Deformationen: Peter L. Berger über den Zustand der Sozialwissenschaften

Öffentlich zugängliche Kritik am Zustand der Soziologie, daran, dass ein Fach, das auf dem Weg zur Wissenschaft war, von Ideologen zerstört und von staatsdienlichen Datenfuzzis lächerlich gemacht wurde, ist international selten und in Deutschland außerhalb von ScienceFiles so gut wie nicht vorhanden. Vor diesem Hintergrund ist der folgende Text von Dr. habil. Heike Diefenbach, in dem es um Peter L. Berger geht, einen der bekanntesten Soziologen und – wie man nach Lektüre des Textes von Dr. Diefenbach weiß – einen Kritiker des derzeitigen katastrophalen Zustands der Soziologie und der Sozialwissenschaften, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit den Sozialisten und Genderisten, die Ideologen benennt, die die Soziologie auf dem Gewissen haben, ein kleines Juwel. Wir sind stolz, es veröffentlichen zu können.

Es folgt der Text von Dr. habil. Heike Diefenbach:


Soziologie ist, wie wir nicht müde werden, zu bemerken, keine bloße Wohlfühlveranstaltung für Schwätzperten. Sie ist eine Wissenschaft und wird in Teilen und wurde in der Vergangenheit als solche betrieben, auch, wenn es Leute gibt, die sich ebenfalls Soziologen nennen, das, was sie tun – oder besser: schreiben oder reden – nicht an den Regeln ausrichten, die jedem wissenschaftlichen Tun zugrundeliegen. Allerdings ist uns klar, dass das viele Zeitgenossen nicht so sehen bzw. nicht wissen oder kaum glauben können. Angesichts dessen, was in der Öffentlichkeit als Sozialwissenschaft oder als sozialwissenschaftliche Forschung präsentiert wird, ist das auch nicht verwunderlich, und wir können es niemandem verübeln, wenn er sich gelangweilt oder genervt abwendet, wenn von Behörden oder sogenannten Stiftungen vermeintlich sozialwissenschaftliche Forschung finanziert und die vermeintlichen Ergebnisse dieselbe von den Medien unisono per Pressemeldung verbreitet wird.

Aber Sozialwissenschaften können interessant, sozialwissenschaftliche Theorien relevant und sozialwissenschaftliche Ergebnisse wichtig sein, wenn sie als Wissenschaften betrieben werden, d.h. als systematische und replizierbare Überprüfung von theoretisch begründeten, in sich widerspruchsfreien und prinzipiell falsifizierbaren Hypothesen an Daten, die unter kontrollierten Bedingungen gewonnen wurden, um auf diese Weise kumulativen Erkenntnisfortschritt zu ermöglichen. Sozialwissenschaftler haben immer mit Versuchen zu kämpfen gehabt, ihre Wissenschaften für andere Zwecke zu kapern. Um das zu illustrieren, haben wir vor einiger Zeit auf Sciencefiles einen Text über den amerikanischen Soziologen Samuel Stouffer veröffentlicht, der sich bereits in den 1950er-Jahren gegen das verwahrt hat, was er als „talky-talk“-Soziologie bezeichnet hat (Stouffer, zitiert nach Hauser 1961: 354) , und der seine eigene Forschungs an den Regeln wissenschaftlichen Forschens ausgerichtet hat, dem auch die Naturwissenschaften folgen.

Heute wollen wir über einen anderen bekannten Soziologen berichten, vielleicht einen der bekanntesten Soziologen überhaupt, der sich viele Jahrzehnte später, nämlich im Jahr 2002 ebenfalls kritisch äußerte über das, was er „Deformationen“ der Soziologie nannte.

Peter Ludwig Berger, der einer der bekanntesten Soziologen überhaupt sein dürfte, wurde im Jahr 1929 in Wien geboren, wanderte nach dem 2. Weltkrieg in die USA aus und lehrte von da an Soziologie an der Rutgers Universitiy und später an der Boston University. Er starb am 27. Juni 2017 im Alter von 88 Jahren in Brookline, Massachusetts. Im deutschen Sprachraum ist vor allem, um nicht zu sagen: fast nur, seine gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste Abhandlung über „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ rezipiert worden, der deutschen Übersetzung von „The Social Construction of Reality: A Treatise in the Sociology of Knowledge“ aus dem Jahr 1966. Im deutschen Sprachraum gilt „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ manchmal als dem Relativismus, Subjektivismus oder gar Konstruktivismus bahnbrechendes Werk, obwohl es im Kern lediglich eine – durchaus interessante und aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht witer eingehen möchte, verdienstvolle – Exposition des so genannten Thomas-Theorems aus dem Jahr 1928 ist, das besagt: „If men define situations as real, they are in their consequences“ (Thomas & Thomas 1928: 572).

