Der Tod wählt NSDAP – Die Influenza-Pandemie von 1918/19 hat Hitler erst möglich gemacht – oder doch nicht?

Was an manchen Ökonomen so erfrischend ist, ist, dass sie dann, wenn sie ein Thema entdecken, generell der Ansicht sind, sie seien die ersten, die dieses Thema entdeckt hätten. Niemand sei vor Ihnen auf diese Idee gekommen, und so stürzen sie sich, ungetrübt von Vorkenntnissen aller Art auf ihre Idee. Zuweilen sind Ideen, die Ökonomen in ihren Regressionen mit nur wenigen, zuweilen sehr wenigen Variablen wiederzufinden und zu belegen versuchen, krude, zuweilen sind sie, nun ja, innovativ, und zwar in dem Sinne, dass man normalerweise nicht auf die Idee gekommen wäre.

Die Influenza-Pandemie von 1918/19 ist verantwortlich für den Wahlerfolg der Nazis in den Jahre 1930 bis 1933. Ohne die Pandemie keine Machtergreifung, kein Hitler, kein Zweiter Weltkrieg und wer weiß, was noch alles nicht. Seien wir bescheiden: Ohne Influenza-Pandemie, ohne spanische Grippe, keine extremen Wähler, die Hitler an die Macht wählen.



Das ist natürlich nicht unsere Idee. Es ist die Idee von Kristian Blickle, einem Schweizer Ökonomen, der sich derzeit die Zeit bei der Federal Reserve Bank of New York vertreibt. Dort muss es ziemlich langweilig sein, ergo hat sich Blickle aufgemacht, ein Blickle, wenn man so sagen darf, auf die Wähler der NSDAP zu werfen. Nun, nicht wirklich auf die Wähler, mehr auf die Wahlergebnisse in 66 Städten des damaligen deutschen Reiches. Welche 66 Städte das sind, darüber schweigt sich Blickle aus.

Auf dieser monumentalen Datenbasis (66 Städte, für 65 davon hat er die Arbeitslosenquote) prüft Blickle nun, ob die Influenza-Pandemie, die 1918/19 in Deutschland gewütet hat und nach Berechnungen von Barro, Urusua und Weng (2020) 518.400 Tote in Deutschland gefordert hat, verantwortlich für die Wahl von Hitler gute 10 Jahre später war. Warum Sie dies sein sollte ist eine theoretische Frage, an der eigentlich die ganze Forschung hängt. Blickle weiß entweder keine Antwort auf die Frage, wie die Toten von 1918/19 die Wahl von Hitler beeinflussen und warum sie das im Gegensatz zu den Millionen Weltkriegstoten tun sollen, oder er ist sich nicht einmal bewusst, dass Datenhuberei ohne theoretische Basis eben das bleibt: Datenhuberei, Koeffizienten ohne Sinn und Zweck.

Eine vage Idee hat er schon: ein höherer Anteil von an Influenza Gestorbenen soll zu geringeren öffentlichen Ausgaben führen und geringere öffentliche Ausgaben in irgend einer Weise magischer Transformation, die Wahl auf dem Wahlzettel von 1930, 1932 (gleich zweimal) und 1933 beeinflusst haben. Man muss heutzutage hart im Nehmen sein, angesichts all dessen, was einem als “wissenschaftlich” zugemutet wird.

Eigentlich kann man die ganze Arbeit von Blickle schon nach zwei Seiten ad acta legen, schreibt er doch gleich auf der ersten Seite:

“First, we show that areas which experienced a greater relative population decline due to the spread of influenza spend less, per capita, on their inhabitants in the following decade. This holds especially for spending on amenities more likely to be consumed by the young, for example school funding”.

Man mag auf die Idee kommen, dass die Ausgaben einer Stadt mit den Einnahmen einer Stadt zusammenhängen, die durch eine höhere Todesrate in der eigenen Bevölkerung negativ beeinflusst werden. Aber auf diesen Gedanken muss man gar nicht kommen, schreibt Blickle doch gerade einmal eine halbe Seite weiter in seinem Text:

“Our findings are possibly tied to the type of victims most directly affected by the virus. Given that it was disproportionately fatal for young people the change in demographics may have affected regional attitudes going forward”.

