Und wieder sind die Jungen schuld: Staatsfeminismus, Doing Gender und Kohlhammers Einführung in soziale Ungleichheit, die keine ist

In den vergangenen Tagen ist uns ein Buch aus dem Stuttgarter Kohlhammer-Verlag auf den Tisch gekommen, von dem auf dem Deckblatt behauptet wird, es sei eine Einführung in “Bildung und soziale Ungleichheit (was immer das auch bedeuten mag)”. Erschienen ist das von Anna Brake und Peter Büchner verfasste Buch in der Reihe “Grundriss der Pädagogik – Erziehungswissenschaft” als Band 35. Das Buch zielt auf Studenten der Pädagogik und Erziehungswissenschaften ab, denen es einen Überblick über die wissenschaftlichen Befunde zu  “Bildung und sozialer Ungleichheit” geben will. Wie ich in diesem post und in einem späteren post zeigen werde, ist das Buch alles andere als eine Einführung in “Bildung und soziale Ungleichheit”. Es ist eine ekklektizistische Sammlung von Forschungsergebnissen, deren Auswahl opportunistischen und ideologischen Motiven zu folgen scheint.

Den Verfassern des Buches mangelt es offensichtlich am notwendigen Überblick über die Forschungslandschaft, der notwendig wäre, um in die Forschungslandschaft einzuführen. Dem Buch fehlt jede bildungtheoretische Grundlage und jeder damit verbundene theoretische Anspruch. Es ist offensichtlich, dass die einzelnen Kapitel, wie ich im nächsten post darstellen werden, entlang einschlägiger Arbeiten verfasst wurden, aus denen sich die Autoren munter bedient haben, während sie mit der Preisgabe ihrer Quellen eher zurückhaltend sind, was sich kaum mit wissenschaftlicher Lauterkeit vereinbaren lässt und das Buch mehr als einmal hart an die Grenze zum Plagiat bringt. Dazu, wie gesagt, mehr im nächsten post. Im vorliegenden Post will ich mich weniger mit formalen Aspekten und mehr mit inhaltlichen Aspekten beschäftigen, und zwar am Beispiel von Kapitel 7: “Bildung und Geschlecht” und aus dramaturgischen Gründen beginne ich mitten in diesem Kapitel und mit folgendem Zitat:

“Im ersten Teil dieses Kapitels haben wir gesehen, dass Jungen im allgemeinbildenden Schulsystem vielfältige Bildungsnachteile in Kauf nehmen müssen: Sie werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt, seltener frühzeitig eingeschult, erhalten seltener eine Gymnasialempfehlung, stellen die Mehrheit der Schüler an Hauptschulen und verlassen deutlich häufiger die Schule ohne Abschluss. In vielerlei Hinsicht gelten Jungen deshalb heute als ‘Verlierer des Bildungssystems’. Diefenbach/Klein (2001) haben in ihrem Beitrag ‘Bringing Boys Back In’ einen Zusammenhang hergestellt zwischen dem geringen Bildungserfolg von Jungen und dem hohen Anteil von Frauen unter den Lehrkräften im Bildungswesen. Auch wenn Sie hier lediglich eine Vermutung formulieren, haben diese Überlegungen doch zu einer heftigen Diskussion über die Rolle von Lehrerinnen am Zustandekommen der Bildungsbenachteiligung von Jungen geführt” (Brake & Büchner, 2012, S.215).

