„Das allen Menschen Gemeinsame, nur in verschiedener Verteilung …“ – Richard Thurnwald zum 150. Geburtstag

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Der am 18. September 1869 in Wien geborene und am 19. Januar 1954 in Berlin im Alter von 85 Jahren verstorbene Richard Thurnwald war einer der bekanntesten deutschsprachigen Kulturanthropologen neben Fritz Boas, Leo Frobenius und einigen anderen, vielleicht – und vielleicht zu Unrecht – nicht (mehr) so bekannten Personen wie z.B. Adolf Bastian.

Quelle

Thurnwald wurde von Bronislaw Malinowski (1926: 9) als der zu seiner Zeit „leading German anthropologist“ bezeichnet, und tatsächlich ist Thurnwalds Arbeit für die Kulturanthropologie sehr wichtig gewesen, und zwar nicht nur aufgrund der vielen Publikationen, die er verfasst hat – es sind mehr als 350 (Adam 1955: 145) – und die die Breite seines Wissens und seiner Interessen abbilden, sondern auch aufgrund der Vielfältigkeit dieser Publikationen, ohne dass diese Vielfältigkeit durch Oberflächlichkeit erkauft worden wäre. Durch die Arbeiten Thurnwalds zieht sich (jeweils mehr oder weniger ausgeprägt) nämlich wie ein roter Faden die Frage, die Thurnwald besonders interessierte. Und dies ist die Frage nach dem, was er in dem Bericht über seine Feldforschung in Neu-Guinea in den Jahren 1912 bis 1915, der den Titel „Bánaro Society“ (1916) trägt und zu seinen bekanntesten Texten gehört – die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahr 1921 – die „Symmetrie des Gesellschaftsbaus“ (Thurnwald 1921: 16) nennt. Und diese Symmetrie beobachtet er – wie so viele andere Kulturanthropologen dies nach ihm in vielen verschiedenen Gesellschaften in verschiedenen Regionen der Erde getan haben – als Organisationsprinzip in allen Bereichen und auf allen Ebenen der „primitiven“ Gesellschaft der Bánaro, von der Architektur der sogenannten Geisterhallen der Bánaro, also dem Bereich der materiellen Kultur, über das Verwandtschaftssystem und die politische Organisation bis hin zum Handeln der einzelnen Menschen in der Gesellschaft:

„Der Symmetrie des Hallenbaus [d.h. der Symmetrie der Architektur in den Geisterhallen] entspricht eine Symmetrie des Gesellschaftsbaus. Wir werden noch weitersehen, wie mit dieser eine Symmetrie von Handlungen übereinstimmt. Symmetrie von Handlungen aber nennen wir das Prinzip der Vergeltung“ (Thurnwald 1921: 16),

wobei mit „Vergeltung“ das Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und zwar im Negativen wie im Positiven, gemeint ist. Die „Symmetrie des Gesellschaftsbaus“ in allen seinen Bereichen und Ausprägungen erklärt sich Thurnwald dadurch, dass die Reziprozitätsnorm „[…] tief verwurzelt im menschlichen Empfinden [liegt]“ (Thurnwald 1921: 16).

Dieses Prinzip wird gewöhnlich als das Prinzip der Reziprozität bezeichnet. Malinowski, dem die Entdeckung der großen Bedeutung der Reziprozitätsnorm im wirtschaftlichen und sozialen Leben technologisch einfacher menschlicher Gesellschaft, wie er sie in seiner berühmten Arbeit über „The Argonauts of the Pacific“ (1966[1922]) dokumentiert hat, oft zugeschrieben wird, schließt direkt an Thurnwalds Arbeit an und würdigt sie ausdrücklich:

“Throughout his monograph, which is perhaps the best account of the social organization of a savage tribe extant, Prof. Thurnwald shows how the symmetry of social structure and of actions pervades native life. Its importance as a legal binding form is not, however, explicitly stated by the writer, who seems to be aware of its psychological foundation ’in human feeling’ rather than of its social function in safeguarding the continuity and adequacy of mutual services”