Die Demographie mag die regionalen Einstellungen mit Blick auf Zukunftspläne beeinflusst haben, so könnte man diesen Kauderwelsch vielleicht sinnvoll übersetzen. Kauderwelsch wie dieser zeigt, dass sich manche Autoren so in ihren Begrifflichkeiten verheddern können, dass sie den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Wenn vornehmlich junge Menschen an H1N1-Influenza in den Jahren 1918/19 gestorben sind, dann macht es Sinn, dass Gemeinden, die mehr Influenza-Tote zu verzeichnen haben als andere, eben bei Ausgaben für junge Leute sparen. Warum: Weil viele Junge eben tot sind. Dahingerafft von der spanischen Grippe und dem Ersten Weltkrieg, aber was ist schon ein Krieg im Vergleich zu dem Einfluss einer Influenza-Pandemie, von der die Nazis noch (mehr als) ein Jahrzehnt später profitieren sollen.

Man kann natürlich auch denken, Blickle will uns hier den ersten Brocken seiner Ideologie unterschieben und suggerieren, wo weniger Junge, dafür aber mehr Alte vorhanden seien, da habe die NSDAP mehr Wahlchancen, denn man weiß ja, wie die Alten, vor allem die alten weißen Männer sind: rechts. So kann man sich irren. Lesen Sie weiter, wir treiben Blickle seine Ideologie hier mit Stumpf und Stiel aus.

Zunächst zu den Influenza-Pandemie-Profiteuren: den Nazis. Blickle zeigt mit seinen Regressionsgleichungen und für 66 Städte, dass die Influenza-Mortalitätsrate von 1918/19 positiv mit der Wahl der Nazis im Jahre 1933 korreliert. Wir haben aus dem reichen Angebot unterschiedlicher Berechnungen Blickles Tabelle 4 ausgewählt:

Beeindruckende Koeffizienten zeigen, dass die Influenza-Mortalität 1918/19 in den 66 Städten, die Blickle zu Deutschland erklärt, mit dem Wahlergebnis der Nazis korrelieren, dass Letzteres umso geringer ausfällt, je höher der Anteil der Katholiken, die in einer Stadt leben ist und, man lese und staune, mit einem steigenden Arbeitslosenanteil, sinkt.


Die NSDAP, Hitler, ohne die Influanze Pandemie von 1918/1919 wären sie nicht möglich gewesen. So langsam führt dieser Blödsinn dazu, dass sich vor dem geistigen Auge des hiesigen Schreibers eine Hypothese dazu bildet, was Blickle mit diesem Junk eigentlich bezweckt. Da er seiner Datenhuberei keinerlei Theorie beigesellt hat, darf man spekulieren, muss es aber nicht, denn der verbissene Versuch, nicht nur die Influenza, sondern auch Antisemitismus ins Wahlspiel zu bringen, macht recht deutlich wie Blickle tickt

Nunmehr erklärt Blickle nur noch NS-Vote (siehe Tabelle oben), eine irgendwie Kombination der Wahlergebnisse aus den Jahren 1932 und 1933 (macht derer drei). Wie man in der Tabelle oben sieht, haucht die Influenza-Mortalität mit ihrem Odem des Todes der Nationalsozialistischen Bewegung noch mehr als ein Jahrzehnt später Leben in Form von Wählerstimmen ein, während schwere oder leichte Pogrome aus dem Jahr 1350 keinen positiven Effekt auf die Wahl der NSDAP irgendwann zwischen Juli 1932 und März 1933 haben. Wer hätte das gedacht, dass ein Pogrom aus dem 14. Jahrhundert einen Effekt auf Wahlen in den 1930er Jahren hat. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Sie? Dummerweise senken mittelalterliche Pogrome den Stimmenanteil der NSDAP. Das ist nicht, wie von der Ideologie vorgegeben.