Nun, dann wollen wir einmal anfangen, aufzuräumen: (1) die Nachteile, die Jungen im Bildungssystem übrigens im Vergleich mit Mädchen, das darf man auch in einem Einführungsband (noch) ungestraft sagen, haben, sind deutlich gravierender als hier in an Belanglosigkeit grenzendem Ekklektizismus dargestellt: Jungen wird im deutschen Bildungssystem nachhaltig die Berufskarriere zerstört, indem sie frühzeitig auf Sonderschulen abgeschoben werden. Sie bevölkern in größeren Anteilen als Mädchen Hauptschulen, beendend ihre Schulausbildung deshalb viel häufiger mit einem Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss, und Jungen sind deutlich seltener an Gymnasien und Fachhochschulen zu finden als Mädchen und gehen entsprechend seltener mit einer (Fach-)Hochschulreife von der Schule ab. Das (2) liebe Autoren beschreibt Nachteile. Eine Benachteiligung, die von Nachteilen dadurch unterschieden ist, dass man etwas tun muss um zu benachteiligen, während Nachteile sich ergeben können, findet sich z.B. darin, dass Jungen wie die Berliner Element und die Hamburger Lau Studien gezeigt haben, bessere Leistungen als Mädchen erbringen müssen, um dieselbe Grundschulempfehlung zu erhalten, und sie zeigt sich darin, dass – wie Dr. habil. Heike Diefenbach (2007) auf Basis der Daten der PISA-Studien gezeigt hat -, Jungen schlechtere Noten erhalten obwohl sie bessere Kenntnisse haben als Mädchen. Unser (3) Beitrag “Bringing Boys Back In” ist 2002 erschienen, nicht 2001 und darin formulieren wir keine Vermutung darüber, dass Jungen mit zunehmendem Frauenanteil unter den Lehrern schlechter abschneiden, wir weisen eine entsprechende Korrelation nach. Der Zusammenhang ist also keine Vermutung, sondern ein Faktum. Daran ändert keine Wortmagie etwas. Schließlich und  (4) ist unser Beitrag, in dem die schulischen Nachteile von Jungen vollständig, auf Grundlage offizieller Statistiken und somit so, dass es an ihnen nichts zu rütteln gibt, in Ausmaß und Dauer aufgezeigt wurden.

Obwohl die Autoren bereits in der zitierten Stelle die Begriffe “Nachteile” und “Benachteiligung” durcheinanderbringen und ganz offensichtlich für austauschbar halten, berichten sie im weiteren Verlauf von Ergebnissen, die letztlich zeigen sollen, dass keine Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulssystem stattfindet. Und von all den alten Hüten, die vorgebracht wurden, um die Nachteile von Jungen nicht als Ergebnis einer Benachteiligung durch Lehrer, vornehmlich durch Lehrerinnen erscheinen zu lassen, haben sich die beiden Autoren ausgerechnet die “Feminisierungsthese”, der sie ein “sog.” vorangestellt haben, damit dem Leser auch gleich klar wird, was davon zu halten ist und den “Doing-Gender”-Unsinn ausgesucht. Ich beginne mit dem Letzteren, weil der “Doing-Gender”-Unsinn durch Dr. habil. Heike Diefenbach in einem 2011 erschienenen Beitrag, den die Autoren eines Einführungsbuches, das den Anspruch hat, einen Überblick über die Forschung zu geben, kennen müssten, eindrucksvoll und dauerhaft (manche bevorzugen hier vermutlich: nachhaltig) aus der Welt geschafft wurde.

Der “Doing-Gender”-Unsinn ist ein typisch feministischer Erklärungsversuch, der nicht erklären, sondern Schuld an Missständen verschieben will: Nicht die Schule oder gar die Lehrerinnen sind schuld an den schulischen Nachteilen von Jungen, sondern die Jungen selbst, die ein Verhalten, das gewöhlich als “hegemoniale Männlichkeit” (Brake & Büchner, 2012, S.221) bezeichnet wird, an den Tag legen sollen, das zu einer ganzen Reihe den schulischen Erfolg vernichtender Ergebnisse führen soll. Kurz: Doing-Gender behauptet, dass Jungen an ihren Bildungsnachteilen selbst schuld sind. Dass es sich hier um eine Behauptung handelt, die in keiner Weise belegt ist und auch kaum belegbar ist, hat Dr. habil. Heike Diefenbach in dem angsprochenen Beitrag und in eindrücklicher Weise dargelegt. Ich will die Argumentation hier gerafft widergeben. Um die Annahme, dass Jungen durch ihre spezifische Inszenierung “hegeomonialer Männlichkeit” für ihre im Vergeich zu Mädchen schlechteren Bildungsabschlüsse selbst verantwortlich sind, zu begründen, wären die folgenden Belege zu erbringen (Diefenbach, 2011, S.356-357):