Das „menschliche Empfinden“, in dem nach Thurnwald die Reziprozitätsnorm verankert ist, ist für ihn Ausdruck einer menschlichen Natur, d.h. einer von allen Menschen geteilten Natur:

„Das Fremde hilft uns erst zur Erkenntnis von uns selbst. Erst auf dem Wege der Unterscheidung finden wir das uns Eigentümliche. Diesem liegt aber stets das allen Menschen Gemeinsame, nur in verschiedener Verteilung, zugrunde … Während einerseits die Grundlagen des Seelischen wie auch des Körperlichen gleichartig sind, spaltet und spaltete sich das Menschentum doch, soweit wir zurückblicken können, schon früh in verschiedene Stammlinien auf. Diese betätigten sich in vielerlei Orten und unter mannigfachen Bedingungen. Die Menschen schufen unter verschiedenen Anregungen und Bedingungen mannigfache Werkzeuge und Geräte zur Versorgung mit Nahrung und zur Erhaltung und Erleichterung des Lebens. Sie lebten überall gesellig und ordneten die Beziehungen unter den Angehörigen der Gemeinden und von Familien und Gemeinden untereinander, sie bildeten sich Vorstellungen über die Erscheinungen und Vorgänge in der Natur und unter den Menschen. Bei aller Mannigfaltigkeit zeigt sich eine im wesentlichen gleichartige Richtung eines Strebens zur Bewältigung der Umwelt und eine grundsätzliche Ähnlichkeit des Verfahrens“ (Thurnwald 1951: 22; Hervorhebung d.d.A.).

Um diese „grundsätzliche Ähnlichkeit des Verfahrens“ als solche zu belegen, ist eine vergleichende Perspektive notwendig, die sich Thurnwald in einigen seiner frühen Schriften und in seinen späten Schriften einzunehmen bemüht. Dass er dies nicht durchgängig getan hat, mag dem Problem geschuldet sein, dass das, „… [w]as uns bei einem Naturvolk heute entgegentritt, […] ebenso historisch geworden [ist], wie etwa unsere Geistesverfassung. Auch die sog. ‚geschichtslosen‘ Völker haben ihre Geschichte, nur kennen wir sie nicht, oder doch nur sehr wenig. Selbst deren roheste Umrisse zu konstruieren, ist ein schwieriges Unternehmen“ (Thurnwald 1929: 247). Dennoch hat Thurnwald Kulturanthropologie niemals als bloße Sammlung beschreibender Studien über verschiedene Völker oder Lebensweisen aufgefasst, sondern immer als Wissenschaft, d.h. als systematisierendes, generalisierendes und möglichst allgemein gültige Zusammenhänge herstellendes Verfahren zur Gewinnung von Wissen.

Bedauerlicherweise wird er heute an deutschsprachigen Universitäten im Fach Ethnologie entweder nur am Rande oder gar nicht behandelt, oder/und es stehen nicht seine kulturanthropologischen Arbeiten im Zentrum des Interesses, sondern Fragen danach, ob oder inwieweit er die „richtige“ oder „falsche“ Gesinnung mit Bezug auf Themen seiner Zeit wie Rassenhygiene und Kolonialismus hatte, wozu dann nicht etwa seine zahlreichen Schriften gelesen und gewürdigt werden, sondern nach Verbindungen zu Personen, Medien oder Institutionen gesucht wird, die aus heutiger ideologischer Sicht als die „falschen“ eingestuft werden, was zu studentischen Arbeiten führt wie der vom Grin-Verlag vertriebenen Seminararbeit von André Krummacher mit dem Titel „Ethnologie im Nationalsozialismus“ aus dem Jahr 2000. Das ist allerdings keine relativ neue Unart, sondern hat Vorbilder aus den vergangenen Jahrzehnten wie sie u.a. – und in besonders hysterisch-überreibender und daher abstoßender Weise – Timm (1977) darstellt, sowie der Herausgeberband von Klingemann (1987).