Berger und Luckmann legen in keiner Weise einen erkenntnistheoretischen Konstruktivismus nahe, der sozusagen der totalen Subjektivität das Wort redet oder nahelegt, dass es keine Wirklichkeit außerhalb der menschlichen Wahrnehmung gebe. Vielmehr argumentieren sie, dass Menschen normalereise von ihnen selbst produzierte Phänomene als gegebene Dinge, als naturgegebene Tatsachen, als Ausdruck göttlichen Willens oder als Folge universeller Gesetze  auffassen und im Bezug auf diese gegebenen Dinge handeln. Beispielsweise meinen viele Leute, „der Staat“ sei einfach gegeben, mehr oder etwas anderes als eine von Menschen gemachte Institution, die es zu Lebzeiten von in der  Vergangenheit lebenden Menschen nicht gab und vermutlich zur Lebenszeite zukünftiger Menschen nicht mehr geben wird. Sie akzeptieren „den Staat“ fraglos als ihnen gegebene Realität verinnerlichen und stabilisieren diese vorgestellte Realität in der Weise, dass sie selbst Rollen wie die des „Bürgers“ oder des „Beamten“ oder des „Staatsangehörigen“ übernehmen. Sie konstruieren damit weiter an einer Realität, die insofern keine ist als sie bloß vorgestellt ist und von Menschen erdacht und erschaffen wurde, anders gesagt: eine Reifikation ist. Es ist in diesem Sinn, dass Berger und Luckmann von der „sozialen Konstruktion der Realität“ schreiben. Wann immer wir über die uns gegebene Welt sprechen, ist sie sozial konstuiert, weil wir sie nur in Bezug auf sozial konstruierte Bedeutungen, z.B. als „Stuhl“ oder „Weihnachtsbaum“ oder „Wanderweg“, beschreiben und nur mit Bezug auf die damit verbundenen Bedeutungen handeln können. Das ist soziologisch relevant, aber insofern nicht erkenntnistheoretisch als es nicht impliziert, dass es keine Realität jenseits des menschlichen Bewußtseins gebe oder geben könne – wir würden von ihr als solche nur nichts wissen oder nur einen spezifischen Ausschnitt kennen (und wenn das so ist, ist es wiederum für alle praktischen menschliche Belange ohnehin nicht relevant).

Berger und Luckmann sprechen also von „Konstruktion“, aber es wäre grundlegend irreführend, sie deshalb dem „Konstruktivismus“ zuzurechnen, der heute gerne bemüht wird, um sich in allen erdenklichen Zusammenhängen der Verbindlichkeit von empirischen Daten, Zusammenhängen oder irgendwelchen Kriterien zu entledigen. Insbesondere postulieren Berger und Luckmann nicht, dass alles subjektiv und daher Wissenschaft nur eine subjektive Variante unter allen möglichen Varianten der Sinnstiftung sei. Bereits in der Einleitung zu ihrem Buch halten Berger und Luckmann ausdrücklich fest: „In unserer ganzen Studie haben wir jede erkenntnistheoretische oder methodologische Frage nach den Möglichkeiten soziologischer Analyse entschlossen unterlassen … Wir betrachten die Wissenssoziologie als ein Teilgebiet der empirischen Wissenschaft Soziologie … Summa summarum betreiben wir theoretische Soziologie, nicht Methodologie der Soziologie“ (Berger & Luckmann 1996: 15). Wer „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ dennoch als methodologische Stellungnahme interpretiert, agiert daher gegen den expliziten Willen der Autoren und leitet vermutlich Falsches ab, wenn man plausiblerweise annimmt, dass Berger und Luckmann durchaus miteinander über eventuelle erkenntnistheoretische Implikationen ihrer Arbeit (oder ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen, je nachdem,) gesprochen haben und sich aus guten Gründen dazu entschlossen haben, methodologische Bezüge außen vor zu lassen.





Zumindest für Berger lässt sich klar belegen, dass er der Vorstellung von dem, was als wissenschaftliche Objektivität bezeichnet wird, uneingeschränkt und von Anfang an verbunden war. In seinem Buch „Einladung zur Soziologie“, das ursprünglich, im Jahr 1963, in englischer Sprache verfasst wurde und in englischer Sprache im Jahr publiziert wurde, in den 1970er-Jahren aber auch ins Deutsche übersetzt wurde, schreibt er – nachdem er das „[S]tarren auf  ihre Methoden“ der Soziologen „in grimmer Humorlosigkeit“ (Berger 1982: 178) kritisiert hat:

„Nur ohne falsch verstandene Wissenschaftlichkeit ist man als Soziologe fähig, jene menschlichen Werte zu würdigen, die die Sozialwissenschaften und auch die Naturwissenschaften ihren fleißigen Jüngern vermitteln können: Demut angesichts des unendlichen Reichtums der Welt, die man ergründen möchte, Selbstvergessenheit im Streben nach Erkenntnis, Redlichkeit und Exaktheit der Methode, Respekt vor Ergebnissen, die auf ehrliche Weise zustanden gekommen sind, Geduld und Bereitschaft, hinzunehmen, wenn man sich geirrt hat[,] und seine Theorien zu überprüfen und schließlich und endlich die Gemeinschaft mit anderen Menschen, die dieselben Werte hochhalten wie man selbst“ (Berger 1982: 180).

Würde man den Verfasser dieses Zitats nicht kennen, man könnte meinen, es sei eines von Karl Raimund Popper.

