Hexen der Gegenwart: Nicht-Geimpfte gegen Covid-19 als „abergläubische“ Abweichler und Sündenböcke

Hexerei wird in der Ethnologie häufig unterschieden in Hexerei im engeren Sinn („witchcraft“) und in Zauberei („sorcery“). Dabei gilt Zauberei sozusagen als das Handwerk der Magie, d.h. dem Wissen um Eigenschaften oder Kräften von Gegenständen und um deren Manipulation auf eine spezifische Weise mit dem Ziel, (meistens) anderen Menschen zu nutzen oder zu schaden. Hexerei im engeren Sinn wird dagegen als ein Ausdruck einer böswilligen Kraft im Körper oder Geist einer Person angesehen.

Was den meisten von uns beim Stichwort „Hexerei“ einfällt, dürfte das historische Phänomen des Hexereivorwurfs und entsprechender Verfolgung von Menschen als Hexen im mittelalterlichen – und in drastischer Form besonders im spätmittelalterlichen – Europa sein. Zweifellos ist dieses Phänomen ein Paradebeispiel für Hexerei (im engeren Sinn), aber Hexerei ist keineswegs ein bloß europäisches Phänomen, sondern ein auf verschiedenen Kontinenten, bei vielen Gesellschaften und zu vielen verschiedenen Zeiten beobachtbares Phänomen, und dies nicht nur in der einigermaßen fernen Vergangenheit. Wer – wie der bekannte Ethnologe Edward B Tylor 1889[1871]– meinte, dass Hexerei eine Vorstellung sei, die mit einem bestimmten, niedrigeren Entwicklungsstand menschlichen Geistes oder menschlichter Zivilisation verbunden sei, dass Hexerei (deshalb) in der Moderne verschwinden oder bestenfalls ein randständiges, verlachtes Dasein als ein kulturelles Überbleibsel führen würde, weil die Menschen nunmehr „aufgeklärt“ seien und keinem Aberglauben mehr anhängen würden, hat sich geirrt. Vielmehr hat sich Hexerei auch in der europäischen Neuzeit behauptet (s. hierzu die Beiträge im Sammelband, herausgegeben von Willem De Blécourt und Owen Davies (2004), ebenso wie in Papua Neuguinea (Stasch 2001; Steadman 1985) und Afrika, wie sogar bis zur Tagesschau-Redaktion vorgedrungen ist, die aus dem Phänomen allerdings eine Erzählung von Frauenverfolgung und drohender Schließung von Frauenhäusern zu machen versucht.

„Witchcraft is alive and well in Africa today both among the disenchanted and downtrodden as well as the educated elite“ (Moore & Sanders 2001: II; s. hierzu auch Geschiere 1997).

Das ist eigentlich nicht überraschend, denn

“First, people feed their own ideas into new circumstances. They do not simply abandon all ideas from the past, even if they say they are doing so. Witchcraft ideas in contemporary Africa have become a prominent way of conceptualizing, coping with, and criticizing the very ‘modernity’ that was supposed to have done away with them. Second, at a deeper level, ideas that belong to the genre of witchcraft or sorcery reappear pervasively in modern ‘witch-hunts’ and rumoured explanations or untoward happenings in Europe as they do everywhere in the world” (Stewart & Strathern 2004: 5).

Die Vorstellung von Hexerei ist also nicht kulturspezifisch, und sie kennzeichnet auch keine spezifische historische Phase in der Menschheitsgeschichte. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass dem Phänomen der Hexerei etwas allgemein-menschliches zugrundeliegt. Stewart und Strathern sprechen dies an, wenn sie von „ideas that belong to the genre of witchcraft or socery“, d.h. Vorstellungen, die zum Genre der Hexerei oder Zauberei gehören, schreiben.

Da ist zunächst die Vorstellung von der Hexe als einer bösen, besser: unreinen Person, die in Gegensatz zu allem, was gut, rein oder heil ist, gestellt wird:

„The witch represents an ‚impure‘ challenge to social order as well as to physical well-being, and embodies some of the key anxieties of a given society” (Coleman 2015: 310).