So hat z.B. Fischer (1990: 115) gezählt, dass in der Zeit von 1909 bis 1939, also im Zeitraum von drei Jahrzehnten, „[…] allein Richard Thurnwald … fünf Artikel … [zur Publikation in der Zeitschrift ‚Koloniale Rundschau‘] [lieferte]“, und Schuster berichtet, dass Thurnwald „Mitarbeiter“ des „Berliner Archivs für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“, ja sogar „Mitherausgeber der Zeitschrift [d.h. des Berliner Archivs für Rassen- und Gesellschafts-Biologie] wie auch Mitbegründer der Gesellschaft für Rassenhygiene“ (Schuster 1987: 319) war, um dann fortzufahren: „Die unklare [!] gesellschaftsbiologische Strömung reichte tief [!?] in die Denkansätze wichtiger soziologischer Schulen der damaligen Zeit“ (Schuster 1987: 319), was vielleicht stimmt, aber wenn es stimmt, die Mitarbeit Thurnwalds in Fachzeitschriften oder Fachgesellschaften der damaligen Zeit weit weniger besonders und bemerkenswert macht als hier (und anderswo) suggeriert werden soll, schon weil der Begriff „Rassenhygiene“ heutzutage deutlich anders konnotiert ist als in den 1930er-Jahren, was auch für viele andere Begriffe gilt, die heute nicht mehr benutzt werden bzw. ersetzt wurden, wie z.B. den Begriff „Völkerpsychologie“, zu dem Thurnwald (1929: 240) selbst bemerkt hat: „Mit Mißverständnissen belastet und kompromittiert durch Dilettantismus schillert der Begriff der Völkerpsychologie in der Wissenschaft“, und der durch den Begriff „Ethnopsychologie“ ersetzt wurde. Tatsächlich war Thurnwald Herausgeber oder Mitherausgeber einer Reihe von Zeitschriften, darunter der „Forschungen zur Völkerpsychologie [!] und Soziologie“ und der „Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft einschließlich der ethnologischen Rechtsforschung und des Kolonialrechts“, aber dies findet Schuster anscheinend weniger anstößig als Mitherausgeber einer Zeitschrift mit dem Titel „Berliner Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie“ zu sein.

Immerhin werfen Berichte über solche „Verfehlungen“ wie die, in drei Jahrzehnten fünf Artikel in Medien veröffentlicht zu haben, die 80 Jahre später suspekt klingende Namen haben und (vielleicht nur deshalb?) vom jemandem negativ bewertet werden, die Frage auf, ob in Zukunft ausgezählt werden wird, wer sich in Zeiträumen von etwa 30 Jahren in wie vielen Fällen des Beitrags zu einschlägigen „Gender-Publikationen „schuldig“ gemacht hat oder – umgekehrt – zu einer Untersuchung darüber, welche Autoren welche Zeitschriften durch mehrfache Publikation in ihnen „verunreinigt“ haben. (Beispielsweise hat Klaus Timm zwischen 1960 und 2009 siebzehn Mal in der Ethnographisch-Archäologischen Zeitschrift publiziert, wie jeder selbst anhand der hier verlinkten Liste prüfen kann. Welche Schlussfolgerungen lässt dies mit Bezug auf die politische oder ideologische Verfassung von Herrn Timm zu (die man in hinreichendem Maß seinen Schriften selbst entnehmen kann), und welche Schlussfolgerungen lässt dies mit Bezug auf die politische oder ideologische Ausrichtung der „Ethnographisch-Archäologischen Zeitschrift“ zu? Richtig: keine!

