Transverse Myelitis und ein Impfstoff gegen COVID-19: Correctiv mit “Fakten-Prüfung” überfordert

AZD1222 – das ist der Name des Impfstoffs, den AstraZeneca gemeinsam mit der University of Oxford entwickelt hat und der derzeit an rund 100.000 Menschen weltweit getestet wird. Der Impfstoff befindet sich somit in Phase 3 (wir haben hier beschrieben, was es damit auf sich hat). AZD1222 ist irgendwie eingängiger als ChAdOx1 nCoV-19, der andere Name, unter dem der Impfstoff kursiert. Naja, nicht wirklich.

Egal. AZD1222 ist vielleicht der vielversprechendste Impfstoff, der derzeit entwickelt wird, deshalb ist die Nachricht, dass AstraZeneca Anfang September einen Stopp für die Phase-III-Tests verkündet hat, in manchen Redaktionen eingeschlagen wie eine Bombe. Um so erleichterter war die Journalisten-Welt dann am 12. September, dass die Phase-III-Tests wieder aufgenommen und fortgesetzt werden. Bei der ARD war man so begeistert, dass man dies gleich mit der folgenden Falschmeldung gefeiert hat:

“Nun stellte sich jedoch heraus, dass es sich um einen nicht diagnostizierten Fall von Multipler Sklerose handelte, der nicht mit dem Impfstoff in Zusammenhang stand, teilte die Universität Oxford mit.”

Auf die Multiple Sklerose kommen wir wieder zurück.



AstraZeneca

Phase 3 findet für AZD1222 derzeit in den USA, dem Vereinigten Königreich, in Brasilien und in Südafrika statt. Allein in den USA sollen letztlich 80.000 Testpersonen mit AZD1222 geimpft werden. Man kann sich ungefähr vorstellen, welcher finanzielle Aufwand mit der Entwicklung von AZD1222 verbunden ist, und AZD1222 ist nur einer aus einer Reihe von Impfstoffen, auf die Regierungen derzeit mit Steuergeldern wetten, wie wir hier beschrieben haben. Wetten deshalb, weil niemand weiß, ob am Ende von Phase III ein Impfstoff stehen wird, und wenn am Ende von Phase III ein Impfstoff steht, dann weiß niemand derzeit zu sagen, welche Effektivität der Impfstoff haben wird, ob er mehr als eine fifty-fifty-Chance auf Schutz vor einer Infektion bereitstellen wird.

Vor diesem Hintergrund muss man die Meldung, dass AstraZeneca Phase-III unterbrochen hat, sehen.
Indes haben manche aus der Unterbrechung den Schluss gezogen, dass “ein Menschenversuch abgebrochen und AstraZeneca den Impfstoff” zurückgezogen habe. Was definitiv nicht der Wahrheit entspricht, wie schon die Tatsache zeigt, dass Phase-III seit dem 12. September wieder angelaufen ist. Dennoch müht man sich bei Correctiv.org, die für Facebook die “Faktenchecker” geben, zu belegen, dass der Impfstoff von AstraZeneca weiter getestet wird, dass die Unterbrechung eine “Routinemaßnahme” gewesen sei, was sie nicht war, dass “gesundheitliche Beschwerden”, die eine Testperson entwickelt habe, nicht mit dem Impfstoff zusammenhängen. Dass sie das tun, dafür gebe es keine Belege.

Der Beitrag auf Correctiv, der hier nachgelesen werden kann, ist ein Beispiel für das, was wir wiederholt und regelmäßig anmerken: Nicht jeder, der von sich denkt, er könne prüfen, ob Aussagen richtig sind, kann dies auch. Um Aussagen zu prüfen, benötigt man eine entsprechende methodische Ausbildung und weitere Fertigkeiten, die wir nun demonstrieren.

