Unsinn der Woche: Susann Fegters diskursanalytische Traumwelten

Eine Dekade nachdem Dr. habil. Heike Diefenbach und ich in “Bringing Boys Back In” auf der Grundlage amtlicher Daten und somit auf der Grundlage aller Schulabsolventen für die Schuljahre 1994/1995 bis 1999/2000 gezeigt haben, dass Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben, gibt es immer noch Personen, die sich mit schulischer Bildung bzw. mit “der Krise der Jungen” befassen und behaupten, die Erde sei eine Scheibe, d.h. Jungen hätten gar keine Nachteile, jedenfalls nicht “die Jungen”. Ein neues Beispiel kommt aus Bielefeld. Dort hat die Lehrbeauftragte, Susann Fegter, einen Vortrag unter der Überschrift “‘Wir müssen Jungs wieder lieben lernen’ – Geschlecht und Generation im Mediendiskurs um die Krise der Jungen” gehalten.

Ziel dieses Vortrags ist es einerseits, den “Diskurs”, um die schulischen Nachteile von Jungen um leere Floskeln wie “Wirkmächtigkeit”, “Diskursfiguren”, “Anrufungen”, und Sätze wie den folgenden zu bereichern: “Die Kritik richtet sich dabei weniger auf Medien an sich, als auf die Reflexion von Voraussetzungen und Weisen der Wissensproduktion in einem einflussreichen Feld”. (12) Andererseits versucht Fegter mit diesem Vortrag, die schulischen Nachteile von Jungen zu delegitimieren und den “medialen Diskurs” über die Nachteile von Jungen als “Retraditionalisierung von Männlichkeit … über moralisierende Zuschreibungen schlechter Elternschaft und schlechter Pädagogik” zu diffamieren. In Deutsch: “Die” Jungen haben gar keine Nachteile bei der schulischen Bildung, und die Medien haben mit ihrer  Berichterstattung über die nicht vorhandenen Nachteile von Jungen ungerechtfertigter Weise mit dem Finger auf Versäumnisse in Elternhaus und Schule gezeigt.

Die “Diskursanalyse” von Fegter hat uns somit in das 7. Jahrhundert vor Christus zurückversetzt, in die Zeit, zu der Hesiod sein Bild des Kosmos entwickelt hat, in dem die Erde eine runde, vom Okeanos umflossene Scheibe unter dem gewölbten, eisernen Himmel ist. Zentral für die Behauptung von Frau Fegter, dass “die Jungen” im deutschen Bildungssystem keine Nachteile hätten, sind vier “korrigierende Hinweise”, die angeblich gezeigt haben, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile im deutschen Bildungssystem haben.

Die “korrigierenden Hinweise” (1) und (3) lauten wie folgt:

(1) “Nicht Jungen per se sind benachteiligt, sondern vor allem solche aus bildungsfernen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund” (3) “Jungen und Mädchen aus unterprivilegierten sozialen Schichten schneiden schlechter ab als Kinder aus sozial privilegierten Familien, d.h. auch manche Mädchengruppen haben deutliche Probleme im Zugang zu Bildung …”

Ich werde also einmal mehr (vermutlich zum rund 10. Mal) zeigen, warum die hier vorgebrachten Aussagen, nichts daran ändern, dass Jungen und nicht Mädchen im deutschen Bildungssystem Nachteile haben (Ich vermute zwar, dass die Nachteile auf Benachteiligung zurückgehen und Studien wie die Hamburger Lau-Studie oder die Berliner Element-Studie  belegen diese Vermutung, aber ich bin mir darüber nicht so sicher wie Frau Fegter, oder liegt hier eine -diskursanalytisch betrachtet – Verwechslung von Nachteil (passiv) und BEnachteiligung (aktiv) vor?). Wie immer ist dabei das in unserem Grundsatzprogramm entwickelte Instrumentarium des kritischen Denkens von besonderer Bedeutung, z.B. bei der Feststellung, dass in  (1) – obwohl es sich um eine vergleichende Aussage handelt, die Nennung der Vergleichsgruppe “Mädchen” unterbleibt, während in (3), wo das schlechtere Abschneiden von “Kindern aus sozial nicht privilegierten Familien” beklagt wird, Jungen und Mädchen genannt werden. Aber das sei nur am Rande für diejenigen bemerkt, die sich gerne mit der Psyche von Ideologinnen beschäftigen.

