Survival of the Fittest

Nur: Wer sind die Fittesten?

Für die Sozialisten waren die Fittesten die Arbeiter und Bauern, die sich im Klassenkampf gegen den Kapitalismus durchsetzen werden: Deshalb fand u.a. August Bebel den Darwinismus so praktisch, bot er doch angeblich eine theoretische Grundlage um sozialistische Phantasien auszuleben. Was Bebel nicht bedacht hat, Darwin hat eine biologische Theorie aufgestellt, keine soziale.

Für die Nationalsozialisten waren die Fittesten diejenigen, die arisches Blut in ihren Adern hatten, was auch immer arisches Blut sein mag: die reine Rasse der Deutschen. So findet sich in „Mein Kampf“ die folgende Darstellung des Werts der Rassenreinheit, die auf einer Hierarchie der Rassen aufbaut, die die deutsche Rasse an der Spitze sieht:

“Somit kann man folgenden gültigen Satz aufstellen: Jegliche Rassenkreuzung führt zwangsläufig früher oder später zum Untergang des Mischproduktes, solange der höherstehende Teil dieser Kreuzung selbst noch in einer reinen irgendwie rassenmäßigen Einheit vorhanden ist. Die Gefahr für das Mischprodukt ist erst beseitigt im Augenblick der Bastardierung des letzten höherstehenden Rassereinen. Darin liegt ein, wenn auch langsamer natürlicher Regenerationsprozeß begründet, der rassische Vergiftungen allmählich wieder ausscheidet, solange noch ein Grundstock rassisch reiner Elemente vorhanden ist und eine weitere Bastardierung nicht mehr stattfindet. (Hitler: Mein Kampf)

Dass Hitler hier Unsinn schreibt wird schon daran deutlich, dass er der Inzucht das Wort redet. Hitler ist eines der vielen Beispiele, die zeigen, was passiert, wenn sich Personen Ideen oder Theorien aneignen, die sie nicht ansatzweise verstanden haben und dann mit ihnen dilettieren.

darwin-origin-of-speciesDas Schicksal, von vielen Dilettanten aufgegriffen und entstellt zu werden, ist auch der Idee des „Survival of the Fittest“ widerfahren, die Charles Darwin entwickelt hat und die er in der fünften Auflage seiner „Origin of Species“ als zusätzliche Überschrift der schon vorhandenen „Natural Selection“ angefügt hat. Dazu schreibt Darwin: „This preservation of favorable variations and the rejection of injurious variations, I call Natural Selection or the Survival of the Fittest“ (Darwin, Origin of Species IV, 2).

Die Idee von Darwin sagt nicht mehr und nicht weniger, als dass sich auf lange Sicht und aufgrund biologischer Anpassung die Fittesten durchsetzen. Wie Thomas Huxley eigentlich schon zu Darwins Zeiten festgestellt hat, sind nicht notwendig die Besten oder die Größen oder die Stärksten die Fittesten, die Fittesten sind diejenigen, denen es am besten gelingt, sich an die Randbedingungen, die ihre biologische Umwelt setzt, anzupassen. Das müssen nicht diejenigen sein, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als die „Besten“ angesehen werden, denn was Darwin formuliert, ist kein Gesetz der moralischen oder sozialen Entwicklung, sondern ein biologisches Entwicklungsgesetz.

Aber hier beginnt der Missbrauch der von Darwin formulierten Idee des „Survival oft he Fittest“: „For those who could not distinguish between biological and social evolution, Darwin’s theory offered the public authority of science by which they could attempt to legitimize their private version of human progress” (Rogers, 1972: 280).

Für sie, die die entsprechende Unterscheidung nicht treffen wollten oder konnten, wurde der Darwinismus zum Selbstbedienungsladen. Aus der Tatsache, dass die existierenden Spezies Beleg einer erfolgreichen Anpassung sind und von Darwin als Ergebnis eines evolutionären Prozesses beschrieben wurden, dass sie „the fittest“ sind, während die Spezies, die z.B. nur noch als Fossil vorhanden sind, offensichtlich eine Anpassung nicht geschafft haben, haben sie gefolgert, dass man den Spieß umdrehen könne und diejenigen, die auf Basis ihrer Bewertung als unfit anzusehen sind, ausmerzen könne oder solle oder müsse.

Wir treffen hier im Kern den selben sozialtechnologischen Machbarkeitsglauben, der sich heute im so genannten liberalen Paternalismus, der auch als Nudgen bekannt ist, findet: Die private Bewertung dessen, was das Beste, das Richtige, das Gute ist, wird verallgemeinert und genutzt, um all das, was gerade nicht als das Beste, Richtige und Gute angesehen wird, zu beseitigen (oder auszumerzen).

natural-selection3Nun gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen einer deskriptiven und post-hoc gewonnenen Theorie, wie sie Charles Darwin formuliert hat, einer Theorie die Zusammenhänge aufführt und Konsequenzen benennt und einer normativen Utopie, wie sie Sozialisten und Faschisten so gerne aufstellen: Erstere kann anhand von Fakten geprüft und notfalls modifiziert oder falsifiziert werden, Letztere ist Widersprüchen gegenüber immun, da die Vertreter der entsprechenden Utopie mit einem Wahrheitsanspruch auftreten. Sie versuchen nicht, ihre Überzeugung zu prüfen und zu modifizieren, wenn sie sich als falsch herausgestellt hat, sie suchen nach Belegen dafür, dass ihre Ansicht richtig ist und natürlich finden sie unzählige Belege dafür, wie der Missbrauch des Darwinismus belegt.

Weil dem so ist, ist es so schlimm, das sich an Universitäten wieder Personen einnisten können, die nach Verifikation streben bzw. deren einziger Beitrag darin besteht, eine religiöse Lehre zu verkünden und jeden, der sie kritisiert, als Häretiker zu verfolgen.

Menschen, sind an biologische Fakten gebunden, und sie sind sozialen Konventionen unterworfen. Erstere sind nicht verhandelbar, weshalb es so lächerlich ist, wenn Menschen herumtollen und der Ansicht sind, sie könnten sich ihr Geschlecht aussuchen. Letztere sind Ergebnis von Verhandlungen, von Verhandlungen, die zuweilen irrationale Ergebnisse zeitigen, z.B. dann, wenn Menschen auf Unisex-Toiletten gezwungen werden oder wenn die Abweichung zur Norm gemacht wird, auf die die Mehrheit Rücksicht nehmen muss oder wenn versucht wird, biologische Grundlagen in Frage zu stellen oder sozial zu überformen, wie dies z.B. im Rassenkonzept der Fall war, das den Nazis dazu gedient hat, Menschen in Über- oder Untermenschen zu unterscheiden.

Weil soziale Fakten verhandelbar sind, deshalb finden sich in menschlichen Gesellschaften Versuche, die Verhandlungen dazu zu nutzen, sich gegenüber anderen Vorteile zu verschaffen, z.B. dadurch, dass man anderen weiszumachen versucht, die Zukunft sei von Menschen planbar und eindeutig gestaltbar, ohne dass dabei unbeabsichtigte und negative Folgen entstünden und ohne dass der schöne Plan sich als nicht durchsetzbar erweisen könne.

Darwin hatte das Pech, eine Theorie zu formulieren, die denen, die so gerne über das Los und die Zukunft anderer bestimmen, die Grundlage geliefert hat, ihre Ideologie in die Tat umzusetzen, entweder in Form der historischen Überlegenheit der Arbeiterklasse oder der arischen Rasse oder in Versuchen, durch Programme der Euthanasie die Qualität der eigenen Bevölkerung zu erhöhen.

