Kadenzen in d-moll: Die traurige Darbietung sozialwissenschaftlicher Solisten in einem Konzert, das kaum mehr jemand hören will

„Als Kadenz im Instrumentalkonzert wird eine musikalische Improvisation eines Solisten, üblicherweise am Ende des Kopfsatzes eines Instrumentalkonzertes, bezeichnet. Die Kadenz gibt dem Solisten die Möglichkeit, seine Virtuosität auf dem Instrument zu entfalten. Üblicherweise enthält die Kadenz mindestens das Hauptthema, bei ausgeprägtem Themendualismus die Themen des Satzes.“

Die Kadenz ist bekanntermaßen ein Teil einer musikalischen Darbietung, aber die Übertragung der Kadenz auf das, was sich derzeit als Darbietung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift geriert, drängt sich geradezu auf:

Als Kadenz in einer Darbietung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wird eine verbale Improvisation eines einzelnen Autoren (oder einer Gruppe von Autoren im Gleichklang) in Form eines Zeitschriftenbeitrags, üblicherweise (aber nicht immer) am biographischen Ende einer ehemals thematisch (vieleicht) gehaltvollen fachwissenschaftlichen Diskussion (des „Kopfsatzes“), bezeichnet. Die Kadenz gibt dem Autoren die Möglichkeit, seine Virtuosität auf seinem Instrument, d.h. im Rahmen im von ihm präferierten Vorurteile in Entsprechung zu seinem ideologischen Fetisch, zu entfalten. Überlicherweise enthält die Kadenz mindestens ein Haupt-Feindbild, bei ausgeprägtem Themendualismus das Feindbild oder die Feindbilder, das dem ideologisch „Richtigen“ und „Guten“ gegenübergestellt wird.

Das fasst m.E. perfekt zusammen, was derzeit z.B. im British Journal of Sociology geboten wird. Nicht, dass die Beiträge im British Journal of Sociology in den vergangenen Jahren lesenswert gewesen wären; es enthielt so gut wie ausnahmslos verbale Kadenzen im oben beschriebenen Sinn. Aber während die Kadenzen der zurückliegenden Jahre häufig einigen Unterhaltungswert hatten, also sozusagen in A-Dur geschrieben waren, vermitteln die derzeitigen Kadenzen das berüchtigte d-moll-Gefühl: das Gefühl, eine schemenhafte, modrige Gestalt, die schon mit einem Bein aus dem Grab heraus ist, dabei beobachten zu müssen, wie sie ihr Leichtuch vorteilhaft in Pose zu richten versucht, falls jemand Lebendiges wider Erwarten bei Mondschein über den Friedhof wandeln und die modrige Gestalt anschauen sollte – oder so etwas in der Art – vielleicht auch das Gefühl, das sich einstellt, wenn man einen Stummfilm aus dem deutschen Expressionismus anschaut, vielleicht „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens” – womit wir wieder beim musikalischen Thema angekommen sind.

Da ist z.B. die soziologische Kadenz der Hasser alles mit Männlichkeit Assoziierten, die sich anschicken „[…] Autonomie und Relationalität in den Leben von Männern [zu verstehen]“ (Elliott et al. 2022; Übersetzung ins Deutsche d.d.A.), wie der Titel des Beitrags ankündigt. Der Beitrag wurde von Karla Elliott, Steven Roberts, Brittany Ralph, Brady Richards und Michael Savic (2022), Mitarbeitern eines von der Victorian Health Promotion Foundation geförderten Projektes, verbrochen. Die Victorian Health Promotion Foundation mit Sitz in Melbourne, Australien, wird von der Regierung Victorias gefördert. Das kann nichts Gutes bedeuten. Und tatsächlich: das von den Autoren immerhin relativ bescheiden, aber immer noch anmaßend, als „discussion“ (statt als „research“) bezeichnete Unterfangen basiert auf 22 Fokusgruppen, in denen sich insgesamt 101 Männer in Victoria irgendwie und anhand irgendwelcher Stimuli – der Leser erfährt hierüber nichts, obwohl es einen etwa eine halbe Seite umfassenden Abschnitt gibt, der mit „Methods and Empirical Research Context“ [also doch: die Autoren meinen, es handle sich hier um „research“!?] – zum Thema „Alkohol-Trinken in homosozialen Freundschaftsnetzwerken“ geäußert haben. Was die Autoren dabei interessierte war

“… the common core theme of autonomy as it emerged across this sample of men, principally in relation to the topics of “banter” and “peer-pressure”, “intimacy” and “care”” (Elliott et al. 2022: 6)

oder kürzer:

“masculine autonomy amongst participants” (Elliott et al. 2022: 7).

