„Sie werden nichts wissen und glücklich sein“: Vom „nudging“ zur Unterschlagung von Informationen

“Knowledge Is Power, But Ignorance Is Bliss“, d.h. „Wissen ist Macht, aber Unwissenheit ist Glückseligkeit”, so hat Cass R. Sunstein in seinem 2020 erschienen Buch mit dem Titel „Too Much Information: Understanding What You Don’t Want to Know“ auf Seite 11 – im englischsprachigen Original: „Knowledge is Power, but Ignorance is Bliss“ – geschrieben. Sunstein, dessen Name die meisten unserer Leser, die Sciencefiles regelmäßig lesen, kennen und – zurecht – mit dem sogenannten „nudging“ in Verbindung bringen, argumentiert in diesem Buch dafür, dass eine Pflicht zur Offenlegung von Informationen nur dann bestehen sollte oder Informationen überhaupt nur dann gegeben werden solten,

“[w]hen information would significantly improve people’s lives. Information can also improve people’s lives if it makes them happier, Unfortunately, some information does not improve people’s lives in any way. It does not improve their decisions, and it does not make them happier. Sometimes it is useless. Sometimes it makes them miserable. Sometimes it makes their decisions worse. It might seem obvious to emphasize the need to ask about the effects of information on human lives. But in public policy circles, many people think in very different terms. They emphasize the ‘right to know’, urging that consumers and employers have a right to information, even if they will do little or nothing with it. Other people emphasize the relationship between information and personal autonomy, contending that people are freer with information than without it, even if it does not improve their lives. I will be rejecting the idea of a ‘right to know’. I will also be urging that it is far less useful to focus on autonomy than on human well-being and on what information contributes to it … And to understand my primary question and my deceptively simple answer, we have to touch on even more fundamental questions about what human being want to know and how much they want to know it – whether in wanting to know, or not wanting to know, they might be making serious mistakes” (Sunstein : 1-2).
“[w]enn Informationen das Leben der Menschen deutlich verbessern würden. Informationen können das Leben der Menschen auch verbessern, wenn sie sie glücklicher machen. Leider verbessern einige Informationen das Leben der Menschen in keiner Weise. Sie verbessern weder ihre Entscheidungen, noch machen sie sie glücklicher. Manchmal sind sie nutzlos. Manchmal machen sie sie unglücklich. Manchmal verschlechtern sie ihre Entscheidungen. Es mag offensichtlich erscheinen, dass die Frage nach den Auswirkungen von Informationen auf das Leben der Menschen gestellt werden muss. Aber in politischen Kreisen denken viele Menschen ganz anders. Sie betonen das ‚Recht auf Wissen‘ … Andere betonen die Beziehung zwischen Informationen und persönlicher Autonomie und behaupten, dass die Menschen, wenn sie über Informationen verfügen, freier sind als ohne sie, auch dann, wenn sie ihr Leben nicht verbessern. Ich werde [in diesem Buch] die Idee eines ‚Rechts auf Wissen‘ zurückweisen. Ich werde auch darauf hinweisen, dass es weit weniger sinnvoll ist, sich auf die [menschliche] Autonomie zu konzentrieren als auf das menschliche Wohlbefinden und darauf, was Informationen dazu beitragen … Und um meine Hauptfrage und meine anscheinend einfache Antwort zu verstehen, müssen wir uns mit noch grundlegenderen Fragen darüber befassen, was Menschen wissen wollen und wie viel sie wissen wollen – und ob sie, wenn sie etwas wissen wollen oder nicht wissen wollen, möglicherweise schwerwiegende Fehler begehen” (Sunstein 2020: 1-2).