Es kann sogar als fachwissenschaftliche Publikation durchgehen, wenn man seinen voyeuristischen Tendenzen nachgibt und die Tagebucheinträge willkürlich ausgewählter Forscher liest – naja, nicht völlig willkürlich; es muss ein öffentlicher Zugang zu ihren Tagebüchern gegeben sein – und aus ihnen herausliest, dass die damaligen Schreiber „displayed the then taken-for-granted sense of unquestioned European superiority, and retained elements of that stance to the end of their careers“ (Jahoda 2007: 11). Unterstellt wird dabei: „These diaries, unlike retrospective and sanitized accounts, reveal their attitudes and behaviours …” (Jahoda 2007: 11), während publizierte Schriften derselben Personen anscheinend von vornherein als nicht oder zumindest weniger ernstzunehmend (ab-)qualifiziert werden, obwohl gerade das Gegenteil plausibel ist: Ein Tagebuch enthält (auch) Spontanes, Unüberlegtes, Dinge, die man am nächsten Tag vielleicht schon nicht mehr oder nicht so – gekürzt, in vielleicht flapsiger Sprache, unter Verwendung privater und kaum mitteilbarer Symboliken – schreiben würde, während eine Publikation, die für die Lektüre durch eine breite Öffentlichkeit oder Fachkollegen gedacht ist, besser durchdachtes Material enthält (oder enthalten sollte), das man auch zu verantworten bereit ist. Daher sind Publikationen die im Vergleich zu Tagebüchern ernster zu nehmenden Texte – ganz davon abgesehen, dass es eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte einer Person darstellt, dasjenige hervorzuzerren und als das „wahre Gesicht“ dieser Person darzustellen, was sie im Privaten für sich selbst, als Merkpunkt, zur weiteren Überlegung, als emotionalen Ausdruck irgendeiner Befindlichkeit o.ä. festgehalten hat, als Vorläufiges, was die Person eben (noch) nicht fähig oder bereit ist, einer breiten Leserschaft gegenüber zu erklären oder zu verantworten. Welchen Erkenntnisgewinn das Eindringen in die Privatheit anderer Menschen, die sich nicht mehr gegen sie verwahren können, weil sie nicht mehr unter uns weilen, bringen soll, bleibt rätselhaft, es sei denn, man wolle als fachwissenschaftliche „Erkenntnis“ gelten lassen, was Jahoda im letzten Absatz seines Textes schreibt:

„It would seem that most of those born in the nineteenth century were unable to truly rid themselves of the then prevailing ethos. The next generation of anthropologists had no such problems, and tended to identify with their people” (Jahoda 2007: 22; Hervorhebung im Original).

Und Jahoda bemerkt nicht einmal, dass erstens kein Anlass (und keine Möglichkeit!) für Menschen, die im 19. Jahrhundert geboren wurden, besteht, sich als fähig zu erweisen, sich wirklich von etwas zu reinigen, das Leute im 21. Jahrhundert falsch finden oder negativ bewerten, und zweitens die angesprochene nächste Generation von Kulturanthropologen eben doch genau dasselbe „Problem“ hatte und sich in keiner Weise von denjenigen Kulturanthropologen unterschied, die im 19. Jahrhundert geboren wurden, denn auch sie „were unable to truly rid themselves of the then prevailing ethos“, das anscheinend darin bestand, sich mit „seinen“ Gesellschaften, die man selbst erforscht hat oder für die man sich besonders interessiert, zu solidarisieren. Immerhin ist Jahoda hinreichend mit logischem Denken begabt, um zu finden, dass niemand die Verantwortung für die Taten oder Untaten anderer Personen trägt:

“Some of those who followed them felt, unreasonably it seems to me, guilt for the sins of their (grand-?) fathers” (Jahoda 2007: 22; Hervorhebung d.d.A.).

Vermeintliche „Erkenntnisse“ wie die oben zitierten sind nicht nur als solche zweifelhaft, sondern auch unwichtig, insbesondere für die Würdigung des Beitrags einer Person zu einem Fach, das eine wissenschaftliche Disziplin sein will. Sie sind aber nicht nur unwichtig, sondern auch oft unfair der Person gegenüber, um die es gerade geht, wird ihre Arbeit doch von vornherein auf logisch unzulässige Weise mit politischen oder ideologischen Inhalten verbunden, die der zeitgenössische Autor auf seine Weise interpretiert, die aber nicht diejenige ist oder sein muss, die die betrachtete Person bewegte oder nicht bewegte, und falls diese Inhalte die betrachtete Person tatsächlich bewegte, müssen diese Inhalte keineswegs zwangsläufig auf ihre fachliche Arbeit „abgefärbt“ haben. Und falls sie doch „abgefärbt“ haben, ist es keineswegs von vornherein klar, in welcher Weise sie dies getan haben.

