Karl-Dieter Opp: “Unser Mann in Deutschland” wird 77

Herzlichen Glückwunsch Karl Dieter Opp!

KD_OppEiner der wenigen großen und international bekannten deutschen Soziologen wird heute 77 Jahre alt. Wir wünschen ihm an dieser Stelle für das neue Lebensjahr und all die anderen, die noch kommen, bis mindestens das “Century” voll ist, alles Gute und vor allem Gesundheit.

Begonnen hat die Soziologen-Karriere von Karl-Dieter Opp bei zwei deutschen Koryphäen, die ebenso schwierig wie in ihrem Fach ausgewiesen waren. Bei René König und Erwin K. Scheuch zu studieren und zu promovieren war sicherlich kein einfaches Unterfangen, schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass Karl-Dieter Opp neue empirische Ansätze in die Welt der Soziologie gebracht hat. Dabei war die Soziologie zu Zeiten von Scheuch und König noch mehr empirische Soziologie, als sie das heute ist, da sie in weiten Teilen zur Weltbetrachtung auf Basis des methodologischen Atomismus verkommen ist.

“Unser Mann in Deutschland”, das war Karl-Dieter Opp für George C. Homans, besonders nachdem er gemeinsam mit Hans J. Hummell die Monography “Die Reduzierbarkeit von Soziologie auf Psychologie: Eine These, Ihr Test und ihre Theoretische Bedeutung” veröffentlicht, und damit Schockwellen durch die noch nicht so situierte deutsche Soziologie geschickt hat; Schockwellen, die den großen alten Mann der deutschen Soziologie, Rene König, jedoch nur mäßig ins Wanken gebracht haben. Daran hat sich Karl-Dieter Opp immer wieder gerne erinnert: “Jungens, das ist keine Soziologie”, so habe König zu bedenken gegeben.

König hat sich geirrt.

Die empirische Fundierung der Soziologie durch verhaltenstheoretische Modelle und empirische Forschung hat sich über die Jahre als genau die Form von Soziologie etabliert, die nach Ansicht der Betreiber von ScienceFiles die einzige ernst zu nehmende Form von Soziologie ist, jedenfalls wenn sie um die Komponenten angereichert ist, die James S. Coleman in seiner Handlungstheorie und insbesondere in seinem strukturell-individualistischen Forschungsmodell angeführt hat, ein Modell, mit dem sich Karl Dieter Opp sehr intensiv auseinander gesetzt hat und weiter auseinander setzt, vor allem im Hinblick auf die Verbindung zwischen dem, was als Erklärung individuellen Handelns firmiert und den gesellschaftlichen Phänomenen, die über dieses individuelle Handeln erklärt werden sollen.

Opp_MethodologieDie Methodologie der Sozialwissenschaften ist dann auch eines der Hauptthemen, die Karl-Dieter Opp im Verlauf seiner Karriere bearbeitet hat. Dabei ist er keiner der großen Kontroversen aus dem Weg gegangen. Sei es die Kontroverse über Erklären und Verstehen, sei es die Kontroverse, die als Positivismusstreit der Deutschen Soziologie in die Annalen der Wissenschaftsgeschichte einging.

Während die Erklärens/Verstehens-Kontroverse letztlich darüber geführt wird, ob man sich in das Hirn dessen, den man als Forschungsobjekt betrachtet, hineinversetzen muss, um Aussagen über das Forschungsobjekt und sein Handeln machen zu können, also letztlich Intentionen kennen muss, um Handlungen und Handlungsfolgen verstehen zu können, oder ob es reicht, Handlungen und Handlungsfolgen über Randbedingungen zu erklären und anzunehmen, dass Menschen vernunftbegabte Wesen sind, deren Handlungen man erklären kann, ohne die Tiefenstruktur ihrer Psyche zu analysieren, hat der Positivismusstreit ein, wenn man so will, Selbstwertproblem von Soziologen behandelt: Sind Soziologen aufgrund der Tatsache, dass sie Soziologen sind, so erhaben, dass das, was sie sagen, Anspruch auf Richtigkeit erheben kann, oder sind Soziologen empirische Wissenschaftler, die prüfen, was sie behaupten.

Karl-Dieter Opp hat hier immer eindeutig Stellung bezogen: Für ihn ist Soziologie eine Wissenschaft, deren Aufgabe darin besteht, soziale Phänomene oder soziale Fakten, wie Durkheim sie genannt hat, zu erklären und weil dem so ist, sind Soziologen keine erhabenen Gestalten, die erzählen, wie ihnen die Welt gerade vorkommt, sondern Wissenschaftler, die prüfen müssen, ob das, was sie erzählen, auch richtig ist.

