon einmal körperlich angegriffen worden zu sein, 53 der befragten Bürgermeister geben an, „Kollegen der Verwaltung“ hätten dies erleben müssen, und 9 sagen, Mitglieder des Stadt- und Gemeinderates seine schon einmal körperlich angegriffen worden. Das ist kein Ergebnis, das die Überschrift „Aus der Verrohung der Sprache wird rohe Gewalt“ rechtfertigt, die Erhardt wählt. Sein morbides Bemühen, eine Welle der Gewalt in deutschen Kommunen zu konstruieren, das auf Kommunal.de natürlich als eine Welle von rechts suggeriert werden soll, ist hier offenkundig mit ihm durchgegangen, so weit, dass er den Boden der Lauterkeit, sofern er ihn überhaupt je betreten hat, längst verlassen hat.

Phantasie kann man Erhardt jedoch nicht absprechen, wenn aus „körperlich angegriffen“ bei ihm „rohe Gewalt“ wird, und Anhänger einer Verschwörungstheorie ist er auch, denn er glaubt, dass Hassmails oder Einschüchterungen verbaler Art zu „roher Gewalt“ werden. Belege dafür – außerhalb der Einbildung von Erhardt – gibt es freilich keine, aber es gibt eine Unmenge von kriminologischer Forschung, die zeigt, dass Gewalt zwischen Menschen entweder nonverbal erfolgt: A schlägt B ohne verbales Vorspiel oder als Ergebnis einer eskalierten Interaktion: A und B streiten, nach 20 Minuten wird es B zu bunt, und er schlägt A. Dass A eine Hassmail an B schickt, der Hassmail nachfolgt, um B auch noch zu verprügeln, ist eine interessante Idee, die gewisse Verbindungen zum Mesmerismus nicht leugnen kann, aber mit Wissenschaft oder wissenschaftlicher Erkenntnis nichts zu tun hat, weil sie in den Bereich der Esoterik gehört.

Während bei Christian Erhardt Kenntnisarmut und Elend empirischer Sozialforschung eine enge Verbindung eingehen, ist hier die Stelle erreicht, an der wir Fabian Mader vom BR positiv abheben müssen. Er zeichnet sich zwar nicht dadurch aus, den angeblichen Ergebnisse der von report München in Auftrag gegebenen Umfrage kritisch und methodisch-kenntnisreich gegenüberzustehen, aber er gehört auch nicht zu denen, die jede Gelegenheit nutzen, um eine Verschwörungstheorie abzusondern und alles Übel der Welt vor der Tür vermeintlich Rechter abzuladen.

Er gehört zu denen, die noch etwas Menschenverstand behalten haben. So leitet er seinen Beitrag mit einer Anekdote aus Magdeburg ein. Der dortige Bürgermeister wurde angefeindet, weil er Bäume fällen ließ. Ob das Rechte waren? Derselbe Bürgermeister wurde auch schon tätlich angegriffen, von einem Täter, der heute in der Psychiatrie lebt. Wieder kein Rechter. Ja, Mader zeigt sogar Zeichen von Unzufriedenheit mit den vermeintlichen Ergebnissen, wenn er versucht, seinen Anekdoten noch Berichte in lokalen Zeitungen von „Übergriffen und Drohungen“ hinzu zu gesellen, freilich unspezifiziert und somit ohne Wert. Und so ist es nur logisch, dass der Hauptgeschäftsführer des Städte und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, von einer „hohen Dunkelziffer“ spekulieren darf, also von einer Ziffer, die er, zum einen nicht kennt, zum anderen für hochhält, obwohl er sie nicht kennt.

Geistige Defizite nehmen heute alle möglichen Formen an, deuten aber konsequent darauf hin, dass der Stellenwert der Ergebnisse, die Kommunal.de auf unbekannte Art für eine unbekannte Summe aus dem, was Gebührenzahler an den öffentlichen Rundfunk überweisen, durchgeführt hat, unklar, höchst unklar ist. Was es bedeutet, dass 92,2% der befragten Bürgermeister, also 980 von 1055 Befragten berichten, körperliche Übergriffe habe es in ihrer Gemeinde seit 2015 nicht gegeben, ist den Beteiligten unklar. Es ist offenkundig kein Grund zur Freude, so wenig, wie es eine Hasswelle zu belegen im Stande ist.

Aber lehrreich ist diese Episode, denn sie zeigt, dass Ideologen wie Erhardt nicht zögern, die Ergebnisse, die sie gerne hätten, in tatsächliche Ergebnisse zu projizieren, selbst wenn die gewünschten Ergebnisse nicht vorhanden sind und sie zeigt, dass die Umfrage nicht aus Erkenntnisgründen durchgeführt wurde, wäre Letzteres der Grund, dann würde man sich dann, wenn man unbedingt eine Verrohung der Gesellschaft in die Ergebnisse hineinlesen will, fragen, wie dieselbe zu erklären ist, wie es zu erklären ist, dass Übergriffe auf Gemeindebedienstete zunehmen, sofern sie zunehmen, was man natürlich mit den präsentierten Ergebnissen nicht belegen kann. Man würde sich fragen, ob vielleicht die Qualität des Gemeindepersonals nachgelassen hat, Aggression in den Gemeinden offener ausgelebt wird oder das Gemeindepersonal durch sein Verhalten Aggression provoziert. Man würde sich nach den Anlässen von Gewalt erkundigen, wie dies Mader ansatzweise macht, wenn er von einem Mann berichtet, der mit der Axt in die Zulassungsstelle kommt, offenkundig, um gegen die Stilllegung seines Fahrzeugs zu protestieren.

All diese Fragen werden nicht gestellt, kommen Erhardt von Kommunal.de nicht einmal in den Sinn. Das zeigt sehr deutlich, dass man es einmal mehr mit einem Fall zu tun hat, in dem das Instrumentarium der empirischen Sozialforschung für ideologische Zwecke missbraucht wird, von Personen missbraucht wird, die von empirischer Sozialforschung keine Ahnung haben, was das Ganze besonders ärgerlich macht.


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