Kompetenz-Vorgaukelung: Wahlprogramme sind Manifeste der Schwätzperten

Zugegeben, als wir die Überschrift der Pressemeldung beim idw gelesen haben: “Bürgerschaftswahl in Hamburg 2020: Wahlprogramme sind für viele Menschen unverständlich“, da war die erste Reaktion: Wieder so ein Mist aus Hohenheim.

Mea culpa.
Nachdem wir die 44 Seiten der Präsentation der Studie gelesen haben, hat sich dieses Urteil als zu schnell getroffen erwiesen. Offenkundig stammt der “viele Menschen unverständlich” Mist von “Florian Klebs”, der in Hohenheim für “Hochschulkommunikation”, was auch immer das sein soll, zuständig ist. De Ärger darüber, dass wieder einmal Wissenschaftler ihre Position dazu missbrauchen, Bürger zu paternalisieren und als kleine Deppen darzustellen, die die wichtigen Informationen, die aus gelehrten Wahlprogrammen nur so herausdrängen, nicht verstehen, er hat sich von den Wissenschaftlern, die für die Studie, zu der wir gleich kommen, verantwortlich sind, auf den “Hochschulkommunikator Klebs” verschoben. Es mag persönlich bereichernd sein oder eine persönliche Notdurft befriedigen, wenn man von sich denken kann, die anderen seien blöd, es ist aber in der Regel ein Irrtum, der in sozialer Exklusion endet, wenn man ihn nicht behebt.



Nun zur Studie aus Hohenheim.

In Hohenheim gibt es Politikwissenschaftler, die es sich tatsächlich antun (naja, aber dazu gleich) Wahlprogramme von Parteien zu lesen. Sie tun dies vor dem Hintergrund ihrer Ansicht, dass Wahlprogramme wichtig seien, “auch wenn sie kaum gelesen werden”. Denn, so schreiben sie weiter: Wahlprogramme werden von Parteimitgliedern zur Grundlage ihres Werbens um das Kreuz von Wählern gemacht, nun, nein, nicht Wahlprogramme, denn die Hohenheimer haben durch Befragung von 828 Parteimitgliedern aus Baden-Württemberg herausgefunden, dass nur 16% das Wahlprogramm ihrer Partei in seiner Langfassung gelesen hatten, während 50% behaupteten, sie hätten immerhin die Kurzfassung des Programms gelesen. Dem gelesenen Kurzprogramm schreiben die Mitglieder, die es gelesen haben wollen, eine wichtige Funktion bei der Werbung von Wählern zu und Frank Brettschneider und Claudia Thoms, die die Studie durchgeführt haben, nehmen dies zum Anlass, Wahlprogrammen eine Bedeutung zuzuweisen.

Eine Bedeutung, die sie nach unserer Ansicht nicht haben. Wahlprogramme dienen nicht der Werbung von Wählern, so unsere Hypothese. Wahlprogramme dienen dem Signalling. Dadurch, dass Parteien ein Wahlprogramm erstellen, wollen sie den Eindruck erwecken, sie hätten etwas zu sagen, viel zu sagen, wie die gefüllten Seiten zeigen, Lösungen zu konstruierten Problemen, Angebote für Bürger usw. Dass Wahlprogramme lediglich Inszenierungen von Kompetenz sind, die bei genauer Betrachtung zusammenfallen wie ein Kartenhaus, das zeigt die Analyse von Brettschneider und Thoms.



Wie gesagt, die Masochisten aus Hohenheim haben die Wahlprogramme der Parteien, die in Hamburg derzeit um die Gunst der Wähler buhlen, gelesen. Nun ja, sie haben nicht alle Programme gelesen, nur die von AfD, CDU, FDP, SPD, Grünen und LINKE. Und, naja, sie haben die Programme auch nicht Wort für Wort gelesen, sondern analysieren lassen, von einer Software, die geschrieben wurde, um die formale Verständlichkeit von Schriftsprache auf Grundlage bestimmter Kriterien, wie Satzlänge, Gebrauch von nominalen Wortungeheuern, Fachwörtern und Fremdwörtern, zu untersuchen. Die Software untersucht nicht, ob der Gebrauch der Worte oder das Programm als Ganzes Sinn macht oder schriftlichen Unfug darstellt, oder, wie Brettschneider und Thoms schreiben: “Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich [oder unverständlich] formuliert ist. … Formale Unverständlichkeit, stellt aber eine Hürde für das Verständnis dar”.

Über die Hürde für das Verständnis kann man von zwei Blickwinkeln aus streiten. Zum einen ist die Frage, wo die Hürde für das Verständnis beginnt, natürlich eine Frage, deren Antwort auf Konsumentenseite Willigkeit und Fähigkeit zu verstehen quantifizieren muss. Dasselbe gilt für die Angebots-Seite. Vorauszusetzen, dass diejenigen, die Marketing-Abteilungen von Beratungsfirmen, die die Parteiprogramme für (manche) Parteien schreiben, verständlich schreiben wollten und selbst wenn sie es wollten, in der Lage wären, das Geschwätz, das sie formulieren, auch verständlich zu schreiben, ist eine gewagte Hypothese, die man prüfen müsste, bevor man sie – wie die Hohenheimer  -voraussetzt.

Wie dem auch sei. Sie haben die formale Verständlichkeit geprüft und das folgende herausgefunden.