Was folgt ist, dass dem Leser unter diversen Zwischenüberschriften zwei, drei kurze Zitate aus den Fokusgruppen-Diskussionen (worüber auch immer) hingeworfen werden, die die Autoren irgendwie passend für das finden, was sie mit Bezug auf Autonomie, Intimität oder „care“ (im Sinne von Sich-Kümmern) behaupten und unter diversen Zwischenüberschriften illustrieren. Manchmal sind die Zwischenüberschriften auch irreführend, z.B. diejenige auf Seite 7, die lautet: „Respecting the autonomy of friends“, aber im Text mutiert zu einem „lack of monitoring friends‘ drinking …“ (Elliott et al. 2022: 8). Damit dürfte hinreichend klar sein, worum es den Autoren tatsächlich geht: die Schaffung einer Gesellschaft von „Gleichen“ insofern als jeder jeden bespitzelt und sich in dessen Angelegenheiten einmischt, um ihn zum kollektiven Wohlverhalten zu nötigen, dies alles getarnt als „caring“.

Was den Inhalt betrifft, so werden die Zitatbrocken, die die Männer in den Fokusgruppen geliefert haben (sollen), dazu benutzt, um auf sie eine misslungene Improvisation zum Thema „böse Männlichkeit“ aufzubauen. Grundlegend für den gesamten Inhalt des Beitrags sind die willkürliche und durch nichts belegte Behauptung, dass Autonomie und Eigenverantwortung männliche Werte seien, während „caring“ ein weiblicher Wert sei und die grandiose Erkenntnis, das es aber gar nicht stimme, dass Männer ein Leben bar irgendwelcher sozialer Beziehungen leben würden. Und diese grandiose Erkenntnis wird von den Autoren allen Ernstes der „feministischen Theorie“ zugerechnet – und nicht etwa schon der schlichten Tatsache, dass alle Männer einen Vater und eine Mutter haben, vielleicht Geschwister und Verwandte, Schulfreunde, die erste Freundin, später eine Lebenspartnerin oder Ehefrau, eigene Kinder, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, Kollegen, Nachbarn etc. Jedenfalls behaupten die Autoren, dass die männliche Autonomie zwar erlaube, soviel zu „caren“, dass sie beim gemeinsamen Trinken ab und an darauf hinweisen könnten, dass man mit dem Weitertrinken jetzt vielleicht langsam machen sollte, aber die Fähigkeit von Männern, enge Beziehungen zu unterhalten, gerade dadurch begrenzt würde, und dass „[s]uch ideals“ außerdem irgendwie und nebenbei und sowieso „gendered structures and hierarchies“ die Macht von Männern perpetuieren würden (Elliott et al. 2022: 7). Und das soll dann wohl die Botschaft des Textes sein. Selbst dann, wenn man all dem zustimmen wollte – und dazu dürften nur die ideologischen Mit-Insassen im Stande sein –, muss man festhalten, dass dies alles andere als neue oder interessante Behauptungen oder Spekuationen sind.

Neu und interessant wäre z.B. die Idee gewesen, dass es nützlich wäre, Frauen Werte wie Autonomie und Eigenverantwortlichkeit verstärkt nahezubringen, weil ihre Automonie derzeit in der Regel nur dazu ausreicht, sich statt von Männern, mit denen sie in engen Beziehungen stehen, aushalten zu lassen, von Transferzahlungen bzw. von Steuerzahlern – übrigens auch von männlichen Steuerzahlern – in Form von von ihm zwangsfinanzierten Unsinns-Projektchen zu leben. Aber auf eine solche Idee zu kommen, ist den Autoren aufgrund ideoloigisch begründeter Amputation der Vorstellungskraft nicht möglich.