Beispielsweise scheint es zeitgenössischen Kritikern in ihrem übergroßen Selbstbewusstsein völlig unvorstellbar zu sein, dass sich z.B. ein Ethnologe über Fragen des Kolonialismus geäußert haben könnte, um die herrschenden Verhältnisse oder das Unausweichliche zu kritisieren oder so erträglich wie möglich zu gestalten oder so effizient wie möglich, wenn es schon getan wird – ganz so, wie eine wissenschaftliche Sachverständigenkommission z.B. Expertisen zu den Kinder- und Jugendberichten verfasst oder sie bei anderen Wissenschaftlern in Auftrag gibt (ich selbst habe z.B. eine Expertise zum 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung im Auftrag der Sachverständigenkommission verfasst), die nicht notwendigerweise nur Befunde enthalten, die der Bundesregierung genehm oder für sie schmeichelhaft sind (jedenfalls war das früher so).

Aber Ideologen kennen keine Zweifel. So versteht z.B. Steinmetz, Thurnwalds „… insistent propaganda for ‚applied ethnology in colonial policy’ – the title of an essay he first published in 1912 and revised in 1939” (Steinmetz 2014: 436) als Propaganda für Kolonialismus (statt als Votum für die angewandte Ethnologie) miss.

„And then there is the letter in his personnel file at the Humboldt University in Berlin in which he asks his Dekan for a reduced teaching load in 1942 because he is working on ‘a series of reports on the labor deployment of foreign workers’ for the Ministry for Armaments and Munition. Thurnwald’s early work on forced labour in colonial New Guinea and his lifelong willingness to suggest practical applications for his social research findings made him an ideal candidate for the job” (Steinmetz 2014: 436).

Soll das bedeuten, dass Steinmetz die Bitte um eine Entlastung von Lehrverpflichtungen von den Inhalten abhängig machen will, die jemand im Rahmen seiner Arbeit an Forschungsberichten bearbeitet und die ihn, Steinmetz, interessieren oder nicht interessieren? Soll es bedeuten, dass Steinmetz es aus unbekannten Gründen falsch findet, wenn der „ideal candiate for the job“ den „Job“ auch tatsächlich bekommt und erledigt? Wenn nicht, was soll es dann bedeuten? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls wird dies von Steinmetz angeführt, um zu belegen, dass „Thurnwald believed he was exempt from accusations of producing ‚colonial propaganda’, but he engaged in that too …” (Steinmetz 2014: 436), und dieses „Engagement“ kann im engen Horizont von Steinmetz nur „kolonialistische Propaganda“ sein – und dies, obwohl Thurnwald, wie Steinmetz selbst berichtet (Steinmetz 2014: 436), die Auffassung geäußert hat, dass das Ansehen der Völkerkunde durch die Unterstellung, dass sie im Dienst des Kolonialismus stehe, schwer beschädigt würde. Man könnte vermuten, dass Thurnwald angesichts dieser Einschätzung sehr darauf bedacht gewesen ist, nicht in den Verdacht zu kommen, „im Dienst des Kolonialismus“ zu stehen, und dass er den vermeintlichen „Dienst“ für den Kolonialismus als einen „Dienst“ an den beteiligten Menschen aufgefasst hat, aber eine solche Vermutung kommt Steinmetz gar nicht in den Sinn; wie gesagt: Ideologen kennen keine Zweifel. Festgehalten werden kann aber, dass (auch) Steinmetz nicht im Stande ist, einschlägige Äußerungen kolonialistischer Propaganda Thurnwalds zu zitieren, was einigermaßen bemerkenswert ist angesichts der Tatsache, dass Steinmetz Thurnwald gerne ins moralische Unrecht setzen will und deshalb sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen hätte, kolonialistische Propaganda bei Thurnwald in dessen eigenen Worten zu zitieren.