Die Hexe bedroht durch die ihr innewohnende böswillige Kraft also die soziale Ordnung und das physische Wohlergehen von Mensch und Tier, heute würde man vielleicht sagen: unsere Gesundheit und unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Der Schadenszauber der Hexe, die Menschen oder ihren Tieren Krankheiten „anhexen“ oder gar deren Tod herbeiführen, war und ist ein zentales Motiv im Hexerei-Genre. Es ist (nicht immer, aber) regelmäßig verbunden mit Massensterben durch Naturkatastrophen oder Epidemien, für die eine Erklärung bzw. Sündenböcke gesucht wurden, wie das z.B. im Fall der Syphilis, die sich am Ende des 15. Jahrhunderts von Neapel aus über ganz Europa verbreitete (s. hierzu Andreski 1989), und im Fall des „Schwarzen Todes“ im mittelalterlichen Eurpoa der Fall war, der allein zwischen 1348 und 1350 die Hälfte der Bevölkerung Englands tötete und mindestens ein Viertel der Bevölkerung Europas (Langer 1964: 114) und am Ende des 16. Jahrhunderts wieder in Europa auftrat:

“… Not until the late sixteenth century did authorities once again arrest people suspected of spreading the plague through poisons and tampering with food; these later waves of fear, however, did not target Jews as the principal suspects; instead, witches or hospital workers were now persecuted” (Cohn 2007: 27).

Die Sündenböcke zeichneten sich dadurch aus, dass sie “abergläubisch” waren. Diesbezüglich macht Randall Styers (2017) auf eine wichtige Bedeutungsverschiebung des Begriffes „Aberglaube“ aufmerksam: Während im Mittelalter „Aberglaube“ eine fehlgeleitete oder exzessive Religiosität bedeutete (so z.B. bei Thomas von Aquin), bezeichnete „Aberglaube“ in der Moderne „Leiden unter Wahnvorstellungen“. Damit hatte sich „Aberglaube“ – oder waren die Vorstellungen, die als Wahnvorstellungen etikettiert wurden, – in etwas verwandelt, was einer rein kognitiven Erklärung bedurfte:

„…, the term ‚superstition‘ is reduced to very simple content: it designates an error in causal reasoning, a compulsive repetition of habitual behaviour despite the irrelevance of that behavior to the desired results. Superstition is understood here as a type of cognitive misfiring, …” (Styers 2017: 17)

Wenn heute Personen, statt sich mit ihren Überzeugungen und vor allem den Gründen, die sie für diese Überzeugungen haben, auseinanderzusetzen, als “Verschwörungstheoretiker” oder “Impfgegner” oder “Rechte” bezeichnet werden, denen ein „Konsens“ „der“ Wissenschaft entgegengesetzt wird, dann verweist dies auf die Unterstellung von „Aberglaube“ in dieser modernisierten Form. “Verschwörungstheoretikern”, “Impfgegnern”, “Rechten” (u.a.) wird unterstellt, sie zeigten systematische kognitiven Fehlleistungen oder wären psychologisch defizitär, wenn sie z.B. als Personen, die Schwierigkeiten haben, sich sozialem Wandel oder überhaupt Veränderungen anzupassen, beschrieben werden – ohne diesbezüglich irgendwelche belastbaren empirischen Daten anführen zu können.

Als in diesem modernen Sinn „Abergläubische“ sind sie Abweichler, deviante Personen, und

„[a]t various times ‚deviant‘ categories of people were perceived as responsible for natural disasters and epidemics” (Stewart & Strathern 2004: 147; s. dort im folgenden Text mit Bezug auf Beispiele hierfür).

Wenn z.B. mit Bezug auf Covid-19 die Rede von einer „Pandemie der Ungeimpften“ ist, dann werden damit diejenigen, die von dem von Regierungen und internationalen Organisationen vorgegebenen Weg zum Heil (eben durch Impfung) abweichen, also die devianten Abergläubischen, zu Sündenböcken für eine Epidemie erklärt, gegen die es lange Zeit überhaupt keine Impfung gegeben hat und trotz der Tatsache, dass die Impfung weder vor Infektion noch vor Weitergabe von SARS-CoV-2 schützt.

Darüber hinaus markiert die Bezeichung derer, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollen, als „Ungeimpfte“ – und natürlich sind sie tatsächlich keine Ungeimpften, sondern in ihrer großen Mehrzahl gegen nicht nur eine, sondern verschiedene Krankheitserreger geimpft – statt korrekt als „Personen, die (aus welchen Gründen auch immer) nicht gegen Covid-19 geimpft sind“, diese Personen als im Prinzip „unrein“, eben weil sie als umfassend „ungeimpft“ dargestellt werden und damit als im Stande und willens, alle möglichen verderblichen Kräfte, hier und heute: Viren und Bazillen, an andere Menschen weiterzugeben. Ihr individueller „Aberglaube“ (im modernen Sinn) (ver)führt sie dazu, ihren verderblichen Einfluss auf die „Reinen“ auszuüben, die durch regierungskonforme Impfung ihren Willen, die „Reinheit“ des Kollektivs zu bewahren/zu retten, kundgetan haben – und durch den Grünen Pass sozusagen ein Reinheitssiegel erhalten haben. Aus Sicht der politisch Verantwortlichen, ist es nicht so, dass der von Regierungen und internationalen Organisationen propagierte Weg zum Heil eben nicht geeignet ist, dieses Heil herbeizuführen, dass eben die Vorstellung, dass dieser Weg ins Heil führe, seinerseits eine kognitive Fehlleistung oder, wenn man so will: eine Wahnvorstellung, darstelle; vielmehr verhalte es sich so, dass die „Ungeimpften“ böswillige Schadensbringer sind, die andere Menschen krank machen wollen oder sich zumindest nicht darum scheren, ob andere Menschen durch ihr Tun krank werden und ggf. sterben.