Mit Bezug auf den methodischen Aspekt des Textes, der ein soziologischer, also immerhin sozialwissenschaftlicher sein will, bleibt festzuhalten, dass die durch die Zwischenüberschriften geschaffene „Ordnung“ eine willkürliche ist, die den Assoziationen der Autoren entsprechen mag, aber keinerlei bekannter Methode für die einigermaßen nachvollziehbare Auswertung von Textmaterial. Es gibt im gesamten Text keinerlei Anzeichen dafür, dass die Autoren irgendeiner Methode zur Auswertung qualitativen Textmaterials gefolgt sind, nicht einmal ein Anzeichen in Form von „name dropping“.

Zusammengefasst und um im Bild zu bleiben: es handelt sich bei diesem Text – der im Übrigen ein peer review-Verfahren durchlaufen und offenbar irgendwie überlebt hat! – um eine Mitleid erregende, weil gänzlich willkürliche und langweilige Blockflöten-Improvisation über ein bereits vor zwei Jahrzehnten abgeschmacktes Thema, nämlich das Feindbild namens „Mann“ bzw. „Männlichkeit“ bzw. „männliche Werte“. Diese Kadenz enthält insofern Themendualismus als dem Feindbild der „männlichen Werte“ der „gute“ weibliche Wert des „caring“ gegenübergestellt wird, und der ungleichen Gesellschaft, die auf „männlichen Werten“ basiert, die „gute“, gleiche Gesellschaft, die irgendwie mit „caring“ bzw. dem – einzig benannten oder bekannten?! – „weiblichen Wert“ zu tun haben soll, wie genau, bleibt das Geheimnis der Autoren. Man wünschte sich, die Solisten im ideologischen Mehrklang würden sich entweder darin versuchen, einmal etwas anderes zu spielen, oder auf den öffentlichen Auftritt gänzlich zu verzichten.

Leider ist diese Improvisation aus Australien alles andere als konkurrenzlos mit Bezug auf die traurigste Kadenz im British Journal of Sociology. Mir persönlich würde es sehr schwer fallen, die Beiträge, die diese Zeitschrift ihren Lesern – und dies nach Durchlaufen eines angeblich Qualität sichernden peer review-Verfahrens – im „Open Access“ zumutet, in eine Rangliste der mehr oder weniger traurigen Kadenzen zu bringen. Einige Klänge aus einer Kadenz, die neben Traurigkeit aggressive Mißklänge enthält und für die zwei Autoren aus Deutschland verantwortlich zeichnen, seien Ihnen aber noch zugemutet.

Es handelt sich um eine Kadenz mit dem Titel „Private Spanner in Public Works? The Corrosive Effects of Private Insurance on Public Life“, und sie geht auf das Konto von Sinisa Hadziabdic, angestellt am Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, und Sebastian Kohl, angestellt an der programmatisch benannten, weil von Wissenschaft stark überwiegend freien, Freien Universität Berlin. Der Titel des Werkes, „Private Spanner in öffentlichen Werken? Die ätzenden Auswirkungen der Privatversicherung auf das öffentliche Leben“ – so übersetzt deepL den Titel mehrdeutig, aber wahrscheinlich in dieser Mehrdeutigkeit zutreffend –, hält was er verspricht. Insofern wäre es vielleicht gar nicht notwendig, noch etwas hinzuzufügen.

Aber vielleicht wird durch den Titel doch nicht hinreichend deutlich, welchen ideologischen Junk dieser Text darstellt; daher die folgenden Bemerkungen zu diesem Text.

Die Autoren verfolgen keine wissenschaftliche, sondern eine ideologische Fragestellung, nämlich die, was aus einer Gesellschaft wird, wenn „gesellschaftliche“ Risiken nicht in braver sozalistischer Duldsamkeit – von Linken gerne als „Solidarität“ bezeichnet – „kollektiviert“ sind, sondern sich unter „ihren“ Individuen [die der Gesellschaft angehören oder  denen, die Gesellschaft gehört!] die Praxis verbreitet, eine Privatversicherung abzuschließen:

„Contemporary societies are not only ‘risk societies’, but also insurance societies. While the shift of systemic risks from the community to the individual is a distinctive trait of modernity, research on the consequences of this process has focused almost exclusively on welfare state responses aimed at re-collectivizing societal risks. Individual-level reactions associated with the need for a private safety net against the uncertainty brought by risk societies have been largely overlooked. What happens to a society and its [!] individuals when private insurance becomes commonplace?” (Hadziabdic & Kohl 2022: 1).