Sunstein, der Fürredner des glücklichen, uninformierten Menschen, setzt sich nicht zum ersten Mal dem Verdacht aus, dass er lediglich ein Zyniker ist, wenn er dem im Zitat Beschriebenen ein Beispiel aus seiner Zeit, in der er „privileged“ (Sunstein 2020: 2) gewesen ist, der Obama-Regierung zu „dienen“ („serve“; Sunstein 2020: 2) folgen lässt, von dem er nicht ernsthaft meinen kann, dass jemand glaubt, dass es ernst gemeint gewesen sein kann:

„A significant amount of my work involved regulations that required disclosure of information – about calories, nutrition, workplace risks, highway safety, fuel economy, greenhouse gas emissions, credit cards, mortgages, and a lot more … I was enthusiastic about disclosure as a regulatory strategy. I thought that it could make people’s lives better. One day I emailed a friend to let her know that the US Food and Drug Administration had finalized a regulation, on which I had spent a lot of time, requiring disclosure at various restaurants, including movie theaters. I confess that I was enthusiastic, even excited, possibly a bit proud. My friend’s email response: ‘CASS RUINED POPCORN.’ Those words were deflating, of course. But she had a point. At movie theatres, people want to have fun. They want to enjoy their popcorn. As the lights go down, they do not want to wonder whether they are getting fat. A calorie label might not exactly enhance their experience” (Sunstein 2020: 2-3).
„Ein großer Teil meiner Arbeit betraf Vorschriften, die die Offenlegung von Informationen vorschrieben – über Kalorien, Ernährung, Risiken am Arbeitsplatz, Sicherheit im Straßenverkehr, Kraftstoffverbrauch, Treibhausgasemissionen, Kreditkarten, Hypotheken und vieles mehr … Ich war von der Offenlegung als Regulierungsstrategie begeistert. Ich glaubte, dass sie das Leben der Menschen verbessern könnte. Eines Tages schickte ich einer Freundin eine email, um ihr mitzuteilen, dass die US Food and Drug Administration eine Verordnung verabschiedet hatte, mit der ich viel Zeit verbracht hatte und die eine Offenlegung in verschiedenen Restaurants, einschließlich Kinos, vorschreibt. Ich gestehe, dass ich begeistert, sogar aufgeregt, war, vielleicht sogar ein bisschen stolz. Die email-Antwort meiner Freundines: ‘CASS HAT DAS POPCORN RUINIERT’ – diese Worte waren natürlich enttäuschend. Aber sie hatte nicht ganz unrecht. In Kinos wollen die Leute Spaß haben. Sie wollen ihr Popcorn genießen. Wenn das Licht ausgeht, wollen sie sich nicht fragen, ob sie dick werden. Ein Kalorienetikett würde ihr Erlebnis nicht gerade bereichern” (Sunstein 2020: 2-3).

 

The Right, not to know

Macht Sie diese Beispiel betroffen?! Können Sie nachvollziehen, wie furchtbar enttäuscht Sunstein über diese – vermutlich ohnehin im Witz geschriebene Antwort der Freundin – gewesen sein muss?! Zeigen Sie Anteilnahme mit Sunstein, der dem Leser Glauben machen will, dass er von seinem Gewissen geplagt wurde, weil er meinte, Mithilfe dazu geleistet zu haben, dass er Kinogängern durch Beifügung einer Kalorienangabe auf der Popcorn-Tüte den Kinobesuch verdorben hätte?!

Dahin sind jedenfalls die Zeiten, in denen Sunstein durch „nudging“ Menschen zu einem Verhalten zu bringen versuchte, das seiner Meinung nach in ihrem eigenen Interesse sei. Der Kalorienaufdruck hätte den ein oder anderen – sofern er beim Kinogang überhaupt geneigt ist, einen Kalorienaufdruck auf einer Popkorn-Packung zu lesen, woran ich erheblichen Zweifel habe – vielleicht dazu „nudgen“ können, die Popkorn-Packung ungegessen wegzuwerfen oder zu verschenken. Man hätte ihm also dabei helfen können, nicht fett(er) zu werden, also seine Gesundheit und damit sein Leben zu verbessern, aber Sunstein hat nach Jahren der Fürrede für das „nudging“, nach Jahren, in denen er an „nudging units“ von Regierungen gut verdient hat, erkannt, dass er Menschen damit unglücklich macht. Und das ist der neue Maßstab der Lebens-Verbesserung: Glückseligkeit.

