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„Eineiige Zwillinge“ acht Jahre später: Die Ähnlichkeit „Rechts“- und „Links“-Extremer, nun auch in affektiver Hinsicht

Es ist nun schon acht Jahre her – es war im Jahr 2017 –, dass wir eine Textreihe auf ScienceFiles veröffentlicht haben, in der wir Studien vorgestellt haben, die der Frage nach der psychologischen Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit von Personen, die dem „rechten“ oder dem „linken“ Lager zugeordnet waren oder sich selbst entsprechend zuordneten, nachgegangen sind.

Die Befunde aus diesen Studien haben gezeigt, dass sich „Rechte“ und „Linke“ hinsichtlich einer Reihe von psychologischen Merkmalen deutlich ähnlicher sind als das viele Leute bis heute meinen (oder wahrhaben wollen): So ist z.B. die autoritäre Persönlichkeitsstruktur, die seit der Veröffentlichung den „Studien zum autoritären Charakter“ von Adorno und Kollegen (1950) als allein „rechtes“ Phänomen behandelt wurde, durchaus auch im „linken“ Lager verbreitet (Van Hiel et al. 2006), „Linke“ und „Rechte“ teilen miteinander Rigidität im Denken und kognitive Geschlossenheit, wobei in einer Studie (s. Thorisdottir et al. 2007: 198) ein positiver Zusammenhang von „rechter“ politischer Orientierung und Offenheit für neue Erfahrungen beobachtet werden konnte, aber keiner von „linker“ politischer Orientierung und Offenheit für neue Erfahrungen. Und sie sind gleichermaßen intolerant gegenüber dem politischen Gegner oder Einstellungen, die dem politischen Gegner zugeschrieben werden, wobei diese Intoleranz bei beiden, „Rechten“ wie „Linken“, über das Ausmaß der wahrgenommenen Bedrohung durch Gruppen oder Personen, die dem anderen Lager zugeordnet werden, vermittelt ist. „Rechte“ und „Linke“ mögen hinsichtlich der Inhalte, die sie vertreten, sehr unterschiedlich sein, aber psychologisch sind sie einander sehr ähnlich.

Wer sich für diese Befunde im Einzelnen interessiert, kann sie in den folgenden Texten nachlesen:

Auf der Basis dieser und weiterer, später durchgeführten Studien kann festgehalten werden:

„… es gibt immer mehr Belege dafür, dass einige stabile kognitive Merkmale, wie kognitive Inflexibilität, oder psychologische Merkmale, wie Intoleranz gegenüber Unsicherheit und kognitive Einfachheit, eng mit den Schwarz-Weiß-Perspektiven extremerer [d.h. weit von der Mitte im politischen Spektrum weg liegenden, denn ‚extrem‘ kann man nicht steigern] Ideologien verknüpft sind …“ (De Bruin & FeldmanHall 2025: 817).

Im Original:

„… there is growing evidence that some stable cognitive traits, such as cognitive inflexibility, or psychological features, such as intolerance of uncertainty and cognitive simplicity, are tightly linked with the black-and-white perspectives seen on more extreme ideologies …“ (De Bruin & FeldmanHall 2025: 817).

Die zitierten Autoren, Daantje de Bruin und Oriel FeldmanHall, vermuten, dass sich Extremisten auf der „rechten“ und der „linken“ Seite des politischen Spektrums noch in anderer Hinsicht ähnlich sind, nämlich in der Art und Weise, wie sie Emotionen verarbeiten:

„extreme Einstellungen sind mit erhöhter emotionaler Reaktivität, beeinträchtigter Emotionsregulation … und negativem Affekt verbunden … Angst und Wut sind insbesondere mit extremeren ideologischen Haltungen verbunden und korrelieren mit der Unterstützung der Anwendung politischer Gewalt … und der Herabwürdigung politischer Außenseitergruppen … “ (de Bruin & FeldmanHall 2025: 817).

Im Original:

„Extreme attitudes are linked to heightened emotional reactivity, impaired emotion regulation …, and negative affect … Fear and anger are especially associated with more extreme ideological stances and correlate with support for the use of political violence … and the derogation of political outgroups …“ (De Bruin & FeldmanHall 2025: 817).

Wenn extreme Einstellungen bzw. Extremismus affektgesteuert ist, dann muss man erwarten, dass diesbezüglich keine nennenswerten Unterschiede zwischen „Rechts-“ und „Links-„Extremen bestehen. Ob das so ist, haben De Bruin und FeldmanHall (2025) in einer Studie getestet, über die sie in einem Text berichten, die erst vor wenigen Tagen im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht wurde. Der Titel der Studie nimmt das Ergebnis bereits vorweg; er lautet „Politically Extreme Individuals Exhibit Similar Neural Processing Despite Ideological Differences“, d.h. „Politisch extreme Individuen weisen trotz ideologischer Unterschiede eine ähnliche neuronale Verarbeitung auf.

