Muss man Eltern noch mehr entmündigen?

Wie in allen OECD-Staaten, in denen das Bildungsideal der Mittelschicht herrscht, so gibt es auch in Deutschland das Ziel, den Anteil der Höher- und Hochgebildeten zu erhöhen. Eng mit diesem Ziel verbunden ist das Ziel, die soziale Stratifizierung des Schulsystems zu verringern. In vielen Staaten der OECD, ganz besonders aber in Deutschland, entscheidet die Herkunft über die formale Bildung, die von Kindern erworben wird. Kinder aus Arbeiterhaushalten haben entsprechend eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit als Kinder aus Angestellten- oder Beamtenhaushalten, ein Abitur zu erreichen oder zu studieren.

OECDWenn man davon ausgeht, dass Intelligenz normalverteilt ist und zudem annimmt (nur kurz), dass die besten Noten an die besten Schüler vergeben werden, dann folgt daraus, dass der geringere Anteil von Kindern aus Arbeiterfamilien unter den Abiturienten und den Studenten eine Bildungsungleichheit darstellt, denn die normale Verteilung von Intelligenz und die formal ohne Ansehen der Person erfolgende Vermittlung von Bildung in Schulen lässt erwarten, dass der Anteil der Arbeiterkinder auf Gymnasien dem Arbeiterkinder in der Bevölkerung entspricht.

Das tut er aber de facto nicht, was die Frage aufwirft, warum das so ist.

Diese Frage kann man auf zwei Arten beantworten. Erstens: Faktoren, die Arbeiterkinder zu einer selegierten Population machen, sind für die soziale Ungleichverteilung verantwortlich. Arbeiterkinder sind (1) dümmer oder (2) weniger motiviert oder (3) auf Unterstützung von zu Hause angewiesen, die sie aber nicht erhalten. Entsprechend sind sie in der Schule nicht so erfolgreich wie Kinder aus Angestellten- und Beamtenhaushalten. Offenkundig haben diese Erklärungen erhebliche Mängel: (1) Ein Arbeiterkindersinddümmer-Gen wurde bislang nicht entdeckt, und dass es entdeckt wird, ist eher unwahrscheinlich. (2) Damit die Motivation von Arbeiterkindern geringer ist als die Motivation von Angestellten- oder Beamtenkindern muss man die Existenz von Faktoren annehmen, die sich systematisch auf alle Arbeiterkinder auswirken und ihre Motivation reduzieren bzw. nicht in dem Maße positiv beeinflussen, wie dies bei Angestellten- und Beamtenkindern der Fall ist. Wieder ist die Erklärung eher lahm, denn es steht zu erwarten, dass die Diversität der Randbedingungen, unter denen Arbeiterkinder, Angestelltenkinder oder Beamtenkinder aufwachsen innerhalb der Gruppen deutlich höher ist als zwischen den Gruppen. Bleibt (3) die Angewiesenheit auf die Unterstützung im Elternhaus. Zwar wird die Unterstützung im Elterhaus verbal häufig bemüht wird, einer näheren Betrachtung hält sie aber nicht standhält. Wenn Kinder ab dem 3ten oder 4ten Lebensjahr in institutioneller Betreuung sind, ist es wirklich nicht sonderlich naheliegend anzunehmen, dass die wenigen Stunden am Tag, die sie mit ihren Eltern verbringen, den Ausschlag geben sollen. Darüber hinaus wäre zu zeigen, dass Kinder auf die elterliche Unterstützung, sofern es eine Unterstützung ist, angewiesen sind ohne dieselbe nicht besser fahren.

Wenn die Ursachen für die Bildungsungleichheit, die Kinder aus Arbeiterfamilien seltener auf weiterführenden Schulen sieht, nicht “in den Kindern” liegen, müssen sie in ihrem Umfeld zu finden sein, d.h. in den Schulen oder bei ihren Eltern.

