Legitimationsforschung: Das Andienen ist des Akademikers Lust … Von bösen Russen und verschwörungstheoretischen AfD-Anhängern

Auflösung.

Unser kleines Rätsel vom gestrigen Tag, in dem wir gefragt haben, aus welcher Institution ein Textchen wohl stammt, das in seiner politisch-korrekten Diktion und einheitsmeinenden Biederkeit fast schon den Preis für die beste Anpassungsleistung an vorgegebenes Denken erhalten müsste, hat genau das gezeigt, was wir erwartet haben, dass es zeigen werde.

Die Tipps unserer Leser, aus welcher Institution der Text stammen könnte, sie reichen von der Bundeszentrale für Politische Bildung, von Zeitungen wie FAZ, Spiegel oder Stern, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zum Bundesfamilienministerium. Tatsächlich stammt der Text von einer deutschen Universität, genau: der Universität Leipzig. Dort besetzt Nina Kolleck eine Professur für irgendwas, was nicht empirische Sozialforschung sein kann und erstellt in dieser Funktion Berichte für das Bundesministerium für Bildung und Forschung – ausgerechnet, wie man sagen muss, denn dass Ministerium sollte Geld für Bildung und Forschung nicht dafür ausgeben, nutzlose Berichte wie diesen zu finanzieren:

Diesem Deckblatt folgen 15 Seitchen mit Text und Abbildungen, die man als im weitesten Sinne “Bericht” ansehen kann, wobei wir die drei Einträge, die das LITERATURVERZEICHNIS ausmachen, mit eingerechnet haben. So wie der gestern zitierte Text von nahezu jeder politischen Institution oder jedem MS-Medium dieser Republik stammen kann, so könnte der gesamte Bericht von jedem Meinungsforschungsinstitut in Deutschland stammen, indes wäre er mit Sicherheit nicht so fehlerhaft, wenn er von einem Meinungsforschungsinstitut stammen würde, denn diese Institute geben zumindest rudimentäre Informationen, wie z.B. die Anzahl der Befragten und den Fehlerbereich der Umfrage. Nichts davon findet sich im “Bericht” von der Universität Leipzig, der somit zwei Charakteristika aufweist: (1) Sein Duktus ist in keiner Weise von dem offiziellen Duktus politischer Organisationen zu unterscheiden, es gibt also nichts, was Wissenschaftlichkeit nahelegen würde, und (2) seine methodische Qualität bleibt noch hinter dem zurück, was Meinungsforschungsinstitute abliefern, während die Aussagen, die im Text gemacht werden, abermals keinen Grund zu der Annahme geben, es handle sich um einen wissenschaftlichen Text, zumal es keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis gibt, die aus diesem Bericht resultiert. Es gibt vielleicht ideologisch verwertbare Informationen, aber mit Sicherheit nichts, was dem Bereich von Wissenschaft zugeordnet werden kann. Insofern stellt sich die Frage, warum ein Ministerium Angehörige einer Hochschule dafür finanziert, genau die Sprache und Bewertungen zu verwenden, die auch das Ministerium verwendet und einen Bericht zu produzieren, den man von jedem Meinungsforschungsinstitut in besserer Qualität erhalten hätte?

Die Antwort ist natürlich klar: Ein Ministerium will eine wissenschaftliche Pseudo-Legitimation für eigene Politiken vorweisen können.

Dass der Bericht nichts mit Wissenschaft, aber viel mit Ideologie zu tun hat, das steht indes schon im Vorwort von Kolleck, wenngleich in einem Deutsch, das man nicht unbedingt versteht:

“Der vorliegende Report fokussiert aufgrund seiner Dringlichkeit und Aktualität die Einstellungen junger Menschen zu politischen Maßnahmen, Verschwörungserzählungen und Verantwortungszuweisungen im Kontext des Kriegs in der Ukraine.”

Ein Bericht, der an sich schon dringlich ist, “fokussiert” also, weil er dringlich ist, und weil er aktuell ist, auf die “Einstellungen junger Menschen zu politischen Maßnahmen, Verschwörungserzählungen und Verantwortungszuweisungen im Kontext des Krieges in der Ukraine”. Schwall, der verbergen soll, dass dieser Bericht keinen wissenschaftlichen Mehrwert hat, dass er reine Legitimationsbeschaffung für Polit-Darsteller ist. Schwall, den man auch kurz fassen kann. Es wird gefragt, ob (1) die Russen am Krieg schuld sind, (2) die Bundesregierung alles richtig macht und (3) Verschwörungserzählungen, also das, was man in Leipzig dafür hält, geglaubt werden. Sie sehen, wissenschaftlicher Mehrwert: NULL.