Die Autoren wollen also den Blick auf die individuelle Ebene richten, aber nicht in Verhalten erklärender Absicht, wie man das in der Soziologie als Wissenschaft tun würde, sondern um zu erkunden, welche Eigenschaften, insbesondere welche Einstellungen Leute haben, die eine Privatversicherung abschließen, und welche einstellungsrelevanten Folgen es für jemanden hat, wenn er eine Privatversicherung abschließt – und zwar aus Sorge um das, was den Autoren offenbar als eine „gute“ Gesellschaft erscheint, nämlich eine, in der es „gesellschaftliche“ Risiken halt irgendwie einfach gibt und die „(re-)kollektiviert“ werden, also möglichst jeder in die Mit-Verantwortung für möglichst jeden anderen gezwungen wird, wie das bei allen staatlichen Pflichtverischerungen der Fall ist, die dem Individuum und seinen speziellen Risiken (und vor allem: seinen speziellen Nicht-Risiken!) keinerlei Rechnung tragen. Eine solche Gesellschaft ist eine anti-individuelle, sozialistische, wenn nicht kommunistische, Gesellschaft.

Und weil die Autoren offenbar einem solchen Gesellschaftsentwurf anhängen – in betroffen machender Ingnoranz gegenüber der Tatsache, dass er noch niemals irgendwo erfolgreich gewesen ist und zu etwas anderem als Massenarmut geführt hat – kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn, individuelles Verhaltens wie das, eine Privatversicherung abzuschließen, obwohl man schon von seiner Regierung gezwungen wird, in eine Zwangs-Umlage-Versicherung einzubezahlen, als eine Notwehr-Reaktion gegenüber den von übergriffigen Regierungen erst geschaffenen „gesellschaftlichen“ Risiken aufzufassen.

Vielmehr sind den Autoren Menschen, die Privatversicherungen abschließen, suspekt; sie wollen wissen, was das für welche sind, und falls sich zeigen sollte, dass es ganz normale Menschen sind, muss betrachtet werden, was so etwas Verderbliches wie individuelle Initiative und Verantwortungsübernahme, hier: in Form einer Privatversicherung, aus den Menschen macht:

„Focusing on Germany, we use data of [es müsste “from” heißen] the German Socio-Economic Panel (1984-2018] to investigate the attitudinal antecedents and consequences of contracting private insurance. As one of the most important sources of private welfare, life insurance attracts risk-averse individuals who are highly concerned with public economic affairs and see the market-based solutions of conservative parties as the best way to safeguard their economic security” (Hadziabdic & Kohl 2022: 1; Hervorhebung d.d.A.).

Die Autoren schieben dem Leser im gesamten Text eine ganze Reihe von abenteuerlichen Behauptungen und ungeprüften Annahmen unter, die er ohne Weiters akzeptieren soll, wie die bereits erwähnte Annahme, es gäbe „gesellschaftliche“ Risiken, die irgendwie gottgegeben von jedem Individuum gleichermaßen zu tragen seien. Im oben stehenden Zitat behaupten sie ohne Angabe empirischer Belege, dass der Abschluss einer privaten Lebensversicherung „one of the most important sources of private welfare“ sei, also dass eine private Lebensversicherung die wichtigste Quelle privater Wohlfahrt sei. Die Autoren haben vielleicht irgendwann selbst bemerkt, dass diese Behauptung ziemlich abenteuerlich ist; jedenfalls ist der Status der privaten Lebensversicherung auf Seite 5 zum

“… most important private pension product for the self-employed and the most important private pension supplement for civil servants in the German context…” (Hadziabdic & Kohl 2022: 5)

mutiert.