Da Schulen staatliche Institutionen sind, haben sie in Deutschland einen sakrosankten Status und der Hinweis, es könne an den Lehrern liegen, dass Kinder aus Arbeiterfamilien seltener auf Gymnasien wechseln als Kinder aus Angestellten- oder Beamtenfamilien kommt einer Gotteslästerung gleich. Wir erinnern uns noch gut an den Aufschrei, der durch Deutschland ging, als wir gezeigt haben, dass die Schulleistungen von Jungen systematisch mit dem Anteil von männlichen Grundschullehrern variieren, d.h. je mehr männliche Grundschullehrer, desto besser schneiden Jungen ab. Was zu erwarten wäre, wenn man zeigen würde, dass mit dem Anteil der Lehrer die aus einer Mittelschichtsfamilie stammen und mit der Verbreitung von Schulsozialarbeitern eine geringere Wahrscheinlichkeit für Kinder aus Arbeiterfamilien einhergeht, auf Gymnasien zu wechseln, man kann es sich lebhaft ausmalen. Nichtsdestotrotz wäre die entsprechende Forschung hochinteressant, aber es steht zu befürchten, dass die Kultusministerkonferenz die Erhebung entsprechender Daten bzw. die Veröffentlichung entsprechender Ergebnisse verhindern würde (Wir lassen uns hier gerne eines Besseren belehren…).

Wenn also Forschung über den Effekt von Schulen, schlechten Lehrern oder dem Anteil von Mittelschichtslehrern auf das Abschneiden von Arbeiterkindern im Bildungssystem einen sakrosankten Status hat und sich kaum jemand an die entsprechende Forschung wagt, dann bleiben noch die Eltern als Schuldige an der sozialen Stratifizierung des Schulsystems.

Und just diese Schuldigen haben Marcel Helbig und Cornelia Gresch ausgemacht. In einem neuen WZB-Brief steht bereits in der Unterüberschrift, was der Text zeigen soll: “Wo Eltern das letzte Wort haben, kommen noch weniger Arbeiterkinder aufs Gymnasium”. Oder im Text: “Die Freigabe des Elternwillens verstärkt soziale Ungleichheit”. Man beachte die Wortwahl: “Freigabe des Elternwillens” … dazu später.

Zunächst zu den Daten: In Deutschland existieren Bundesländer, in denen die Eltern die letzte Entscheidung darüber haben, welche Schule ihr Kind nach der Grundschule besucht (z.B. Hessen) neben Bundesländern, in denen die Grundschulempfehlung bindend ist (z.B. NRW). Die Forschung, so berichten Helbig und Gresch, habe nun gezeigt, dass in Bundesländern, in denen die Schulwahl nach der Grundschule Sache der Eltern ist, noch weniger Arbeiterkinder auf weiterführende Schulen gehen, als in Bundesländern, in denen die Grundschulempfehlung bindend ist. Aus “verschiedenen Gründen”, so Helbig und Gresch, hätten Kinder aus Arbeiterfamilien auch im Durchschnitt schlechtere Noten als Kinder aus Angestellten- und Beamtenfamilien (wie spitz die Finger doch werden, wenn es darum geht, die Frage zu klären, wie Noten eigentlich zustande kommen).

Unabhängig von besseren schulischen Leistungen seien die Angestellten- und Beamteneltern bildungsmotivierter als Arbeitereltern, und entsprechend würden sie ihre Kinder auf Gymnasien stecken, um ihre Bildungsaspirationen durchzusetzen. Diese Tendenz von Angestellten- und Beamteneltern, ihre Kinder auf Gymnasien zu schicken, steige mit dem sozialen Status und mit der Anzahl der Geschwister, die bereits auf Gymnasien sind. Der elterliche Bildungsdruck auf Kinder ist angeblich so furchtbar, dass die nordrhein-westfälische Kultusministerin Barbara Somme, die Helbig und Gresch in ihrem Text zitieren, gesagt haben soll, man müsse die “Kinder vor ihren Eltern schützen” und die Grundschulempfehlung entsprechend verbindlich machen.

