Gipfel der Heuchelei: Christoph Butterwegge schreibt von Armut und der Steuerung des “Pöbels”

Ausgabe 11 des “gewerkschaftlichen Debattenmagazins Gegenblende” enthält einen Beitrag als dessen Verfasser “Prof. Dr. Christoph Butterwegge” angegeben wird. Die Reihung von Amtsbezeichnung und Bildungstitel soll offensichtlich suggerieren, dass der nachfolgende Text aus besonders berufener Feder stammt, von einem, gegen dessen Einsetzung in das Amt des Professors das Kultusministerium nichts einzuwenden hatte (= Professor) und von einem, dem eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit einen Bildungstitel eingebracht hat (= Doktor). Im weiteren messe ich die Aussagen von Herrn Butterwegge am wissenschaftlichen Anspruch, wie ihn der Titel “Dr.” transportiert, nicht an der administrativen und politisch abgesegneten Position, die sich in der Amtsbezeichnung “Professor” niederschlägt.

Dr. Christoph Butterwegge schreibt über Armut und Reichtum. Armut, so weiß er gleich im ersten Satz zu berichten, wächst „hierzulande seit Jahren“, und zwar, wie man einige Zeilen weiter erfährt, weil der politische Wille fehle, die Armut zu beseitigen. „Armut“, so ist im neuesten Datenreport des Statistischen Bundesamts zu lesen, „ist eine Situation wirtschaftlichen Mangels, die verhindert, ein angemessenes Leben zu führen. Da das Wohlstandsniveau in Deutschland deutlich über dem physischen Existenzminimum liegt, werden in Deutschland und in der EU meist die ‚relative Armut‘ und die ‚Armutsgefährdung‘ betrachtet“ (Deckl, 2011, S.151). Mit anderen Worten, die Armut, von der Butterwegge schreibt, gibt es in Deutschland wenn überhaupt, so nur in verschwindend geringem Ausmaß und weil dem so ist, die Armutsforschung aber einen Gegenstand benötigt, behilft man sich mit dem Konzept der „relativen Armut“. Relativ arm sind diejenigen, die weniger als „60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung haben“ (Deckl, 2011, S.151). Die relative Armut ist demnach ein statistisches Konstrukt, das – da es einer formalen Berechnung folgt – überall dort vorhanden ist, wo die Formel zur Anwendung kommt. Das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen beschreibt das Einkommen, das die Bevölkerung in zwei Hälften teilt, d.h. wenn das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen in Deutschland 18.856 Euro beträgt, dann gibt es ebenso viele Deutsche, die mehr zur Verfügung haben als es Deutsche gibt, die weniger zur Verfügung haben. Wenn das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen in Gesellschaft A 25.000 Euro im Jahr beträgt, dann gilt als relativ arm, wer 15.000 Euro netto oder weniger im Jahr zur Verfügung hat. Wenn das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen wie im Fall von Deutschland 18.856 Euro beträgt, dann gilt als relativ arm, wer 11.151,60 Euro netto oder weniger im Jahr zur Verfügung hat. 15.5% der Bevölkerung hatten im Jahr 2008 11.151,60 Euro netto oder weniger zur Verfügung (Deckl, 2011, S.154), was angesichts der Tatsache, dass in diese Berechnung Auszubildende, Studenten und Schüler mit eigenen Einkommen eingehen, kaum verwunderlich ist. Dieser Anteil beschreibt die „Armutsgefährdeten“ und er hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert.

Christoph Butterwegge besetzt einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln, und er hat einen Doktortitel. Die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens sollten ihm also vertraut sein. Wissenschaftliches Arbeiten besteht darin, Hypothesen über die Realität aufzustellen und an der Realität zu prüfen. Butterwegge hat seine Aussage über Armut offensichtlich nicht an der Realität geprüft, sie ist gar nicht dazu gedacht, an der Realität geprüft zu werden. Sie will Stimmung machen und den Boden bereiten, auf dem Butterwegge seinen Lesern unter der Hand sein Weltbild unterschieben kann, ein Weltbild, das sehr deutlich wird, wenn man einige Stellen seines Textes in Reihe stellt:

  •  Armut und Reichtum sind systembedingt, so schreibt er, beide seien konstitutive Bestandteile des Kapitalismus; Armut sei das Eigentümliche einer bürgerlichen Gesellschaft, die „nicht genug besitzt, dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“.
  • Armut könne durch eine Politik der Umverteilung beseitigt werden.
  • „Armut erscheint in einer Gesellschaft, die den Wettbewerb bzw. die Leistung geradezu glorifiziert und Letztere mit Prämien, Gehaltszulagen oder Lohnsteigerungen prämiert, als funktional, weil sie nur das Pendant dessen verkörpert, was die Tüchtigeren und daher Erfolgreichen in des Wortes doppelter Bedeutung ‚verdient‘ haben“.
  • Armut ist „sozialer Sprengstoff“ und eine „Gefahr für die Demokratie“, denn eine „alleinerziehende Mutter, die nicht weiß, wie sie teure Schulmaterialien für ihre Kinder bezahlen soll, wird sich kaum an den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen beteiligen können“.

Offensichtlich hat Butterwegge ein sozialistisches Idyll im Hinterkopf, wenn er schreibt, was gerade zitiert wurde. Offensichtlich hält Butterwegge Menschen für Marionetten politischer Systeme, die durch keinerlei eigenen Antrieb und keinerlei Ehrgeiz ausgezeichnet sind und denen Wettbewerb und Konkurrenz fremd, ja verhasst ist. Offensichtlich verachtet Butterwegge Arme und denkt, es sei die Aufgabe des Staates „den Pöbel“ durch Umverteilung „zu steuern“. Butterwegge hat zwar nicht den Mut, Arme selbst als Pöbel zu bezeichnen, aber er wählt ein entsprechendes Zitat von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, und da er mit diesem Zitat seine These, dass Armut und Reichtum dem Kapitalismus systemimmanent sind, belegen will, kann man mit gutem Grund annehmen, dass er mit dem Inhalt übereinstimmt.

Es ist an der Zeit, in Erinnerung zu rufen, dass Butterwegge zu Beginn seines Artikels eine Schimäre geschaffen hat, „Armut“, die es in Deutschland nach den Erkenntnissen des Statistischen Bundesamtes nicht gibt. Es gibt ein statistisches Konstrukt, das als relative Armut bezeichnet wird und dessen Berechnung immer einen Bevölkerungsteil hervorbringen muss, der weniger als 60% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens zur Verfügung hat. Insofern hat Butterwegge recht, diese Form von relativer Armut ist systemimmanent, aber sie ist nicht nur kapitalistischen Gesellschaften immanent, sie ist auch sozialistischen Gesellschaften immanent, denn bislang ist keine Gesellschaft bekannt, die es geschafft hätte, keine soziale Hierarchie hervorzubringen. Offensichtlich streben Menschen danach, sich von anderen zu differenzieren, und die Suche nach Differenzierungsmerkmalen führt in der Regel zu Beruf, Einkommen oder Titeln, wie dies ja auch bei Butterwegge der Fall ist, der seinen Beitrag mit „Prof. Dr. Christoph Butterwegge“ überschreibt und nicht etwa mit „Christoph Butterwegge“. Scheinbar will sich selbst Butterwegge, dem die „Glorifizierung von Wettbewerb“ so verabscheuenswürdig ist, nichts desto trotz differenzieren. Ganz offensichtlich hat er auch nichts dagegen, aus der sicheren Entfernung des eigenen Büros im Gebäude der Universität zu Köln über etwas zu schreiben, was er, wie die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, sich einbildet. Er kann dies tun, weil kapitalistische Wirtschaftssysteme über die letzten Jahrhunderte, wie ein ausführlicher Bericht von Angus Maddison (2001) belegt, Wohlstand in einer nie dagewesenen Weise geschaffen haben, Wohlstand, der es ermöglicht, nicht nur 7 Milliarden Menschen zu ernähren, sondern der es darüber hinaus gestattet, Menschen wie Butterwegge von handwerklicher oder körperlicher Arbeit freizustellen und für ihre „Gedanken“ zu bezahlen. Das Nettoeinkommen von Butterwegge liegt mit Sicherheit deutlich über dem Nettoeinkommen der von ihm so bedauerten „alleinerziehenden Mutter“, die sich nicht an den Prozessen der demokratischen Willensbildung beteiligen kann. Entsprechend schlage ich vor, „Prof. Dr. Butterwegge“ verzichtet auf die Hälfte seines Gehalts und finanziert damit die Beteiligung an der politischen Willensbeteiligung für alleinerziehende Mütter, damit zumindest einmal etwas empirisch Verwertbares aus seinen Einlassungen resultiert.

Literatur

Deckl, Silvia (2011). Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg). Datenreport 2011 . Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.