  • Es wäre zu zeigen, dass Jungen sich (1) in der Schule “hegemonial männlich” verhalten und dass dieses Verhalten sich (2) negativ auf die schulischen Leistungen von Jungen (also z.B. die Beteiligung am Unterricht, die Kenntnis in Mathematik, nicht die Noten) auswirkt.
  • Sodann wäre (3) zu prüfen, ob das “hegemonial männliche” Verhalten der Jungen tatsächlich vorliegt oder ob ihnen dieses Verhalten nicht vielmehr von den Lehrkräften, vornehmlich den Lehrerinnen zugeschrieben wird, denn auch Lehrkräfte sind ja nicht frei von Rollenerwartungen und, wie sich immer wieder zeigt, tragen Lehrkräfte die entsprechenden Rollenerwartungen an Schüler heran (Berg et al., 2005).
  • Da (4) “die erworbenen Sekundarschulabschlüsse … ein Ergebnis eines Filterprozesses [sind], durch den Kinder im Verlauf ihrer Schulkarriere gehen und an dessen verschiedenen Selektionsstufen, zum Beispiel bei der Grundschulempfehlung, ‘Leistung’ unterschiedlich interpretiert und mit anderen Faktoren gewichtet wird” (Diefenbach, 2011, S.357) müsste man, da viele Jungen bereits in der Grundschule in Sonder- und Hauptschulen abgeschoben werden, die absurde Annahme machen, dass die hegemoniale Männlichkeit bei Jungen im Alter von 6 bis 10 Jahren besonders intensiv und Schulkarriere hinderlich vorhanden ist, was – angesichts der Tatsache, dass Grundschulen zu rund 85% von Lehrerinnen bevölkert werden, nur den Schluss zuließe, dass sich erwachsene Frauen von Jungen zwischen 6 und 10 Jahren bedroht fühlen oder – wahlweise – zu dem Schluß führen muss, dass bereits in Grundschulen Erwartungen von Lehrpersonen an Jungen herangetragen werden, die dazu führen, dass Jungen-, nicht aber Mädchenverhalten als abweichendes Verhalten von einer (feministischen) Schulnorm eingeordnet wird.
  • Und selbst wenn Jungen hegemonial männlich sich verhalten würden: “die Schule hat dem Kind zu dienen, und nicht das Kind der Schule. Als Lehrperson sollten wir nicht danach streben, die Persönlichkeit der Schüler … zu verändern, sondern die Psychologie des Kindes muss Ausgangspunkt unserer pädagogischen Bemühungen sein”. (Guggenbühl, 2008, S.154). Wer den Doing-Gender-Unsinn vertritt, enthebt damit nicht nur das Schulssystem jeglicher Verantwortung, sondern macht es zu einer Anstalt der Umerziehung, in der männliche Kinder ohne Rücksicht auf Verluste in das Prokustesbett des Staatsfeminismus eingepasst werden.

Ich denke, nach dieser Zusammenstellung kann eigentlich niemand, der mit einem Normalmaß an Intelligenz ausgestattet ist und keine ideologischen Ziele verfolgt, noch am “Doing-Gender”-Unsinn festhalten, was mir die Möglichkeit gibt, auf die von den Autoren mit dem Zusatz “sog.” versehene Feminisierung der Schule zu sprechen zu kommen. Wie die Zahlen des Statistischen Bundesamtes eindrücklich zeigen, sind 71% der Lehrer an deutschen Schulen weiblich. Entsprechend gibt es an der Feminisierung der Schule nichts zu rütteln. Wir haben aber – anders als die Autoren zu denken scheinen –  in unserem 2002 veröffentlichten Artikel “Bringing Boys Back In” an keiner Stelle von einer Feminisierung der Schule geschrieben. Der Begriff kommt im gesamten Beitrag schlicht nicht vor. Wir haben vielmehr eine Korrelation zwischen dem Anteil weiblicher Lehrer und dem schlechten Abschneiden von Schülern aufgezeigt und einige Möglichkeiten angedacht, um diese Korrelation zu erklären. In mehreren nachfolgenden Beiträgen hat sich Dr. habil. Heike Diefenbach weitergehend mit der Frage der Erklärung unseres Befunds beschäftigt (Diefenbach, 2011, 2010) und sich unlängst gegen eine Männerquote ausgesprochen (Diefenbach, 2012), um die Nachteile von Jungen in der schulischen Bildung zu beheben. Dies hat einen einfachen Grund: Die Feminisierung der Schule ist nichts, was sich zwischen den Beinen von Lehrern abspielt, sondern ein Klima, das die  gesellschaftliche Wirklichkeit abbildet.

