Gedenken als Event. Solingen oder: Wie Politiker Stimmung mit Toten machen

Eine Gegenüberstellung:

Solingen: Der Brandanschlag auf ein Wohnhaus, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen und 17 verletzt wurden, jährte sich am 29. Mai zum 25. Mal. Politiker, Heiko Maas und Angela Merkel, haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das Gedenken wurde in großen Stil inszeniert.

Von Frank Vincentz – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Zentrale Gedenkfeier mit Reden von

  • Maas,
  • Merkel und
  • Cavusoglu 

am Mahnmal für den Brandanschlag.

Ein Preis für Zivilcourage, der anlässlich des Anschlags vergeben wird.

Ein Sternmarsch von Schülern, die anlässlich des Anschlags zur Demonstration gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit angehalten werden.

Ein Totengebet am Tatort.

Und vieles mehr.

Das Event „Gedenkfeier Solingen“ ist auch in den Medien das ganz große Thema. Es dient als Folie, vor deren Hintergrund einmal mehr der Rassismus verbal bekämpft werden kann, dem Rechtsextremismus einmal mehr der Kampf angekündigt werden kann und Fremdenfeindlichkeit einmal mehr verurteilt werden kann.

Ein Happening.

Szenenwechsel.

Am 3. Juni 1998 krachte ein ICE bei Eschede gegen eine Brücke. 101 Tote und 100 Verletzte waren die Folge.

Von Nils Fretwurst – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=359420

Die Gedenkfeier anlässlich des Unglücks ist eher eine low-profile Veranstaltung, zu der die Bundesprominenz aus CDU und SPD den Weg nicht gefunden hat. Die Reden überlässt man den niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil und dem Bahnchef Lutz. Anwesend sind

  • Hinterbliebene,
  • Überlebende
  • Helfer
  • und Anwohner.

Kein Preis für Zivilcourage, der anlässlich des Jahrestags des Unglücks an Helfer vergeben wird.

Keine Rede von Merkel.

Keine Rede von Maas.

Beide haben besseres zu tun (immerhin fällt der 3. Juni auf einen Sonntag).

Kein Sternmarsch von Schülern.

Kein Totengebet am Unglücksort, jedenfalls keines, über das berichtet würde.

Das Gedenken an die 101 Toten und 100 Verletzten ist ein mehr oder weniger stilles Gedenken. Es lässt sich nicht inszenieren. Es ist für Bundespolitiker nicht interessant. Man kann keine leere politische Botschaft wie „Rassismus wird nicht geduldet“, absetzen und sicher sein, sie in allen Medien lesen und hören zu können. Man kann die Toten nicht für politische Ziele missbrauchen, Schüler und andere Naive nicht instrumentalisieren. Und man kann nicht mahnen, nicht Einstellungen als Ursache von Toten geiseln, die Toten nicht zum Anlass nehmen, um mehr Kontrolle und Restriktion das Wort zu reden. Nein, in Eschede bliebe Politikern nur, mit denen, die des Unglücks gedenken wollen, solidarisch zu sein, sich einzureihen in die Reihe der Trauernden und still zu gedenken.

  • Stilles Gedenken ist out.
  • Stilles Gedenken kann man nicht vermarkten.
  • Stilles Gedenken bringt keine Publicity.
  • Stilles Gedenken kann nicht mit ideologischem Junk aufgeladen werden.
  • Opfer kann man in stillem Gedenken nicht für die eigene Sache missbrauchen.
  • Lebende nicht im stillen Gedenken für ideologische Ziele instrumentalisieren.
  • Nein, stilles Gedenken ist nichts, was einen Heiko Maas oder einer Angela Merkel Beine macht.

Stilles Gedenken ist ehrlich, das was Goffman eine glaubwürdige Darstellung genannt hat.

Deshalb ist es nicht attraktiv für Politiker.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?


Weitere Möglichkeiten, ScienceFiles zu unterstützen

Anregungen? Hinweise? Kontaktieren Sie ScienceFiles
©ScienceFiles

Print Friendly, PDF & Email
11 Comments

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Translate »