Die Art, wie Steinmetz seine kognitiven Dissonanzen mit Bezug auf eine Person, die er für moralisch auf der „schlechten“ Seite stehend befunden hat, schriftlich bearbeitet, ist typisch für viele Autoren, die – wie Steinmetz – eher an der Beurteilung von Personen aufgrund ideologischer Bindungen des Autors als an der kritischen Würdigung ihrer fachlichen Leistungen interessiert sind:

„There is an interesting combination of heteronomy and autonomy in Thurnwald’s work. One the one hand he adopted just about every possible view of colonialism and politics more generally over the course of his life, twisting and turning [!] depending on context. On the other hand his scientific position was much less variable [!]. Even his tract on Nazi colonial native policy (1939), on closer inspection, is little more than a translation into Nazi jargon of standard twentieth-century colonial practices like indirect rule and native reservations. Thurnwald’s moves in the social scientific field were somewhat independent of his often reprehensible political positionings” (Steinmetz 2014: 436).

Ich will dem Leser nicht mehr aus diesem unsäglich anmaßenden und in seiner Anmaßung und Selbstgerechtigkeit abstoßenden Papier von Steinmetz zumuten. Die zitierte Stelle mag genügen, um zu zeigen, dass eine Person, hier: Thurnwald, ist sie erst einmal für ideologisch „anders“ und daher moralisch „schlecht“ befunden worden, dies auch bleiben muss, selbst dann, wenn ihre Schriften oder Taten (oder beides) dieser Bewertung widersprechen. Erweist sich die Person nicht durchgängig als „schlecht“ nach den Erwartungen des selbstgerecht über die Person Urteilenden, dann „dreht und wendet“ („twisting and turning“) sie sich in der Interpretation des Urteilenden eben in opportunistischer Anpassung an die Situation – was ihren moralisch fragwürdigen Charakter unberührt lässt und die ideologisch sauber eingeteilte Welt des Urteilenden unbeschädigt lässt. Diese Praxis ist nicht nur m.E. moralisch widerwärtig und ein kognitives Armutszeugnis, sondern sie ist m.E. vor allem vollkommen überflüssig, denn, wie Steinmetz selbst einräumt, besteht bei Thurnwald – wie bei den meisten Menschen, die nicht einer jahrelangen Gehirnwäsche durch eine Sekte unterzogen wurden – eine weitgehende Unabhängigkeit zwischen seiner fachlichen Arbeit und seinen politischen Einstellungen oder Aktivitäten sowie seiner Integrität und Moralität. Wer diesen Unterschied nicht bei Anderen sehen kann, der setzt sich dem Verdacht aus, bei sich selbst keinen solchen Unterschied zu sehen, was die Frage aufwirft, ob es sich bei ihm um jemanden handelt, der einer jahrelangen Gehirnwäsche durch eine Sekte unterzogen wurden oder sonstwie kognitiv erheblich beeinträchtigt ist.

Glücklicherweise ist es wenig wahrscheinlich, dass sich jemand in 70 bis 75 Jahren bemühen wird, festzustellen, ob z.B. Steinmetz neben der Verbreitung ideologischer Botschaften und der moralischen Beurteilung von verstorbenen Fachvertretern der Kulturanthropologie in Zeitschriften wie „Postcolonial Studies“ irgendwelche für die Sozialwissenschaften nützlichen Aktivitäten entfaltet hat; er müsste sonst vielleicht fürchten, so beurteilt zu werden, wie er selbst Thurnwald beurteilt – oder schlechter, im Fall der Abwesenheit irgendwelcher relevanter Beiträge zur Sozialwissenschaft, denn der Wille zur Diffamierung mag ein allen Menschen Gemeinsames sein – „nur in verschiedener Verteilung“ (Thurnwald 1951: 22).

Festgehalten werden kann jedenfalls, dass Thurnwald an vielen Stellen ein deutlich komplexeres Denken zeigt als dies viele derer tun, die über ihn oder vielmehr das, was sie assoziieren, schreiben, aber Thurnwald offensichtlich gar nicht oder nur auszugsweise gelesen haben, denn hätten sie auch nur seine bekanntesten Texte gelesen, wüssten sie z.B., dass Thurnwald Kritik an „nationalen Psychologien“ wie z.B. die Vorstellung einer Psychologie „der“ Engländer oder „der“ Franzosen geübt hat, heute würde man – positiv formuliert – vielleicht sagen, dass er der „Intersektionalität“ das Wort redete:

„Abgesehen von der mehr oder minder starken Betonung eines gewollten egozentrischen Wertungsstandpunktes fehlt solchen nationalen Psychologien unter unseren Zeitgenossen die Berücksichtigung engerer geographischer und landschaftlicher Verschiedenheiten, der Unterschiede aus dem Siedeln in der Stadt oder auf dem Lande, die Berücksichtigung der Geistesverfassung, wie sie sich aus der Angehörigkeit zu Berufsgruppen [ergibt], zur sozialen Stellung darin, zu den Wirtschaftszweigen, den politischen Parteien, zu religiösen und ideologischen Verbänden usw.“ (Thurnwald 1929: 243).

Sie wüssten dann, dass Thurnwald bereits für Wertfreiheit in der Wissenschaft eintrat und die Gleichsetzung von sogenannten Naturvölkern mit prähistorischen Menschengruppen problematisch bzw. einer guten Begründung bedürftig fand:

„Gibt es nicht die Möglichkeit, einen Anhaltspunkt für einen relativ wertungsfreien oder wertungsarmen Standpunkt zu gewinnen? Worauf stützt sich z.B. die U m – d e u t u n g , die von dem Leben der sog. Naturvölker auf das prähistorischer Primitiver vorgenommen wird? Denn dieses Problem bildet einen Teil der entwicklungspsychologischen Betrachtungen überhaupt“ (Thurnwald 1929: 246; Hervorhebung im Original).

Sie wüssten weiter, dass Thurnwald schon in seinem Bericht über die Bánaro aus dem Jahr 1916 auf die Frage eingegangen ist, warum bzw. wann man von „Stämmen“ als von homogenen Gruppen sprechen kann (Thurnwald 1916: 174), und dass er im selben Bericht die Idee formuliert, „… dass einfache Formen auch das Ergebnis einer Rückbildung von komplexeren Formen sein können [und] [d]ie Entwicklung […] eben keineswegs immer geradlinig [verläuft]“ (Thurnwald 1916: 224), also die Möglichkeit dessen formuliert, was später als „sekundäre Primitivität“ bezeichnet wurde.

Sie wüssten auch, dass Thurnwald den Entwicklungsgedanken an anderen Stellen in seinem Werk weiter problematisiert, u.a. wie folgt: „Wollte man sich von allen diesen Vorgängen, die man zusammenfassend, aber sehr unbestimmt als ‚Kultur‘ bezeichnet, im Ablauf der Zeiten ein Bild machen, so sprach man von ‚Entwicklung‘. Dieser Ausdruck dürfte aber nicht ganz dem Gang der Ereignisse entsprechen. Ein anderer Vergleich dürfte zutreffender sein. Es scheint nämlich, dass der Vorgang ähnlich ist wie auf technischem Gebiet der Aufspeicherungsprozeß und die ihm komplementäre Ausscheidung alles Überholten (z.B. eines Steinmessers nach Gewinnung des Metallmessers) oder die Spezialisierung von nicht mehr allgemein zur Verwendung geeigneten Fertigkeiten (Ruder- oder Segelboot für beschränkte Zwecke in Häfen, für kurze Fahrten, für Fahrten, bei denen Zeit keine Rolle spielt, für Sport, nachdem das Dampf- oder Motorboot die Herrschaft gewonnen haben). Auch auf geistig-kulturellem Gebiet vollziehen sich Vorgänge dieser Art … Man hat hier mit verschiedenen Schichten zu tun, die entsprechend den Kenntnissen und der Beherrschung der Natur auf die Veranlagung der menschlichen Seele als Reize einwirken“ (Thurnwald 1951: 22; Hervorhebungen im Original).

Ein Gefühl „unhinterfragter europäischer Überlegenheit“, das Jahoda (2007: 11; s. oben) Malinowski und Thurnwald unterstellt, kann vor diesem Hintergrund im Fall von Thurnwald nur ein Gefühl für eine zu bestimmten Zeiten größere Beherrschung der Natur in Europa als anderswo gewesen sein. Was immer Jahoda hierüber hinaus mit einer „unhinterfragten europäischen Überlegenheit“ assoziiert, ist sein Problem, nicht das Thurnwalds.