Nichts davon geht auf Darwin zurück oder kann mit seiner Theorie begründet werden, denn: Darwin hat eine deskriptive Theorie formuliert, die keinerlei Bewertung enthält. Dagegen ist die Frage, ob bestimmte Individuen aufgrund ihrer Eigenschaften fitter oder weniger fit oder gar nicht fit sind, um den menschlichen Bestand einer Gesellschaft und dessen Qualität zu befördern, eine moralische Frage und noch dazu eine Frage, wie sie sich nur in kollektiven Ideologien, in Faschismus, Sozialismus oder Nationalsozialismus stellen kann.

Wer nicht in Kollektiven, sondern in Individuen denkt, wird schnell bei der Erkenntnis ankommen, dass derjenige, der gerade aufgrund eines bestimmten Kriteriums als unfit angesehen wird (z.B. körperliche Stärke), seinerseits auf eine Vielzahl von Kriterien zurückgreifen kann, um die nicht vorhandene Fitness derjenigen zu beschreiben, die ihn als „unfit“ bezeichnet haben (z.B. einen IQ von mehr als 130).

Wer individuell denkt, ist immun gegenüber Faschismen aller Art. Nur wer in Gruppen und Kollektiven denkt, ist anfällig für Ideen der Rassenhygiene oder der Minderwertigkeit anderer Menschen, deren Bezug eine statische Eigenschaft ist, die entweder zugeschrieben ist wie Nationalität oder phantasiert, wie germanische Abstammung, und weder mit Leistung noch mit Strebsamkeit zu tun hat.

Und selbst wenn man am Kollektiv orientiert ist und kollektive Ziele erreichen will, ist die Konsequenz aus dem „survival of the fittest“ nicht der Eingriff in die menschliche und soziale Entwicklung: „Darwin himself opted for living with the bad consequences of the less capable outbreeding what he called ‚the better class of men‘. In the end, he could sanction neither a withdrawal of charity nor active intervention with human breeding“ (Paul 2003: 241).

Darwin, Charles (1859). On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. London: John Murray.

Paul, Diane B. (2003). Darwin, Social Darwinism and Eugenics. In: Hodge, Jonathan & Radick, Gregory (Hrsg.): The Cambridge Companion to Darwin. Cambridge: Cambridge University Press, S. 214-239.

Rogers, James Allen (1972). Darwinism and Social Darwinism. Journal of the History of Ideas 33.2: 265-280.


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Virale Impfung: Stell‘ Dir vor Du wirst geimpft und weißt gar nichts davon

Unvorstellbar?

Mitnichten. Die Entwicklung von viralen Impfstoffen, die sich selbstständig verbreiten, die von Mensch zu Mensch überspringen, ohne dass Mensch etwas davon bemerkt, ist so gut wie abgeschlossen:

vaccine-yes_no“ This concept may sound like science fiction, but the oral polio vaccine already does this to a limited extent [8], and transmissible vaccines have now been developed and deployed in wild animal populations [6]. For instance, recombinant transmissible vaccines have been developed to protect wild rabbit populations against myxomatosis [9] and to interrupt the transmission of Sin Nombre hantavirus in reservoir populations of deer mice [10,11]. In addition, a transmissible vaccine is currently being developed to control Ebola within wildlife reservoirs [12]. Given the current pace of technological advance in genetic engineering, it is only a matter of time before transmissible vaccines can be easily developed for a wide range of infectious diseases.”

Das schreiben Scott L. Nuismer und seine sechs Ko-Autoren in einem gerade erschienenen Beitrag für die Proceedings B der Royal Society. Die Verbreitung viraler Impfstoffe, die sich wie ein Krankheitserreger von Mensch zu Mensch ausbreiten, nur dass sie ihn nicht krank machen, sondern resistent gegen Viren, ist nach den Ergebnissen von Nuismer et al. ein lohnendes Unterfangen, mit dem es gelingen kann, selbst mit sehr schwachen Impfstoffen, die mehrfach verbreitet werden müssen, Geißeln der Menschheit wie Polio oder die Masern auszurotten, so wie das z.B. mit den Pocken gelungen ist:

“ Our results show that even a weakly transmissible vaccine can substantially facilitate efforts to control or eradicate infectious disease.”

Nuismer et al. haben ihr Modell absichtlich mit einem schwachen Impfstoff gerechnet, denn letztlich ist ein Impfstoff nichts anderes als ein Virus in abgeschwächter Form, auf den der aufnehmende Organismus durch die Ausbildung einer Resistenz reagiert bzw. reagieren soll, denn wenn der Impfstoff zu stark bemessen ist, bewirkt er sein Gegenteil, er schützt nicht vor z.B. Masern, er hat Masern zur Folge. Die Polio-Schluckimpfung hatte solche negativen Konsequenzen.

Der Vorteil von viralen Impfstoffen, die ein Man Hopping betreiben, liegt auf der Hand: Impfverweigerer, die z.B. die Ausrottung von Kinderlähmung oder Masern verhindern und den entsprechenden Viren Rückzugsorganismen bereitstellen, so dass die Viren überleben können, könnten trotz Verweigerung und ohne ihre Wissen und Zutun, geimpft werden. Die Ausrottung der entsprechenden Viren hätte dann zur Folge, dass zukünftige Generationen keine Impfung gegen z.B. Masern mehr benötigen.

Derartige Aussichten sind für Wissenschaftler, für Genforscher insbesondere, natürlich verlockende Aussichten. Man kann quasi die Welt über die Köpfe anderer hinweg und nur dadurch verändern, dass man einen Impfstoff im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt setzt.

Nur für die, über deren Köpfe hinweg, entschieden wird, dass sie nun per viraler Impfung, gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen geimpft werden, für die hat das Idyll, sagen wir: einen bitteren Beigeschmack, denn ihr Recht auf Selbstbestimmung wird schlicht ignoriert.

Nun kann man sagen, die Ausrottung einer Krankheit wie Masern rechtfertige es, die Impfmuffel gegen ihren Willen zu impfen, wegen dem größeren Guten, das der Allgemeinheit in einer masernfreien Welt winkt. Aber hat die Allgemeinheit ein Recht auf eine masernfreie Welt? Ist es statthaft, Menschen gegen ihren Willen einer Behandlung zu unterziehen, von der sie nicht einmal etwas wissen?

Die ethischen Fragen, die sich mit viralen Impfstoffen verbinden, sind erheblich und rühren an der Grundlage von Gesellschaften, die durch das derzeit so modische Nudging, also das Schubsen von Bürgern in die nach Ansicht von Regierungen richtige Richtung, sowieso schon Abstand vom Liberalismus und vor allem von der Achtung des Einzelnen genommen haben.

Letztere gebietet es natürlich, dass man niemanden ohne sein Wissen, sein Einverständnis und vor allem nicht gegen seinen Willen impft. Ein derartiger Übergriff auf die Integrität anderer ist auch dann nicht zulässig, wenn sich damit ein angebliches gesamtgesellschaftliches Gutes erreichen lässt. Er ist deshalb nicht zulässig, weil damit ein Präzedenzfall geschaffen wird, der es Regierungen erlaubt, regelmäßig Individualismus und Selbstbestimmung mit Füßen zu treten, und zwar mit der Begründung, das sei notwendig für ein höheres Gutes (wohin das führt, ist hinlänglich bekannt, anhand des regelmäßigen Kampfes für das Wohl des Vaterlands, dem Millionen individueller Leben ohne Sinn und ohne Zweck geopfert wurden).

Letzten Endes ist individuelle Selbstbestimmung ein Wert, der mehr wiegt als die Aussicht auf eine masernfreie Welt.

