Geimpften Lynchmob in psychopathologischer Gesellschaft – Ein Erfahrungsbericht aus dem ICE

Den folgenden Erfahrungsbericht von Dr. Florian Mildenberger, einem Medizinhistoriker, der derzeit u.a. an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt / Oder lehrt , hat Dr. Christoph von Gamm auf Twitter verbreitet.

Wir stellen den Text dieses Mal voran.

“Das Gefühl der totalen Ohnmacht ist schrecklich, und ich hatte gedacht, es schon erlebt zu haben.

Falsch gedacht.

Ein ICE bringt mich von München nach Berlin zurück. Er hält in Nürnberg und Erlangen. Kurz nach Nürnberg: Tumult im Zug. Ein Mann im Anzug hastet eilig nach hinten, verfolgt vom Schaffner und einigen Mitfahrern. Der Bahnhof Erlangen ist erreicht und herein stürmt die Bahnhofspolizei. Der Mann erkennt die Unausweichlichkeit der Situation und stellt sich selbst an die nächste Klotür, die Hände nach oben. Gleichwohl wird er zu Boden gerissen, ihm die Plastikhandschellen umgelegt und er mit großem Geschrei aus dem Zug geworfen. Dann noch ein Gruppenphoto der Beamten mit ihrem Zielobjekt.

Mittlerweile ist klar, was hier passiert ist: Der Mann war schnell eingestiegen, hatte keine Fahrkarte, wollte diese beim Zugschaffner lösen und konnte keinen Impfnachweis beibringen. Er hoffte wohl, in Erlangen vom Bahnsteig türmen zu können. Dies unterbanden Personal und selbst berufene Sheriffs. Das brutale Vorgehen, die Treibjagd durch den Zug, das gegenseitige Schulterklopfen der Beteiligten, das alles wäre noch irgendwie erträglich gewesen, wenn da nicht die 80 bis 90 Mitfahrer in meinem Wagen gewesen wären, die allesamt das Verhalten der Beteiligten lobten, Beifall klatschten und sich darüber echauffierten, welche Gefahr für die Volksgesundheit von diesem einen Mann ausgegangen sei, der natürlich die Maske trug. Ganz im Gegensatz zu den Bewunderern der Ordnungsmacht. Die meisten setzten die Maske erst wieder voll auf, als der Schaffner erschien. Noch bis Bamberg geilten sie sich auf, was mit ‘ungeimpften Schädlingen’ passieren sollte: Wegsperren, Arbeitslager, sogar die Kastration wurde in Vorschlag gebracht.

Ich ging duch den Wagen, um mal zu sehen, wer da so lauthals Vorschläge zum Ausnamestaat erbrachte. Es war eine bunte Mischung der Gesellschaft. Die grünen Hipster, die man an ihren Greta-Aufklebern auf dem Laptop erkennen konnte. Die selbstzufriedenen Rentner, die Schichtarbeiter mit dem Feierabendbier, die Öko-Muttis mit den plärrenden Kleinkindern, das Ehepaar auf dem Weg zur Küste.

Und mittendrin ich.

Ich war unfähig, irgend etwas zu sagen. Ich war zu feige, und die Scham über diese Feigheit, ließ mich erstarren. Ich weiß nicht mehr, was zwischen Bamberg und Berlin-Südkreuz geschah. Ich fiel wie in eine Art Trance. Ich spürte noch, wie Tränen über mein Gesicht liefen. Aber ich war nicht fähig, ein Wort hervorzubringen, irgend eine Bewegung zu machen. Ich saß nur da. Eine Hülle meiner selbst. Kurz vor Berlin-Südkreuz erwachte ich aus meinem Black-Out und ging zur Tür.

Ich hatte mich nie für feige gehalten, war nie einer politischen Diskussion aus dem Weg gegangen. Aber das, was ich auf dieser Zugfahrt erlebt hatte, kannte ich nur aus Geschichtsbüchern. Es war kein einfaches ‘Mitmachen’, es war der Wunsch, vorne mit dabei zu sein, sich einzubringen in die Vernichtungsspirale, die meine Mitreisenden ganz stolz vermeldeten. Und ich war zu feige, etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht, weil ich mit ihnen eingeschlossen war – auf einer Demonstration im Freien wäre ich hoffentlich nicht erstarrt. Denn da hätte ich, wenn alles schief gegangen wäre, noch wegrennen können.

Aber in diesem rollenden Blockwartparadies gab es kein Entrinnen.”

Was Florian Mildenberger hier beschreibt, ist ein hervorragendes Beispiel für das, was wir vor kurzem in unserem Post “Zeit der Mitläufer” beschrieben haben:

In Deutschland scheint es einen festen Stamm von Akteuren zu geben, die sich – sobald sie die Gelegenheit dazu wittern – mit denen, die sie über sich verorten, die sie für ihre “Obrigkeit” halten, verschwören, direkt oder andienend in vorauseilendem Gehorsam, um gegen MITBÜRGER vorzugehen, die den Frevel begangen haben, etwas anderes als vorgegeben getan zu haben. Dieser Stamm von Sykopanten ist unverzichtbar, wenn es darum geht, totalitäre Strukturen durchzusetzen, wie es sie in der Geschichte der Deutschen so häufig gegeben hat. Sie dienen sich als Kämpfer für die Demokratie an, was nichts anderes bedeutet, als dass sie freiwillig diejenigen ausschnüffeln und ausgrenzen, die die Staats-Ideologie kritisieren. Sie dienen sich als Blockwarte an, die Mitbürger für vermeintliches Fehlverhalten denunzieren. Sie dienen sich als vorauseilende Wasserträger an, die sich rigide Maßnahmen ausdenken, mit denen nicht gefügige Mitbürger traktiert werden können, Maßnahmen, die bislang kein staatlicher Akteur eingesetzt hat. Die Freude daran, sich mit denen gemein zu machen, die sich als “Herrscher” inszenieren wollen und sich von den Mitbürgern dadurch zu differenzieren, dass man in einer Mischungs aus Boshaftigkeit und Schleimerei die Sache des Staates zur eigenen Sache macht oder vorauseilend Gängelungsmaßnahmen erfindet, die man dann mit Freude in die Welt posaunt, ist ein totalitäres Erbe, das in Deutschland verbreitet ist, eines, das im Zusammenhang mit dem Dritten Reich von einer Vielzahl von Wissenschaftlern beschrieben wurde. Wer sich für die Ausprägungen, die dieses Andien-Verhalten im Dritten Reich gefunden hat, interessiert, der kann das hier nachlesen.

Vom Mitläufer zum Mittäter, wie im Beispiel aus dem ICE beschrieben, ist es nicht weit. Es bedarf nur eines psychologischen Make-Ups, das als Ergebnis einer Psychopathologie beschrieben werden kann. Ausgangspunkt ist ein fragiles Ego, das aus eigener Kraft keine Selbstwirksamkeit entfalten kann. Das typische Ego, das bei den meisten Mitläufern vorhanden sein wird, Leute, die sich in ihrem Leben nie getraut haben, den Kopf aus der Masse zu heben, die nie durch eigene Ideen aufgefallen sind, die Zeit ihres Lebens getan haben, was man ihnen gesagt haben, immer froh waren, wenn sie etwas “abbekommen haben” und die notwendig, eben weil sie psychologisch betrachtet Persönlichkeits-Nichtse sind, in einer täglichen Spannung zwischen ihrer Vorstellung von sich selbst und dem leben, was sie im täglichen Leben sind: zu feige, den Mund aufzumachen oder einen Schritt zu tun, wenn nicht sicher ist, dass das, was sie sagen, der Weg, den sie einschlagen, das ist, was die “Autorität” vorgegeben hat, so dass sie in “nichts hineinkommen”, nicht am Ende für eine abweichende Meinung, einen falschen Schritt gerade stehen müssen.

Diese Feigheit transformiert sich dann in Handlung, wenn sich derartige Persönlichkeits-Nichtse in der Mehrheit wähnen, wenn sie z.B. von ihrem Staat eine, wie sie denken, Auszeichnung in Form eines Impfpasses erhalten haben, der ihnen (vielleicht) erstmals in ihrem Leben Selbstwert vermittelt und ihnen zeigt, dass sie etwas sind: Sie sind ein Impfpassbesitzer, ein Geimpfter, einer, der richtig gehandelt hat, nicht wie diese Ungeimpften, diese “ungeimpften Schädlinge”, wie es ein Zugmitfahrer genannt hat. Das Gefühl, nicht nur in der Mehrheit, sondern auf der richtigen Seite zu stehen, entfaltet bei manchen die Wirkung, die eine geschüttelte Flasche Sekt entfaltet, die nur noch durch den Korken vom Ausspritzen gehindert wird. Ein Ungeimpfter, der bereits von einem der Obrigkeit zugeordneten Schaffner gejagt wird, das ist der Korkenzieher, der dem klassisch Gehemmten die Handlung ermöglicht, ihn verbal oder unter in Anspruchnahme seiner Füße dem Lynchmob beitreten, sich von ihm treiben lässt, immer in der Hoffnung vom Ruhm, den eine erfolgreich beendete Treibjagd für das Jägerrudel in manchen Hirnen bereitzustellen scheint, etwas abzubekommen.

Es ist erschreckend, dass es diese psychopathologische Persönlichkeitsstörung quer durch die deutsche Gesellschaft zu gehen scheint, wie Mildenberger berichtet. Es ist ein Markenzeichen einer Zwangsgesellschaft, dass es derart viele Gestörte gibt, die hoffen, sich einmal in ihrem Leben als 150%iger Parteigänger ihres Staates erweisen zu können, als untertänigster der Untertanen, die sich im Wettbewerb der Mitläufer mit der widerlichsten Idee auszeichnen können, “Wegsperren, Arbeitslager … Kastration”.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel aus dem ICE auch die Grundlage, die für Psychopathologien wie die beschriebenen und Totalitarismus als Herrschaftsform, die auf ihnen aufbaut, notwendig ist: Eine unglaubliche Dummheit, die durch keinerlei Zweifel oder Verlangen nach Wissen beeinträchtigt wird. Mittlerweile könnte es sich sogar bis in den ICE von München nach Berlin herumgesprochen haben, dass sich Geimpfte mit SARS-CoV-2 nicht nur in gleicher Weise wie Ungeimpfte anstecken können, Geimpfte können auch andere anstecken, nach allem, was die Forschung derzeit an Ergebnissen produziert, gar besser als Ungeimpfte.

Das wollen diejenigen, für die einmal mit dem Lynchmob rennen, einmal seine Stimme lautstark gegen Ungeimpfte erheben, der Triumph ihres armseligen bisherigen Daseins ist, aber nicht wissen. Es würde ihre ganze Inszenierung von Persönlichkeit zerstören und sie auf das zurückwerfen, was sie doch eigentlich sind, feige, psychopathologische Bösewichte ohne Selbstwirksamkeit.



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