Maddison, Angus (2001). The World Economy. A Milleninial Perspective. Paris: OECD.

Bildnachweis: Institute of Developmental Studies

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11 Responses to Gipfel der Heuchelei: Christoph Butterwegge schreibt von Armut und der Steuerung des “Pöbels”

  1. crumar says:

    Ich lese eigentlich gerne Ihre Beiträge, die sonst erfreulich unideologisch daherkommen – geht es jedoch um Themen wie Armut oder soziale Ungleichheit und schreibt dann noch ein Autor über diese Thematiken, den Sie unkeuscher, sozialistischer Gedanken bezichtigen, dann gehen bei Ihnen die Gäule durch.

    Natürlich ist eine “Armutsrisikoschwelle” ein statistisches Konstrukt.
    Ein “Durchschnittsalter” ist ebenfalls ein statistisches Konstrukt, die “demographische Entwicklung” ist ein statistisches Konstrukt.

    Mir ist das Ziel Ihrer Polemik nicht klar.
    Mir scheint, Sie sind ausschließlich gegen statistischen Konstrukte, deren Resultate Ihnen nicht passen.

    Fakt ist, dass in Deutschland 2008 14% der Bevölkerung unter dieser Armutsrisikoschwelle lebten und diese Zahl zwischen 1998 und 2008 um 40% zugenommen hat.
    Das sind die Daten des sozioökonomischen Panels.
    Wenn Sie andere Zahlen haben, dann möchte ich diese gerne mit Quellen geliefert bekommen.

    Und Sie operieren gerne auch mit einem Konstrukt, um Armut in Ihrem Sinne weg zu definieren: Dem Nettoäquivalenzeinkommen.

    Nur verschweigen Sie an dieser Stelle, wie es gebildet wird, weil Sie es nämlich ganz einfach mit dem Einkommen gleichsetzen.

    Zur Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens nach der OECD-Skala wird das Haushaltseinkommen gewichtet geteilt.
    Es unterstellt also Kostenersparnisse in Mehrpersonenhaushalten.
    Die Gewichtung des Bedarfs für den Haushaltsvorstand ist 1, 0.5 für Personen im Alter von 14+ Jahren und 0,3 für unter 14 Jahren.

    Das wird Eltern von bspw. zwei zwei- und dreijährigen Kindern erstaunen.
    Dass nämlich der Bedarf eines solchen Kindes ein Drittel ihres eigenen ist.
    So zumindest *dieses* statistische Konstrukt.

    Schönen Gruß, crumar

    • Hallo Crumar,
      es freut mich, dass Sie meine Beiträge “eigentlich gerne” lesen!

      Ich bin mir bewusst, dass ich mit der Armut ein heißes Eisen und Lieblingskind der deutschen Mittelschicht angefasst habe, aber als jemand, der aus der Unterschicht stammt und daher mit Sicherheit besser beurteilen kann als Herr Butterwegge, was Armut in Deutschland bedeutet, war es mir ehrlich gesagt ein Bedürfnis, auch dieses Thema zu bearbeiten und da ich zudem Politikwissenschaft studiert habe, ärgert mich der pseudo-wissenschaftliche Kram des Herrn Butterwegge besonders.

      Ich verwahre mich entschieden gegen den Vorwurf, ich hätte eine Polemik geschrieben und zudem habe ich nichts gegen statistische Konstrukte, so lange sie auch sinnvoll sind und angegeben wird, was sie aussagen und vor allem, was sie nicht aussagen. Als jemand, der jahrelang empirische Sozialforschung betrieben hat, weiß ich zudem, wovon ich spreche.

      Wenn Sie den Beitrag ganz unemotional lesen, dann werden Sie feststellen, dass genau dieser Punkt von mir in den Vordergrund gestellt wird: Was kann man auf Grunlage des Konstrukts relativer Armut sagen und was nicht. Deshalb kritisiere ich Butterwegges undifferenzierten Gebrauch des Wortes “Armut”. Sie scheinen mir auch dem Irrtum zu unterliegen, Armut und relative Armut seien dasselbe. Dem ist nicht so. Wie Sie weiter dem Text entnehmen können, spreche ich sogar von 15,5% die 2008 von Armut gefährdet sind. Die Quelle finden Sie unter “Literatur”.

