Wikipedia und Moral

Über die letzten Tage  haben sich erfreulicherweise wieder eine Reihe von Unterstützern für den Offenen Brief, den Arne Hoffmann und ich nun schon vor einiger Zeit an Jimmy Wales geschrieben haben, gemeldet. Die Wikipedia-Debatte, die wir wohl ausgelöst haben, ist offensichtlich nicht mehr zu unterdrücken, sie kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen und die verschiedensten Organisationen sind zwischenzeitlich darauf aufmerksam geworden, dass bei Wikipedia Ideologen unter dem Deckmantel der Anonymität versuchen, ihre ideologische Sicht der Dinge zu verbreiten und lebende Personen zu diffamieren. Das: die Diffamierung lebender Personen auf den Seiten und in den Beiträgen von Wikipedia Deutschland, und die in niedriger Absicht getätigten Versuche, Organisationen, die man als politischen Feind ausgemacht hat, zu diskreditieren war der Anlass für den Offenen Brief an Jimmy Wales. Es war der Anlass für Beiträge, die zwischenzeitlich in Focus, Handelsblatt, eigentümlich frei und auf der Achse des Guten. Und es ist der Anlass für eine ganze Reihe von Personen, unseren Offenen Brief an Jimmy Wales zu unterstützen. So hat Gabi Auth, deren Unterstützungsemail mich gerade erreicht hat, ihre Unterstützung wie folgt begründet:

“Ich unterstütze den offenen Brief an Jimmy Wales. Ich habe selbst einige Zeit dort geschrieben und Texte geprüft und mich aus den im Brief genannten Gründen von Wikipedia zurückgezogen. Leider bin ich seitdem mehr als skeptisch, was den Informationsgehalt der Enzyklopädie angeht.”

Nun müsste man eigentlich denken, dass eine immer größere Zahl von Personen, die sich darüber beklagt, dass in Wikipedia Deutschland diffamiert und diskreditiert wird, führe dazu, dass sich die Wikipedianer an die menschliche Qualität erinnern, von der alle großen Philosophen ausgegangen sind, dass Menschen sie haben: Moral, Moral in Form von Empathie für andere. Die Anwendung der entsprechenden Empathie wäre denkbar einfach und bestünde, legte man Kants Imperativ zu Grunde, darin, sich zu fragen, wie man selbst es wohl finden würde, wenn man in der Wikipedia diffamiert würde. Nun, ich sehe zwar ein, dass dieser Gedanke für anonyme Autoren schwierig ist und von ihnen nicht nur verlangt, die Position eines anderen einzunehmen, sich vorzustellen, wie sich etwas für diesen anderen darstellt, die Fähigkeit des “looking glass self” zu benutzen, wie George Herbert Mead das genannt hat, sondern auch verlangt, dass sie über ihren Schatten springen und die Feigheit, die sie zum anonymen Diffamieren veranlasst, überwinden, aber ich hätte dennoch erwartet, dass der ein oder andere der aktiven Ideologen zumindest kurz innehält mit seinem ideologischen Aktivismus.

Diese Erwartung stützt sich auf die Ansicht, die viele Philosophen in ihren Werken vertreten haben: Kant hat in der Vernunft die Voraussetzung von Moral gesehen und Vernunft und zwangsläufig dann auch Moral als die Eigenschaften betrachtet, die Menschen erst zu Menschen machen. Thomas Hobbes hat seinen Rechtspositivismus gar auf der Überlegung aufgebaut, dass nur Vernunft Moral hervorbringen kann, dass Moral sich aus der Einsicht ergibt, dass wer austeilt, gewöhnlich mit Gegenwehr zu rechnen hat und dass daraus entstehende Streitereien ineffizient sind und die menschliche Entwicklung behindern. Die Idee der menschlichen Entwicklkung schließlich war für Adam Smith das A und O, die Grundlage der Entwicklung für ihn die “Sympathy”, also die Fähigkeit, sich in den Kopf des Gegenüber zu versetzen, eine moralische Verbindung zu dem Gegenüber, dem Handelspartner im Werk von Smith, aufzubauen.