Und damit sind wir wieder bei der Freigabe des Elternwillens und dabei, dass sich staatliche Institutionen anmaßen, über Dritte zu bestimmen, die korrekten Lebensläufe von Kindern vorzugeben, und den Elterwillen freizugeben oder nicht. “Freigabe des Elternwillens” ist übrigens ein schöner Euphemismus für Entmündigung, und nachdem wir uns vor einigen Tagen schon darüber gewundert haben, dass man beim BMFSFJ denkt, Eltern seien vollkommene Erziehungstrottel, die nicht in der Lage sind, ohne beim Ministerium einen Medienpass zu erwerben, ihre Kinder im Umgang mit Internet und Computern zu erziehen, ist es nunmehr an der Zeit, sich darüber zu wundern, dass viele Eltern es offensichtlich über sich ergehen lassen, dass sie im Hinblick auf die Bildungskarriere ihrer Kinder entmündigt werden, ihr Elternwillen nicht freigegeben wird. Je mehr dieser Übergriffe auf den freien Willen von Eltern man entdeckt und je mehr unwidersprochen oder unangefochten bleiben, desto mehr fragt man sich, ob die Ministeriellen mit ihrem Bild von Eltern vielleicht doch recht haben.

free willDessen ungeachtet sind wir also mit Helbig und Gresch zu dem Schluss gekommen, dass “verschiedene Gründe” zu Schulnoten führen und der freie Elterwille der Hauptgrund dafür ist, dass Arbeiterkinder seltener auf Gymnasien zu finden sind als Kinder aus Angestellten- und Beamtenfamilien. Und wieder einmal sind Schulen und Lehrer fein raus. Sie sind die Durchlauferhitzer, die nur erwärmend auf das Material wirken, das ihnen eingespeist wird, und zwar ohne Ansehen der Person. Doch hat sich in die oben zitierte Unterüberschrift eine Relation eingeschlichen: “Wo Eltern das letzte Wort haben, kommen noch weniger Arbeiterkinder aufs Gymnasium” hieß es da, was voraussetzt, dass die Bildungsungleichheit auch da besteht, wo der Elternwille nicht freigegeben ist. So we come full circle, und die Frage, warum Kinder aus Arbeiterfamilien seltener auf Gymnasien zu finden sind als Kinder aus Angestellten- und Beamtenfamilien ist weiterhin unbeantwortet.

Aber wir wissen: der freie Elternwille ist auf jeden Fall zu vermeiden.

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25 Responses to Muss man Eltern noch mehr entmündigen?

  1. Meiner, Hans (Kempten) says:

    Als jemand, der eine abenteuerliche Kindheit hinter sich hat, auf die kein statistisches Wunderwerk an soziologischen Begriffen passt, frage ich noch etwas ganz Anderes: Was ist eigentlich mit dem Willen der Kinder selbst?

    Sobald ein Kind kapiert hat, dass es “wertvollere” Schulen als andere gibt, dass diese aber höhere Anstrengung erfordern – und dass kapieren schon Zweitklässler – ist das Kind als Individuum doch an dem Prozess mitbeteiligt – was nicht heißt, dass LehrerInnen zuviel Ehrgeiz nicht gezielt ausbremsen können (wenn der Knirps z.B. zu früh despektierliche Fragen stellt).

    Vielleicht also sollte man nicht anfangen mit Ersatzmenschen (Erziehungsbevollmächtigte und dgl.), sondern mit den Menschen selbst, um die es doch geht.

    (LehrerInnen geht es primär um LehrerInnen, ElterInnen primär um ElterInnen. ICH BIN FÜR DIE KINDER!)
    .

    • a.behrens says:

      Interessanter Punkt. Und da dürften sich tatsächlich die Arbeiterkinder vom Bildungsbürgertum trennen. Denn der Weg auf eine bessere Schule ist manchmal (ok, war so in meiner Kindheit) einfach. Es reicht eine Anmeldung sowie der Satz “das schaffst du schon”.

      IMO ist der größte Unterschied zwischen Unterschicht und Mittelstand nicht Intelligenz, sondern Selbstvertrauen. Und zwar sowohl bei den Kindern, als auch bei den Eltern. Und Selbstvertrauen sowohl gegenüber den eigenen Fähigkeiten als auch beim Umgang mit Lehrern.