Die deutsche Gesellschaft existiert in einem vom Staatsfeminismus vergifteten Klima. Sie ist eine jungen- und männerfeindliche Gesellschaft, in der Jungen zu einer Randgruppe, wie Dr. Diefenbach sagt, geworden sind. Und wie alle Randgruppen, so sind auch Jungen selbst an ihrem Elend schuld. In diesem KLima sind Männer nicht bereit, an Schulen zu lehren und von den männlichen Lehrer, die sich an Schulen finden bzw. die dazu bewegt werden könnten, an deutschen Schulen zu lehren, wäre im derzeitigen Klima nicht zu erwarten, dass sie etwas anderes tun als feminisierte Rollenerwartungen selbst zu erfüllen und an Jungen heranzutragen.

Wer Zweifel daran hat, dass die deutsche Gesellschaft unter einer feministischen Dunstglocke vegetiert, der möge Kapitel 7 der “Einführung” von “Bildung und soziale Ungleichheit” in Gänze lesen. Das Kapitel beginnt damit, dass die Nachteile, die Mädchen einst, in den 1950er und 1960er Jahren im Hinblick auf Schulbildung und im Vergleich zu Jungen hatten, breit dargestellt werden und damit der Rahmen für die folgende Darstellung bereitet wird. Es geht weiter mit einer Tabelle über die Bildungsbeteiligung an deutschen Schulen, in der nur Anteile für Mädchen dargestellt sind und in der man sich die entsprechenden Anteile für Jungs selbs dazu denken muss. Es folgt die komplette Auslassung der zentralen Variable, um die sich in einem Schulssystem alles dreht, nämlich: Abschlüsse. (Was ist von einer Einführung in Bildung und soziale Ungleichheit zu halten, die die Variable unterdrückt, die für alle Ungleichheit hauptverantwortlich ist?), und es findet seinen Niederschlag im Zitat, das den Ausgangspunkt zu diesem post darstellt und in dem die Nennung von Mädchen vermieden wird, damit nicht der Eindruck entsteht, Mädchen hätten da Vorteile wo Jungen Nachteile haben. Mit anderen Worten, die Einführung ist keine Einführung für Studenten, sondern der Versuch einer Wegführung der Studenten von den gesellschaftlichen Tatsachen. Sie ist in keiner Weise empfehlenswert und sie ist, wie ich im nächsten post zeigen werden, nicht einmal das Ergebnis eigener Überlegungen und Kenntnisse, sondern das Ergebnis zusammengeglaubter Textteile, die von Kapitel zu Kapitel, je nachdem, welcher Artikel von welchem Bildungsforscher gerade ausgeschlachtet wird, anderen Kriterien folgen und der Einführung den Charakter eines gepanschten Weines und das unverkennbare Bouquet der Zweitverwertung unzitierter Originale gibt.

Literatur

Berg, Detlef, Scherer, Lukas, Oakland, Thomas & Tisdale, Timothy (2006). Verhaltensauffälligkeiten und schwache Leistungen von Jungen in der Schule – die Bedeutung des Temperaments. Bamberg: Professur für Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt.

Brake, Anna & Büchner, Peter (2012). Bildung und soziale Ungleichheit: eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.

Diefenbach, Heike (2012). Gegen den kollektivistischen Aktionismus. In: Hurrelmann, Klaus & Schultz, Tanjev (Hrsg.). Jungen als Bildungsverlierer. Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Weinheim: Beltz Juventa, S.125-143.

Diefenbach, Heike (2011). “Bringing Boys Back In” Revisited. Ein Rückblick au fie bisherige Debatte über die Nachteile von Jungen im deutschen Bildungssystem. In: Hadjar, Andreas (Hrsg.). Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.333-366.

Diefenbach, Heike (2010). Jungen – die “neuen” Bildungsverlierer? In: Quenzel, Gudrun & Hurrelmann, Klaus (Hrsg.). Bildungsverlierer. Neue Ungleichheiten. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S.245-272.