Das ist kein Spendenaufruf für Wikipedia!

Diese Grundlagen des Menschseins, wie sie von Philosophen über Jahrtausende verteilt beschrieben und gelegt wurden, scheinen bei ideologischen Wikipedianern außer Kraft gesetzt zu sein. Diese Ideologen scheinen aus dem Projekt “Mensch” ausgeschieden zu sein und keinerlei Idee davon zu haben, dass ihre Diffamierungen menschlichen Schaden anrichten, und zwar bei denen, die als Zielscheibe missbraucht werden. In allen Diskussionen unter Wikipedianern, in allen Äußerungen, die ich verfolgt habe, ob im Wikipedia-Kurier oder auf den verschiedensten Diskussionsseiten ist mir nie ein Beitrag aufgefallen, in dem der jeweilige Wikipedianer sich gefragt hätte, wie es sich für die Opfer der Wikipedia-Kampagnen wohl anfühlt, diffamiert zu werden. Niemand hat sich auch nur ansatzweise gefragt, wo das Recht herkommen soll, das anonyme Wikipedianer für sich in Anspruch nehmen, wenn sie andere – aus dem Schutz der eigenen Anonymität heraus – diffamieren und diskreditieren. Mit anderen Worten, manchen Wikipedianern fehlt jeder Sinn für moralische Verantwortung, sie sind ihr jeweils eigenes moralisches Vakuum, dessen Vernunft nicht hinreicht, um sich an die Stelle des Diffamierten zu setzen und sich zu fragen, wie man es wohl fände, wenn man an dessen Stelle stünde. Damit fehlen Ihnen die Grundlagen, die z.B. Kant als Voraussetzung gesehen hat, um überhaupt von “Mensch” zu sprechen.

Dies ist inbesondere bei denen so, die ohne mit der Wimper zu zucken und obwohl sie, wie Fiona Baine lauthals erklärt haben, sich aus der Wikipedia zurückzuziehen, weitergemacht haben, als sei nichts gewesen, als sei man nicht gerade als anonymer Autor zu besonderer Sorgfalt im Umgang mit anderen aufgerufen. Nein, eine solche Frage der “Sorgfalt”, der “Verantwortung” stellt sich für diese “Wikipedia-Autoren” nicht. Sie opfern ihre Menschlichkeit, ihre vielleicht vorhandene Restvernunft den eigenen niederen Motiven und freuen sich, wenn ihnen Gleichgesinnte Unterstützung anbieten, etwa in der Form, wie dies Andreas Kemper (alias Schwarze Feder) gerade im Wikipedia-Kurier getan hat.

Kemper berichtet – wären da nicht die gelegentlichen Einsprengsel der ideologischen Fiesheit, die ihn zu besetzen scheint,  in der Form: “nicht so gut weg kommt, wie sie es sich wohl wünschen” mit Blick auf eigentümlich frei – fast nüchterner Weise von fast all den zwischenzeitlich erschienen Beiträgen, in denen sich die Autoren gegen die ideologische Unterwanderung der Wikipedia und ihre Nutzung als Plattform zur Diffamierung wenden. Aber es ist eben nur fast eine nüchterne Betrachtung. Es ist Kemper nämlich nicht möglich, sein Lagerdenken, das die Welt in rechts und links bzw. böse und gut einteilt, zu überwinden, sich davon zu emanzipieren. Noch bezeichnender ist es, dass es ihm nicht einmal in den Sinn kommt, sich zu fragen, warum die verschiedensten Autoren, die Wikipedia kritisieren, das tun. Das, so mutmaßt er am Ende seines Beitrags, könne nur der Ausdruck einer Kampagne der Rechten sein, seiner Gegner, die verlangen, in der Wikipedia “besser weg zu kommem”.