      • Meier, Hans (Kempten) says:

        “IMO ist der größte Unterschied zwischen Unterschicht und Mittelstand nicht Intelligenz, sondern Selbstvertrauen.”

        Teilweise. Das wirkliche Problem besteht darin, dass die meisten Menschen in nur EINEM Milieu groß werden und dann ganz und gar dessen Einflüsterungen ausgesetzt sind. Je mehr verschiedene Welten man kennt, desto freier kann man – auch über sich selbst – entscheiden.

        EINES der Probleme, mit denen wir aktuell zu tun haben, besteht darin, dass Kinder ZU WENIGE Bezugspersonen haben, viel zu oft: EINE Mutter, kein Vater, keine Geschwister, keine Familie. Hinzukommt dann EINE Kindergärtnerin und EINE Schule, wobei es zwischen Mutter, Kita und Schule oft NULL Differenz in kultureller, moralischer und intellektueller Hinsicht gibt. (Niemand verbietet der Lehrerin, dem Sohn der ALDI-Verkäuferin anregende Abenteuerliteratur hinzulegen, die so nebenbei philosophische Fragehorizonte eröffnet und durch geschickt eingebaute Namensnennung darauf hinweist, dass es spannende Texte gibt von Platon, Shakespeare oder Kant. WARUM GESCHIEHT ES NICHT?)

        Es mag ja sein, dass Mütter ihren Kindern unterschiedlich viel Selbstbewusstsein geben. Wenn Schule das nicht ausgleichen kann, macht sie was falsch, ist sie ÜBERFLÜSSIG.

        Was den Horizonzt nicht erweitert, also NEU ist und unbekannt und deshalb eine produktive Herausforderung, ist ÜBERFLÜSSIG.

  2. heureka47 says:

    Ich bin ein Arbeiterkind. Und verließ nach vier Schuljahren 1958 die Volks- / Grundschule und ging aufs Gymnasium – das ich nach einem Jahr wieder verlassen mußte.
    Aber nicht wegen mangelnder Intelligenz – die wurde mir sogar in meinem Abgangszeugnis von den Lehrern ausdrücklich bescheinigt – sondern weil ich mich nicht an den “normalen” rationalen Irrsinn anpassen lassen wollte, der dort offensichtlich herrschte!

    Die Mehrheit der Lehrer war menschlich unqualifiziert und ihre Neigung zu Bosheit und Aggression deutlich zu erkennen. Aus heutiger Sicht schwer gestörte Persönlichkeiten – auch wenn keiner von denen in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung gewesen sein sollte. Und das ist eben die “Pathologie der Normalität” (Erich Fromm).

    Kein Abitur gemacht zu haben, hat mich nicht daran gehindert, beruflich überdurchschnittlich erfolgreich gewesen zu sein. Und letztlich hat mir meine Intelligenz dazu verholfen, die seelischen Schäden zu erkennen und zu heilen, die ich mir in der Kindheit zugezogen hatte, so daß ich mich seit 20 Jahren einen “bedingungslos glücklichen Menschen” nennen kann.

    Wer kann das schon!

    Wir sollten uns nicht länger mit oberflächlicher Kritik bzw. oberflächlichen Korrekturen der “Mängel des Systems” befassen, sondern “tabula rasa” – reinen Tisch – machen und das Übel an der Wurzel packen und ein für alle Mal ausreißen.

    “Die Wahrheit wird euch frei machen”.

  3. needsch says:

    Weshalb sind Sie sich so sicher, dass Intelligenz nicht erblich ist?

    • das steht nirgends, wie kommen Sie darauf?

      • needsch says:

        Das steht auch nicht so drin, allerdings wird der Erklärungsansatz “Arbeiterkinder sind dümmer” in meinen Augen etwas allzu leichtfertig verworfen:
        “(1) Ein Arbeiterkindersinddümmer-Gen wurde bislang nicht entdeckt, und dass es entdeckt wird, ist eher unwahrscheinlich.”

        • Na dann bringen Sie mal Belege dafür, dass sich Intelligenz (! Wohlgemerkt, nicht formale Bildung!) nach sozialer Klasse verteilt. Bin schon gespannt.