Diefenbach, Heike (2007). Die schulische Bildung von Jungen und jungen Männern in Deustchland. In: Hollstein, Walter & Matzner, Michael (Hrsg.). Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München: Reinhardt, S.101-115.

Diefenbach, Heike & Klein, Michael (2002). ‘Bringing Boys Back In’. Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Bildungssystem zuungunsten von Jungen am Beispiel der Sekundarschulabschlüsse. Zeitschrift für Pädagogik 48(6): 938-958.

Guggenbühl, Allan (2008). Die Schule – ein weibliches Biotop? In: Matzner, Michael & Tischner, Wolfgang (Hrsg.). Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim: Beltz, S.150-169.

Bildnachweis:
Netzwerk der Soziologinnen an der LMU

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12 Responses to Und wieder sind die Jungen schuld: Staatsfeminismus, Doing Gender und Kohlhammers Einführung in soziale Ungleichheit, die keine ist

  1. jck5000 says:

    Unter den die pseudowissenschaftlichen Auswüchse des Feminismus tatsächlich Lesenden hält sich ja nachdrücklich die Vermutung, dass alle feministischen Wissenschaftler nur unhinterfragt voneinander abschreiben. Ich sehe hier einen Beleg für diese These: Die falsche Jahreszahl und die “Zuschreibung” der Formulierung finden sich beispielsweise hier (http://bit.ly/SaKL5o) auf Seite 117. Anmerkung hierzu: Ich unterstellte der verlinkten Publikation auf Basis eines halben gelesenen Absatzes, feministisch zu sein und mag mich da irren, aber “tradierte Männlichkeit” ist schon ein deutlicher Hinweis (und die folgende Gehaltlosigkeit vor den plötzlichen Ende).

    Zum Doing Gender – bitte korrigiert mich irgendwer, wenn ich durch dieses poststrukturalistische Geschwurbel nicht ganz durchblicke: Ich habe das so verstanden, dass, weil Carnap ja nur sexistische Kackscheiße geredet hat, Sprache nicht dazu dient, die Realität zu beschreiben, sondern die Realität schafft. Damit ist natürlich auch “boys will be boys” sexistische Kackscheiße, denn die Jungs tun ja nur so (ich finde “tun” eine sehr gute Übersetzung für “do”). Doing Gender heisst dann, mit den Jungs, die so tun, als wären sie Jungs, so umzugehen, dass sie irgendwann endlich einsehen, dass sie keine Jungs sind, sondern endlich so brav sind wie die Mädchen.

    (Ich wollte eigentlich mal ernst bleiben, aber das geht offenbar nicht mehr, sorry. Daher an dieser Stelle: Danke für den sehr guten Artikel, ich freue mich auf Teil 2 und habe dem nichts hinzuzufügen – ausser, dass der Vorwurf an einen Sammelband, eklektizistisch zu sein, vielleicht etwas überzogen ist – der Feminismus hat ja keine andere Argumentationsbasis als ständige Selbstreferenz…)

    Damit zur Kritik von Frau Diefenbach: Mit meinem Verständnis (und dem Bewusstsein, dass das alles Quatsch ist) ist das doch ganz logisch nachvollziehbar, dass die Jungen da selbst dran schuld sind, was ihnen passiert. Nachdem sie sich ja nicht nur verhalten wie Jungs (1), und die Lehrerinnen, da ja kein Mensch weiss, wass “hegemoniale Männlichkeit” sein soll, ganz sicher als hegemoniale Männlichkeit interpretieren (3), dann haben sie dadurch natürlich Nachteile. Die rühren auch natürlich nicht aus der Tatsache, dass Grungschullehrerinnen (ich kenne da sogar welche) schlicht und einfach von Jungs nur genervt sind und Mädchen so brav finden und Kompetenzen ignorieren, nein, das liegt daran, dass dieses männliche Verhalten dazu führt, dass die Jungs einfach die wirklichen Probleme bei den schulischen Aufgaben nicht erkennen. Beispiel gefällig?

    Frau Maier geht einkaufen. Sie kauft 5 Äpfel zum Kilopreis von 1,30 Euro.*

    Alex dazu: “Frau Lehrerin, das ist eine komische Aufgabe, da fehlt das Preis-Mengen-Verhältnis.”