Und bereits in der Einleitung zu diesem Buch hält Berger fest:

„Der Soziologe ist also jemand, der die Gesellschaft verstehen will, und zwar mit Hilfe und den Mitteln einer wissenschaftlichen Disziplin. Diese seine Disziplin gehört zu den exakten Wissenschaften. Das bedeutet, dass Entdeckung, Untersuchung und Formulierung von gesellschaftlichen Phänomenen sich in den klar festgelegten Grenzen einer spezifischen Systematik bewegen müssen. Eine Herausforderung dieser Systematik ist das Regulativ der Evidenz. Als exakter Wissenschaftler muss der Soziologe persönliche Vorlieben und Abneigungen objektivieren und kontrollieren“ (Berger 1982: 26).

Bereits in diesem frühen Buch wandte sich Berger also sowohl gegen die Ideologisierung der Soziologie als auch gegen statistische Erbsenzählerei als Selbstzweck.

Dasselbe tat er im Jahr 2002. Damals äußerte sich Berger in einem Beitrag in der Zeitschrift „First Things“ unter dem Titel „Whatever Happened to Sociology?“ dazu, wie er die Situation der zeitgenössischen Soziologie einschätzt. Er beklagte in diesem Zusammenhang – erneut – die beiden „Deformationen“ der Soziologie, Methoden-Fetischismus und Ideologisierung der Soziologie, machte aber einen wichtigen Unterschied zwischen diesen beiden „Deformationen“:

Nach Berger hat die statistische Erbsenzählerei oder der Methodenfetischismus, bei dem die Inhalte gegenüber der Methode in den Hintergrund treten, dazu geführt, dass einige Soziologen mit immer elaborierteren Methoden immer trivialere Themen untersuchen und diese Untersuchungen, die uninteressante und unwichtige Ergebnisse produzieren, immer teurer wurden. Diese Deformation macht Soziologie teuer und für alle außer Methodikern langweilig. Demgegenüber hat sich nach Berger die Ideologisierung der Soziologie „even more devastating“, d.h. noch verheerender ausgewirkt:

„However trivial or simplistic have been the results of methodological fetishism, at least they have been produced by objective investigations that merit the name of science. The ideologues who have been in the ascendancy for the last thirty years have deformed science into an instrument of agitation and propaganda (the Communists used to call this ‘agitprop’), invariably for causes on the left of the ideological spectrum. Thus a large number of sociologists have become active combatants in the ‘culture wars’ almost always on one side of the battle lines. And this, of course, has alienated everyone who does not share the beliefs and values of this ideological camp … The ideology is not so much Marxist as marxisant – in its antagonism to capitalism and to bourgeois culture, in its denial of scientific objectivity [!], in its view of the combatant role of intellectuals, and, last but not least, in its fanaticism. In recent years this version of sociology has intoned the mantra of class, race, and gender’ [which] refer to a variety of victimological categories – racial and ethnic minorities, women, gays and lesbians (recently expanded to include transvestites and transsexuals – one wonders whether there are enough of those to make up a credible group of victims) … Along with methodological fetishism, this ideological propaganda has been a crucial factor in the decline of sociology, and not only in America”.

So sehr diese Entwicklung jeden, der meint, als Soziologe oder als Sozialwissenschaftler ein Wissenschaftler zu sein – und d.h. ein exakter Wissenschaftler im im oben stehenden Zitat von Berger beschrieben Sinn –, betrüben muss, so sehr betrübt es auch, wenn man Zeuge davon wird, wie ein „Goliath“ seines Faches sich mehr oder weniger erfolglos darum bemüht, seine Enttäuschung über die Entwicklung des Faches zu verbergen, für das er sich sein Leben lang engagiert hat, damit es als Wissenschaft respektiert werden kann:

„I don’t want to exaggerate. Here and there one can still find sociologists doing excellent work … But the contributions of these sociologists … only serve to underline the overall depressing condition of this discipline. It would take enormous and sustained effort to reverse this condition. I’m relieved to observe that I am both too old and too occupied elsewhere to participate in such an effort”.

Dies sagte Berger im Jahr 2002 im oben genannten Text in der Zeitschrift „First Things“. Gestorben ist er wie gesagt vor zwei Jahren. Bleibt zu hoffen, dass Berger auch noch während der letzten fünfzehn Jahre seiner Lebenszeit zu beschäftigt bleiben konnte, um von den den Entwicklungen in den Sozialwissenschaften, die tatsächlich einmal auf dem Weg waren, Wissenschaten zu werden, nicht noch weiter enttäuscht zu werden als er es bereits im Jahr 2002 gewesen ist.


Literatur:

Berger, Peter L., 2002: Whatever happened to Sociology? First Things (Oct. 2002).

Berger, Peter L., 1996[1980]: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag.

Berger, Peter L., 1982[1977]: Einladung zur Soziologie: Eine humanistische Perspektive. München: dtv.

Hauser, Philip M., 1961: In Memoriam: Samuel Andrew Stouffer, 1900-1960. American Journal of Sociology 66, 4: 354-365.

Thomas, William Isaac & Thomas, Dorothy Swaine, 1928: The Child in America. New York: A. A. Knopf.


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