          • needsch says:

            Bringen Sie doch Belege dafür, dass es da keinen Zusammenhang gibt…

            Meine Überlegung ist ganz einfach:
            Wenn Arbeiter im Schnitt dümmer sind als Akademiker (glaube ich), dann sind auch ihre Kinder im Schnitt dümmer als die Kinder von Akademikern. Vorausgesetzt Intelligenz ist erblich, zumindest teilweise (glaube ich auch).

            • Wenn, und was wenn nicht bzw. was legt nahe, dass es SO ist?

              • needsch says:

                Hmm… meine Lebenserfahrung. Aber ich sage ja gar nicht, dass es unbedingt so sein muss. Es wundert mich nur, dass man (in meinen Augen) so leichtfertig etwas anderes annimmt.

                Spannend finde ich hierzu die Forschung von Robert Plomin. Er ist auch in der Brainwash-Reihe von Harald Eia zu Wort gekommen:
                https://www.youtube.com/watch?v=9row4g2UyLM

                (Diese Folge beschäftigt sich mit der Erblichkeit von Intelligenz, also der Frage: Umgebung oder Gene?)

                • Man nimmt so lange etwas anderes an, so lange es keine Belege dafür gibt, dass dieses andere falsch ist oder so lange es keine Belege dafür gibt, dass es besser ist, etwas anderes anderes anzunehmen. Es gibt NICHT EINEN BELEG dafür, dass Intelligenz sich an soziale Klassen häkt und ehrlich gesagt, wenn ich mir so manche Mittelschichtler ansehe, dann bin ich eher der Ansicht, dass, wenn überhaupt eine Korrelation zwischen mangelnder Intelligenz und Klasse/Schicht besteht, dann hier. Die Korrelation würde ich jedoch nicht über Vererbung, sondern über systematische Selbstverblödung erklären.

                  • needsch says:

                    Bei sozialen Klassen wird es natürlich sehr viel komplizierter. Mir ging es hier nur um den Aspekt der Erblichkeit von Intelligenz. Denn dieser Aspekt kann in meinen Augen durchaus einen Teil zur Erklärung beitragen.

                    Es gibt sicherlich noch eine Menge anderer Faktoren, z.B. Ungleichbehandlung in der Schule durch Lehrer, andere Erwartungshaltung der Eltern usw.

                  • W. H. Greiner says:

                    Zunächst mal ist festzuhalten, dass ca 50% dessen, was wir als “IQ” messen, Umgebungs-unabhängig vererbt ist. Das ist nicht bloß eine Vermutung, das wissen wir definitiv aus der Zwillingsforschung – einfach mal mit den Suchbegriffen “Intelligenz” und “erblich” googeln.

                    Zweitens ist festzuhalten, dass der MÖGLICHE Bildungserfolg (im Sinne einer Obergrenze, wg. IQ als nötiger, aber nicht allein hinreichender Voraussetzung) sehr gut mit dem IQ korreliert: eben zwecks Einschätzung des ersteren wurde der IQ-Test ja überhaupt erst entwickelt, und eben dazu bewährt er sich seit vielen Jahrzehnten sehr gut.

                    Wenn also der IQ einerseits großenteils erblich ist und andererseits mit dem Bildungserfolg hoch positiv korreliert, dann ist ein wesentlicher Vererbungseinfluss des elterlichen IQs/Bildungsniveaus (das ja seinerseits schon denselben Gesetzmäßigkeiten folgte) auf den Bildungseinfluss der Kinder logisch zu erwarten; das Gegenteil bedürfte erst eines Beweises. Das kann man nicht einfach flapsig mit der Bemerkung abtun, ein “Gen für Bildung” gäbe es nicht; und schon gar nicht kann man diesbezüglich persönliche Einzelerfahrungen mit offenbar dummen Mittelständlern als Argument gelten lassen.