      Zudem setze ich mit nichten das Einkommen mit dem Nettoäquivalenzeinkommen gleich, aber Sie haben Recht, ich habe mir den Hinweis auf die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommen nach OECD geschenkt, denn es hätte einen langen Text noch länger gemacht, weil es nämlich erfordert hätte, anzugeben, was alles in die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens eingeht:

      – Einkommen aus Vermietung und Verpachtung
      – Familienleistungen (Kindergeld, Elterngeld usw.) und Wohnungsbeihilfen
      – Sozialgeld, Sozialhilfe, bedarfsorientierte Grundsicherung
      – regelmäßige Geldtransfers zwischen privaten Haushalten (Unterhaltszahlungen)
      – Zinsen, Dividenden, Gewinne aus Kapitalanlagen nach Abzug entsprechender Steuern
      – Einkünfte von Haushaltsmitgliedern unter 16 Jahren

      – Einkommen der Haushaltsmitglieder nach Abzug der Steuern und Sozialversicherungsbeiträge
      – Arbeitslosengeld
      – Alters- und Hinterbliebenenrente
      – Krankengeld und Invalidenrente
      – ausbildungsbezogene Leistungen

      Der erste Erwachsene geht mit dem Faktor 1 in die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens ein,
      der zweite Erwachsene nurmehr mit dem Faktor 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit dem Faktor 0,3.
      Damit soll gewichtet werden, dass (1) Familien mit Kindern Bezieher von Transferzahlungen sind, die
      die Kosten von Kindern reduzieren, wenn nicht gar tragen und (2) dass die Ernährerehe in den meisten
      OECD-Ländern nach wie vor weit verbreitet ist und somit ein Einkommen für zwei Erwachsene ausreichen muss.

      Entsprechend beträgt das Nettoäquivalenzeinkommen eines Arbeiterhaushaltes, der aus einem alleinelebenden
      Arbeiter besteht, der 1.000 Euro nach Steuern verdient, 1.000 Euro, während das Nettoäquivalenzeinkommen des Arbeiters,
      der immer noch 1.000 Euro verdient, aber verheiratet ist und zwei Kinder hat, für die er je 184 Euro Kindergeld erhält,
      während seine Frau Eltergeld in Höhe von 65% ihres letzten Verdienstes (angenommen 1.000 Euro) also 650 Euro bezieht.
      Insgesamt hat der Haushalt somit ein Nettoäquivalenzeinkommen von

      1.000 + 325 (650×0,5) + 110,4 = 1435,4 Euro und liegt somit mit 17224,80 Euro unter dem mittleren Nettoäquivalenzeinkommen.

      Gleiches gilt für den Auszubildenden der 600 Euro im Monat verdient – auch er liegt unter dem mittleren Nettoäquivalenzeinkommen.
      Gleiches gilt für den Studenten, der Bafög in Höhe von 749 Euro monatlich erhält …

      Wollen Sie wirklich in all diesen Fällen von Armut reden?
      Ich dachte eigentlich, das Bild von den Slums zu Beginn des Textes, macht deutlich, dass Armut etwas anderes ist.

  2. Eike Scholz says:

    Hm,
    “Armut könne durch eine Politik der Umverteilung beseitigt werden.”

    ja sicher, zumindest Kurzzeitig. Richtige Armut, i.e. ein existentiell bedrohlicher Mangel an Ressourcen, kann aber auch nur dann beseitigt werden, wenn genug zum (Um-)Verteilen da ist.
    Also, solange eine Gesellschaft reich genug ist, kann sie Armut durch Umverteilung beseitigen.
    Daraus folgt aber auch, dass eine Gesellschaft eine Beseitigung der Armut nur in dem Maße garantieren kann, in dem sie garantieren kann reich genug zu bleiben.
    So kann ich z.b. ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten, solange dessen höhe *nicht* an irgend einen Bedarf der Menschen gekoppelt ist, sondern ausschließlich an die Wirtschaftliche Leistung der Gesellschaft.

    Relative Armut kann man in der Regel sehr einfach reduzieren, in dem man die Reichsten 10.000 (oder so) aus dem Land jagt. Allein das sollte einen klar machen dass man die Reduktion der relativen Armut nicht zu einem politischen Ziel machen sollte, bzw. dass aus einer Reduktion der relativen Armut *nicht* folgt, dass es irgendwem deshalb besser geht. Relative Armut lässt sich durch Umverteilen komplett eliminieren, *auch* bei 100% existentieller Armut. Abschaffen der Relativen Armut ist sozusagen Placebo-Sozialismus.