Oder vielleicht ist es für sie dasselbe; Ideologen können die Welt nicht differenziert betrachten. Aber sei’s drum.

Was die Autoren wirklich umtreibt, ist, was das für welche sind, die eine Lebensversicherung abschließen, und sie stellen fest, dass Privatversicherte sich stärker um die Stabilität der Finanzmärkte sorgen bzw. gesorgt haben als nicht privat Versicherte (Hadziabdic & Kohl 2022: 13) und dass privatversicherte Leute für sich selbst in der Zukunft ein geringeres Risiko sehen als nicht privatversicherte Leute (Hadziabdic & Kohl 2022: 14). Das ist alles andere als überraschend: wer sich Sorgen um seine finanzielle Zukunft macht (und es sich leisten kann), schließt eine private Lebensversicherung ab, und weil man eine private Lebensversicherung abgeschlossen hat, hat man einen Grund weniger als nicht privat Versicherte, sich Sorgen über die eigene finanzielle Zukunft zu machen. Bis hierin muss man im besten Fall festhalten, dass man seine Zeit mit der Lektüre des Textes verschwendet hat.

Aber das, was die Autoren eigentlich interessiert kommt erst noch: sie stellen nämlich fest, dass

„…, a clear tendency to be more likely to feel close to the CDU appears among insured respondents …  which is halved but remains significant after inclusion of observable controls” (Hadziabdic & Kohl 2022: 15),

und

“…  the conservative stance of insured individuals is also associated with policy views linked to a preference for market-based solutions as opposed to state intervention (Hadziabdic & Kohl 2022: 15).

Privatversicherte wählen also häufiger die CDU als nicht privat Versicherte, und sie bevorzugen das Spiel der Kräfte des Marktes gegenüber staatlichem Interventionismus. Und das ist nicht alles:

„… taking out life insurance is associated with a strongly decreasing level of interest in politics …, matched by a less pronounced, albeit very consistent, decrease in the propensity to support the SPD … The likelihood of feeling close to the CDU or the FDP does not exhibit any meaningful dynamic relationship to life insurance“ (Hadziabdic & Kohl 2022: 16).

Auch diese Ergebnisse sind nicht überraschend, denn warum sollte jemand, der für den eigenen Unterhalt aufgrund privater Vorsorge nicht (mehr) (so sehr) auf Umverteilung bzw. die Vorstellung von Ergebnisgleichheit setzt, Parteien wählen, die sich genau dafür, für Umverteilung und Ergebnisgleichheit (d.h. noch mehr als die CDU oder die FDP) einsetzen?!

Für die Autoren ist das ideologisch relevant, denn:

“In policy terms, private insurance thus contributes to two macro-trends characterizing Germany as much as other mature democracies: depoliticization and privatization. On the one hand, private insurance contributes to individuals retreating into private life (against public welfare, politically disaffected), which acts as a micro-mechanism behind the declining voter turnout, party membership, and political activism described in Germany … When first introduced in the nineteenth century, private insurance, as much as public insurance later on, was criticized for lacking social community ties, as it is based on contracts and abstract relationships and is missing organic solidarity when compared to direct charity or kinship-based payments in dense communities. Looking forward to relying on one’s own private insurance, we find, does indeed give some weight to this old criticism” (Hadziabdic & Kohl 2022: 19).

Die Autoren meinen, dass Privatversicherte, wenn sie „sich in ihr Privatleben zurückziehen“, das öffentliche Umverteilungssystem nicht (mehr) unterstützen und sich sozusagen „depolitisieren“, dafür (mit)verantworlich sind, dass die Wahlbeteiligung sinkt, die Mitgliederzahlen in politischen Parteien sinken und „sozialer Aktivismus“ seltener wird. Aus irgendwelchen Gründen, die sie dem Leser nicht mitteilen, meinen die Autoren, dies sei ein Mißstand, so, als ob ein Mensch verpflichtet sei, ein anderes als sein Privatleben zu präferieren, als ob er dazu verpflichtet sei, die politische Klasse durch Wahlbeteiligung zu legitimieren, auch dann, wenn er nicht sieht, wer aus dieser Klasse seine Interessen wie vertritt, als ob es ein Wert an sich (oder für jemand anderen als die Parteien selbst) sei, dass Parteien eine hohe Zahl von Mitgliedern haben, und so, also ob „sozialen Aktivismus“ an sich irgendetwas „Gutes“ oder Wünschenswertes sei.