                    Sorry, Michael: ich schätze Euer Blog sonst sehr für den unbestechlich kritischen, wissenschaftlichen Geist, der hier regiert. Aber eine Argumentationskette, die auf der kategorischen Leugnung erblicher Einflüsse auf das Bildungsniveau aufbaut, hat mit Wissenschaftlichkeit rein gar nichts zu tun, das ist pure Ideologie. Da bin ich von Dir sonst Besseres gewöhnt.

                    • Sorry, W. H. Greiner, ich schätze “sorry” in Kommentaren überhaupt nicht, um genau zu sein, ich hasse: Sorry, denn es ist das heuchelnde Halali zu allem, was man schon immer einmal loswerden wollte, weil es einem nicht passt. Vor allem schätze ich es nicht, wenn man etwas bei anderen kritisiert, das diese anderen NIE gesagt haben.

                      Niemand hat behauptet, dass Intelligenz nicht vererbt werden kann. Vielmehr – bitte Hirnzellen anstrengen, es geht darum ZWEI Variablen in Relation zu einer DRITTEN setzen – habe ich gesagt, dass es schon eine komische Annahme ist, Intelligenz als sozial vererbt anzusehen. Wir reden davon, dass die Kinder von Eltern, die zur Arbeiterschicht zählen, ihrerseits schlechtere schulische Leistungen erbringen (angeblich) als Mittelschichtskinder. Und das kann man mit vererbter Intelligenz nur dann annehmen, wenn man annimmt, dass Arbeiter doof sind und doof bleiben. Was die Frage, wie soziale Mobilität in Gesellschaften möglich ist, als solche erledigt.

                      Darüber hinaus habe ich darauf hingewiesen, dass ein FORMALER BILDUNGSTITEL NICHTS MIT INTELLIGENZ ZU TUN HAT. Dass jemand Abitur erreicht hat, muss mit Intelligenz so wenig zu tun haben, wie es mit Intelligenz zusammenhängen muss, dass jemand sitzen bleibt. Formale Bildung erhält man nicht für Intelligenz, sondern dafür, dass man die richtigen Antworten gelernt hat … (ich sag’s lieber gleich: Das war jetzt pointiert auf den Punkt gebracht…

                    • Gartenzwerg says:

                      Wie wäre es, mal der Annahme zu folgen, dass Intelligenz normalverteilt ist? Dann wäre die Frage, welcher IQ zu welcher Schulform berechtigt.
                      Allein die Annahme der Normalverteilung führt den Schluss, dass Arbeiterkinder erblich dümmer seien, ad absurdum. Lt. statistischen Erhebungen besteht der Prozentsatz der Arbeiter am Anteil aller Erwerbstätigen über 30%(ich glaube es waren ca. 34% – wer mag kann selbst in Statistiken wühlen). Dies entspricht so nicht unbedingt dem Anteil der Minderintelligenten lt. Normalverteilung.
                      Wie war das nur früher, als die Arbeiterklasse zahlenmäßig noch sehr viel größer war? Haben die ihren Genpool inzwischen mit intelligenteren Menschen gepimpt?
                      Zu guter Letzt gibt es Studien, die belegen dass ein IQ-Wert durch entsprechende Förderung durchaus beeinflussbar ist. Dies wiederum spricht dafür, dass ein Intelligenztest eben nicht nur eine genetische Anlage misst. Womit wir dann bei Intelligenzmessungen wären, die “cultural fair” sind, also nicht Wissen testen, sondern versuchen tatsächlich nur Begabung zu messen…

          • jck5000 says:

            Es gibt eine erschreckend hohe Anzahl von Personen, die zwischen Intelligenz und Bildung nicht trennen. Gefühlt ist das sogar die Mehrheit.

  4. Bergische Löwin says:

    Ich denke, die Antwort ist recht einfach, denn die allermeisten Dinge entwickeln sich nach der sich selbsterfüllenden Prophezeiung: Eltern aus “bildungsfernen Schichten” erwarten nicht, dass ihre Kinder das Gymnasium besuchen, gebildete Eltern erwarten genau das. Und unsere lieben Kinder richten sich sowohl bewusst als auch unbewusst danach. Das hat mit Druck oder Vernachlässigung, Förderung oder nicht primär gar nichts zu tun. Die Erwartungserhaltung der Eltern bestimmt die Entwicklung der Kinder, und wenn sich die Eltern dabei nicht allzu dominant verhalten und dadurch Oppsition hervorrufen, klappt es auch. Simpel.