    Abgesehen davon: Mir ist aber immer noch nicht klar was Armut mit Kapitalismus zu tun hat. Das höre ich von Linken immer wieder, und mir sind auch die Probleme des Kapitalismus wohl bekannt, aber warum sollte eine Kapitalistische Gesellschaft das nicht genau so gut oder schlecht abschaffen können wie jede Andere. Zumindest was das erzeugen von Ressourcen angeht scheint Kapitalismus ja gut zu funktionieren …

  3. crumar says:

    1. Herr Klein, natürlich können Sie gerne weiterhin gegen Prof. Butterwegge ad hominem argumentieren, weil Ihnen seine Kapitalismuskritik nicht passt.
    Und wenn ich vergleiche, so benötigen Sie 1113 Wörter, um auf einen Artikel von ihm zu antworten, der 919 Wörter umfasst.

    Vielleicht wäre es sinnvoll, nicht einen Artikel zu kritisieren, der in einem Gewerkschaftsmagazin erscheint und von daher weder Anlass, noch Umfang zu einer wissenschaftlichen Darlegung von Thesen bietet, sondern sein Buch lesen und kritisieren, welches auch am Ende des Artikels benannt wird: :„Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird“

    Wenn Ihnen dann sein wissenschaftliches Arbeiten nicht passt, so haben Sie in Ihrem Blog natürlich die Gelegenheit, dieses ausführlich zu kritisieren.

    2. Nur wird das schwerlich gegen die anderen Vertreter des Begriffs “relative Armut” gelingen. Zumal sich u.a. OECD (und WHO) nun einmal darauf darauf geeinigt haben, diese zu erfassen und in Form von Berichten und Analysen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

    Diese OECD berichtet 2008:

    “Auch die Einkommensunterschiede, die lange Zeit im OECD-Vergleich eher gering waren, haben fast das OECD-Niveau erreicht. Vor allem durch einen überproportionalen Anstieg der höheren Einkommen seit der Jahrtausendwende ist die Einkommensschere auseinandergegangen. Insgesamt haben in Deutschland Ungleichheit und Armut in den Jahren 2000 bis 2005 so schnell zugenommen wie in keinem anderen OECD-Land. Neuere nationale Ergebnisse, die auf derselben Datenquelle beruhen (SOEP), zeigen auf, dass sich der Trend zu einer ungleicheren Einkommensverteilung 2006 fortgesetzt hat, 2007 allerdings zu einem vorläufigen Ende gekommen ist.”

    http://www.oecd.org/document/54/0,3746,de_34968570_35008930_41530998_1_1_1_1,00.html

    Auch wenn es Ihnen nicht passt, so ist das statistische Konstrukt “relative Armut” in der Sozialforschung verbreitet und akzeptiert.

    3. Mich würde weiterhin auch interessieren, warum Sie so vehement gegen diesen Begriff polemisieren.
    Möchten Sie stattdessen nur die “absolute Armut” als Armut gelten lassen?
    Also möglichst mit einer Grenze von 1,25 USD am Tag?
    In diesem Fall würde es Ihnen in der Tat gelingen, Armut in Deutschland per Definition zu beseitigen.
    Allerdings wäre es für mich sehr interessant, wie Sie dann eine “Unterschicht” definieren – aus der zu entstammen Sie ja betonen und gegen die Mittelschicht mit ihrer Armutsneurose in Stellung bringen.
    Und einen Moment war ich versucht zu überlegen, ob Sie mir damit nicht zu verstehen geben wollen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt.
    Aber da dieser Gedanke von Karl Marx stammt, muss ich mich getäuscht haben. 😉

    4. Ihre Beispiele finde ich nicht zutreffend.

    Zum einen bezog ich meine Familie auf “zwei zwei- bis dreijährige Kinder”. Da Elterngeld nur maximal 14 Monate gezahlt wird, entfällt dieser Posten in einer Kalkulation naturgemäß. Da Betreuungseinrichtungen für Kinder in diesem Lebensalter in diesem Land selten und teuer sind, wird die Frau mit großer Wahrscheinlichkeit nicht oder gering verdienend arbeiten und ansonsten zu Hause bleiben.

    Dann hätte ich noch anzumerken, dass Auszubildende in der Regel keinen Haushalt bilden – und das bei der von Ihnen genannten Ausbildungsvergütung auch unwahrscheinlich ist.
    Der Bafög Höchstsatz ist seit Oktober 2010 670 Euro – es würde mich sehr wundern, wenn mehr als 40% der Studierenden diesen Höchstsatz erhalten.