Vorhersehbar ist Herr Blickle damit nicht zufrieden, weshalb er den Interaktionseffekt zwischen der Influenza-Mortalität aus den Jahren 1918 und einem Pogrom aus dem Jahre 1350, nunmehr ist es egal, ob schwer oder weniger schwer, mit in sein Modell stopft. Und siehe da: Es korreliert, es korreliert. Wenn 1350 ein Pogrom war und 1918/19 die Influenza-Mortalität höher war als anderswo, dann ist auch der Stimmenanteil der NSDAP höher als anderswo.

Irgendjemand hier, der eine Idee hat, wie man solchen Schwachsinn interpretiert? Wir können ihnen sagen, was Herr Blickle daraus macht:

“We find, that the corelation between influenza mortality and the vote share won by right-wing extremists was greater in areas with pre-existing anti-semitism.”

Wie “Table 8” oben, auf die sich Blickle bezieht, zeigt, ist dies gerade nicht der Fall. Indes zeigt die Bezeichnung “right-wing extremists”, die Blickle in “blissful ignorance” benutzt, worum es dem Herrn von der FED in New York wirklich geht. Er will offensichtlich das Horn der Warnung betätigen und einen Zusammenhang zwischen Pandemie (welche auch immer), Antisemitismus (wann auch immer) und der Wahl rechter Parteien herstellen, der sich auf SARS-CoV-2 übertragen lässt. Die Lächerlichkeit des Staff Reports, den die FED in New York allen Ernstes veröffentlicht hat, wird hier zu einer Form der Bösartigkeit, die einem vor allem deshalb sprachlos macht, weil die Insinuation von einem vollkommen Ahnungslosen abgesondert wird, einem, der meint, Nazis, denn nur die Wahlergebnisse der NSDAP hat er als Variable in seinem Modell, seien die einzigen, die man aus heutiger Sicht als Rechtsextreme bezeichnen könnte (wenn sie nicht Sozialisten wären).

Nun, die Parteienlandschaft der Weimarer Republik war erheblich vielfältiger, diverser wie man heute sagt, als die heutige Parteimonotonie. Am linken Rand haben sich unzählige Klein- und Kleinsparteien eingenistet, links von der KPD und zwischen KPD und SPD und der rechte Rand war nicht weniger zersplittert, zwischen DNVP (einer Partei, die sich mindestens in dem Maße als right-wing extremism qualifiziert wie die NSDAP) und NSDAP war Platz für eine ganze Reihe von Einzelkämpfern und Kleinparteien.

Damit sind wir bei dem Thema, das wir heute schon einmal hatten: Ahnungslosigkeit und Zurückhaltung korrelieren nicht mehr. Vielmehr gibt es einen sich gegenseitig verstärkenden Effekt von Ahnungslosigkeit und Rigidität, mit der ideologischer Unfug verbreitet wird. Bei Blickle ist diese Ahnungslosigkeit so groß, dass sie nicht mehr auszuhalten ist. Was Herrn Blickle vielleicht überraschen wird, überraschen muss, wie ein Blickle in sein Literaturverzeichnis zeigt, der Gegenstand der Wahl der NSDAP ist gar nicht unerforscht. Nein. Es gibt Vorarbeiten. Nicht gerade wenige, viele, sehr viele, von denen wir nur diejenigen betrachten, die mit dem Namen von Jürgen W. Falter, Thomas Childers oder Eberhard Kolb verbunden sind. Peter Borowski hat die Ergebnisse der drei in einer guten Arbeit, die den Titel trägt “Wer wählte Hitler?” und die frei im Internet verfügbar ist, auch wenn Herr Blickle sie nicht findet, vermutlich weil sein Blickle zu begrenzt ist, die Ergebnisse der drei Genannten mit Blick auf die Wahl der NSDAP wie folgt zusammengefasst:

“Falters Fazit ist daher, daß die NSDAP 1932 tendenziell den Charakter einer rechtsradikalen Volkspartei annahm, die zwar immer noch erheblich stärker von Mittelschichtsangehörigen als von Arbeitern gewählt wurde, die aber immerhin auch rund 5 Millionen Arbeiter für ihre Ziele zu mobilisieren vermochte. In die allgemeine Literatur Eingang gefunden hat diese These z. B. bei Eberhard Kolb. Modifiziert wird sie von Thomas Childers, der in der NSDAP weder eine reine Mittelstandspartei noch eine integrative Volksbewegung sieht, sondern eine Protestpartei mit einer großen Zahl von Wechselwählern. Ihr Erfolg sei letztlich auf die Wirtschaftskrise gegründet gewesen, und ihre Wähler seien nur kurzfristig durch Wut, Frustration und Furcht zusammengehalten worden.”