    Ich finde es heutzutage viel interessanter, einmal die Rolle des “Wohlstandes” zu betrachten, den unsere Kinder in der Mehrzahl der Fälle vorfinden und das Vorhandesein von Brot und Spielen im Überfluss. Wie kann unsere Gesellschaft wieder dahin zurückfinden, die Eigenverantwortung der Kinder und damit ihre persönliche Entwicklung zu fördern? Vielleicht in dem wir ihnen echte Verantwortung übertragen und Fehler “zulassen”? In dem wir die weitere “Vollversorgung” stoppen und einmal auf die Rundumversorgung durch den “Sozialstaat” schauen? Macht man so vielleicht Kinder stark? (Das Gleiche gilt auch für uns Eltern, denke ich)

    Das sind die brennendsten Ziele von “Bildung” anno 2013.

    • heureka47 says:

      Die BILDUNG einer Blüte und Frucht beweist die “Reife” der Blütenpflanzen.

      Bei Menschen ist es die BILDUNG des “höheren” Bewußtseins, des “Höheren / wahren Selbst”, auch das “Christus-Bewußtsein” genannt, das ihn in die Lage versetzt, seinen Ursprung und seine Bestimmung zu erkennen und sein Leben wahrhaft zu gestalten sowie auch geistig-seelischen / spirituellen Nachwuchs zu erzeugen.

      Der normale – entfremdete, kollektivneurotische, usw. – zivilisierte Mensch kann das NICHT; er gelangt nicht zur “Blüte” und bildet keine “Frucht”. Diese Möglichkeit der Reproduktion ist ihm durch die Entfremdung abhanden gekommen. Und deshalb degeneriert sein Volk und wird untergehen und aussterben – WENN nicht die Krankheit erkannt und grundlegend geheilt wird; was möglich ist.

  5. Zara says:

    Ein Vorschlag, wie man Elternwille und Lehrerempfehlung miteinander verbinden könnte: Die Lehrer geben Empfehlungen für weiterführende Schulen ab und diese dürfen von Eltern nicht “unterschritten”, wohl aber “überschritten” werden. Soll heißen, gibt ein Lehrer Empfehlung für die Realschule, können die Eltern das Kind auch auf das Gymnasium schicken, aber nicht auf die Hauptschule.

  6. Meier, Hans (Kempten) says:

    “Die Lehrer geben Empfehlungen für weiterführende Schulen ab und diese dürfen von Eltern nicht “unterschritten”, wohl aber “überschritten” werden.”

    UNBEDINGT, sehr gut. Ich war damals (4. Klasse) vom Jugendamt einer Erziehungsbevollmächtigten zugeteilt worden, die wollte, dass ich NICHT aufs Gymnasium gehe. Zu anstrengend. (Und in ein paar Jahren hätte ich schon zuverdienen können…)

    Zum Glück konnte sie sich nicht durchsetzen – aber ich fürchte, dieses Glück haben nicht viele.

  7. A.S. says:

    “Die Lehrer geben Empfehlungen für weiterführende Schulen ab und diese dürfen von Eltern nicht “unterschritten”, wohl aber “überschritten” werden.”

    Auf keinen Fall! Die Schulen sind Teil des Problems, nicht der Lösung.
    Ein Pädagogik-Proff hat uns an der Uni mal gesagt, die Schulempfehlungen zum Übertritt hätten die Treffsicherheit von Würfeln. Zudem ist die Vorhersagequalität der Noten extrem schlecht.
    Man muss den Einfluss der Schulen/Lehrer eher reduzieren als verstärken.