Öffnen Sie also keine Briefe, in denen erwartungsgemäß eine Rechnung enthalten ist; sie werden Sie bloß in ihrer Glückseligkeit beeinträchtigen!

Wenn Sie irgendwo eine Nachricht lesen, etwas hören, glauben Sie es einfach! Tun sie nichts, um die Nachricht/das Gehörte, zu überprüfen; das weckt nur Unsicherheit oder Zweifel, und beides stört den Zustand von Glückseligkeit, in dem Sie sich hoffentlich befinden!

Gehen Sie nicht zum Arzt; er könnte schlechte Nachrichten für Sie haben! Und wenn Sie schon Ihre Glückseligkeit durch den Gang zum Arzt aufs Spiel gesetzt haben, dann halten Sie sich die Ohren zu, wenn der Arzt den Eindruck macht, er könne etwas Unerfreuliches für sie parat haben, oder verlassen Sie fluchtartig die Arztpraxis, und wenn alles nicht mehr hilft, dann entwickeln Sie Wut auf den Arzt, der doch tatsächlich Ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität, ihre Lebenserwartung über ihre Glückseligkeit, ihr ungetrübtes Glück im Nicht-Wissen, stellt!

Die Chancen auf einen solchen Arzt zu treffen, sind neuerdings allerdings ohnehin gering. Viele Ärzte waren und sind immer noch bereit, Ihnen eine Nadel in den Arm zu rammen, die eine experimentelle Substanz mit erheblichen Nebenwirkungen enthält, aber Ihre Hoffnung auf Schutz vor Halsweh oder einer laufenden Nase oder das Gefühle „das Richtige“ für irgendein Kollektiv zu tun, durch keinerlei Hinweis auf die Tatsachen zu trüben; geht es doch darum, dass Sie glücklich sind, glücklich, wie es bisher nur unschuldige Kinder sein konnten, die wenig bis nichts von der Welt wissen.

H.G. Wells hat Sunsteins Irrsinn vorausgesehen und umgesetzt, die einen leben wie Kinder, die anderen fressen sie.

Diese Ärzte wollen Sie nicht „nudgen“, nicht in einer bestimmten Richtung beeinflussen; sie sagen Ihnen einfach nichts, was negativ sein könnte, sie unterschlagen Ihnen einfach Informationen, die Sie in Entscheidungsnöte bringen könnten – alles im Interesse ihres ungestörten Glückseligkeitszustandes, versteht sich!

Die Unterschlagung von Informationen, die Sunstein nunmehr propagiert, ist der ultimative Schritt in den psychologischen Regress, in einen vor-erwachsenen Zustand, und Sie wollen doch gar nicht erwachsen sein, Entscheidungen nach eigenem Gutdünken treffen, die Verantwortung für Ihre Entscheidungen tragen, Sorgen ertragen, Probleme bewältigen, oder?! Wollen Menschen nicht einfach weltflüchtig sein, sich im Popcorn-Essen selbst vergessen und verlieren – was könnte schöner sein, ein erfüllenderes Ziel sein?!

Aber da sind natürlich diejenigen, die sich aufopfern und Wissen beanspruchen (oder gar: erwerben), ihre eigene Glückseligkeit preisgeben, um die ungestörte Glückseligkeit der Massen all der weltflüchtigen Kinder-Menschen zu garantieren. Immerhin ist Wissen Macht, und Macht bedeutet die Führung all der anderen weltflüchtigen Kinder-Menschen in die ungestörte Glückseligkeit, und dies erfordert, dass die Wissenden – was immer sie auch warum zu wissen meinen – den Kinder-Menschen die Belastungen von Wissen oder auch nur Informationen vorenthalten. Es ist wahrlich ein Märtyrer, der sich für die Glückseligkeit der Kinder-Menschen aufopfert und nach Machtpositionen strebt!

Und falls trotz aller Bemühungen von seiten dieser Märtyrer die Realität auf dieser Welt in die Glückseligkeit der Kinder-Menschen einbrechen sollte, dann gibt es ja Euthanasie-Programme wie in Kanada; soll man nicht ohnehin aufhören, wenn’s gerade am schönsten ist?!