Diese seltsamen Anschauungen äußern die Autoren, ohne irgendeine Notwendigkeit zu sehen, sie wenigstens ansatzweise zu begründen, und dies macht erschreckend klar, dass ihnen dies alles normal vorkommt, und normal kann dies nur einem zum Zweifeln unfähigen oder unwilligen (oder beides) Kollektivisten und Sozialisten vokommen.

Und als genau das entpuppen sich die Autoren nicht nur, wenn sie die Präferenz für Marktlösungen statt für staatliche Regulierung als „market-radical preferences“ (Hadziabdic & Kohl 2022: 18) bezeichnen und Parteien wie die CDU und die FDP als „market-radical parties“ (Hadziabdic & Kohl 2022: 17) – soll man hierüber lachen oder weinen?! – bezeichnen, während sie im Zusammenhang mit staatlichen Übergriffen, Zwangsversicherungen oder Zwangsumverteilung von Geld oder Gütern anscheinend nichts „radikales“ erkennen können, sondern besonders, wenn sie schreiben:

„Given private alternatives such as insurance or homeownership …  individuals seem less and less motivated to support public welfare programs, regardless of in which domain. Private insurance can thus be part of a policy feedback loop: with the introduction of the third pillar of the pension system—in Germany as late as 1998 … — the increasing availability and necessity to supplement state with private pension and other welfare programs could thus increasingly undermine support for public alternatives and set welfare states on a long-term trend toward more privatization” (Hadziabdic & Kohl 2022: 19).

Die Möglichkeit, private Lebensversicherungen abzuschließen – und Hauseigentum zu haben ! – führt also dazu, dass die Leute Umverteilungspolitiken und allgemein „öffentliche Alternativen“, also kollektivistische Zwangsvereinheitlichung mittels staatlichem Übergriff auf „seine“ Individuum, nicht unterstützen, was „langfristig einen Trend hin zu mehr Privatisierung“ bedeutet – und das ist offensichtlich gefährlich für sozialistische und kommunistische (Alb-/)Träumer.

Es erfordert nur einen einzigen Denkschritt mehr, um die Implikation dessen, was die Autoren hier schreiben, zu sehen: Private Alternativen zur eigenen Versorgung durch den Staat wie private Lebensversicherungen und Hausbesitz werden am besten verboten, damit die Leute linksextreme Positionen und vor allem Umverteilung bzw. Ergebnisgleichheit und im Zuge dessen Enteignung unterstützen, zuerst in Form von „sozialem Aktivismus“, dann in Form von – am besten Zwangs- – Mitgliedschaft in der Einheitspartei, dann in Form der „Wahl“ im Einparteienstaat, ganz so, wie es die Menschen kannten, die in der DDR oder im Stalinismus leben mussten.

Und obwohl die Autoren solche Verhältnisse offensichtlich zumindest im Prinzip gutheißen, trauen sie sich nicht, diesen Schluss selbst und für jeden lesbar zu ziehen. Oder vielleicht hat der alleinige Herausgeber der Zeitschrift, Nigel Dodd, hier einen Schlußstrich unter die Kadenz gesetzt; er hätte die Darbietung besser gänzlich abgesagt.

Um auch hier wieder im Bild zu bleiben: auch dieser ideologische Junk hat angeblich ein peer review-Verfahren durchlaufen und irgendwie überlebt. Dieser Text kultiviert eine Variante desselben Feindbildes, von dem auch der erste Text besessen war: individuelle Autonomie und Eigenverantwortlichkeit. Dabei fasst der zweite Text dieses Feindbild in der ideologischen Sprache bürgerlicher „Weltverbesserer“ aus der Zeit von vor zweihundert Jahren, während der erste Text die – mit Ersterer eng verwandte – ideologische Sprache des sogenannten „Feminismus“ pflegt.

Der ideologische Junk ist derselbe.