Das ist entlarvend, so entlarvend, dass man es gar nicht weiter zu kommentieren braucht, denn, wir erinnern uns an den alten Herrn Mead und sein looking glass self: Wann unterstelle ich anderen, dass sie eine Kampagne angezettelt haben, um in der Wikipedia besser weg zu kommen? Genau, dann wenn es mir als Gedanke naheliegt, wenn ich eine eigene Kampagne angezettelt habe, um z.B. andere in der Wikipedia zu verleumden und zu diskreditieren. Etwa in der plumpen Weise, in der Kemper zum Ende seines Beitrags versucht, mich und Arne Hoffmann zu diskreditieren, in dem er Aussagen, die Arne und ich getroffen haben, aus dem Zusammenhang reißt und mich mit “bezahlte” und “mental gestörte Extremisten” zitiert, während Arne irgendwo einmal “Faschisten” geschrieben hat.

Wikipedia – Truth based on who edits last

Das summiert den schlechten Stil, der bei Wikipedia herrscht, in hervorragender Weise, denn belegen will Kemper, wie fies, Arne und ich doch sind, denn, wie er behauptet will, geht es uns darum, Wikipedianer zu beleidigen. Nun, ich habe zwar wenig Hoffnung, aber ich will doch auch etwas zur Aufklärung von Herrn Kemper beitragen. Wenn “bezahlt” eine Beleidigung ist, dann können wir unsere Ökonomie zumachen, denn ich fürchte z.B. bei Aldi besteht man an der Kasse darauf, dass “bezahlt” wird. Und da bei Aldi an der Kasse meistens Frauen sitzen, Herr Kemper, die darauf bestehen, dass “bezahlt” wird, werden Sie ihren entsprechenden Vorwurf sicher nicht aufrecht erhalten. – oder? Gleiches gilt für “mental gestörten Extremisten”. Das ist eine Diagnose. Wollte man den Ausdruck “mental gestört” verbieten, Psychiater und Psychologen hätten vermutlich etwas dagegen. Und da mental gestörte Personen sich nach wie vor in der Minderzahl befinden und daher nicht die Normalität ausmachen, müssen sie, wenn man eine Normalverteilung unterstellt, an den Rändern der Normalverteilung, also den Extremen zu finden sein – jeder Statistiker weiß das. Und weil nun klar ist, dass das, was Kemper als “Beleidigungen wie beim Fußvolk” (also Arne und ich) einordnet, keine Beleidigungen sind, habe ich zum Abschluss eine Aufgabe für Herrn Kemper, die darin besteht, die folgenden drei Fragen zu beantworten:

  1. Warum haben sich wohl die unterschiedlichsten Leute gegen die Praxis bei Wikipedia gewendet, Personen und Organisationen zu diffamieren? Hinweis: Die Antwort hat nichts mit politischer Kampagne zu tun.
  2. Stellen Sie sich vor, Herr Kemper, jemand behauptet und verweist auf jemand anderen, der das gesagt haben soll, ihre Arbeit sei eine Anammlung von Unsinn, strotze nur so von inhaltlichen und methodischen Fehlern und außerdem seien Sie homophob und das Ganze stünde für jeden an 24 Stunden und sieben Tage die Woche zum Lesen bereit auf Wikipedia, wie würden Sie sich wohl fühlen? Hinweis, ich habe das, was über Gerhard Amendt auf Wikipedia steht, als Grundlage für diese Frage genutzt.
  3. Jetzt kommt die schwierigste Frage: Finden Sie es moralisch vertretbar bzw. integer, dass man unter Ausnutzung von Anonymität über lebende Personen herzieht und ihnen, ohne den Kontakt mit ihnen zu suchen (obwohl sie noch leben und man sich mit ihnen unterhalten könnte), die übelsten Dinge unterstellt, um sie zu diskreditieren?

Ich weiß,  das ist viel verlangt. Ich weiß, Empathie und Transfer, beides wird hier verlangt, sind seltene Güter in Deutschland. Aber an schwierigen Aufgaben kann man wachsen und am Ende doch tatsächlich so etwas erzielen wie moralische Integrität. Es ist nie zu spät – versuchen Sie es!

Bildnachweis
Henze & Partner
Wikipedia – “Truth based on who edits last”

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