Damit sind die Grundlagen gelegt für das, was H. Sidky mit Bezug auf die mittelalterlichen Hexenverfolgungen in Europa

„… as a form of government-sponsored, political terrorism involving the use of controlled violence“ (Sidky 1997: 265),

beschrieben hat, sofern man nicht das massive “nudging” durch den Grünen Pass als bereits vorhandene Form “kontrollierter Gewalt” gegen Menschen, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollen, ansehen muss.

Wenn an Halloween die Grenze zwischen dem Dies- und dem Jenseits durchlässig ist und die Geister der Verstorbenen zurückkehren, und die Menschen (in der englischsprachigen Welt) Feuer anzünden, um böse Geister zu vertreiben und ihre Gesichter mit Masken bedecken, um von ihnen möglichst nicht erkannt zu werden, dann muss man dies nicht unbedingt nur als Relikt vorchristlichen Gedankengutes oder als bloßes Spektakel für Kinder auffassen. Man kann es zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, Vorkehrungen dagegen zu treffen, dass ein „böser Geist“ in die Welt zurückkehrt, den man überwunden geglaubt hat, ein „böser Geist“ oder besser: eine kollektivistische Ideologie, die die privaten Überzeugungen von Menschen nicht respektiert, sondern als Aberglaube abtut und diese Menschen selbst als Unreine brandmarken und den „Reinen“ als eine Art natürlichen Feind entgegensetzen will – zu Zwecken, über die wir nur spekulieren können, die aber wahrscheinlich ihrerseits als „Schadenszauberei“interpretiert werden könnte …

Wir wünschen allen Lesern eine insofern besinnliche Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November.

©Heike Diefenbach
©Heike Diefenbach

Literatur:

Andreski, Stanislav, 1989: Syphilis, Puritanism and Witch Hunts. New York: St. Martin’s Press.

Cohn, Samuel K., 2007: The Black Death and the Burning of Jews. Past & Present 196: 3-36.

Coleman, Simon, 2015: Religion, Anthropology of, S. 307-312 in: Wright, James D. (Hrsg.): International Encyclopedia of the Social & Behavioral Science. San Diego: Elsevier Science.

De Blécourt, Willem, & Davies, Owen, (Hrsg.), 2004: Witchcraft Continued: Popular Magic in Modern Europe. Manchester: Manchester University Press.

Geschiere, Peter, 1997: The Modernity of Witchcraft: Politics and the Occult in Postcolonial Africa. University of Virginia Press.

Langer, William L., 1964: The Black Death. Scientific American 210(2): 114-121.

Moore, Henrietta L., & Sanders, Todd, (Hrsg.), 2001: Magical Interpretations, Material Realities: Modernity, Witchcraft and the Occult in Postcolonial Africa. London: Routledge.

Sidky, H., 1997: Witchcraft, Lycanthropy, Drugs, and Disease: An Anthropological Study of the European Witch-Hunts. New York: Peter Lang.

Stasch, Rupert, 2001: Giving up Homicide: Korowai Experience of Witches and Police (West Papua). Oceania 71(1): 33-52.

Steadman, Lyle B., 1985: The Killing of Witches. Oceania 56(2): 106-123.

Stewart, Pamela J., & Strathern, Andrew, 2004: Witchcraft, Sorcery, Rumors, and Gossip. Cambridge: Cambridge University Press.

Styers, Randall, 2017: Bad Habits, or How Superstition Disappeared in the Modern World, S. 17-32 in: Bever, Edward, & Styers, Randall (Hrsg.): Magic in the Modern World: Strategies of Repression and Legitimization. University Park: Pennsylvania State University Press.

Tyler, Edward Burnett, 1889[1871]: Primitive Culture: Research into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art and Custom, Volume 1. New York: Henry Holt.



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