Zu diesem Ergebnis sind die Autoren auf der Basis eines Experimentes gekommen, an dem nach einem Auswahlprozess unter 360 Personen und nach Ausschluss von drei der ausgewählten Probanden letztlich 41 Personen, 24 Männer und 17 Frauen, teilgenommen haben. Diese Personen rangierten auf der von den Autoren verwendeten 0-100-Punkte-Skala zur Messung ideologischen Extremismus, die von 0=extrem liberal (bzw. „links“) bis 100=extrem konservativ (bzw. „rechts“) reicht, an verschiedenen Punkten, d.h. unter ihnen waren sowohl Extremisten beider Seiten als auch Moderate.

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Die Teilnehmer am Experiment machten zunächst demographische Angaben und beantworteten eine Reihe von Fragen zu ihren politischen Überzeugungen und ihrem Interesse an Politik. Daran schloss sich das Experiment an: Den Probanden wurde, während sie in einem MRI-Scanner lagen, ein Auszug aus der politischen Debatte über Immigration und die Arbeit der Polizei zwischen den Kandidaten um die Vize-Präsidentschaft in den USA im Jahr 2016, Tim Kaine für die „Democrats“ und Mike Pence für die „Conservatives“ gezeigt. Die im Scanner erzeugten Schichtbilder der Gehirne der Probanden wurden von den Forschern analysiert.

Die Forscher maßen außerdem die elektrische Leitfähigkeit der Haut, die emotionale Erregung durch Veränderung der Schweißdrüsenaktivität abbildet, und anhand einer Blickerfassung („eye tracking“) beobachteten die Forscher, worauf die Probanden ihre Aufmerksamkeit richteten, während sie das Video ansahen. Letzere Größe diente den Forschern als Kontrollvariable; mit ihrer Hilfe konnten die Forscher prüfen, ob die Effekte, die sie im Hinblick auf emotionale Erregung oder Gehirnaktivität beobachteten, nicht vielleicht Effekte waren, die einfach auf ein Mehr oder Weniger an Aufmerksamkeit der Probanden beim Ansehen des Videos zurückzuführen waren. Tatsächlich war dies in der Studie aber nicht der Fall.

Mit Bezug auf die Frage, ob ideologischer Extremismus die neuronale Reaktion auf politische Inhalte, wie sie in der Studie anhand des Videos präsentiert wurden, beeinflusst, haben die Forscher die beobachteten neuronalen Reaktion in drei verschiedenen Gehirnregionen der Probanden mit deren Werten auf der oben genannten Extremismusskala korreliert und festgestellt, dass ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen diesen Werten und Bereichen im Gehirn bestand, die die Forscher als sogenannte „regions of interest“ (ROIs), d.h. interessierende (Gehirn-)Regionen, ausgewählt hatten. Ausgewählt hatten sie diese Regionen, weil sie bekanntermaßen mit der Verarbeitung von Angst und Bedrohungsgefühlen oder mit negativen sozialen Interaktionen verbunden sind.

Alle diese Gehirnregionen waren beim Anschauen des Videos um so aktiver, je weiter ein Proband auf der Extremismusskala „links“ oder „rechts“ (d.h. bei Null oder 100) verortet war. Dieser Zusammenhang war nicht vermittelt durch emotionale Erregung, denn die Forscher stellten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Position der Probanden auf der Extremismusskala und emotionaler Erregung gemessen durch Veränderung Schweißdrüsenaktivität fest. Festgehalten werden kann also, dass größerer ideologischer Extremismus mit erhöhter neuronaler Aktivität in Gehirnregionen, die mit der Verarbeitung von Angst, Bedrohungsgefühlen oder negativen sozialen Interaktionen verbunden sind, in Reaktion auf politische Inhalte verbunden ist.

Und zwar unabhängig davon, ob der ideologische Extremismus ein „rechter“ oder ein „linker“ ist; das ist das Hauptergebnis der Studie von De Bruin und FeldmanHall, das die Autoren im Titel ihres Textes (2025) vorweggenommen haben: Probanden mit Werten in der Nähe von 0 oder 100, d.h. mit extremen ideologischen Überzeugungen, aber unabhängig davon, ob sie auf der Extremismusskala auf der „linken“ oder auf der „rechten“ Seite verortet waren, zeigten eine sehr ähnliche neuronale Reaktion auf politische Inhalte (während ideologisch/politisch Moderate eine andere und insgesamt weniger einheitliche Art der neuronalen Reaktion auf die dargestellten politischen Inhalte zeigten). Dass die neuronale Reaktion auf politische Inhalte, wie sie im Video präsentiert wurden, bei Probanden, die einen hohen ideologischen Extremismus aufwiesen, sehr ähnlich war, egal, ob ihr ideologischer Extremismus auf der „linken“ oder der „rechten“ Seite lag, spricht dafür, dass die Art und Weise, wie Personen politische Inhalte verarbeiten, nicht dadurch beeinflusst wird, welche Inhalte – „rechte“ oder „linke“ – dies sind, sondern dadurch, wie intensiv ideologische oder politische Überzeugungen bei Personen sind.