    Schönen Gruß, crumar

    • Hallo Crumar,

      1. Ad hominem ist ein Angriff auf eine Person, bei der Inhalte keine Rolle spielen. Eine Position wird abgelehnt, weil eine bestimmte Person sie äußert. Das ist hier gerade nicht so. Ich lehne nicht Herrn Butterwegge ab, sondern das, was er von sich gibt. Ich habe seine Aussagen an Kriterien gemessen und dabei haben seine Aussagen sich als falsch erwiesen. Das ist eine wissenschaftliche Vorgehensweise, die man Kritik nennt, mit ad hominem hat das nichts zu tun. Aber ich sehe schon, Herr Butterwegge ist einer Ihrer Helden,quasi Ihr positiver ad hominem 🙂 Was hätte sich an den Aussagen in dem Text bei Gegenblende geändert, wenn ich das Buch noch mitverwurstet hätte?

      2. Wenn internationale und nationale Organisationen also einen Begriff nutzen, dann darf man ihn nicht mehr hinterfragen? Eine verquere Logik! Relative Armut ist kein sozialer Tatbestand, sondern ein statistisches Konzept. Entsprechend ist es unerlässlich, dass man sich fragt, wie es operationalisiert wird, da man sonst nicht weiß, was es misst. Und im Gegensatz zu ihnen bin ich der Ansicht, dass man aufhorchen muss, wenn internationale und nationale Organisationen sich auf die Verwendung von Konzepten einigen, dann stecken zumeist handfeste Interessen dahinter, wie dies z.B. beim Gender Pay Gap der Fall ist, das von den von ihnen genannten Organisationen ja auch promoted wird.

      3. Wie ich bereits angemerkt habe, polemisiere ich hier nicht. Wenn Sie anderer Meinung sind, müssen Sie, wo Sie wissen, dass ich mit Ihnen nicht übereinstimme, jetzt einen Beleg dafür anbringen, dass ich polemisiere. Ansonsten lassen Sie bitte diese Unterstellung. Ansonsten muss ich feststellen, dass ich nicht Ihren Essentialismus teile, d.h. ich glaube nicht wie Sie, dass es relative Armut an sich gibt. Relative Armut ist ein statistisches Konzept, das bestimmte Dinge misst, und bestimmte Dinge nicht misst. Und um zu verstehen, was man mit dem Konzept der relativen Armut sagen kann und was nicht, muss man untersuchen, was damit gemessen wird.

      4. Dass man Beispiele mit Gegenbeispielen begegnen kann, ist ein alter Hut – entsprechend kann ich dazu nur sagen, dass es sich so ist, dass unter denen, die in “relativer Armut leben” einer zu finden sein wird, der es in den USA vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht hätte – leider hat ihn das deutsche Sozialsystem daran gehindert.

  4. Pingback: Von der Macht der Worte « Kritische Wissenschaft – critical science

  5. Andreas says:

    Ich teile die Kritik an Butterwegge. Dieser unbelehrbare, ewiggestrige Sozialist und selbsternannte “Armutsforscher” ist zuvor jahrelang als “Rechtsextremismusexperte” durch das Land getingelt und hat damit sein leistungsloses Einkommen, finanziert durch Zwangsabgaben (“Steuern”) erzielt. Während jeder Kapitalist sein Einkommen durch den Dienst an seinen Kunden erzielt und somit der Gesellschaft produktiv dient, führt Butterwegge als Klassenkämpfer eine höchst unmoralische parasitäre Existenz auf Kosten seiner Mitmenschen.

    Es wird Zeit, daß Klassenkämpfern vom Schlage Butterwegges, die die sozialen Spannungen die sie angeblich bekämpfen überhaupt erst herbeikonstruieren und herbeiphantasieren, per Gesetz das Handwerk gelegt wird. Wie bereits in der Weimarer Republik muß der Volksverhetzungsparagraf (wieder) auch auf das Hetzen gegen die Kapitalisten und Wohlhabenden erweitert werden.