Der gesamte Beitrag von Correctiv.org basiert auf Aussagen von AstraZeneca, spärlichen Aussagen, die das Unternehmen in noch spärlicheren Pressemeldungen macht, auf Zeitungsbeiträgen in der New York Times, von Reuters, der Frankfurter Rundschau, als wäre das linke Junkblatt auch nur annähernd etwas, das dem Journalismus zuzuordnen wäre und der Süddeutschen Zeitung. Alles nicht die Adressen, an die man sich wendet, wenn man eine Aussage prüfen muss, aber ein gutes Dokument dafür, dass ausnahmslos alle Faktenchecker den Fehlschluss ad auctoritatem zur Geschäftsgrundlage erhoben haben. In ihrer Not, weil sie die Aussage, die sie prüfen wollen, inhaltlich nicht beurteilen können, bleibt ihnen nur, sich bei anderen, die das auch nicht beurteilen können, zu versichern. Alle genannten Belege, auf die sich die Bewertung von Correctiv.org bezieht, stammen nicht von Personen, die ein informiertes Urteil über die Frage treffen können, warum die Phase-III-Tests von AstraZeneca ausgesetzt wurden.

Um diese Frage zu klären, muss man zunächst einmal die Aussagen bestimmen, die geprüft werden sollen. Schon hier beginnt das Problem.



Zwar ist die erste Aussage: “AstraZeneca muss seinen Impfstoff zurückziehen”, leicht zu widerlegen, schon weil die Phase-III fortgesetzt wird, aber mit der zweiten Aussage verbindet sich bereits ein erhebliches Problem: Sind die “gesundheitlichen Beschwerden”, wie Correctiv.org in einer verharmlosenden Weise schreibt, auf den Impfstoff zurückzuführen? Die Antwort: Ein Zusammenhang könne nicht belegt werden. Offenkundig kann er nicht belegt werden, denn es gibt dazu keinerlei Informationen. AstraZeneca hat ebenso wenig Informationen veröffentlicht, wie das Komittee aus “unabhbängigen Experten” und “Angestellten der britischen Zulassungsbehörde” (Branswell 2020), das für die Sicherheit der Phase-III-Tests zuständig ist. Man kann keine Aussage prüfen, zu der keine Informationen vorliegen. Dass dies bei Correctiv.org überhaupt versucht wird, sagt eigentlich schon alles. Aber man kann aus der Not eine Tugend machen und die Aussage so formulieren, dass man auf Basis der Informationen, die verfügbar sind, zumindest eine Einschätzung geben kann: Gibt es Gründe anzunehmen, dass die Erkrankung einer Testperson mit dem Impfstoff zusammenhängt”. Dies vorweg, nun zur Prüfung:

Die Fakten, die wir nunmehr berichten, haben wir u.a. bei STAT gefunden haben. STAT beschreibt sich wie folgt:

“STAT delivers fast, deep, and tough-minded journalism about health, medicine, life sciences and the fast-moving business of making medicines.”

Wenn man Informationen zu medizinischen Themen sucht, aktuelle Informationen, dann ist STAT die erste Adresse. Findet sich bei STAT nichts, dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nichts zu finden. Zur Einstellung der Phase-III-Tests durch AstraZeneca gibt es Informationen. Adam Feuerstein hat sie veröffentlicht. Die Informationen stammen aus einem Briefing, das der CEO von AstraZeneca, Pascal Soriot, in Form einer Videokonferenz mit drei der Hauptinvestoren in den Impfstoff gehalten hat. Das Briefing ist von JP Morgan organisiert worden. Die Informationen, die Feuerstein veröffentlicht, stammen von einem Teilnehmer an dem Briefing.

Demnach wurden die Phase-III-Tests unterbrochen, weil eine Britin, die mit AZD1222 geimpft wurde, die also nicht zur Kontrollgruppe, deren Mitgliedern ein Placebo gespritzt wird, gehörte, ernsthaft erkrankt ist, und zwar an Transverser Myelitis. Transverse Myelitis ist eine unangenehme mit großen Schmerzen verbundenen beidseitige Entzündung des Rückenmarks, die mit Problemen der Verdauung einhergeht . Die Erkrankung kann zur dauerhaften Lähmung von Armen oder Beinen führen. Über die Ursachen von Transverser Myelitis ist nicht viel bekannt. Es wird vermutet, dass sich Transverse Myelitis als Folge einer bakteriellen oder einer Virenerkrankung einstellt. Für Herpes, das Cytomegalvirus, Epstein-Barr, HIV, Zika, Influenza, Hepatitis B, Masern und Mumps sowie das West Nil-Virus gibt es belegte Fälle eines gemeinsamen Auftretens. Das gleiche gilt für bakterielle Erkrankungen wie Syphilis, Tuberkulose, Tetanus oder Diphterie. Eine Reihe von Erkrankungen des Immunsystems scheinen Transverse Myelitis zu verursachen, darunter Multiple Sklerose, Autoimmunkrankheiten und Impfungen. Zwischen 1970 und 2009 wurden 37 Fälle berichtet, in denen Transervse Myelitis im Zusammenhang mit einer Impfung aufgetreten ist (Agmon-Levin et al. 2009).