Nun zu den Behauptungen, es seien nicht die Jungen, sondern Jungen aus “bildungsfernen Schichten”, die Nachteile in der Schule hätten und Mädchen aus bildungsfernen Schichten hätten auch Nachteile.

Die folgende Abbildung stellt die prozentuale Verteilung von Jungen und Mädchen auf die im deutschen Schulssystem erreichbaren Abschlussarten dar. Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt und umfassen ALLE Absolventen allgemeinbildender Schulen für den Schuljahrgang 2010/2011 (Fachhoschulreife und Hochschulreife wurden zusammengefasst). Wie sich zeigt, ist der Anteil der Jungen, die eine Hauptschule mit oder ohne Abschluss verlassen höher als der Anteil von Mädchen, dagegen ist der Anteil von Mädchen, die die Schule mit einer Hochschulreife verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Jungen.

Nehmen wir nun mit Fegter an, es seien vornehmlich Jungen aus bildungsfernen Schichten, und nutzen wir nicht diesen Euphemismus der Mittelschicht, sondern nennen wir die Unterschicht beim Namen, dann kann man diese Behauptung, dass es vor allem Jungen aus der Unterschicht sind, die schlechter abschneiden als Mädchen, dahingehend in die Realität umsetzen, dass der Anteil der Jungen aus der Unterschicht, die einen oder keinen Hauptschulsabschluss erreichen,   größer dargestellt wird als der Anteil der Jungen, die nicht aus der Unterschicht stammen und einen oder keinen Hauptschulabschluss erreichen. Die jeweils dunkleren und helleren blauen und roten Flächen in den Stäpelchen, die mit “männlich” unterschrieben sind, geben die entsprechenden größeren Anteile an. Und was zeigt sich, Frau Fegter? Es zeigt sich, dass sich an der Gesamtverteilung der einzenen Farbflächen in der Darstellung NICHTS (außer der Farbschattierung) ändert: Immer noch gilt, dass weniger Jungen eine Hochschulreife erreichen als Mädchen, immer noch ist der Anteil der Jungen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen, höher als der entsprechende Anteil von Mädchen.

Aber, Fegter behauptet ja auch, dass “Jungen und Mädchen” aus der Unterschicht gleichermaßen schlechter abschneiden als “Jungen und Mädchen”, die nicht aus der Unterschicht kommen. Nehmen wir diese Behauptung kurz ernst, obwohl sie im Widerspruch zu Aussage (1) steht, in der behauptet wurde, die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen bei allgemeinbildenden Schulabschlüssen seien auf das schlechtere Abschneiden von Jungen aus der Unterschicht (und Migrantenjungen, die wir der Einfachheit halber zur Unterschicht rechnen) zurückzuführen, und übertragen wir diese Behauptung abermals auf die entsprechenden Anteile, dann ergibt sich abermals keine Änderung. Wie man deutlich sehen kann, wenn man den schwarzen Linien, die die linke mit der rechten Abbildung verbinden, folgt, ändert eine Unterteilung derjenigen, die mit oder ohne Hauptschulabschluss von der Schule gehen, weder bei Jungen noch bei Mädchen etwas am Gesamtanteil der entsprechenden Abgänger unter allen Abgängern allgemeinbildender Schulen, und es ändert überhaupt nichts an der Gesamtverteilung, die nach wie vor zeigt, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen deutliche Nachteile im Hinblick auf die schulische Bildung haben.

Ich habe die graphische Darstellung gewählt, weil ich weiß, dass “diskursanalytisch Fabulierende” in der Regel eine Aversion gegen Zahlen haben. Daher verbinde ich mit dieser Darstellung die Hoffnung, dass Farbflächen einer entsprechenden intellektuellen Verarbeitung eher zugänglich sind (wenn es hilft, Frau Fegter, stellen Sie sich einfach vor, es handele sich um Fingerfarben…). Nun zu den beiden verbleibenden “zentralen korrigierenden Hinweisen”, warum Jungen im Vergleich zu Mädchen keine Nachteile bei der schulischen Bildung haben:

(2) “Jungen sind in den PISA Studien auch in den Spitzengruppen überrepräsentiert. Mehr Jungen als Mädchen erreichen die höchste Kompetenzstufe …”

