Meltdown: Labour und Tories sehen Europawahl-Katastrophe entgegen

Es ist nicht lange her, dass wir von der Brexit Party Revolution geschrieben haben. Mit jedem Tag, der vergeht, mit jedem Tag, der die Europawahl am 23. Mai in Großbritannien näherbringt, wird deutlicher, dass sich in Großbritannien (minus Schottland) ein Wandel vollzieht, der das Parteiensystem für die nächsten Jahre prägen wird.

Wir haben in diesem Zusammenhang auf das von Russell Dalton mitentwickelte Konzept der Partei-Identifikation zurückgegriffen, um den Prozess der Auflösung alter Wähler-Partei-Allianzen und die Entstehung neuer Parteibindungen zu beschreiben. Es ist im Kern ein psychologisches Konzept, das unter der Maßgabe rationaler Wahl durchaus geeignet erscheint, um die Art und Weise zu erklären, wie Wähler im Vereinigten Königreich die Conservatives und Labour dafür bestrafen, dass sie ihr Versprechen, sich an das Ergebnis des Referendums aus dem Juni 2016 zu halten und den Brexit durchzuführen, gebrochen haben.

Die Zeit für politische Lügen scheint zumindest im Vereinigten Königreich vorbei zu sein.

Der neueste Beleg für die Revolution, die sich vollzieht, stammt von YouGov. Die Brexit Party ist innerhalb einer Woche abermals gewachsen und versammelt nun 35% der Befragten, die an der YouGov-Umfrage teilgenommen haben, darunter ein Autor von ScienceFiles. Die Tories sind in der Marginalität verschwunden. Mit 9% sind sie im kompletten Meltdown. Die einzig gute Nachricht für die Tories: Die Wahlen finden am nächsten Donnerstag statt. Vielleicht sind bis dahin noch ein paar Prozentchen übrig. Das gleiche Schicksal erleidet die Labour Party, die in den letzten Wochen aus den Höhen der fast dreißig Prozent auf die magere Ausbeute von nun noch 15 Prozent reduziert wurde.

Wie revolutionär das, was sich in Großbritannien vollzieht, tatsächlich ist, zeigt die folgende Karte von @ElectionMapsUK. Die Kreise geben die Sitze an, die die Parteien auf Basis ihrer Stimmanteile im Europaparlament erhalten: Hellblau = Brexit Party, Dunkelblau = Tories, Rot = Labour, Orange = Liberal Democrats, Hellgrün = Grüne, Dunkelgrün = Plaid Cymru und Gelb = Scottish National Party.

Die Karte zeigt: Auf Grundlage der Ergebnisse der YouGov-Umfrage wird die BREXIT Party in ALLEN englischen Wahlkreisen und in Wales die stärkste Partei.

Um die Bedeutung dieses Umsturzes zu würdigen, muss man wissen, dass normalerweise der Süden Englands (alles, was auf Höhe oder unterhalb von London ist) sich fest in der Hand der Tories befindet, mit dem gelegentlichen Einsprengsel der Liberal Democrats (in Wiltshire und Devon). In den Midlands findet sich normalerweise ein roter Gürtel, Labour hatte in der Gegend um Manchester, Liverpool, Wolverhampton, Newcastle, Sunderland usw. in früheren Wahlen eine felsenfeste Mehrheit.

Damit hat es nun ein Ende.

Der Brexit Party ist es nicht nur gelungen, wie es vor fünf Jahren UKIP gelungen ist, Wähler der Tories zu gewinnen, es ist der Brexit Party auch gelungen, Wähler von Labour für sich zu begeistern. Das ist ein Novum, das man nicht hoch genug gewichten kann.

Wenn es die Absicht der EU-Kommission war, die Briten dafür zu strafen, dass sie es gewagt haben, der EU den Rücken kehren zu wollen, eine Überlegung, die nicht fern liegt, wenn man die Aussagen der Chefunterhändler der EU kennt, und wenn man bei der EU-Kommission gehofft hat, die Tories durch eine apodiktische und kompromisslose Verhandlungsführung aufzureiben und so Labour zu einer Mehrheit in Westminster zu verhelfen, dann ist dieser Schuss gehörig nach hinten losgegangen.

Entstanden ist mit der Brexit Party eine politische Partei, der es gelingen könnte, auf Jahre hinaus eine führende Rolle in der britischen Politik zu spielen und, wenn man in Rechnung stellt, dass Nigel Farage ein Politiker ist, der es gewohnt ist, seine Agenda durchzusetzen und den auszeichnet, was die meisten Politiker vermissen lassen: Geradlinigkeit, Entschlusskraft und eine Aura des Gewinners, dann kommen stürmische Zeiten auf die EU in Brüssel zu.


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11Comments

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  1. 6
    archenlaender

    Das findet in unseren Medien gar nicht statt, im Gegenteil, es wird uns immer noch erzählt, dass die Briten den Brexit eigentlich gar nicht wollen.

    • 7
      Bill Miller

      und selbst die Intelligenteren glauben das. Aber die meisten sind halt an die ZDF/ARD gewöhnt. Was in Tagesschau und Heute kommt wird nicht hinterfragt und wer daran Zweifel äußern will sollte das sehr vorsichtig tun sonst wird es am Mittagstisch recht rasch recht frostig.

  2. 8
    Christoph Friedrich

    Kleine Berichtigung: Auch der Wahlkreis London ist ein englischer Wahlkreis, und die rote Farbe deutet darauf hin, daß dort Labour den größten Zuspruch erhält.

  3. 9
    Don Johnson

    Spiegel:
    „Die britische Premierministerin Theresa May will das Parlament in London über ein zweites Brexit-Referendum abstimmen lassen – wenn die Abgeordneten dem Brexit-Abkommen mit der EU zustimmen“
    .
    WO:
    „May will die Abgeordneten darüber abstimmen lassen, ob ein zweites Referendum über das Austrittsabkommen abgehalten wird…Wer von ihnen ein zweites Referendum wolle, müsse für ihren neuen Gesetzesvorschlag stimmen. Dieser ist notwendig, um das mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen in Kraft zu setzen“
    .
    Hallo Herr Klein, was ist da dran, ich bin jetzt gründlich verwirrt: Ein zweites Brexit-Referendum und die Vorraussetzung ist, dass die Abgeordneten dem Brexit-Abkommen der EU zustimmen? Ist das so zu verstehen, zweites Brexit-Referendum = ein neues Referendum aka Volksabstimmung über den Ausstieg von GB aus der EU oder wie, oder ist das ein EU-Wahlkampfmanöver?

    • 10
      Michael Klein

      Dying embers of a failed PM.
      Die Abstimmung über das zweite Referendum setzt ein Akzeptieren von May’s Withdrawal Agreement voraus.
      Das hat KEINE Chance durch das Parlament zu gehen.

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