Natürlich sind die Russen schuld. Eine Mehrheit der Befragten, wobei wir nicht wissen, wie viele Befragte auf die entsprechende Frage geantwortet haben, denn der Bericht ist in jeder Hinsicht “Substandard”, ist dieser Ansicht und die Mehrheit einer unbekannten Anzahl von Befragten ist auch der Ansicht, dass das, was die Bundesregierung tut, alles richtig ist:

Indes: “Eine direkte Beteiligung Deutschlands an den Kämpfen unterstützen nur 12% der Jugendlichen, wohingegen 46% einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben zustimmen.” Beachten Sie das “nur” vor den 12% die einen direkten Einsatz der Bundeswehr befürworten. Ein kleines Wort, das so viel über die Hoffnungen derjenigen, die diesen Text verfasst haben, aussagt.

Exemplarisch für den Müll, der hier als Bericht abgeliefert und von Steuerzahlern bezahlt wird, ist das, was “Verschwörungserzählungen” genannt wird:

Sie finden hier alles, was man in der Sozialforschung dann, wenn man Ergebnisse erhalten will, NICHT macht.

Generell sind Aussagen, denen Befragte zustimmen sollen, dann bedenklich, wenn man als Sozialforscher nach Beantwortung durch die Befragten gar nicht sagen kann, was die Antwort eigentlich bedeutet. Hat sich die westliche Welt, wer auch immer das sein mag, nun gegen Russland oder gegen Putin oder gegen beide verschworen? Und wenn eine Verschwörung gegen wen auch immer vorliegt, wie kann durch diese “Verschwörung” die “eigene Macht” ausgebaut werden, also die der westlichen Welt? [Im Rahmen einer Aussage, die angeblich das latente Konstrukt “Verschwörungserzählung” messen soll, nach “Verschwörung” zu fragen, entspricht der Erhebung des Intelligenzquotienten durch die Frage: Auf einer Skala von 1 bis 100, wie intelligent sind Sie?].

Die zur Bewertung gestellte Aussage ist offensichtlicher Mumpitz, sie ist so allgemein gehalten, dass sie letztlich leer ist und bei Befragten auf ein Votum darüber hinausläuft, ob Putin oder Russland oder beide in den Krieg gegen die Ukraine provoziert wurden. Das, ist zum einen eine Informationsabfrage, die man anhand der realen Ereignisse klären kann, etwa als Hypothese: Der Krieg in der Ukraine ist eine russische Reaktion auf eine westliche Provokation. Insofern die Aussage prüfbar ist, ist sie keine Verschwörungserzählung, denn Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass man sie glaubt oder eben nicht glaubt, sie aber nicht auf ihre Korrektheit prüfen kann. Darüber hinaus ist die Aussage identisch mit Aussage vier, “Die NATO hat Russland so lange provoziert …”, was die nächste Kardinalsünde der Sozialforschung darstellt. Wer in unterschiedlichen Formulierungen dasselbe abfragt, der verbindet offensichtlich ein anderes Ziel mit seiner Befragung als “Erkenntnis”.

Auch die fünfte Aussage ist an Suggestion kaum zu toppen. Putin werde zum Sündenbock für “alles” gemacht, um von den “wahren” Problemen abzulenken. Der Giftschrank der Sozi-alchemie steht weit offen, denn diese Frage ist kognitiv ohne Sinn, sie appelliert also an etwas Affektives, das wiederum an zwei Begriffen, “Sündenbock” und “wahre Probleme” hängt. Was man mit einer solchen Aussage misst, ist uns nicht klar, vielleicht noch am ehesten wie sehr ein Befragter der Ansicht ist, von Institutionen getäuscht zu werden. Die Aussage: “Man kann westlichen Medien nicht mehr trauen, wenn sie über den Krieg in der Ukraine berichten”. als “Verschwörungserzählung” zu bewerten ist zum einen in einer Weise dumm, die den Griff nach dem IQ-Test für die Leipziger Forscher fast schon zum Automatismus macht, sie unterstellt zudem, dass man den “westlichen Medien” zu einem früheren Zeitpunkt habe trauen können, die nächste Kardinalsünde der Sozialforschung und, zum anderen ist sie eine Aussage, die die Einschätzung, den Eindruck eines Befragten zum Gegenstand hat. Einen Befragten nach seiner Einschätzung zu fragen, um ihn dann als Verschwörungserzählungsgläubigen in die Pfanne zu hauen, das ist nicht nur nicht lauter, das ist schäbig, schäbig in einer Weise, wie wir sie mittlerweile von dieser Art von Andien- besser wäre vermutlich Rektalforschung kennen.