Schockbilder auch bald auf Fleischerzeugnissen

Heute tritt die neue EU-Tabakrichtlinie in Kraft: Ab sofort sehen Raucher beim Kauf einer Packung schwarze Zahnstümpfe, zerfressene Lungen und schwarze Raucherbeine. Die Schockbilder-Advokaten hoffen, mit den Bildern Raucher vom Rauchen abzuschrecken.

smoking cancerNun ist Rauchen eine Angewohnheit, die nicht umsonst unter der Bezeichnung „Sucht“ läuft, was darauf hinweist, dass die Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören, bei vielen Abhängigen nicht unbedingt eine Option ist. Hinzu kommt, dass viele Raucher eine soziale Verpflichtung verspüren, nicht nur den Finanzminister über die Tabaksteuer glücklich zu machen, sondern auch die Raucher-Entwöhnungsindustrie auszuhalten. Was soll aus all den Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Medizinern, aus all den Entwöhnungshelfern werden, wenn einfach alle Raucher vom Rauchen abgeschreckt werden? Zum Glück produzieren Raucher das, was Ökonomen eine nicht elastische Nachfrage nennen, d.h. sie Rauchen unabhängig von Preis und Schockbildern auf der Packung.

Es geht auch nicht um die Raucher, sondern um die vielen Jugendlichen, die mit dem Rauchen gar nicht erst anfangen sollen. Sie abzuschrecken, ist das Ziel der Schockbilder, so hört man von den Schockbildphilen. Nun, verbotene Dinge und vor allem mit Schockbildern abschreckende Dinge, sie üben einen besonderen Reiz auf Jugendliche aus, die versuchen, ihre eigene Identität in Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zu bilden. Insofern wird sich in den nächsten Jahren zeigen, in welche Richtung das Nudgen der noch nicht-Raucher weist. Für die Forscher, die sich mit den unbeabsichtigten Folgen von Entscheidungen befassen, sind die Schockbilder in jedem Fall ein willkommenes quasi experimentelles Setting.

Nun, da die Schockbilder auf den Zigarettenpackungen als neue Richtlinie in Kraft getreten sind, brechen die Brüsseler Bürokraten, die ja nun eine gewisse Regelungsleere verspüren, zu neuen Ufern auf. Und weil Schockbilder in Brüssel und nicht nur dort so beliebt sind, scheint es erste Bestrebungen zu geben, die Verwendung von Schockbildern auszuweiten.

Die Forschung hat eine Unzahl von Belegen dafür angehäuft, dass Fleischkonsum schädlich ist, vor allem rotes Fleisch erfreut das Wachstum der Krebszellen in Organismen und gilt entsprechend als die Ursache hinter einer Vielzahl von Krebserkrankungen. Fleischkonsum ist somit der Gesundheit schädlich, erhöht die Kosten der Gesundheitsversorgung und muss daher eingedämmt werden. Schockbilder bieten sich an, um die Bevölkerung zu gesünderen Nahrungsmitteln zu nudgen.

Gleichzeitig setzt Fleischkonsum eine mit ethischen Grundsätzen nicht in Einklang zu bringende Massentierhaltung voraus, die letztlich eine Objektivierung von Lebewesen zur Folge hat und die menschliche Fleischeslust auf Basis der Qual anderer Kreaturen befriedigt.

Zudem ist Massentierhaltung einer der größten Verschmutzer der Umwelt, trägt Methan in die Atmosphäre und verstärkt damit die Erderwärmung und verseucht Grundwasser mit Phosphaten und Nitraten.

Der Tatbestand ist eindeutig: Fleischkonsum ist schädlich, Fleischerzeugung ist barbarisch und ethisch nicht vertretbar, Massentierhaltung umweltschädlich.

Um Europäer nicht nur vom schädlichen Tabakkonsum fernzuhalten, sondern auch vom noch viel schädlicheren Fleischkonsum, scheint man bei der EU-Kommission nun Pläne in der Schublade zu haben, die nur darauf warten, dass ein Kommissar seinen Mut zusammennimmt, um sie herauszuholen.

Folgerichtig müssten Verbraucher von Fleisch und Fleischerzeugnissen in Zukunft mit den Folgen ihres Tuns konfrontiert werden, mit Bildern aus der Massentierhaltung, auf den Verpackungen von Schnitzel und Steaks: Bilder davon, wie Küken gleich nach Geburt geschreddert werden, Bilder von Hähnchen, die mit dem Kopf nach unten in ihren Tot gefahren werden. Live-Aufnahmen aus Schlachthäusern dürften besonders geeignet sein, um europäische Konsumenten vom weiteren massenhaften Verzehr von Fleisch abzuhalten. Zudem sollte der Besuch von Schlachthöfen und von Abdeckereien für Kinder im Grundschulalter verpflichtend sein, um sie über die Lebensgrundlagen ihrer nachhaltigen und grünen Gesellschaft aufzuklären. Und natürlich dürfen auch Bilder von durch Krebs infolge von Fleischkonsum zerfressenen menschlichen Verdauungsträckten nicht fehlen.

Volkstechnologie: Die Regierung backt sich ihr Volk

Die Bundesregierung weiß bekanntlich, was gut für die Bevölkerung ist, wie man als Deutscher richtig lebt, wie man nachhaltig und hetzfrei und im Einklang mit den Steuervorgaben und Plänen der Bundesregierung lebt, eben so, dass es der Regierung gefällt. Damit auch sichergestellt ist, dass alle richtig leben, so wie es der Bundesregierung gefällt, wird genudged. Wir haben schon mehrfach über diese neue Variante eines obrigkeitsgläubigen Sozialismus berichtet. Dieses Mal ist es nicht mehr die Partei, die Partei, die immer Recht hat, dieses Mal ist es gleich die Regierung – wozu vorgaukeln, es gäbe eine breite Basis der Mitbestimmung?

Und weil die Regierung immer Recht hat und weiß, was für die Bürger in Deutschland gut und richtig ist, deshalb hat die Regierung beschlossen, dass sie im Jahr 2020 auf deutschen Straßen eine Million Elektroautos fahren lassen will. Derzeit sind Elektroautos Ladenhüter, die einfach niemand kaufen will. Ganze 25.500 Elektroautos hat die Industrie absetzen können, zu wenig, damit sich das Unterfangen lohnt.

Wäre die deutsche Wirtschaft eine Marktwirtschaft – und es soll ja immer noch Phantasten geben, die das glauben – die Ladenhüter mit dem Akku unter der Haube, sie wären längst vom Markt verschwunden. Warum? Weil es keine Nachfrage nach ihnen gibt. Und wenn es keine Nachfrage nach einem Produkt gibt, dann gibt es auch niemanden, der dieses Produkt herstellt. Es sei denn, die Bundesregierung, die ja genau weiß, was die Zukunft bringt und was gut und richtig ist, es sei denn diese Bundesregierung beschließt, für den entsprechenden Ladenhüter eine künstliche Nachfrage zu schaffen.

Künstliche Nachfrage schafft man dadurch, dass man umverteilt. Man nimmt Geld von Steuerzahlern und gibt es an andere Steuerzahler, wenn diese Steuerzahler noch ein wenig von dem Geld, das ihnen nicht als Steuer entzogen wurde, einsetzen, um z.B. ein Röhrenradio zu kaufen. Röhrenradios sind auch vollkommen out, obwohl sie umweltfreundlich elektrisch betrieben werden können und unglaublich nachhaltig sind. Wir haben noch eines aus dem Jahre 1947 in der Redaktion stehen, und es funktioniert erstklassig. Aber nicht den Kauf nachhaltiger Röhrenradios will die Bundesregierung finanzieren, sondern nachhaltige Elektroautos, jene Ladenhüter, die in den Hallen der Autokonzerne darauf warten, dass ein grüner Radler oder ein linker Anti-Atomkraftler ein indirekt über Windkraft betriebenes Elektroauto kauft. Ganze 25.500 Elektroautofreaks haben sich bislang angefunden, um dieses einmalige Statement des eigenen Carings um die Umwelt, dieses Fanal des eigenen Umweltbewusstseins zu erwerben und sich dann auf die Suche nach einer Steckdose rechts und links der Autobahn zu machen.