Auch der zweite Text kommt nicht ohne Themendualismus aus, denn es geht ja gerade darum, dem, was für schlecht oder gefährlich oder sonstwie negativ erklärt worden ist, den „guten“ gesellschaftlichen Gegenentwurf, den Kollektivismus, Sozialismus oder Kommunismus, entgegenzustellen: ohne diese gesellschaftlichen Entwurf bzw. die entsprechende Ideologie gibt es das Feindbild ja überhaupt nicht. Aber das Feindbild wird unbedingt benötigt, denn da es nicht möglich ist, auf vernünftige Weise für solche gesellschaftlichen Entwürfe zu argumentieren, muss  ein Feindbild beschworen werden, um als eine Art Strohmann von Don Quichotte-gleichen Wissenschaftspersiflierern mit der nach zweihundert Jahren doch sehr rostigen Mistgabel verunglimpft zu werden, in der Hoffnung, dadurch würde ihm irgendeine Verletzung zugefügt, die dann irgendwie dem Gegenentwurf, für den man nicht argumentieren kann, zugute kommen könnte. Die verbale Kadenz Soziologie imitierender Veröffentlichungen benötigt Themendualismus, denn nur durch ihn kann sie ihr Hauptthema überhaupt für irgendjemanden als vielleicht relevant erscheinen lassen.

Es dürfte kaum verwunderlich sein, dass kaum jemand – außer Ideologen von geneigter Seite – diese traurigen Kadenzen in d-moll hören möchte, die im British Journal of Sociology Veröffentlichung finden. Noch weniger verwunderlich dürfte es sein, dass anscheinend immer weniger Soziologen in dem Blatt veröffentlichen wollen.

Dafür, dass das so ist, spricht, dass das British Journal of Sociology nun auf ihrer homepage unter der Überschrift „News & Announcements“ mit einigen Vereinfachungen für potenzielle Autoren wirbt, nämlich der Möglichkeit, einen Text bei der Zeitschrift im „free format“ einzureichen, d.h. ohne, dass der Autor irgendwelche Textformatiervorgaben oder Vorgaben mit Bezug auf die Gestaltung des Literaturverzeichnisses einhalten muss, und damit, dass ein Papier, einmal akzeptiert, innerhalb von 24 Stunden veröffentlicht wird – und akzeptiert zu werden, kann nicht schwierig sein, wenn man bedenkt, dass ein solcher Junk wie der von mir in diesem Text beschriebene durch das peer review-Verfahren der Zeitschrift gekommen ist. Vermutlich ist der ausschlaggebende Faktor ohnhin die ideologische Passung.

Und wer, der in der Soziologie einen klangvollen Namen hat und woanders mitspielen kann, wollte nicht auf die Zeitschrift pfeifen bzw. wollte mit den Pfeifen mitspielen – um im musikalischen Bild zu bleiben, versteht sich – und die schlechte Improvisationen in Form von Junk-Texten, denen Wiedergänger-Ideologien zugrundeliegen, liefern?! Es scheint, dass sich das British Journal of Sociology in eine Abwärtsspriale hineinmanövriert hat, aus der herauszukommen schwierig ist – solange die Marktkräfte auch dem Zeitschriftenmarkt walten. Vielleicht bekommen wir ja demnächst in dem Blatt einen Text präsentiert, indem dafür geworben wird, auch auf dem Markt (tatsächlich oder angeblich) wissenschaftlicher Zeitschriften eine staatlich Staat festgelegte Quote für staatsdienlichen ideologischen Junk einzurichten, um dem gefährlichen Trend zu individueller und damit notwendigerweise differenzieller Leistung entgegenzuwirken?! (Ironie aus.)


Kadenzen:

Elliott, Karla, Roberts, Steven, Ralph, Brittany, Richards, Brady, & Savic, Michael, 2022: Understanding Autonomy and Relationality in Men’s Lives. The British Journal of Sociology: 1–15. https://doi.org/10.1111/1468-4446.12947

Hadziabdic, Sinisa, & Kohl, Sebastian, 2022: Private Spanner in Public Works? The Corrosive Effects of Private Insurance on Public Life. The British Journal of Sociology: 1–23. https://doi.org/10.1111/1468-4446.12961


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