Und dies wiederum bedeutet, dass ideologische oder politische Polarisierung und Radikalisierung nicht oder zumindest nicht hauptsächlich mit Inhalten, geschweige denn Argumenten für oder gegen bestimmte Inhalte, zu tun hat, sondern weitgehend ein gefühlsgesteuerter Prozesse ist, dem vor allem Angst und Bedrohungsgefühle durch den jeweiligen weltanschaulichen oder politischen Gegener zugrunde liegen.

De Bruin ist der Meinung, dass die emotionale Erfahrung, die „linke“ und „rechte“ Extremisten angesichts politischer Inhalte gleichermaßen machen, eine Grundlage dafür sein könnte, gegenseitige Feindseligkeit zu reduzieren und mehr Verständnis füreinander aufzubringen, wenn sich beide Seiten über eben diese geteilte emotionale Erfahrung bewußt werden könnten. Wie dies bewerkstelligt werden könnte, bleibt jedoch unklar. Und allgemein bedeutet m.E. die Erkenntnis, dass andere Leute auch Angst haben, nicht unbedingt, dass die eigene Angst abgebaut oder überwunden werden könnte. De Bruin hält als Arbeitsprogramm für die Zukunft dann auch fest, dass er untersuchen möchte, wie die Verarbeitung von Emotionen bei Personen mit extremen Überzeugungen ggf. verändert werden kann und warum ihre emotionalen Reaktionen auf politische Inhalte anders sind als diejenigen von Moderaten.

Bis auf Weiteres spricht nichts dafür, dass extreme „Rechte“ und extreme „Linke“ Verständnis – jenseits der jeweils vertretenen Inhalte – füreinander entwickeln könnten, denn es scheint ihnen äußerst unangenehm zu sein, als den Extremen auf der „anderen“ politischen Seite in irgendeiner Weise – ob in Persönlichkeit oder affektiver Verarbeitung – sehr ähnlich identifiziert zu werden, wie das z.B. in der Reaktion der Jusos auf die entsprechende Idee deutlich wird. Sie wollen den Extremismusbegriff gleich ganz über Bord werfen, zumindest für die eigene, die „linke“, Seite:

„Anstatt mit diesem Begriff also die dringenden Probleme und die akute Gefahr für beispielsweise von Rassismus betroffenen Menschen anzugehen, verschleiert der Extremismusbegriff eher den dringenden Handlungsbedarf … Wir müssen damit aufhören, den Extremismus sowie dei Hufeisentheorie [die besagt, dass die beiden End- oder Extrempunkte des „Hufeisens“ der ideologischen oder politischen näher beieinander liegen als beide Extrempunkte zur Mitte des Hufeisens] zu verwenden, da es uns nicht weiter als zu Lippenbekenntnissen führt. Der politische Stillstand, der zu Recht von Betroffenen rassistischer Gewalt angeprangert wird, muss aufgebrochen werden. Dazu müssen wir anfangen, die Dinge wirklich beim Namen zu nennen … ‚Zu sagen, was ist, ist die revolutionärste Tat‘, wusste schon Rosa Luxemburg, und auch heute können wir uns ihre Worte zu Herzen nehmen.“

Ob Luxemburg es war, die so sprachlich ungebildet war, nicht zu wissen, dass man „revolutionär“ nicht steigern kann, oder ob es die Verfasser des Textes sind, in dem Luxemburg (dann: fehl-) zitiert wird, entzieht sich meiner Kenntnis und der Möglichkeit der Überprüfung, da die Jusos der Zitation keinen Beleg angefügt haben.

Wir stimmen zu: Zu sagen, was ist, kann eine revolutionäre Tat sein, kann aber auch umsonst sein, nämlich dann, wenn das Gegenüber nicht hören möchte, was ist. Und nichts spricht dafür, dass z.B. die Jusos hören möchten, was ist, nämlich dass ihr Linksextremismus ein Extremismus ist und Extremisten auf der „linken“ und der „rechten“ Seite viel mehr miteinander gemeinsam haben als Extremisten (beider Seiten) mit Moderaten.


Literatur:

Adorno, Theodor W., Frenkel-Brunswik, Else, Levinson, Daniel J. & Nevitt, Sanford, 1950: The Authoritarian Personality. New York: Harper & Brothers

De Bruin, Daantje, & FeldmanHall, Oriel, 2025: Political Extreme Individuals Exhibit Similar Neural Processing Despite Ideological Differences. Journal of Personality and Social Psychology 129(5): 816-833

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido, & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293

 

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