Das soll sich ändern. 4.000 Euro will die Bundesregierung demjenigen zahlen, der sich bereit erklärt, ein E-Auto zu kaufen, sofern das E-Auto nicht mehr als 60.000 Euro kostet. Es sollen ja Volksfahrzeuge und nicht Luxusfahrzeuge gesponsert werden. 1.2 Milliarden Euro kostet diese Schaffung einer künstlichen Nachfrage, dieses Kennzeichen einer sozialistischen Planwirtschaft, die heutzutage nicht mehr Sozialismus, sondern Nudgismus heißt. Früher haben die Sozialisten die Bürger zum richtigen Bewusstsein bekehrt (zuweilen mit Gewalt), heute werden sie zum richtigen Bewusstsein bestochen. Die Planwirtschaft hinter beiden, ist dieselbe.

Maehlert kleine GeschichteUnd wie immer, wenn es um Planwirtschaft geht, gibt es das Problem, dass man zwar planen kann, was das Zeug hält, aber dennoch nicht vorhersagen kann, was die Zukunft bringt. 40 Jahre DDR haben eindrücklich gezeigt, dass der Plan von gestern das verfehlte Planziel von heute war, und entsprechend haben wir, damit die Bundesregierung nicht denselben Fehler macht, den alle Sozialisten bislang gemacht haben und dem Irrtum aufsitzt, sie könne vorhersehen und vorherbestimmen, wie sich die Bevölkerung verhält, beschlossen, zurück zu nudgen. Wir nennen das ein Korrektiv-Nudgen, um die schlimmsten Fehler des Regierungs-Nudgens, die der Uninformiertheit der Regierungs-Nudger geschuldet sind zu korrigieren.

Fangen wir damit an, dass Elektroautos, für diejenigen, die sie derzeit kaufen, ein Prestigeobjekt sind, das dem eigenen Image zuträglich ist. Besonders Grüne können sich mit dem E-Auto als besonders gute Umweltfreunde outen und entsprechendes soziales Prestige einfahren, und genau das macht die Bundesregierung mit ihrem Nudgen kaputt. Anstelle von Prestige gibt es Käuflichkeit: Man lässt sich für sein gutes Umweltbewusstsein bezahlen? Das geht nicht. Entweder man ist überzeugter E-Autofahrer oder man ist durch der Bundesregierung käuflich, ein E-Prostituierter. Diese unbeabsichtigte Folge der Intervention von Regierungen, die mit dem Nudgen zu endemischen Ausmaßen getrieben werden, sie wurden z.B. von Dan Ariely, Anat Bracha und Stephan Meier (2009) unter dem Stichwort der „image motivation“ beschrieben, und zwar so, dass es auch Regierungsvertreter verstehen müssten:

“To illustrate the point, consider the following scenario. An individual is considering buying a new environmentally friendly hybrid car which is more expensive than an equivalent car with a standard gasoline engine. Driving an automobile that is clearly a hybrid car would probably add to one’s positive image, especially in a community that values environmentally friendly technologies. Suppose the government introduces a well-publicized and large tax benefit for those who purchase a hybrid car. On the one hand, the tax incentive reduces the price of the hybrid car, making its purchase more attractive. On the other hand, the tax incentive decreases the image value derived from driving the hybrid. Without the tax incentive, buying a hybrid car definitely shows the individual cares for the environment (positive image); with the tax incentives, it does not”.

Ob die Regierung das versteht und einsieht, dass man Dinge nicht erzwingen kann?

In jedem Fall wird die Autoindustrie es der Regierung danken, so üppig gesponsert zu werden. Ein Leser von ScienceFiles, der wie wir der Meinung ist, dass es in Deutschland keine Marktwirtschaft mehr gibt, schon gar keine freie Marktwirtschaft, versorgt uns nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Zitaten, z.B. mit dem folgenden von Ludwig Erhard, den manche noch kennen werden. Wer ihn nicht mehr kennt: Erhard ist maßgeblich für die Möglichkeit verantwortlich, den gesellschaftlichen Reichtum zu schaffen, den heutige Generationen von Politikern zerstören. Er nannte diese Möglichkeit Freie Marktwirtschaft. Erhard hat zum Lobbyismus, wie ihn die Automobilindustrie im Hinblick auf die Ladenhüter-E-Autos gerade erfolgreich betrieben hat, Folgendes zu sagen:

„[…] ich erlebe es immer wieder, dass auf der einen Seite wirtschaftliche und unternehmerische Kreise ständig an den Staat mit der Bitte herantreten, er möchte ihnen doch auf diesem oder jenem Gebiet irgendwelche Hilfen oder Unterstützung zuteil werden lassen. Es müssen nicht immer Subventionen und Zuschüsse, sondern es können auch Kreditanforderungen und ähnliches sein. Ja woher soll denn der Staat solche Ansprüche befriedigen können? Ihm fällt das Geld und das Kapital, ja auch nicht vom Himmel, sondern alle Wohltaten, die er bezeugt, muss er weniger wohltätig ja dem Staatsbürger erst abnehmen. Wir kommen dann zu der grotesken Erscheinung, dass der überbesteuerte Staatsbürger als Bittsteller bei dem gleichen Staat erscheint und versucht, auf dem Kreditwege das zurückzuerhalten, was nach Recht und Moral eigentlich sein Eigentum aus dem Ertrag seiner Arbeit sein müsste.“ (aus „Das Prinzip Freiheit“)

Ariely, Dan, Bracha, Anat & Meier, Stephan (2009). Doing Good or Doing Well? Image Motivation and Monetary Incentives in Behaving Prosocially. American Economic Review 99(1): 544-555.

 

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Kein Entkommen: Öffentlich-rechtliche Manipluation per Zwangsgebühren für alle

Rundfunkbeiträge für private Haushalte sind mit dem Grundgesetz vereinbar.

Das hat das Bundesverwaltungsgericht gestern verkündet.

Das Urteil, das die Pflicht, Rundfunkgebühren zu entrichten, an die Wohnung bindet, einmal mehr für rechtens erklärt, es steht am Ende einer Reihe von Maßnahmen und Entscheidungen, die seit Jahren gegen jede Vernunft durchgeführt, getroffen und durchgesetzt werden.

I

ARD auftrag.jpgEs beginnt alles mit der aberwitzigen Idee, das Programm in öffentlich-rechtlichen Sendern sei durch eine besondere Vielfalt gekennzeichnet. In einer Vielzahl von absurden Urteilen hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass nur öffentlich-rechtlicher Rundfunk in der Lage sei, die Vielfalt der Meinungen und Ideen, von deren freiem Zugang zu Sendezeit eine Demokratie lebt, zu gewährleisten.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat entsprechend einen Auftrag: Seine Mitarbeiter sind angehalten, die gesellschaftliche Vielfalt in Pixel zu übersetzen. Ob sie das schaffen oder gar wollen, diese Frage kann sich jeder selbst beantworten, in dem er sich z.B. die Art und Weise in Erinnerung ruft, mit der in öffentlich-rechtlichen Sendern mit politischer Vielfalt verfahren wird.

II

Der beschriebene Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die besondere Rolle, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk angeblich spielt, sie wird regelmäßig dadurch begründet, dass private Sender private und somit partikulare Interessen vertreten und diese in ihrem Programm zum Vorschein kommen. Tatort „Zorn Gottes“ oder „Kudamm 56“ repräsentieren somit öffentlich-rechtliche Vielfalt, während „Die Monster Uni“ oder „Total Recall“ private Interessen zum Ausdruck bringen.

Zudem finanzieren sich private Sender über Werbeeinnahmen, und das ist schlecht, denn Werbeeinnahmen tendieren dazu, bei populären Sendungen höher zu sein als bei unpopulären. Unpopuläre sind aber Bestandteil der deutschen Vielfalt und müssen daher auch gezeigt werden. Private Sender bringen nichts Unpopuläres, weil es niemand sehen will, weil sie damit keine Werbeeinnahmen erzielen können. Auf wen entfällt somit die Aufgabe, unpopuläre Sendungen, die niemand sehen will, zu senden? Richtig, auf öffentlich-rechtliche Sender.