Eine Rezeption und Würdigung von Richard Thurnwald als gleichzeitig breit und tief gebildetem Menschen und analytischem Denker bzw. von Thurnwalds Arbeit als Kulturanthropologe (inklusive seiner Feldforschungen in Neu-Guinea und Ostafrika) müsste wahrscheinlich etwa so umfangreich geraten wie seine Schriften selbst, und deshalb kann hier nicht mehr getan werden als an Thurnwalds Arbeit zu erinnern und sie zur Lektüre zu empfehlen, und sei es nur um einer einzigen und nach wie vor höchst aktuellen, Erkenntnis Thurnwalds willen:

„Bequemes Denken … führt immer zu guter sozialer Einordnung, selbständigem Denken dagegen haftet leicht eine a-soziale Färbung an, namentlich wenn es nicht imstande ist, um sich eine Gefolgschaft zu kristallisieren“ (Thurnwald 1929: 248).

Thurnwald würde es deshalb einigermaßen bedenklich finden, wenn man seine Schriften unkritisch lesen würde, seine Konzepte oder Argumentationen ohne Weiteres akzeptieren oder übernehmen würde. Er würde stattdessen wollen, dass seine Arbeit als solche gewürdigt wird und man sich mit ihr argumentativ auseinandersetzt, statt diese Auseinandersetzung durch Spekulationen über seine politische Orientierung oder seine moralische Integrität zu ersetzen.


Literatur:

Adam, Leonhard, 1955: In Memoriam: Richard Thurnwald. Oceania XXV (3): 145-155.

Fischer, Hans, 1990: Völkerkunde im Nationalsozialismus: Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin. Stuttgart: D. Reimer.

Jahoda, Gustav, 2007: Anthropologist and „Native“ in Early Twentieth Century New Guinea: Malinowski and Thurnwald. History and Anthropology 18 (1): 11-24.

Klingemann, Carsten (Hrsg.), 1987: Rassenmythos und Sozialwissenschaften in Deutschland: Ein verdrängtes Kapitel sozialwissenschaftlicher Wirkungsgeschichte. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Malinowski, Bronislaw, 1966[1922]: Argonauts of the Western Pacific: An Account of Native Enterprise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. London: Routledge & Kegan Paul.

Malinowski, Bronislaw, 1926: Crime and Custom in Savage Society. London: Kegan Paul, Trench, Trubner & Co.

Schuster, Helmuth, 1987 :Theorien, Utopien und rassistische Abgründe sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung zwischen wilhelminischem Mitteleuropa-Modell und SS-Generalplan Ost, S. 316-344 in: Klingemann, Carsten (Hrsg.): Rassenmythos und Sozialwissenschaften in Deutschland: Ein verdrängtes Kapitel sozialwissenschaftlicher Wirkungsgeschichte. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Steinmetz, George, 2014: Defensive Anthropology. Postcolonial Studies 17 (4): 436-450.

Thurnwald, Richard, 1951: Des Menschengeistes Erwachen, Wachsen und Irren: Versuch einer Paläopsychologie von Naturvölkern mit Einschluss der archaischen Stufe und der allgemein menschlichen Züge. Berlin. Duncker & Humblot.

Thurnwald, Richard, 1929: Grundprobleme der Vergleichenden Völkerpsychologie. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 87 (2): 240-296.

Thurnwald, Richard, 1916: Bánaro Society: Social Organization and Kinship System of a Tribe in the Interior of New Guinea. Memoirs of  pp. 251-391.

In deutscher Übersetzung:

Thurnwald, Richard, 1921: Die Gemeinde der Bánaro: Ehe, Verwandtschaft und Gesellschaftsbau eines Stammes im Innern von Neu-Guinea. Aus den Ergebnissen einer Forschungsreise 1913-15. Stuttgart: F. Enke

Timm, Klaus, 1977: Richard Thurnwald: ‘Koloniale Gestaltung– – Ein ‘Apartheits-Projekt’ für die koloniale Expansion des deutschen Faschismus in Afrika. Ethnologisch-Archäologische Zeitschrift 18: 617-649.


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