Nun, es mag Frau Fegter entgangen sein oder nicht in den Kram passen, aber Gegenstand der PISA Studien war nicht der Schulabschluss, sondern der Leistungsstand von Schülern. Entsprechend spricht die Tatsache, dass männliche Schüler, obwohl sie, wie Frau Fegter behauptet, in der “Spitzengruppe überrepräsentiert” sind, bei den Absolventen, die eine Hochschulreife erreichen, unterrepräsentiert sind, dafür, dass Jungen benachteiligt bzw. diskriminiert werden. Wäre dem nicht so, die Überrepräsentation in der Spitzengruppe müsste sich in einer ebensolchen bei Absolventen mit z.B. Abitur niederschlagen. Aber, wie ein Blick auf die Abbildung zeigt, das tut sie gerade nicht. Warum wohl?

(4)”Wir haben es ingesamt im Bereich der gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse mit einer Situation zu tun, die sich durch Verschiebungen aber auch starke Beharrungstendenzen kennzeichnet…”

Diese Aussage ist offensichtlicher Unsinn. Ich habe sie hier zitiert, um den Lesern die Möglichkeit zu geben, ideologische Selbstbenebelung in Aktion zu bewundern. Der Kampf mit der deutschen Sprache, der bei machen, die diskursanalytisch unterwegs sind, kurz vor den Wahnsinn führt, hat im vorliegenden Fall zur Folge, dass etwas es selbst und sein Gegenteil ist, denn die Situation der “gesamtgesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse” ist “durch Verschiebungen, aber auch starke Beharrungstendenzen” gekennzeichnet. Frau Fegter hat damit einen Zustand erreicht, wie in manche Drogenabhängige erreichen, einen Zustand, in dem alles miteinander verschmilzt, einen Zustand, in dem die Erde zur Scheibe und der Tag zur Nacht wird, nur eine Gewissheit taucht aus dem diskursanalytisch benebelten Geist auf und steht in Stein gemeiselt: “Jungen haben verglichen mit Mädchen keine Nachteile in der schulischen Bildung”. Warum hat man nur regelmäßig das Gefühl, Ertrinkenden dabei zuzusehen, wie sie von sich behaupten, gute Schwimmer zu sein?

Epilog
Aussagen, wie die von Fegter, nach der es nicht die Jungen sind, die bei der schulischen Bildung Nachteile gegenüber Mädchen haben, führen ob ihrer Prämissen zu den folgenden Fragen: (1) Selbst wenn die Nachteile von Jungen, ausschließlich die Nachteile von Unterschichtsjungen wären (was sie nicht sind, wie Rainer Geissler (2005) gezeigt hat), wäre das dann weniger schlimm, mehr erträglich, und würde es weniger Handlungsaufforderung für Bildungspolitiker, die doch Chancengleichheit beim Zugang zu schulischer Bildung predigen, nach sich ziehen? (2) Da nicht “die Mädchen”, sondern vor allem das von Rainer Dahrendorf als Typus erfundene “katholische Bauernmädchen vom Land” in den 1950 er und 1960er Jahren Nachteile gegenüber Jungen bei der schulischen Bildung hatten, wie kommt es dann zu der kruden Verallgemeinerung, die uns Feministen wie Fegter seit Jahrzehnte vorleben und in der behauptet wird, dass “die Mädchen” und “die Frauen” Nachteile gegenüber “den Jungen” und “den Männern” hätten? (3) Und wenn man diese unterschiedliche Behandlung von Nachteilen je nach Zuschreibung zu männlichem und weiblichem Geschlecht als Hintergrund nimmt, vor dem der Titel des Fegterschen Beitrags, “Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen” gewichtet wird, dann fragt man sich, wo dieser allgemeine Hass gegenüber Jungen und Männern nur herkommen mag.

In den Worten von Fegter kann man daher folgendes Fazit ziehen: Diskursanalytisch muss man daher feststellen, dass die Wirkmächtigkeit des Hasses gegenüber Männern und Jungen in manchen feministischen Zirkeln eine  Erosion der intellektuellen Gesundheit zur Implikation hat.

Literatur

Geißler, Rainer (2005). Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüpfungen. In: Berger, Peter A. & Kahlert, Heike (Hrsg.). Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert. Weinheim: Juventa, S.71-102.

Bildnachweis

The Pumpkin Society

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