Öffentlich-rechtliche Sender sind somit die einzigen, die der Vielfalt Deutschlands gerecht werden können und weil es wichtig ist, die Vielfalt Deutschlands im Fernsehen abzubilden, deshalb ist es wichtig, dass es öffentlich-rechtliche Sender gibt.

Und jetzt kommt das eigentliche Ziel der zirkulären Argumentation des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts. Nun, nachdem vom blauen Himmel herunter die Notwendigkeit öffentlich-rechtlicher Sender behauptet, aber nicht begründet wurde, um Vielfalt auf Fernsehern herzustellen, nun muss diese Notwendigkeit natürlich auch finanziert werden.

Prinzipiell, so argumentiert das Bundesverwaltungsgericht, ist es in jedes Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund und Zuwanderers Interesse, dass es das Angebot öffentlich-rechtlicher Vielfalt im Fernsehen gibt. Weil es in jedermanns Interesse ist, deshalb muss auch jedermann dafür bezahlen. Die Frage ist nun, wie man jedermann zum Bezahlen öffentlich-rechtlicher Vielfalt bekommt. Das ist eine technische Frage. Die Idee, die Rundfunkgebühren an die Wohnung zu binden und jeden Eigentümer oder Mieter von Wohnung oder Haus zur Zahlung von 17,50 Euro im Monat zu verurteilen, ist nach Ansicht der Richter des 6. Senats des Bundesverfassungsgerichts, das sind die Richter Werner Neumann (Vorsitz), Dr. Carsten Tegethoff, Dr. Thomas Heitz, Dr. Knut Möller und Carsten Hahn, nicht zu beanstanden, weder damit, dass Wohnung und Fernsehbesitz nicht identisch sein müssen noch damit, dass auf diese Weise Alleinlebende höher zur Kasse gebeten werden als Eltern mit sieben Kindern.

Aus dieser richterlichen Logik, die eine Verbindung zwischen der Sicherung der Darstellung von Vielfalt in Medien und der Finanzierung der dazu alleine fähigen öffentlich-rechtlichen Anstalten herstellt, muss man somit schließen, dass Menschen, die alleine leben, die Demokratie mehr am Herzen liegt als z.B. Familien und man muss daraus schließen, dass das Gut, „öffentlich-rechtliche Vielfalt“ ein so hohes Gut ist, dass es sich selbst denen mitteilt, die es nicht über einen Fernseher empfangen können.

GEZ nein danke.jpgWessen Verstand sich weigert, diese logischen Kapriolen mitzumachen, der kann Okham’s Razor anwenden und feststellen, dass Parteien, die Jahrzehnte darauf verwendet haben, die Rundfunk- und Verwaltungsräte zu besetzen und unter sich aufzuteilen, damit sie direkten Zugriff auf die Manipulation von Zuschauern nehmen können, es nicht gerne sehen, wenn sie dieses Manipulationswerkzeug dadurch aus den Händen genommen bekommen, dass die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich an der Nachfrage nach dessen Angeboten richtet. Wie sonst könnte man erklären, dass das bei Politikern so beliebte „Nudgen“, mit dem z.B. Menschen, so lange sie sich nicht wehren, zu Organspendern erklärt werden, bei öffentlich-rechtlichem Rundfunk nicht gelten soll?

Warum wollen Politiker Deutschen nicht das demokratische Recht zugestehen, einen Austritt aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem zu erklären (opt-out) und dies damit zu bezahlen, dass sie auf die vielfältigen Beiträge der entsprechenden Sender verzichten müssen?

Haben die entsprechenden Politiker etwa Angst, ein Instrument der Manipulation aus den Händen genommen zu bekommen?

Ob Bundesverwaltungsrichter hier als politische Marionetten Handlangerdienste verrichten oder das neuerliche Urteil Ergebnis der unter Juristen so beliebten Fortschreibung höchst-richterlichen Unsinns in Urteilsform ist, die fortgesetzte Anbiederung also vor Rechtsprechung geht, ist eine Frage, die ebenfalls offen ist.

 

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Pseudo-Diskussionen: Geheuchelte Bürgerbeteiligung und opportunistische Schubser

Das Markenzeichen einer Diskussion über ein Thema besteht darin, dass zu Beginn der Diskussion nicht feststeht, was das Ergebnis der Diskussion sein wird. Deshalb ist eine Diskussion ein Austausch von Argumenten mit dem Ziel, das beste Argument, das am besten belegte Argument, das am besten mit Fakten belegte Argument zu finden und sich auf dieses Argument zu einigen.

discussionPseudo-Diskussionen sind Diskussionen, deren Ergebnis bereits im Vorfeld feststeht. Pseudo-Diskussionen sind inszenierte Diskussionen, mit denen den Adressaten das Gefühl gegeben werden soll, sie hätten etwas mit zu entscheiden. Pseudo-Diskussionen sind Formen der Persuasion, die eingesetzt werden, um durchzusetzen, was man sowieso beabsichtigt hat, dabei aber so zu tun, als wären Dritte an der Entscheidungsfindung beteiligt worden. Pseudo-Diskussionen werden immer häufiger Bestandteil der öffentlichen Inszenierung von Demokratie, wenn es z.B. darum geht, Anwohnern das Gefühlt zu geben, sie wären an der längst getroffenen Entscheidung, Windräder an die Stelle von Wald zu setzen, in irgend einer Weise beteiligt worden.

„Nudging: Die Kunst der Entscheidungshilfe, so lautet der Titel einer Veranstaltung, die das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz gerade durchgeführt hat. Dabei ging es um:

[d]ie Idee des „Nudgings“ und die Frage, ob das Konzept des kleinen „Schubsers“ in die vermeintlich richtige Richtung auch in der deutschen Verbraucherpolitik Erfolg haben kann…“.

Spannend ist hier das „vermeintlich“, das dem Autor der Pressemeldung in den Text gerutscht ist. Bei dieser Pseudo-Diskussion sollten die folgenden Fragen beantwortet werden, und zwar von dem Pseudo-Wissenschaftler und Handelsreisenden in Sachen Nudging Cass Sunstein und Heiko Maas, der scheinbar seine Märchenwoche noch nicht abgeschlossen hat:

„Ist Nudging nicht undemokratisch? Warum tut sich Deutschland so schwer mit Nudging? Wann eignen sich Nudges besonders gut? Wie unterscheidet man gute von schlechten Nudges?“

no discussionAngeblich wird also darüber diskutiert, ob die „Kunst der Entscheidungshilfe“, ein unglaublicher Euphemismus, undemokratisch ist, was eigentlich keine Frage ist, denn Deutschland tut sich „schwer mit Nudging“, wobei sich „Nudges“ doch besonder gut eignen und man sogar „gute von schlechten Nudges“ unterscheiden kann.

Glaubt wirklich jemand, hier würde grundsätzlich über die Frage, ob ge-nudged werden soll/darf oder nicht, diskutiert?

Zunächst zum Nudging:

Nudging fusst auf einem grundsätzlichen Missverständnis. In den 1970er Jahren haben Amos Tversky und Daniel Kahneman gezeigt, dass das tatsächliche Verhalten von Menschen von den Modellannahmen eines rationalen Akteurs abweicht. Im Modell das rationalen Akteurs wird angenommen, dass immer die Handlungsalternative gewählt wird, die unter gegebenen Bedingungen mit dem größten Nutzen verbunden ist – wobei die Alternative erreichbar sein muss und gegen anderen Alternativen abgewogen worden sein muss.

