Unsinn der Woche: Zurück in die Armut mit Greenpeace

Seit wir in England angekommen sind, gehört der wöchentliche Einkauf im retail-Paradies von Tesco zu einer besonders lieben Gewohnheit, das: “Thank you for shopping at Tesco Sandhurst” ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig wie das Schwelgen im unglaublichen Angebot, das es uns z.B. erlaubt, rund ums Jahr Erdbeeren, Blaubeeren, Brombeeren und viele andere Früchte zu essen. Und so haben wir in fast sechs Jahren noch keine Woche ohne Erdbeeren oder andere Beerchen verbracht. Was unsere Vorfahren wohl gedacht hätten, ob der Möglichkeit, den Jahreszeiten zu trotzen? Neben der Befriedigung, frische Erdbeeren runds um Jahr zu haben, macht es auch Spass, die unterschiedlichen Ursprungsländer nach Geschmack zu vergleichen und einen wenn auch nur kleinen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum in den entsprechenden Ländern zu leisten, also in Kenia, Äthiopien, Zypern, Ägypten, Südafrika, Argentinien… Wir können nicht anders, als die Möglichkeiten einer globalisierten Welt zu nutzen und zu genießen.

Wenn es aber nach Greenpeace Österreich geht, dann ist damit Schluss! Nicht das gute Leben, sondern die Umwelt wird von Greenpeace bekanntlich geheiligt, und entsprechend bin ich vor einigen Tagen auf den “Klimaratgeber Lebensmittel” gestoßen, der einem wirklich den Mund offen stehen lässt.

“Wir essen den Planeten kaputt”, so weiß Greenpeace Österreich und ich halte seitdem Ausschau nach den Greenpeacelern, die gemeinsam mit den Rindern in Intensivhaltung die grünen Wiesen Tirols abgrasen. Aber vermutlich ist das metaphorisch gemeint und soll einem ein schlechtes Gewissen machen. Wobei? Beim Essen von Obst außerhalb der Saison, denn: “Jedes Obst und Gemüse hat eine Saison. Dann ist es preisgünstig, am gesündesten und erzeugt die geringsten gCO2e”. Darum geht es also, um den Kohlendioxid-Ausstoss. Der ist bekanntlich schlecht, wegen dem Klima, und weil er schlecht ist,  müssen wir ihn reduzieren, besser noch vermeiden:

“Warten Sie noch ein paar Tage, wenn eine Obst- oder Gemüsesorte neu im Regal auftaucht: Die Früchte stammen erfahrungsgemäß aus dem Glashaus oder haben eine weite Reise hinter sich”. Und: “Durch die hohen Klimakosten von mitteleuropäischen Obst- und Gemüsesorten, die durch die Einlagerung und die Erzeugung in Glashäusern entstehen, sind von Jänner bis Mai auch jene tropischen Obstsorten kaufbar, die vorwiegend mit dem Schiff transportiert werden: Ananas, Avocados, Bananen, Limetten, Papayas. Fragen Sie im Geschäft nach, denn der Transport mit dem Flugzeug wird als Beweis besonderer Frische gesehen. Vermeiden Sie alles, was jetzt schon “frisch” angeboten wird. Es kommt aus dem dauergeheizten Glashaus”.

Österreicher erst mehr Sauerkraut!

Es ist ziemlich mühsam, durch dieses Dickicht der moralischen Entrüstung aus Greenepeace Österreich zu blicken, aber ich habe durch mehrfaches Lesen die folgenden Imperative extrahiert:

  • Erdbeeren und sonstiges heimisches Obst wird nur gegessen, wenn es bei uns wächst (also in Österreich)!
  • Früchte und Gemüse aus dauerbeheizten Glashäusern sind zu meiden! Wer im Dezember eine Kirsche essen will, soll gefälligst mit Amarenakirschen zufrieden sein!
  • Früchte, von denen behauptet wird, sie seien frisch, sind in jedem Fall zu vermeiden, denn sie sind mit dem Flugzeug importiert, und das schadet der Umwelt! (Im Gegensatz dazu schadet das Anreisen von Greenpeace Aktivisten zum Klimagipfel in Durban <b>nicht</b> der Umwelt!)
  • Überwintert wird mit lagerungsfähigem Obst (und Gemüse), das nicht aus beheizten Lagerhäusern stammt: Äpfel, Karotten, Erdäpfel, Kürbis und Pastinaken. Unsere Vorväter haben davon überlebt, warum nicht auch wir?