  6. Jascha says:

    Dass einige sich gar nicht schämen, wenn sie Armut in Deutschland bestreiten wollen. Natürlich ist Armut in Deutschland v. a. relativ, das haben wir den Strukturen und Menschen in diesem Land zu verdanken. Andere Teile der Welt haben nicht solch ein Wohlstandsniveau, nicht zuletzt dadurch, dass u. a. deutsche Politik sie lange Zeit ausgebeutet hat, ihre Bodenschätze plünderte und ihnen auch heute noch unfaire Handelsbedingungen aufdrückt. Doch gerade da die Strukturen in diesem Land offenkundig vorhanden sind, warum muss es da noch solch ein Niveau an Chancenlosigkeit und verbauter Zukunft geben? Liebe Leute, es ist doch kein Geheimnis, dass in Deutschland ein stark selektives, abschottendes Schulsystem vorherrscht, erst 2006 hat sich der Sonderbotschafter für das Recht auf Bildung beschwert. Es ist auch kein Geheimnis, dass die Löhne seit 10 Jahren nicht gestiegen sind, obwohl wir enorme Produktivitätszuwächse haben, stattdessen der Niedriglohnsektor ausgebaut wurde, in dem Menschen nicht nur jetzt einen großen Teil ihrer Lebenszeit dafür hergeben müssen, sich weitestgehend nur physisch erhalten zu können, um dann später altersarm zu sein. Und es ist kein Geheimnis, dass der Hartz-IV-Satz an Kante berechnet wurde, indem nur so hohe Lebensmittelausgaben einbezogen wurden, wie man sich davon mit günstigsten Discounterprodukten über Wasser halten kann. Und auch wenn Armut hierzulande häufig ein relativer Begriff ist, der psychische Leidensanteil der Armut besteht gerade darin, dass man sich selbst als ausgeschlossen erlebt, was der Fall ist, wenn man durch nicht vorhandene Mittel nicht am gesellschaftlich kulturellen Leben teilhaben kann. Warum verschließt ihr Eure Augen vor den Armutsclustern? Ich möchte dazu ermutern, etwas kausaler über die Angelegenheit nachzudenken. Wer arm ist, hat weniger Chancen, weil häufig ein schlechterer Zugang zu Bildung besteht, weniger Problemlösekompetenzen vorhanden sind, weniger Unterstützungsfähigkeit des Umfeldes, weniger Orientierung und Ressourcen, die eigene Lage zu verbessern. Dies soziale Mobilität in Deutschland ist so in den letzten Jahren auch noch einmal gesunken.
    Warum dies alles? Es gibt keine Begründung für die Erduldung von Armut hierzulande, die etwa auf Wohlstandsmangel zurückgeht. Das Privatvermögen ist jedes Jahr gestiegen, es lag insgesamt reales Wirtschaftswachstum vor. Was jedoch auch zugenommen hat, ist die Ungleichheit, wie sich in der Verteilung von Einkommen und Vermögen zeigt. Und wer hier nun sagt, dies hätten sich die Reichen verdient, der hat schon eine abenteuerliche Vorstellung von der Welt. 50% der Bevölkerung haben ein Gesamtvermögen von 0, die oberen 20% besitzen 80% des Vermögens, d. h. die Krankenschwestern, Bauarbeiterinnen und Feuerwehrmänner, die grundlegend notwendige Leistungen für die Gesellschaft erbringen, partizipieren herzlich wenig am Output. Per Erbrecht hingegen, lässt sich prächtig “verdienen”, was für eine Leistung!
    Wer es gern datenunterlegter hat, möge auf unserem Blog vorbeischauen: http://www.maskenfall.de/

    Hoffnungsvolle Grüße

    P.S.: 60% des Median des Nettoäquivalenzeinkommens als Armutsgrenze ist kein Konstrukt, das immer seine eigene Fälle herbeidefiniert. Es muss nicht der Fall sein, dass Menschen unterhalb einer bestimmten Grenze des Medians liegen, solange die Standardabweichung nicht sonderlich groß ist. Der Median wiederum ist zwar ein Durchschnittswert, der bei wachsendem Wohlstand steigen KANN, aber nicht muss, wie das SOEP auch zeigt, da vom Wirtschaftswachstum nur die privilegierteren Schichten in Deutschland profiziert haben, die unterprivilegierten (mindestens) 50% hingegen gerade nicht.

    • Hallo Jascha,

      viele Diagnosen, die Du ansprichst, teile ich, aber was ich in keiner Weise teile, ist die Zuweisung der Ursachen und die verordnete Kur. Um zu begründen warum, lass mich ein wenig persönlich werden. Ich bin jemand, der aus der Arbeitschicht stammt. Mein Vater war Hilfsarbeiter und hat sein Leben lang versucht, auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich habe auch Bafög und mit einer Reihe Nebenjobs studiert, so dass ich glaube, das ich weiß, was es bedeutet, wenn man nicht zu den oberen 20% der Einkommenspyramide gehört. Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, mich als arm zu sehen und mir das Mitleid und die meist verbale Unterstützung angeblich wohlmeinender aus der Mittelschicht einzuholen. Die ungleiche Einkommensverteilung hat mir immer als Ansporn gedient, es weiter zu bringen, etwas aus mir zu machen und heute, im fortgeschrittenen Alter kann ich auf eine Lebensleistung zurückschauen, die zu erreichen mir nicht möglich gewesen wäre, hätte ich mich von den schönen Worten der Mittelschicht einlullen lassen und mich dem Chor derer angeschlossen, die einen Lebenssinn darin gefunden haben, die Ungerechtigkeit ungleicher Verteilung zu besingen.