Die meisten Menschen machen das nicht. Das ist nichts Neues, war auch nichts Neues, als Tversky und Kahneman ihre Studie veröffentlicht haben. Max Weber hat schon Anfang des 20. Jahrhunderts darauf verwiesen, dass nur die wenigsten Handlungen zweckrational sind. Tversky und Kahneman haben nun zum ersten Mal gezeigt, dass die Handlungen, die Menschen wie Sie oder wir in bestimmten Situationen ausführen, sehr stark vom Modell des objektiv rationalen Akteurs abweichen.

Das „objektiv“ ist hier der entscheidende Punkt: Es bezieht sich auf die rationale Entscheidung, die ein informierter und der rationalen Entscheidung kundiger Beobachter getroffen hätte, einer wie Cass Sunstein versteht sich. Wenn Sie also die Wahl haben, zwischen Gammelfleisch und vegetarischer Kost, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie vegetarische Kost zu sich nehmen. Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem überteuerten Designerhemd und einem identischen, aber deutlich billigeren Noname-Hemd, dann erwartet ein objektiver Beobachter, dass Sie das billige Noname-Hemd kaufen.

Und genau das tun viele nicht – weil sie, aus Sicht des objektiven Beobachters falsche Heuristiken benutzen, um sich im täglichen Leben zurecht zu finden. Und das will Cass Sunstein ändern. Durch: Nudgen, Schubsen in Deutsch. Und damit hat er die Herzen der Politiker, die ihre Aufgabe darin sehen, die dummen Wähler, denen sie ihr Amt verdanken, zu erziehen, im Sturm erobert.

Nudgen für den guten Zweck wird bereits als „Kunst der Entscheidungshilfe“ verkauft, die Sie oder uns in die richtige, die wie es im Text so verräterisch heißt „gute“ Richtung schubsen soll. Dumm an Begriffen wie „gut“ ist, dass das, was gut sein soll, bestimmt werden muss, was voraussetzt, dass ein gutes Endziel bestimmt wird, auf das hin Gutes getan werden soll.

In einer Demokratie würde man eigentlich erwarten, dass eine Diskussion darüber stattfindet, was als „gut“ gelten soll. Im Zeitalter des Schubsens tritt an die Stelle der Diskussion das Dekret der Politiker, die vorgeben, was als gut zu gelten hat.

Nehmen wir z.B. Organspende. Organspende ist gut. Warum? Weil Organspende gelebte Solidarität ist, wie ein deutscher Minister einmal festgestellt hat, obwohl Organspende in der Regel post-hume Solidarität ist. Es ist eine Solidarität, die einen altruistischen Spender vorsieht, einen dankbaren Empfänger und dazwischen eine große Zahl von Personen, die mit dem Organhandel, dem Ausweiden von Spendern und dem Einsetzen von Recycling-Ware in Aufnehmer, viel, sehr viel Geld verdienen – natürlich im Dienste der Nächsten und auf Grundlagen eigener Solidarität – nicht, um die eigene Villa zu finanzieren.

Nehmen wir weiter an, Manche Deutsche wollen einfach nicht einsehen, dass Organspende „gut“ ist, dass es gut ist, seine Niere zu geben, seine Leber, seine Augen, was immer verwendbar ist….

Wenn manche Deutsche also widerspenstig sind und einfach nichts Gutes tun wollen mit ihren Organen, dann muss man sie schubsen, in dem man die Organspende obligatorisch macht und nur denen erlaubt, keine Organe zu spenden, die dies explizit und im Beisein eines Vasallen des Staates erklären. Und schon hat man viele Menschen glücklich gemacht und viele in die richtige, die gute Richtung geschubst.

Die Möglichkeiten, die sich für Politiker durch das Schubsen zum Guten auftun, sind immens: Fehlverhalten, also solche, die von Politikern als nicht gut befunden werden (dazu gehören nachweislich keine Kinderpornos auf Dienstcomputern), werden durch Schubsen in die richtige Richtung korrigiert, was in der Regel eine Verteuerung bedeuten wird: (noch höhere) Steuern auf Zucker, Steuern auf Alkohol, Steuern auf Tabak, Steuern auf Nichtbewegung, obligatorische Bewegungskurse, morgens um 8 auf dem Dorfplatz, weil Bewegung gesund ist und viele sich einfach nicht genug bewegen wollen, obligatorische Teilnahme an „Feminismus ist gut“-Veranstaltungen, weil Feminismus gut ist und es immer noch welche gibt, die das nicht einsehen wollen und und und.

Schubsen in den Totalitarismus, so lange, bis die Herumgeschubsten gar nicht mehr wissen, was eine unabhängige, eine autonome Existenz ist.

Doch zurück zur angeblichen Diskussion im Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Warum handelt es sich dabei um eine Pseudo-Diskussion? Die Frage ist einfach zu beantworten, und zwar durch Verweis auf eine der Fragen, die durch Heiko Maas und Cass Sunstein vom Tisch gewischt werden sollen: „Ist Nudging nicht undemokratisch?“ Schon die Art, die Frage zu stellen, ist verräterisch: Da gibt es tatsächlich welche, die nicht auf der Höhe der Zeit sind, ewiggestrige Rechte, die denken, Nudging sei undemokratisch. Kann man so blöd sein?

Die erste Frage die sich aufdrängt ist: Wer schubst wen?

Offensichtlich sind Politiker der Meinung, sie schubsen ihre Bevölkerung. War es in Demokratien nicht umgekehrt, waren nicht die Wähler die Souveräne und die Politiker die Repräsentanten? Wie können Politiker dann Wähler schubsen wollen?

Stellen wir uns vor, Karl T. raucht und ist überzeugter Misanthrop, Organspende kommt für ihn nicht in Frage und nichtrauchen auch nicht. Haben Politiker das Recht, ihn nun in Richtung Organspende zu schubsen und zum Nichtraucher zu konvertieren? Oder ist seine Wahl zu respektieren? Offensichtlich sieht eine Demokratie vor, die Wahl von Individuen zu akzeptieren. Die Selbstbestimmung ist ein zentraler Wert in Demokratien, Schubsen ist nicht mit Selbstbestimmung zu vereinbaren.

Schließlich: Was ist der Endzustand, der mit dem „guten Schubsen“ erreicht werden soll? Offensichtlich kann der Endzustand nur ein kollektives Gutes sein, was notwendig zur Folge hat, dass individuelle Interessen zu Gunsten des kollektiven Guten geopfert werden. Das zeigt deutlich, dass Schubsen nichts anderes als ein totalitäres Instrument zur Beseitigung individueller Freiheit ist.

Die Pseudo-Diskussion um das Schubsen dient also einzig dazu, das Geschubse, das folgen wird, zu legitimieren und dazu, behaupten zu können, man habe darüber, ob geschubst werden soll, ja schließlich diskutiert, so wie man es derzeit praktiziert, wenn Bürgern in entsprechenden Veranstaltungen erklärt wird, warum sie Windenergie oder sonstige Spleens, die Politiker auf die Kosten der Bürger umsetzen wollen, zu schlucken haben.

Wie kann man Politikern ihrer Freude an der Volkserziehung, die heute Volksschubsen heißt, vergällen?

Wie wäre es, wir schubsen zurück:

true powerViele ökonomische Untersuchungen (und Schubsen kommt zumindest aus einem Randbereich der Ökonomie) haben gezeigt, dass Menschen dazu tendieren, opportunistisch zu handeln, also ihren Vorteil über z.B. einen vereinbarten Vertrag zu stellen. Politiker sind Menschen und schließen mit ihren Wählern einen Vertrag, den man gemeinhin als Parteiprogramm bezeichnet. Um auszuschließen, dass Politiker ihren eigenen Vorteil über den Vertrag mit ihren Wählern stellen, schlagen wir folgendes Schubsen vor: Die Honorierung von Politikern erfolgt auf Darlehensbasis. Zum Ende eines Jahres legt jeder Politiker einen Rechenschaftsbericht vor, und im Internet findet unter den Wählern, die sich in seinem Wahlkreis befinden, eine Abstimmung darüber statt, ob seine Leistung die Gewährung des gesamten Honorars, eines Teil oder gar kein Honorar rechtfertigt. Je nach Ergebnis der Abstimmung, muss der Politiker sein Honorar zurückzahlen oder kann es (zum Teil) behalten.