Es gibt also einen guten Grund zur Vorsicht. Dass Transverse Myelitis im Zusammenhang mit Impfungen auftritt ist nichts Neues.

Hinzu kommt, dass der berichtete Fall der Britin mit Transverser Myelitis nicht der erste Fall ist, der zu einer Unterbrechung der Phase-III-Tests geführt hat. Bereits im Juli ist es zu einer Unterbrechung gekommen, wie anlässlich der zweiten Unterbrechung herausgekommen ist. Auch im Juli war eine neurologische Erkrankung Anlass der Unterbrechung. Damals hat sich herausgestellt, dass die erkrankte Testperson, von der nichts weiter bekannt ist, an Multipler Sklerose erkrankt ist.

Diesen Fall aus dem Juli hat irgend ein Hirni bei der ARD-Tagesschau in den September übertragen. Das ist definitiv falsch und darauf zurückzuführen, dass in deutschen Medien Leute arbeiten, die weder recherchieren können noch eine Ahnung von dem haben, worüber sie schreiben.



AZD1222 ist ein Lebendimpfstoff, bei dem ein Adenovirus als Träger für das Gen eines Proteins (vermutlich des E-Proteins) von SARS-CoV-2 dient. Der Adenovirus soll das Immunsystem des Geimpften dazu bewegen, einen Schutz gegen SARS-CoV-2 aufzubauen. Die Methode, Adenovrien, Lebendviren, als Träger für Gene zu benutzen, ist eine experimentelle Methode, die – anders als bei Correctiv suggeriert – bislang in keinen zugelassen Impfstoff gemündet ist. Sowohl der Impfstoff gegen Ebola als auch der Impfstoff gegen Dengue Fieber, der auf Adenoviren basiert, ist nach wie vor ein experimenteller Impfstoff.

Fassen wir zusammen:

  • Die Phase-III-Tests von AstraZenecas AZD1222 wurden bislang zweimal unterbrochen.
  • Einmal wegen einer Erkrankung an Multipler Sklerose.
  • Einmal wegen einer Erkrankung an Transverser Myelitis.
  • Multiple Sklerose kann Transverse Myelitis hervorrufen (so wird vermutet).
  • In beiden Fällen wurden die Phase-III-Tests wieder aufgenommen.
  • Es wurden keinerlei Gründe dafür genannt, warum das Safety Comitee den Schluss gezogen hat, die Phase-III-Tests könnten fortgesetzt werden.
  • Bislang gibt es KEINEN zugelassenen Impfstoff, der auf Adenoviren als Genträger basiert.
  • Der politische Druck auf alle Beteiligten, einen erfolgreichen Impfstoff zu entwickeln, ist hoch.
Quelle: FT

Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen des Impfstoffes, die vorhanden sind, im Verlauf der Phase-III-Tests nicht nur gesammelt, sondern auch als vernachlässigbar eingeordnet werden, ist nicht von der Hand zu weisen.
Das bereits zweimalige Auftreten neuronaler, mit einander zusammenhängender Erkrankungen bei Testpersonen, denen AZD1222 gespritzt wurde, ist derzeit noch eine Häufung. Ab der nächsten Unterbrechung aus demselben Grund ist diese Häufung ein Muster, das zu dem Schluss führen muss, dass AZD1222 Nebenwirkungen haben kann, die in einer neuronalen Erkrankung ihren Ausdruck finden.


Agmon-Levin, N., Kivity, S. Szyper-Kravitz, M. & Shoenfeld, Y. (2009) Transverse myelitis and vaccines: a multi-analysis.” Lupus 18(13): 1198-1204.
Branswell, H. (2020). AstraZeneca COVID-19 Vaccine Trials Resume in UK.


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