Nimmt man das Ergebnis einmal so hin, dann muss man feststellen, dass alle berücksichtigten Parteien offenbar mehr darum bemüht sind, eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit zu verfassen als darum, das Verständlichkeitsniveau einer Hörfunknachricht zu erreichen. Das bestätigt unsere These, nach der Wahlprogramme nicht dazu dienen, Bürgern die Politik und die Lösungen für drängende Probleme, die eine Partei anbietet, zu vermitteln, sondern dazu, die jeweilige Partei als kompetent in bestimmten Bereichen zu inszenieren. Um diese Inszenierung durchzusetzen, versuchen die Parteistrategen aus den Marketingabteilungen von Beraterfirmen, Wahlprogramme so zu gestalten, dass ein normaler Leser entweder denken muss, das Programm sei eine Ansammlung von hohlem Geschwätz oder sich in Andacht vor dem scheinbaren Fachwissen, wobei das vermeintlich Fachwissen aus der Verwendung vermeintlicher Fachbegriffe geschlossen wird, üben muss. Sofern ein Wahlprogramm überhaupt gelesen wird.

Man kann natürlich, wenn man davon ausgeht, dass die wenigsten Wähler Wahlprogramme lesen, zwei ganz andere Hypothesen zur Erklärung von deren Existenz anführen: 1) Wahlprogramme sind eine Art innerparteiliche Nomenklatur, ein heiliges Buch, dessen Existenz die Gemeinschaft der Gläubigen zusammenschweißt und dessen Exegese den Hohepriestern vorbehalten ist. 2) Wahlprogramme sind eine Art traditionelle Arbeitsmarktbeschaffungsmaßnahme für professionelle Schwätzer. Wie dem auch sei. Am Ende gibt es dann viele Worte, die kaum jemand liest, viele Worte, die letztlich nur die innerparteiliche Lust am Schwätzen zum Ausdruck bringen.



So betrachtet, ist die Lust am Schwätzen in der AfD unterentwickelt. Lediglich 14.095 Worte umfasst deren Wahlprogramm für Hamburg. Die CDU ist mit 20.968 Worten nicht wirklich wortkarg, aber gemessen an den Schwätztiraden von Die LINKE (24.885 Worte), SPD (31.792 Worte), FDP (32.568 Worte) und dem Epizentrum für hohle Phrasen den Grünen (51.980 Worte) deutlich geschwätzärmer.

Am deutlichsten wird das Bemühen, mit dem Wahlprogramm ein Fanal der eigenen Gelehrtheit durch deren Vorspiegelung mit möglichst vielen Phrasen und Begriffen zu erschaffen, die man nicht im Kontext lesen muss, um zu wissen, dass sie entweder falsch verwendet oder in einem Zusammenhang aus Leerformeln zu finden sind, in der Analyse von dem, was die Hohenheimer als Fachwörter, Wortkomposita, Nominalisierungen und Anglizismen bezeichnen, also den Begriffen, die signalisieren, also vorgaukeln sollen, dass bei der jeweiligen Partei ein Humankapital vorhanden sei, das nicht vorhanden ist.

Hier die Listen der Hohenheimer:

Gemessen an diesen Begriffen, scheinen etablierte Parteien besonders viel Wert darauf zu legen, durch die Verwendung gelehrt klingender Begriffe auch als gelehrt, als kompetent im Gebrauch dieser Begriffe zu erscheinen, während die AfD ihr Kompetenz-signalling vornehmlich auf Nominalisierungen beschränkt (noch).

Wir haben unsere Hypothese, dass die Verwendung von Fachwörtern in Parteiprogrammen dem “Kompetenz-Signalling” dient, anhand zweier Begriffe, die mehr oder minder herausragen, geprüft: “Algoritmic Decision Making” (Grüne) und Venture-Capital-Geber (FDP).

Grüne:

“Zunehmend analysieren aber automatisierte Entscheidungssysteme (Algorithmic Decision Making) unseren Alltag und treffen Werteentscheidungen. Selbstlernende algorithmische Systeme lernen von Daten aus der realen Welt – und bilden so auch existierende Ungleichheiten und Diskriminierungen ab. So können Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe in Bilderkennungssystemen verkannt oder Frauen aufgrund ihrer geringen Repräsentanz für einen Beruf als weniger geeignet erscheinen.”

Wer kennt ein automatisiertes Entscheidungssystem, das Wertentscheidungen trifft? Das ist natürlich Blödsinn und bei “Algorthmic Decision Making” handelt es sich um ein schlichtes “Begriffs-Dropping” mit dem die Grünen eine Kompetenz gaukeln wollen, die sie nicht haben.

FDP:

Zukunftsvision für den Finanzplatz Hamburg

Wir unterstützen das Engagement von Venture-Capital-Gebern und Business Angels in Hamburg und wollen in unserer Stadt Bedingungen schaffen, die Crowdfunding möglichst bürokratiefrei ermöglichen.

Mit Venture-Capital-Gebern und Business Angels werden hier Kapitalgeber, die Neugründungen von Unternehmen befördern (sollen) und entsprechendes Risikokapital bereitstellen, genannt. Warum nicht einfach geschrieben wird: Die FDP will den Zugang von Unternehmensgründern zu Kapital verbessern, ist keine Frage. Letzteres ist verständlich und setzt auf Seiten dessen, der es schreibt, Verständnis voraus. Venture-Capital-Geber ist weitgehend unverständlich, problem- und kenntnislos gebrauchbar und, so hoffen die Marketing-Strategen, die hier am Werk waren, es suggeriert dem Leser, die FDP sei eine Partei derer, die von Wirtschaft und ihren Fachtermini etwas verstehen.

Und nur darum geht es in Parteiprogrammen, um die Vorspiegelung einer Kompetenz, die Parteien in aller Regel nicht haben (woher auch), um “competency-signalling / Kompetenz signalling” – Kompetenz-Signalisierung – Kompetenz-Vorgaukelung.




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