    Die Lehrerin: “Nein, Alex, darum geht es ja nicht. Du musst schon mal ein bischen nachdenken.”

    Alexa: “Wieso geht eigentlich niemals Herr Maier einkaufen?”

    Die Lehrerin: “Ja, genau Alexa, das ist die wirklich wichtige Frage.”

    An dieser Stelle ist auch klar, warum Jungs wie Alex auf die Sonderschule müssen (2): Die verstehen ja schon die grundlegendsten, gleichzeitig aber wichtigsten Aspekte des menschlichen Zusammenlebens nicht. Da sie das aber wahrscheinlich – wie ich – nie wirklich kapieren (oder kapieren wollen), schaffen sie sogar da weniger Schulabschlüsse (4).

    Und wenn sie jetzt denken, dass so aber doch keiner Mathematik lernt, solch tradierte und seit Jahrzehnten überholte absolutistischen Konzepte des Patriarchats sind in einer poststrukturalistischen Gesellschaft nicht mehr notwendig, da die Frage, “wieviele Geschlechter gibt es” und die meisten anderen sozial wichtigen “wieviel”-Fragen sowieso nicht mehr zu beantworten sind.

    Naja, ich schlage jetzt erstmal solange meinen Kopf gegen die Wand, bis die einsieht, dass auch sie mit ihrem meinem Durchkommen in den Flur hinderlichen systemisch-herrscherischen und Köpfe herabwürdigenden, absolutistischen Diskriminierungsverhalten nicht ewig weiter machen kann.

    PS: Ich habe gerade wirklich die Befürchtung, dass irgendeine Feministin diese Argumentation minus der Ironie plus viele Füllwörter tatsächlich publiziert bekäme.

    *: Das unsägliche Beispiel und die Antwort von Alexa kommen aus diesem unsäglichen Artikel: http://bit.ly/T8YUBf

    • Hallo Jck5000,

      danke für die “Interaktion im Klassenzimmer” von Herrn Budde, mit dem Dr. habil. Heike Diefenbach und ich bereits einen kleinen Briefwechsel anlässlich seiner Fehlrezeption unseres Artikels hatten. Seither erwähnt er uns nur noch äußert selten und nur u.a., und da mich die ganze Angelegenheit mental verstimmt hat, habe ich mir den Frust damals in der Welt von der “Seele” geschrieben:

      http://www.welt.de/debatte/kommentare/article6072633/Der-Fehler-der-Jungs-besteht-darin-dass-sie-Jungs-sind.html

      • Verbreiter says:

        Ich lese sehr ungerne “Presseartikel” bei dehnen die Kommetarfuktion
        ausgeschaltet ist!
        Und das ist in diesem Fall so!
        Nicht einen Kommentar konnte man lesen.
        Kann es sein, dass Sie Probleme mit Widerspuch haben?
        Habe ich auch, aber warum können Sie damit schlecht umgehen?

        • Ich kann ehrlich gesagt nicht viel mit Ihrem Kommentar anfangen, denn offensichtlich ist die Kommentarfunktion angeschaltet. Wenn Sie den Artikel in der Welt meinen, dann kommen Sie, was die Kommentare angeht, einige Jahre zu spät und davon abgesehen, müssten Sie sich sowieso bei dem verantwortlichen Redakteur der Welt beklagen. Aber ich sehe natürlich, dass es einer Form der Gotteslästerung gleich kommt, Ihneneinen “Pressetext” zuzumuten, der über keine Kommentarfunktion verfügt. Ganz sicher hätten Sie aus dem Schutz der Anonymität heraus, aus der man sich so schön beklagen kann, die Kommentarfunktion genutzt, um uns alle mit Ihren unendlich lehrreichen Beiträgen zu beglücken. Aber vielleicht können Sie ja ein Dekret erlassen und die Kommentarfunktion bei der Welt wird wieder geöffnet, damit Sie Ihren wichtigen Beitrag, wenn auch Jahre zu spät, so doch leisten können.

        • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

          @Verbreiter

          … von Unsinn, wie mir scheint,

          denn es stellt sich angesichts Ihres Kommentars die Frage, ob es sein kann, dass Sie erhebliche Probleme mt der Logik haben: Wenn Sie vermuten, dass Herr Klein “Probleme mit Widerspruch” hat oder “schlecht” mit Widerspruch “umgehen kann”, dann können Sie nicht gleichzeitig vermuten, dass Ihr Kommentar von Herrn Klein auf diesem blog freigeschaltet werden wird. Dementsprechend hätten Sie sich nicht die Mühe gemacht, Ihren Kommentar zu verfassen.

          Da Sie das doch getan haben, erweisen Sie sich entweder als schizophren oder als Lügner, der nur vorgibt zu vermuten, Herr Klein habe Probleme mit Widerspruch, aber tatsächlich darauf vertraut, dass er diesen Kommentar freischaltet und ihn der lesenden Mit- und Nachwelt zugänglich macht.

          Also: Kann es sein, dass sie Probleme mit Logik oder auch nur mit Vernunft haben? Oder können Sie nur mit Positionen, die Sie nicht mögen, gegen die Sie aber nicht argumentieren können, schlecht umgehen?

    • Dr. habil. Heike Diefenbach says:

      @jck5000

      Ach, ich wünschte soooooo sehr, ich könnte Ihnen entweder widersprechen oder herzlich über Ihre Ausführungen lachen. Leider, leider, leider bleibt mir aber angesichts all dessen, was ich über die Materie weiß, das Lachen im Halse stecken, und angesichts all desse, was ich über die Materie weiß, kann ich auch keinen vernünftigen Widerspruch formulieren. Ich fürchte, Ihre kleine Szene aus dem Mathematikunterricht könnte der Realität durchaus nahekommen – wenn nicht überall, so doch an einschlägigen Orten und in einschlägigen Kontexten, sagen wir z.B.: in Bremen…..

  2. Der Begriff “hegemoniale Männlichkeit” scheint mir sehr irreführend zu sein. Er ist auch nicht sonderlich konkret. Vermutlich meint er Verhaltensweisen, die von der Schule als Disziplinprobleme interpretiert werden: eine gewisse Aggressivität, ein starker Bewegungsdrang, insgesamt sehr körperbezogene Verhaltensweisen. Es wäre sicher ehrlicher, hier das Label “Disziplin” zu wählen, weil dann auch die Interessen der Lehrerinnen an einem störungsfreien Unterricht deutlicher würde. Um diese Interessen dürfte es vorrangig gehen.

    Fraglich ist aber, ob diese Verhaltensweisen der Jungen wirklich “hegemonial männlich” sind. Das würde heißen, dass es die Verhaltensweisen einer gesellschaftlichen Elite sind. Es wären Verhaltensweisen, die die Jungen auf Dauer und später als Erwachsene dazu befähigen müssten, in der Gesellschaft überlegene Positionen (welche auch immer) einzunehmen.

    Aber das trifft nicht zu. Die gemeinten körperbezogenen Verhaltensweisen sind in gesellschaftlichen Führungspositionen eher unerwünscht. Dort herrschen eher zurückhaltende Manieren vor. In der sogenannten Dienstleistungsgesellschaft agieren auch Männer nicht mehr kämpferisch, aggressiv und körperlich, sondern kommunikativ. Die “hegemoniale” Verhaltensweise ist eher eine “bürgerliche”: Gebildet, sprachgewandt, umgänglich, intellektbetont. Die in der Schule als Problem erlebten Verhaltensweisen entsprechen dagegen eher den gesellschaftlich abgewerteten proletarischen Umgangsformen, die durch eine Kultur harter körperlicher Arbeit geprägt sind. Der Wert körperlicher Arbeit, also auch der körperlichen Leistungsfähigkeit, ist gesunken. Elitepositionen in der Gegenwartsgesellschaft werden hingegen eher von Leuten eingenommen, die sich bürgerlich zurückhaltend geben. Wenn diese Annahmen stimmen (sie sind zumindest gedeckt durch manche Texte zum Thema Gewalt), dann zeigen die Jungen eher Verhaltensweisen einer ohnehin benachteiligten gesellschaftlichen Gruppe. Dazu passt, dass auch Männer mit Jungen Probleme haben, die sie als “aggressiv” empfinden. Selbstredend sind das eher Mittelschichtsmänner mit Büroberufen.