Ob Rektal- oder noch Andienforschung vorliegt, das ist eine Frage, deren Antwort wir unseren Lesern anheim stellen. Für diese Antwort von Bedeutung ist vielleicht der folgende Text, der sich in den Schlussfolgerungen findet:

“Insgesamt weist die Studie auf eine gefährliche Tendenz in der jungen Generation hin: Ein Siebtel der jungen Menschen stimmt Verschwörungsideologien zu, darunter vor allem AfD-Anhänger*innen und auch junge Männer. Zwar sieht die Mehrheit der befragten jungen Menschen in Deutschland die Hauptverantwortung für den Krieg bei Russland, befürwortet moderate Maßnahmen für eine schnelle Beendigung des Kriegs und steht Verschwörungserzählungen eher kritisch gegenüber. Allerdings ist der Anteil der jungen Leute, die dies nicht so sieht, erschreckend hoch.”

Sie sehen, hier sind Leute zugange, die genau wissen, welche Antwort die richtige ist, die nicht an Informationen über Einstellungen interessiert sind, wie sie es zweifellos denjenigen, die bereit waren, an ihrer Befragung teilzunehmen, vorgelogen haben, sondern daran, die jeweiligen Befragten, gegen den wahren Wert der Antworten, den die Forscher imitierenden Ideologen natürlich kennen, abtesten wollen. Und wehe, der jeweilige Befragten sieht die Hauptverantwortung für den Krieg in der Ukraine nicht bei Russland, ist nicht für “moderate Maßnahmen für eine schnelle Beendigung des Krieges”, wobei Waffenlieferungen als moderat angesehen werden, und steht dem, was die Ideologen um Kolleck ihren Befragten als Verschwörungserzählungen untergeschoben haben, nicht in der vorgesehenen Weise kritisch gegenüber, dann wird er ausgesondert. Dann ist er Teil einer “gefährlichen Tendenz”. Zwar setzt eine Tendenz mehrere Messzeitpunkte voraus, während Kolleck und ihre ideologischen Mittäter nur einen einzigen Zeitpunkt zur Verfügung haben, aber wer wird es mit solchen Kleinigkeiten so genau nehmen? Suchen wir nach einer anderen Studie, die auch irgendwelche Ergebnisse erbracht hat und schon ist die “Tendenz” fertig. Bleibt noch nachzutragen, dass sich “Verschwörungserzählungsgläubige” häufiger unter Anhängern der AfD finden, wobei die Anzahl der AfD-Anhänger im Datensatz von Kolleck offenkundig geheime Verschlusssache ist, so dass man nicht weiß, ob dieses Ergebnis angesichts des oben Beschriebenen “nur” Mist oder absoluter Mist ist.

Es ist erschreckend, welcher Stuss heutzutage an Hochschulen produziert wird.
Es ist erschreckend, dass sich Angehörige von Hochschulen zu ideologischen Zubringern reduziert haben, eine moderne Form der Prostitution wenn man so will.
Es ist besonders erschreckend, dass Berichte wie dieser von ihren Verfassern offenkundig als wissenschaftliches Werk angesehen werden, d.h. sie haben nicht einmal die Spur einer Ahnung, wie weit sie von dem, was Wissenschaft ist, entfernt sind.

Eigentlich kann man die meisten sozialwissenschaftlichen Fakultäten an Hochschulen in Deutschland schließen. Was dort geschrieben wird, unterscheidet sich nicht von dem,  was man bei Spiegel oder ZDF findet. Was dort “geforscht” wird, wird bei Meinungsforschungsinstituten besser und mit größerer methodischer Kenntnis erforscht [was nicht bedeutet, dass Meinungsforschungsinstitute gute Arbeit leisten, nur, dass in Leipzig miserabel gearbeitet wird] . Warum also doppelt finanzieren, was es bereits gibt? Schließen wir sozialwissenschaftliche Fakultäten an Hochschulen und fangen wir in Leipzig an der dortigen Universität an. Die eingesparten Mittel sollten Rentnern, die Probleme haben, mit den Preissteigerungen mitzuhalten, zugute kommen.



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14 Comments

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