      Wenn es in Deutschland wenig soziale Mobilität gibt, dann liegt das z.B. daran, dass Mittelschichtler an Schulübergängen wie Korken auf der Flasche sitzen und selbst begabten Kinder aus der Arbeiterschicht ein Strick daraus gedreht wird, dass ihr Vater trinkt und sie deshalb nicht die notwendige Unterstützung finden werden, um auf dem Gymnasium zu bestehen. Es liegt daran, dass eine Hilfeindustrie, die weiten Teilen der Mittelschicht Beruf und Auskommen verschafft, sich wie ein Schleimfilm über die Versuche von Menschen aus unteren Schichten legt, nach oben zu kommen und vor allem etwas aus sich zu machen. Sie einlullt im Neid auf die, die angeblich so viel verdienen und festschraubt auf ihren Rechten, die sie beim Sozialamt einklagen können, und während sie das tun, ist gewährleistet, dass sie sich nicht bewegen und den prekären Status der Mittelschicht nicht durch vertikale Mobilität aufweichen. Die ungleiche Gesellschaft in Deutschland ist kein Ergebnis eines Einkommensgefälles, sie ist ein Ergebnis der zum Teil aggressiven Art, mit der die Mittelschicht versucht, die Unterschicht von den eigenen Einkommensquellen fern zu halten und von ihrer Hilfsbedürftigkeit zu überzeugen. (Man denke nur an die Diskussion über das Unterschichtenfernsehen und dergleichen symbolische Rituale, mit denen der Abstand zur Unterschicht beibehalten werden soll.)

      Insofern frage ich mich immer, was es Mitgliedern der Mittelschicht bringt, wenn sie sich um Unterschichtler kümmern und versuchen, die Lebenssituation der Unterschicht im eigenen ideologischen Kampf gegen die Oberschicht oder welchen ideologischen Feind auch immer, zu instrumentalisieren. Was bringt es z.B. Dir, Dich für Menschen einzusetzen, die Du nur von Ferne kennst und von denen Du nicht weißt, ob sie von Dir verteidigt und “gefördert” werden wollen?

      Nun zur relativen Armut. Deine gesamte Argumentation zeigt, dass relative Armut ein einfaches Konstrukt ist. Und, man vergebe mir die Deutlichkeit, der letzte Absatz ist absoluter (nicht relativer) Unsinn. Wenn ich eine Menge in zwei Teile teile, dann habe ich IMMER eine Teilmenge unter dem Median und eine Teilmenge über dem Median. Die einzige Ausnahme ergibt sich dann, wenn es keine Menge zum teilen gibt, also z.B.dann, wenn alle identisch sind, das selbe besitzen, die selben Wünsche, Ziele … haben. (Es nützt nichts, wenn die Standardabweichnung nicht groß ist, denn eine vorhandene Standardabweichung zeigt, dass es Differenzen gibt und somit welche geben muss, die unter dem 60%-Netomedianeinkommen liegen. Insofern kann Deine Argumentation nur dann zutreffen, wenn die Standardabweichung genau NULL ist.) Das ist eine Dystopie sondersgleichen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man eine Menge Zombies als anzustrebenden gesellschaftlichen Zustand ansehen kann. Aber wenn es Dir damit ernst ist, dann solltest Du nicht fordern, dass diejenigen, die viel verdienen, mehr abgeben oder besteuert werden, Du solltest mit gutem Beispiel vorangehen und von Dir und Deinen Mittelschichtskollegen verlangen, dass Sie jeden Cent, mit dem sie über dem Netto-Medianeinkommen liegen, spenden, für Bedürftige aus der Arbeiterschicht. Man kann schließlich nicht von anderen verlangen, was man nicht selbst zu tun bereit ist.

  7. Pingback: Sinn und Unsinn in den Sozialwissenschaften « Kritische Wissenschaft – critical science

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