    • A. Behrens says:

      Zitat “Wenn diese Annahmen stimmen (sie sind zumindest gedeckt durch manche Texte zum Thema Gewalt), dann zeigen die Jungen eher Verhaltensweisen einer ohnehin benachteiligten gesellschaftlichen Gruppe. ”

      Ich glaube nicht, dass die Annahmen stimmt. Begründung (aus der Praxis). Bei meinem Jüngsten steht der erste Elternabend in der Grundschule an. Großes Thema sind dabei Eigenarten von Jungs. Etwa “Kriegsspiele” oder Raufen.

      In einer Gruppe von “Jungs-Väter” habe ich das ganze mal besprochen. Wie haben wir als Männer früher gespielt (alle haben Kriegsspiele gemacht und alle waren sehr laut) und was ist aus uns geworden. Die späteren Bildungs- und Lebenswege waren sehr unterschiedlich, aber allen gemeinsam ist, dass keiner heute mehr mit Waffen rumläuft (oder irgendwelche Formen von Waffen benötigt). Die scheinbar wilden, proletarischen, “Kriegsspiele” stellten in Wahrheit ein Form von Kommunikationstraining dar. Ein Vater drückte es so aus “die meiste Zeit diskutieren die Jungs miteinander WAS und WIE gespielt werden soll, sie definieren die Regeln ihres Spiels und verfeinern die Regeln beständig, nur eine kleine Zeit wird tatsächlich das eigentliche Spiel gespielt.”.

      Aggressive Jungsspiele sind daher für mich keine Aggressionsspiele (einüben von aggressiven Ritualen), sondern Spiele in denen Teamfähigkeit, Kommunikationsverhalten, Kreativität, Moralnormen, Loyalität geübt wird. Also gerade die Fähigkeiten, die uns Männern so gern abgesprochen werden, die Fähigkeiten die ja angeblich so besonders weiblich sein sollen.

      Ob ein Junge später einen eher ähm. proletarischen oder akademischen Weg gehen wird, kann man IMO in den Spielen des Kindergartens und Grundschule noch nicht erkennen.

      Aggressives Verhalten als Mann kommt in meinen Augen daher, dass sich Menschen in einer Situation wähnen, in denen Recht und Gerechtigkeit nicht übereinstimmen.

      Bezüglich Führungspositionen: Bereits in den Kinderspielen kristallisieren sich Führungsnaturen heraus. Bezeichnet als ‘Bestimmer’ haben diese Kinder eine besondere Begabung: Sie können andere Kinder zu ihrem Spiel inspirieren, neu ankommende Kinder integrieren, akzeptieren neue Spielideen und so weiter.

      Ansonsten: Ein Kampfsportlehrer hat mir mal erzählt, dass kleine Kinder sich zunächst nur rumprügeln sollen. Sie bekommen wenig Technik gezeigt und sollen ihre Kraft rauslassen. Ohne Technik ist die Verletzungswahrscheinlichkeit gering. Nach einiger Zeit des wilden kämpfens werden die Kinder ruhiger und bekommen Basistechniken zur Abwehr und zum Schutz gezeigt. Aber die Phase des wilden Kämpfens ist extrem wichtig, da Kinder darüber ihren eigenen Körper kennenlernen.

      • Ich meine auch gar nicht, dass Jungen deshalb aggressiv sind oder dass alle eher körperbetonten Jungs alle aus proletarischem Hause kommen oder eine solche “Karriere” einschlagen. Ich meine nur, dass ein bestimmtes Milieu der Meinung ist, dass Körperbetonung unpassend und problematisch sei und dass daher oft das Misstrauen gegenüber Jungs ganz allgemein rührt. Denn dieses (akademische) Milieu beeinflusst sowohl die pädagogische Ausbildung als auch die öffentliche Meinung darüber, was gutes und schlechtes kindliches Verhalten sei. Es ist ja auch schon von Bildungsforschern darüber geschrieben worden, dass viele Lehrerinnen vor allem Mittelschichtsnormen als Leitbild ansehen würden und entsprechend die davon abweichenden Verhaltensweisen sanktionieren.

  3. Pingback: Wissenschaftliche Lauterkeit? Was ist das? – Eine Bestandsaufnahme (einiger) deutscher Sozialwissenschaftler « Kritische Wissenschaft – critical science

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