    Ein weiterer Punkt noch: Das die Bildungswege der Kinder denen der Eltern recht ähnlich sind halte ich für völlig normal. Für Kinder ist schließlich normal was die Eltern machen. Sind die Eltern Handwerker, dann ist der Weg für die Kinder normal, sind die Eltern Akademiker, dann ist ein Studium für die Kinder auch normal.
    Wenn sich die Bildungswege ausschließlich nach Intelligenz verteilen würde hätten wir ein Problem, alle Handwerker wären dann z.B. weniger intelligent. Und ein Land in dem Installateure „dümmer“ als Germanisten sind hat ein Problem.

    Der eigentliche Skandal ist, aus meiner Sicht, die Reduzierung von Bildung auf Schwafel-Fähigkeiten. Etwas zu können kommt im Bildungsbegriff heute nicht mehr vor, über etwas Reden können ist die entscheidende Fähigkeit. Der Umgang mit Sprache wir belohnt, nicht der Inhalt der Sprache.

  8. dentix07 says:

    Zu der Diskussion “Intelligenz und Vererbung” müßten Sie, Herr Klein, als Sozialwissenschaftler und in England Lebender, doch eigentlich einiges sagen können! Während meiner Schulzeit haben wir uns in Sozialwissenschaften mal mit diesem Thema befaßt und betrachteten die Ergebnisse eines englischen Forschers (wurde sogar geadelt; “Sir xxx”; habe leider den Namen vergessen) der
    das anhand eineiiger Zwillinge (die nach der Geburt getrennt wurden) untersucht hatte. Allerdings wurden seine Forschungsergebnisse einige Zeit später von einem seiner Schüler als – vorsichtig ausgedrückt – nicht ganz sauber entlarvt.
    Ist das Thema – auch in England/GB – völlig versandet, oder gab es Fortführungen (und eventuell andere Ergebnisse)?

    Wenn ich soetwas lese: “…Freigabe des Elternwillens..”, dann geht mir die Hutschnur hoch! Ob die beiden Autoren, Marcel Helbig und Cornelia Gresch, wohl jemals das GG gelesen haben? Z.B. Artikel 6, (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern
    und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht….”!

    Und wieder einmal treffen wir auf ein (Huhu, Herr Gabriel!) “abscheuliches Menschenbild”! Ein Menschenbild in dem auch jeder Erwachsene, nicht als freier, mündiger, selbstverantwortlicher Bürger und zu dieser Verantwortung Befähigter, angesehen wird, sondern als Unmündiger, Dummer, Unfähiger (auch in Sachen Erziehung und Bildung) dem NUR durch STAATLICHE Erlaubnis das Recht eines eigenen Willens zugestanden wird!
    Es ist nicht zu glauben, wie sehr das Denken angeblicher Eliten in Deutschland dem aus brauner und roter Vergangenheit entspricht!
    Kurt Schumacher hatte recht, als er sagte: “Kommunisten sind nur rotlackierte Faschisten!”
    Ich erweitere das: “Ob rot, grün, lila oder braun, und sogar schwarz! Unter der Farbe herrscht derselbe Geist!”

    • heureka47 says:

      “… in dem auch jeder Erwachsene, nicht als freier, mündiger, selbstverantwortlicher Bürger und zu dieser Verantwortung Befähigter, angesehen wird, sondern als Unmündiger, Dummer, Unfähiger (auch in Sachen Erziehung und Bildung)…”:

      Wenn Sie sich sich mit der wirklichen Realität befaßt hätten und auch der Wahrheit der “Kollektiven Neurose” / “Entfremdung” der zivilisierten Gesellschaft offen ins Auge sehen könnten, wüßten Sie, daß genau das, was Sie schreiben, zutrifft – leider.

      Ich bin nur ganz anderer Meinung darüber, wie mit dem Problem umzugehen ist.
      Ich setze mich seit über 20 Jahren für Aufklärung – vor allem auch über den Weg der grundlegenden HEILUNG – ein. Denn alles andere führt in den Untergang, und letztlich zum Aussterben der befallenen Population. Denn die “Entfremdung” des typischen zivilisierten Menschen ist Entfremdung von genau DEM Faktor, der ihm LEBEN ist – die “Lebens-Energie”.

  9. Röhl, Wolfgang says:

    Buchtip: “Die Intelligenz und ihre Feinde” von Weiss, V.

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