Oder wie wäre es damit:

Damit Politiker keine unverantwortlichen Entscheidungen im Bundestag treffen, werden per Zufallsauswahl fünf Gesetze einer Legislaturperiode ausgewählt und es wird geprüft, wer von dem Gesetz profitiert, welche positiven und negativen Folgen davon ausgehen. Ergeben sich mehr negative als positive Folgen, so haften die Abgeordneten gemeinsam für die entstandenen Kosten. Sie haben ein Jahr Zeit, um aus den Kosten einen Nutzen zu machen. Gelingt ihnen das nicht, werden die Zuwendungen an die Parteien um den entstandenen Schaden reduziert.

Wer eigene Vorschläge machen will, um Politikern das Schubsen zu vergällen, die Kommentarfunktion ist wie immer offen.

 

Es gutmenschelt wieder: dieses Mal geht es Nutella an den Kragen

NutellaNa, haben Sie heute Ihr Brötchen mit Nutella bestrichen? Wenn ja, dann genießen Sie es, so billig wie bislang, bekommen Sie Ihren Zucker in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn es nach der Deutschen Diabetes Gesellschaft geht. Dieselbe in Person Ihres Vorsitzenden, Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel, fühlt sich nämlich berufen, die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD, die doch bereits mit so weltbewegenden Themen wie einer Frauenquote überladen sind, mit einer weiteren Absurdität zu überfrachten, nämlich der Forderung nach einer Kaloriensteuer:

Berlin – Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt Überlegungen im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD, künftig eine Steuer auf besonders kalorienreiche Lebensmittel zu erheben. „Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen“, heißt es in einem Brief der DDG an die Verhandlungsführer beider Parteien im Ausschuss Gesundheit, Jens Spahn und Karl Lauterbach. Die Fachgesellschaft schlägt gleichzeitig vor, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten. Die Kaloriensteuer soll helfen, Ernährungsgewohnheiten zu verändern und Übergewicht zu bekämpfen. Übergewicht ist eine der Ursachen für Diabetes mellitus.

Gibt es eigentlich einen Zusammenhang zwischen Ärger und gesundheitlichen Schädigungen? Wenn ja, dann fordere ich, den Herrschaften von der DDG den Mund zu verbieten, als Form der Primärprävention und meiner Gesundheit zuliebe.

DDGWieder einmal sind also Gutmenschen angetreten, andere zu bevormunden und zu verhindern, dass andere in freier Entscheidung ihr Nutella wählen und den lahmen, nachhaltigen und nach nichts schmeckenden Brotaufstrich, den die DDG wohl empfehlen würde, abwählen. Das darf nicht sein und überhaupt, so weiß Privatdozent Dr. med. Erhard Siegel: „Der bloße Appell an Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert.“ Ja sowas auch. Da sagt man erwachsenen Menschen, dass es nicht gut ist, Nutella zentimeterdick, ja überhaupt auf sein Brötchen zu schmieren, und was passiert? Ignoriert wird man! Das geht nicht, nicht mit einem Dr. med. Erhard Siegel, nicht mit einer DDG! All diejenigen, die nicht so wollen, wie die DDG, die werden schon sehen, was sie davon haben: Die DDG hat die Politiker zur Hilfe gerufen. Mt einer Kaloriensteuer, so frohlockt Siegel „hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“.

Das ist erstaunlich, was der Herr Dr. med da behauptet, so erstaunlich, dass man gerne wüsste, wo er seine Erkenntnis über die Wirksamkeit von Steuern auf Kaloriern (!sic) herhat. Alle Forschung, die vor allem im englischsprachigen Ausland und im Hinblick auf die so genannten Sin-Taxes durchgeführt wird, zeigt nämlich einträchtig, dass

  • die entsprechenden Steuern vor allem eines sind: wirkungslos im Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung;
  • die entsprechenden Steuern sozial ungerechte Steuern sind, die in erster Linie die sozial Schwachen treffen, denen Gutmenschen doch normalerweise so zugetan sind;
  • die angebliche Entlastung der Gesundheitssysteme eine Illusion ist, da die frühere Mortalität der Kalorienfresser dazu führt, dass hohe Alterskosten, wie sie dem Gesundheitssystem z.B. durch Demenz oder Alzheimer oder Pflegebedürftigkeit entstehen, nicht anfallen;
  • die entsprechenden Steuern eine Form der paternalistischen Selbstbeweihräucherung sind, die langsam unerträglich wird;

Medical paternalismUnd darüber hinaus sind die entsprechenden Steuern nur als Fürsorge verpackt, denn sie dienen in erster Linie dazu, das Steuersäcklein zu füllen, und wozu sie in zweiter Linie dienen, kann man nur vermuten. Seltsamerweise haben Steuern, die einem Finanzminister und einem Etat zu Gute kommen, die also keinerlei direkten Nutzen für diejenigen haben, die sie fordern, eine wohltuende Wirkung auf die entsprechenden Forderer, fast so, als ginge von der Besteuerung Dritter eine Form der Genugtuung aus, die fast schon an Schadenfreude grenzt (oder auch nicht fast), aber das ist natürlich sozial nicht verträglich. Es ist schon besser, sich als besorgt um die Gesundheit Dritter, denen man im täglichen Leben eher aus dem Weg geht, als dass man sich im Zug auch nur für eine Station neben sie setzen würde, darzustellen.

Nun gibt es zwei Formen der fürsorglichen Besteuerer, solche wie Edgar Franke (SPD) und Erwin Rüddel (CDU), die fordern, die Steuern auf Nahrungsmittel, die mehr als 275 Kalorien pro 100 Gramm aufweisen, generell um 50% zu erhöhen. Davon wären Nutella, Kartoffelchips und Schokoriegel und Fast Food und Softdrinks und und und betroffen. Die andere Form der fürsorglichen Besorgnis, die dem netten Dieb-Syndrom entspricht (der Dieb, der erst 100 Euro stiehlt und dann, weil er ein schlechtes Gewissen hat, einen Euro zurückgibt), geht von Status Quo der Besteuerung aus, nimmt mit zunehmender Kalorienzahl mehr und lässt dafür bei den Nahrungsmitteln, die als gesund und (wie könnte es anders sein) nachhaltig angesehen werden, ein wenig nach. Das ist es dann wohl, was Richard Thaler und Cass E. Sunstein liberalen Paternalismus nennen, ein Unding, für das die beiden Sozialwissenschaftler verantwortlich sind und für das sie eigentlich aus der wissenschaftlichen Zunft ausgeschlossen werden müssten.

cartoon cavemenDenn sie geben allen Arten von Gutmenschen die Möglichkeit, eigene Versuche des rent seeking hinter angeblicher Fürsorge zu verstecken. Politiker tun das noch am ehrlichsten, indem sie generell nur in höheren Steuern zu denken in der Lage sind. Fürsorger wie diejenigen von der DDG tun dies im Verborgenen, und zwar über die Kriterien, die bestimmt werden müssen, um die nachhaltigen und vermeintlich gesunden Nahrungsmittel zu identifizieren. Bei dieser Bestimmung wollen die DDGler natürlich mitreden, und sie sind natürlich keiner Einflussnahme von Seiten Dritter zugänglich und haben natürlich auch keinerlei eigenen Nutzen davon, dass sie Dritten vorschreiben, was ihr jeweiliger Lebensstil kostet. Sie sind die puren Altruisten, die reinen Gutmenschen, die vor lauter Fürsorge über Dritte, dahinschmelzen wie der Schnee, der im Moment noch die Black Mountains ziert. Bei so viel Gutheit wird es mir regelmäßig so schlecht, dass ich darüber nachdenke, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, eine Gutmenschen-Steuer einzuführen. Pro Gutmenschen-Vorschlag werden 100.000 Euro fällig, zu zahlen an diejenigen, die Gegenstand des Gutmenschen-Vorschlag sind.