Ein ziemlich eindeutiges Programm, das da lautet, verzichten Sie gefälligst darauf, sich ein gutes Leben zu machen, denn es schadet der Umwelt. Es ist wichtiger, die Umwelt zu bewahren. Wer sind Sie, Sie kleines Individuum angesichts der schützenswerten Umwelt? Ich will hier nur einmal ein kleines, schüchternes: “Was ist eigentlich wichtiger, das gute Leben derjenigen, die heute leben oder der Schutz der Umwelt für zukünftige Generationen?” einwerfen. Aber, so höre ich schon den Chor der Entrüsteten, das ist doch keine Frage, die Umwelt muss natürlich geschützt werden, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, Nachhaltigkeit, da müssen dann individuelle Wünsche zurückstehen, dem größeren Ganzen geopfert werden. Wir haben zwar nichts vom größeren Ganzen, aber die zukünftigen Generationen werden es uns danken, oder auch nicht. Was in dieser Predigt noch fehlt, ist der Hinweis, dass nur wer heute auf Erdbeeren und Avocados verzichtet, morgen in den Himmel kommt.

Doch nicht genug. Das beste aus Greenpeace 2012 habe ich mir bis zum Schluss aufbewahrt. Es ist im Original fett gedruckt und liegt den Greenpeaclern offensichtlich ganz besonders am Herzen:

“Vermeiden Sie aber Früchte aus Gegenden, die mit großer Wasserknappheit kämpfen. Greenepeace ist grundsätzlich der Meinung, dass in Regionen mit Wasserknappheit (z.B. Südspanien, gesamte Mittelmeerküste, naher Osten und Afrika) der Anbau von Obst und Gemüse zum Export nicht sinnvoll ist”.

Na dann. Nun wissen wir also, worum es eigentlich geht, um Armutsbeschaffung für z.B. diejenigen Bauern in Afrika, die für sich ein Auskommen in der Landwirtschaft geschaffen haben. Wahrscheinlich leben sie durch den Export ihrer Agrar-Güter heute erheblich komfortabler als noch vor einigen Jahrzehnten, aber sie leben auf Kosten des Klimas. Was denken sich diese Afrikaner eigentlich? Versuchen einfach ein gutes Leben zu leben. Am Ende wollen die auch noch ein Auto und einen Fernseher und Elektrizität aus Atomkraft, um beides zu betreiben. Alles schlecht für die Umwelt. Deshalb müssen wir die Afrikaner in Armut halten bzw. dahin zurückbefördern. Und deshalb fordern die Engstirnigen von Greenpeace einen Boykott von Obst und Gemüse aus u.a. Afrika. Nebenbei bemerkt, Afrika ist mehr als die Sahara. Es gibt durchaus Gegenden in Afrika, die nicht wissen, wohin mit ihrem Wasser. Aber wenn es um den Schutz des Klimas geht, dann können die Greenpeacler auf derartige lokale Unterschiede ebenso wenig Rücksicht nehmen wie darauf, dass vor Ort Menschen versuchen, durch die Produktion von Agrarprodukten ein gutes Auskommen zu haben, um ein gutes Leben leben zu können. Das darf nicht sein, und deshalb kann man den Inhalt des langen Textes von Greenpeace auch kurz und bündig zusammenfassen: Österreicher kauft nicht bei Afrikanern … (und nicht bei Südspanieren und nicht bei Mittelmeeranreinern, darunter Nordspanier und nicht bei Arabern und Israelis und, am besten kauft ihr gar nichts von auswärts)!

Aber, Greenpeace Österreich hat mich überzeugt. Es ist an der Zeit, etwas für das Klima zu tun. Und da man nicht immer nur Beschlüsse und Resolutionen treffen kann, deren Folgen dann von anderen zu tragen sind, schlage ich vor, die Österreichischen Greenpeacler gehen mit gutem Beispiel voran und begehen einen kollektiven und geordneten Selbstmord. Ein durchschnittlicher Einwohner in Kontinentaleuropa verursacht über eine durchschnittliche Lebenszeit von rund 77 Jahren betrachtet rund 20 Tonnen Kohlendioxid. Wenn also nur ein Mitglied von Greenpeace in Österreich einen Suizid begeht, dann werden dadurch, gerechnet auf ein durchschnittliches Mitgliedsalter von 35 Jahren, rund 10 Tonnen Kohlendioxid eingespart. Durch die Einsparung wird es (per Emissionshandel) möglich, dass 37000 Kenianische Bauern jährlich eine zusätzliche Tonne Äpfel produzieren und per Flugzeug zu Tesco Sandhurst transportieren (dazu Granatstein, o.J.). Ich meine, wenn es darum geht, die Umwelt zu schützen, dann sollte einem österreichischen Greenpeacler doch kein Einsatz zu groß sein – oder?

P.S.
Mir reichts. Ich gehe jetzt erst einmal Trauben aus Südafrika und Blaubeeren aus Ägypten essen!

Literatur
Granatstein, David (o.J.). How Big is the Fruit Growing Footprint?

Bildnachweis:
Uncyclopedia
The Macho Response

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