Nicht die Influenza-Pandemie von 1918/19 nein, die zeitlich nähere Wirtschaftskrise Ausgangs der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre soll das Wahlverhalten in den 1930er Jahren der Weimarer Republik beeinflusst haben, sagt Childers. Welch’ ein Schlag für die Influenza-Idee, anzunehmen, dass Menschen ihr Wahlverhalten an aktuellen Problemen und nicht an Todeszahlen aus der letzten Dekade ausrichten. Und, so sagt Falter, das tun nicht nur manche, sondern quer durch alle Schichten diejenigen, die am meisten davon betroffen sind: Angehörige von Mittelstand und Mittelschicht, aber auch Arbeiter und Bauern, selbst Hausfrauen:

Nicht nur das.

Jürgen W. Falter und Michael H. Kater haben “Wähler und Mitglieder der NSDAP” für die Jahre 1925 bis 1933 untersucht und dabei festgestellt: Die NSDAP war eine jugendliche Partei. So wie die Jugendlichen heute zu FridaysForFuture und anderen Extrem-Organisationen laufen, so liefen sie in der Weimarer Republik zur NSDAP, als Wähler und als Mitglied.

Die Überlebenden Jungen der Influenza-Pandemie von 1918/19 sind somit in die NSDAP gestürmt, ganz unabhängig davon, ob ihre Stadt Geld in Schulen investiert hat oder nicht. Und, jetzt kommt der Coup de Grace für den Blödsinn, den Blickle hier verbreiten will: die Neumitglieder der NSDAP finden sich in weiten Teilen gar nicht mehrheitlich in Städten, nein, sie finden sich auf dem Land, wie Blickle wüsste, wenn er die Literatur kennte, von der er aber leider keine Ahnung hat.

Da lokale Parteistrukturen sich über kurz oder lang in Wählerstimmen übersetzen, ist es kein Wunder, dass die NSDAP eine fast gleichgroße Wählerschicht in Stadt und Land in den Wahlen der 1930er Jahre erreicht hat.

Blickle wüsste das, kennte er die Literaur und wenn er die Litertur kennen würde, dann hätte er sich seinen ideologischen Blödsinn mit seinen Insinuierungen gespart, die wohl dazu gedacht sind, auf den Zug aufzuspringen, in dem die fahren, die hoffen, einen Zusammenhang zwischen der SARS-CoV-2 Pandemie und einer weitgehend erfundenen rechten Gefahr herstellen zu können, um sich dann von Steuerzahlern dafür aushalten zu lassen, dass sie die Gefahr bannen, die sie selbst beschworen haben.

Es hat für Ideologen große Vorteile, die wissenschaftliche Forschung nicht zu kennen. Sie können dann weiterhin und ungetrübt von der Wirklichkeit, ihren ideologischen Junk verbreiten.


Literatur

Barro, Robert J., Urusa, José F. & Weng, Joanna (2020). The Coronavirus and the Great Influenza Epidemic. Lessons from the ‘Spanish Flu’ for the Coronavirus’s Potential Effects on Mortality and Economic Activity. München: CESifo Workong Paper No. 8166.

Blickle, Kristian (2020). Pandemics Change Cities: Municipal Spending and Voter Extremism in Germany, 1918-1933. New York: Federal Reserve Bank of New York. Staff Report No.921.

Borowsky, Peter (2008). Wer wählte Hitler und warum? Ein Bericht über neuere Analysen der Wahlergebnisse 1928 bis 1933.

Falter, Jürgen W. & Kater, Michael H. (1993). Wähler und Mitglieder der NSDAP. Neue Forschungsergebnisse zur Soziographie des Nationalsozialismus 1925 bis 1933. Geschichte und Gesellschaft 19(2): 155-177.




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