Grün als Standardeinstellung – Wissenschaftler als Steigbügelhalter des Sozialismus

IKyklosm neuen Kyklos ist ein Beitrag von Cass R. Sunstein und Lucia A. Reisch enthalten, in dem beide dafür werben, „green“ zum „default“, grün zur Voreinstellung zu machen. Um dieses seltsame Ansinnen genauer zu verstehen, ist es notwendig, Sunstein in sein publizistisches Gesamtwirken der letzten Jahre einzuordnen und hier insbesondere „nudge“, das gemeinsam mit Richard Thaler verfasste zwischenzeitliche Standardwerk aller Möchtegern-Sozialtechnologen zu berücksichtigen.

Der Inhalt von „nudge“ ist kurz und bündig zu beschreiben: Menschen, so hat es vor allem die soziapsychologische Forschung, die u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman durchgeführt haben, gezeigt, handeln nicht immer rational und bleiben oft mit ihren Handlungsentscheidungen hinter dem zurück, was als optimale Entscheidung angesehen werden kann, als Entscheidung, die ihren Nutzen maximiert (Es ist vielen Anhänger des nudgens offensichtlich nicht klar, dass sie hier auf der Basis von hard-core rational choice unterwegs sind, wobei wir es – wie noch zu zeigen sein wird – mit einer normativen Variante zu tun haben). Weil Menschen in vielen Fällen nicht rational entscheiden und entsprechend suboptimal handeln, so wird in nudge argumentiert, müsse man ihnen Vorgaben machen, die sie auf den Weg der optimalen Entscheidung bringen, sie zur „richtigen“ Entscheidung leiten.

nudgeKern von nudge ist also eine Entmündigung der Handelnden, natürlich in guter Absicht, denn Sunstein und Thaler sind um die Natur und die Ökologie und das Soziale und das Mitmenschliche und um alles, was positiv bewertet ist, besorgt. Wie dieses „nudgen“ aussehen kann, erfahren Deutsche z.B. in Schönau im Schwarzwald. oder Kunden der Energiedienst GmbH, die den Süden Deutschlands mit Ökostrom versorgt. Letztere bietet nach Erkenntnissen von Sunstein und Reisch drei Tarife, wobei der „grüne“ Tarif der Standard ist, in den Kunden eingeordnet werden, wenn sie sich nicht wehren. Der „grüne“ Tarif ist teurer als ein weniger „grüner“ Tarif, aber da er der Standard ist, behalten ihn die meisten Kunden der Energiedienst GmbH bei. Auf diese Weise, so die Lehre, die Sunstein und Reisch unter ihre Leser bringen wollen, ist es möglich, Menschen zur „richtigen“ Entscheidung, in diesem Fall zur Entscheidung für teureren Ökostrom zu bewegen.

Der kurze Beitrag von Sunstein und Reisch fährt fort die Vorzüge dieser Form einer Vorgabe, die ich oben als Entmündigung bezeichnet habe, zu betonen und wendet sich abschließend der Frage zu, wie man denn nun einen verbindlichen und den „richtigen“ Standard für alle bestimmen kann. Die Frage wird von beiden Autoren wie folgt beantwortet:

„Ideally, choice architects would monetize all of the relevant costs associated with relevant energy uses and set a default rule accordingly. Of course it is true that the assessment could create serious empirical challenges both in monetizing the relevant benefits and in projecting the level of opt-out. It is also true that if green energy reduces significant externalities, a corrective tax or a mandate might be desirable, not merely a default rule“(402).

Wem man diese Passage liest, dann ist man sich nicht sicher, worüber man sich insbesondere aufregen soll. Darüber, dass zwei Ökonomen, von denen zumindest Sunstein ein gewisses Maß an Kenntnis über die Ergebnisse der Behavioural Economics zu haben vorgibt, davon ausgehen, es sei möglich, eine Entscheidung unter Vollinformation zu treffen. Wozu, so fragt man sich, haben Tversky und Kahneman, Herbert Simon oder Oliver Williamson ihre umfrangreichen Werke geschrieben, wenn sie nach nur wenigen Dekaden in vollständige Vergessenheit geraten, selbst unter denen, die sie gelesen zu haben vorgeben.

Wenn nun aber keine Entscheidung unter Vollinformation getroffen werden kann, wenn also jede Entscheidung, da sie auf die Zukunft gerichtet ist, notwendiger Weise mit Unsicherheit verbunden ist, und deshalb unbeabsichtigte und bei Entscheidung unbekannte Folgen zeitigen wird, dann ist es auch einem „Choice Architect“ nicht möglich, eine vollinformierte Entscheidung zu treffen.

Nun ist es eine Sache, wenn Hans X eine Entscheidung trifft, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, deren Folgen aber Hans X zu tragen hat. Es ist eine völlig andere Sache, wenn der Choice Architect X eine Entscheidung trifft, die sich als falsch erweist und unter deren Folgen eine große Zahl von Personen zu leiden haben.

Hayek SerfdomZudem stellt sich natürlich eine ethische Frage: Wie ist es mit der Willensfreiheit von Menschen zu vereinbaren, wenn man das Wissen um die menschliche Trägheit zu seinen Gunsten ausnutzt, um Menschen eine Wahl vorzugeben, die sie, hätten sie sie treffen müssen, nie getroffen hätten, die sie aber akzeptieren, weil die Informationskosten der Suche nach Alternativen zu hoch sind? Diese Art des über die Köpfe von Menschen Planens, diese Form der Entmündigung ist es, die Friedrich von Hayek in seinem Buch „The Road to Serfdom“ bereits ausführlich analysiert und als sowohl ethisch als auch pragmatisch mit allem, was Freiheit, was freie Entscheidung angeht nicht vereinbar gezeigt hat. Dessen ungeachtet kehrt der sozialistische Planer, den Hayek als Feind der Freiheit bekämpft hat, als „Choice Architect“ wieder, und wieder stellen sich Intellektuelle als Steigbügelhalter des Sozialismus und der Entmündigung von Menschen zur Verfügung.

Denn eines ist sicher, wenn Choise Architects erst eingeführt sind, dann werden sie nicht bei der Vorgabe der Farbe der Mülltüte, der Vorgabe des Stroms, der verbraucht werden muss, der Vorgabe der richtigen Sprechregelung, der Vorgabe der richtigen Anreise zur Arbeit, der Vorgabe der richtigen Essgewohnheiten, der Vorgabe einer Organspende stehen bleiben. Sie werden weiter ihre normativen Vorstellungen davon, was „richtig“ und „gut“ ist, für alle zum Maßstab erheben und auf dieser Basis immer weiter in die Leben von Menschen intervenieren und das bischen Freiheit, das verblieben ist, so lange reglementieren bis passiert, was in sozialistischen Systemen immer passiert ist: Niemand bewegt sich mehr, die Gesellschaft kommt zum Stillstand, der Erhalt des Vorhandenen wird zur Aufgabe, neben der Neues keinen Platz mehr hat, kurz: Fortschritt und damit verbundenes Wachstum, beides notwendige Zutaten für Wohlstand, werden auf dem Altar sozialistischer Mythenbildung und Gutheit geopfert.

Literatur

Simon, Herbert E. (1982). Models of Bounded Rationality. Cambridge: MIT-Press.

Sunstein, Cass R. & Reisch, Lucia A. (2013). Green by Default. Kyklos 66(3): 398-402.

Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1986). Rational Choice and the Framing of Decisions. Journal of Business 59(4): S251-S.278.

Williamson, Oliver E. (1985). The Economic Institutions of Capitalism. New York: Free Press.