Sie werden nichts wissen und glücklich sein, und Sie werden sterben, ohne etwas gewusst zu haben, vielleicht: ohne etwas davon gewusst zu haben, dass man Sie um die Ecke bringt.

War da nicht vor Kurzen eine ganz ähnliche Verheißung auf Glück, die uns das World Economic Forum beschert hat?! Wie hieß das noch? Ach ja: „Sie werden nichts besitzen und glücklich sein“.

Nichts besitzen, nichts wissen – einfach glücklich sein! Das gilt für Sie.

Für die Märtyrer des “Wissens”, die Ihnen diese Glückseligkeit in Aussicht stellen, gilt, dass sie alles besitzen und sich (weiterhin) einbilden, Wissen zu haben oder erfinden und durchsetzen zu können, was als Wissen durchgehen soll. Die „schöne“ neue Welt, die Zyniker, Opportunisten und Wahnsinnige für die Kinder-Menschen entwerfen, macht unverkennbar Anstalten, sich zum Alptraum auszuwachsen.

Und Sunstein ist nicht der einzige, der kräftig mitbaut an diesem Alptraum. Er befindet sich u.a. in Gesellschaft deutscher Akademiker, die nichts, aber auch gar nichts, aus der Geschichte zu lernen im Stande oder willens ist. So haben Ralph Hertwig, Direktor der Abteilung „Adaptive Rationalität“ [!] am Max-Planck-nstitut für Bildungs[!]forschung in Berlin, und Christoph Engel, Direktor am Max-Planck-Institut „zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern“ [!] im Jahr 2021 einen Sammelband herausgegeben, in dem die Mehrheitsmeinung („majority view“; Seite xiii) diejenige ist,

„… that there is a nearly absolute right not to know”

d.h. “… dass es ein fast absolutes Recht auf Nicht-Wissen gibt”,  wie Julia R. Lupp vom „Frankfurt Institute for Advanced Studies“ in ihrem Vorwort zum Band auf Seite xiii bemerkt.

wundert es Sie, dass Hertwig und Engel in einem Interview, das auf den Seiten des Max-Planck-Instituts „zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern“ veröffentlicht wurde „erklär[t]“ haben,

„wieso dieses gezielte Ausblenden von Informationen in bestimmten Bereichen sogar vorgeschrieben und unterrichtet werden sollte …“ (Hervorhebung d.d.A.)?

Die Reaktion muss der Stärke des Angriffs entsprechen

Wer dafür wirbt, muss zumindest mit gutem Beispiel vorangegangen sein und eine ganz erhebliche Menge ganz erheblicher Sachverhalten – u.a. über die menschlichen Natur und die Geschichte der Menschheit – vollständig ausgeblendet haben.

Wir könnten dasselbe tun und Leute wie Sunstein, Hertwig oder Engels einfach ausblenden, aber es würde die Herren nicht glücklich machen; melden sie sich doch gerne in der Öffentlichkeit zu Wort, um Empfehlungen für die vermeintlichen Kinder-Menschen zu verkünd(ig)en. Und darüber hinaus würde es uns tatsächlich erwachsene Menschen nicht glücklich machen, nicht zu wissen, woran wir mit bestimmten Leuten sind, welche Leute sich anmaßen wollen über das zu entscheiden, was anderen Leuten gezielt auszublenden vorgeschrieben werden soll – von wem und mit welchem Recht?

Und in einer Demokratie?!
Willkommen im nächsten totalitären Versuch – nicht nur, aber auch – auf deutschem Boden! Und Sie bezahlen ihn bzw. halten die Klempner des neuen Totalitarismus mit ihren Steuergeldern aus ….


Literatur:

Hertwig, Ralph, & Engels, Christoph (Hrsg.), 2021: Deliberate Ignorance: Choosing Not to Know. Cambridge, Mass.: The MIT Press.

Sunstein, Cass, 2020: Too Much Information: Understanding What You Don’t Want To Know.

 


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18 Comments

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