Opp_WirtschaftskriminalitaetKarl-Dieter Opp hat geprüft und geforscht und auch mit 77 Jahren ist sein Schaffensdrang nicht erlahmt. Hatten seine frühen Arbeiten noch kriminologische Inhalte, so hat ihn das deutsche Missverständnis davon, was der Labeling Approach angeblich behauptet, ein Missverstädnis, das so profund ist, dass es kaum zu glauben ist, schnell davon überzeugt, dass es besser ist, sich anderen Themen zuzuwenden, wenngleich ihn die Erforschung abweichenden Verhaltens nie richtig losgelassen hat. Beiträge wie “The Economics of Crime and Deviant Behaviour” belegen dies eindrücklich.

In aller Kürze: Der labeling approach geht davon aus, dass nach primärer Devianz, also nach z.B. einer begangenen Straftat, ein Prozess einsetzt, der als sekundäre Devianz bezeichnet wird, und darauf gründet, dass Straftäter, nachdem sie einmal eine Straftrat begangen haben, von der Gesellschaft als Straftäter etikettiert werden, weshalb sie keine Zugänge zu legalen Mitteln des Unterhaltserwerbs finden und weiter straftätig sein müssen. In der deutschen Travestie des Labeling Approaches, den in dieser Hinsicht Fritz Sack auf dem Gewissen hat, ist daraus die Behauptung geworden, dass Kriminalität als solche gesellschaftlich verursacht, ein gesellschaftliches Konstrukt sei (dazu: Lemert, Edwin M. (1975). Der Begriff der sekundären Devianz. S. 433-476 in Lϋdersen, Klaus & Sack, Fritz (Hrsg.): Abweichendes Verhalten I. Die selektiven Normen der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Akademische Verlagsgesellschaft.)

Karl-Dieter Opp weist ein Themenspektrum auf, das kaum ein anderer Soziologe abzudecken in der Lage ist, und das im Kern von der Erforschung von sozialen Normen zusammengehalten wird. Normen sind für Soziologen bekanntlich Verhaltenserwartungen, die (manche) Akteure bei ihren Handlungen berücksichtigen, sie reichen von kodifizierten Normen, die z.B. im Strafgesetzbuch niedergelegt sind, bis zu dem, was Ralf Dahrendorf als “Kann-Erwartungen” bezeichnet hat, also Normen, die eher flexible und nur al gusto zu befolgende Erwartungen an Verhalten beschreiben. Karl-Dieter Opp hat sich hier vor allem für die Frage interessiert, wie Normen entstehen, wo sie herkommen. Eine nicht triviale Frage, sofern man der Ansicht ist, dass Normen nicht in Stein gemeiselt auf Bergen verteilt werden, sondern Gegenstand menschlicher Verhandlung und Interaktion sind, was dann notwendig die Frage aufwirft, warum sich bestimmte Erwartungen an das Verhalten anderer als Norm durchsetzen und andere nicht, mithin Fragen nach Macht und Einfluss also.

Insofern ist es fast zwangsläufig, dass Karl-Dieter Opp bei der Erforschung politischen Protests angekommen ist und u.a. die Revolution von 1989 in der DDR analysiert und ausführlich untersucht hat. Durchbrochen wurde sein Interesse an der Erforschung von Normen regelmäßig von methodischen und theoretischen Arbeiten, die dem Rational Choice Ansatz und Experimenten, wie sie sich im Tschernobyl-Effekt finden, gewidmet sind.

Und es ist in diesem Bereich, dass wir die liebsten Erinnerungen an unsere Treffen mit Karl-Dieter Opp haben, noch bevor diese für Dr. habil. Heike Diefenbach seine Mitarbeiterin an der Universität Leipzig regelmäßig wurden. Die Erinnerung reicht nach Montreal auf den dortigen Weltkongress der International Sociological Association, auf dem wir vor vollem Haus einen Vortrag über Brückenhypothesen gehalten haben, der hoffentlich nicht nur in unserer Erinnerung nachwirkt – insbesondere die verschiedenen Arten von Brückenhypothesen, die aus Anlass unseres Vortrags von einem engagierten Teilnehmer erfunden und gleich wieder dem Vergessen anheim gestellt wurden, sind immer wieder ein Punkt ungeteilter Heiterkeit.

Opp social normsKarl-Dieter Opp wird heute 77 Jahre alt, und wir wünschen ihm alles erdenklich Gute. Möge er weiterhin regelmäßig academia.edu mit seinen immer interessanten Beiträgen bestücken, möge er noch lange als Visiting Professor so renommierter Institutionen wie der Russell-Sage-Foundation oder  der University of Washington seinen fachlichen Ruhm auskosten und der Soziologie noch lange erhalten bleiben. Nie waren Soziologen wie Opp, die ihr Fach verstehen, notwendiger als heute.

Und möge sich Karl-Dieter Opp seine Offenheit für Neues bewahren, die ihn nicht davor zurückschrecken lässt, seine Peers mit der Tatsache zu erstaunen, dass er auch Scheidungsforscher ist, und erklärt, wann und warum Menschen denken, sie sollten sich scheiden lassen.

Happy Birthday Karl-Dieter Opp!

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