Märchenstunde oder Schmierenjournalismus?

Sarah Schaschek erzählt in Tagesspiegel und ZEIT ein Märchen:

Eine reine Magd ist in sozialen Medien verbal gesteinigt worden. Hasspredigten, Hetze und noch viel mehr sind über die reine Magd hereingebrochen – ganz unvermittelt, unverdient, unvorhergesehen. Denn: “Im Netz toben die Maskulisten”, so schreibt Sarah Schaschek in einem Beitrag für den Tagesspiegel in Berlin, den die ZEIT in der Rubrik “Wissenschaft” übernommen hat.

Die reine Magd, die in purer und unverschuldeter Opferhaltung harrt, während die tobenden Maskulisten sie mit Mord- und Vergewaltigung bedrohen, diese reine Magd ist das Stilmittel, das wir aus dem Dritten Reich bestens kennen. Damals war es der arische Volkskörper, der völlig unverschuldet von einem jüdischen Virus befallen wurde. Heute sind es reine Mädge, die in Kassel angeblich Soziologie lehren und der Hannoverschen Allgemeinen ein Interview geben, die vom Bazillus Maskulismus befallen und bedroht und geschädigt werden.

BazillusWarum? Nun, der Bazillus Maskulismus ist verunsichert, er hat das Gefühl, ihm “werde etwas weggenommen”. Deshalb greift er mit brutalem Ton “Wissenschaftlerinnen” an, bedroht, hetzt, beleidigt sie persönlich. So gefährlich ist der Bazillus mittlerweile, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hinter die reine Magd aus Kassel gestellt habe, behauptet Schaschek. Und nicht nur die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, nein, auch die “FG Gender” bzw. deren Vorsitzende, die Arbeitssoziologin Susanne Völker, die weiß, dass “Aggression ein Ausdruck sozialer Verunsicherung” ist.

“Arbeit werde prekär, die eigene Position fraglich, sagt Volker. Da fragen sich einige: Kann ich noch Familienernährer sein? Was bin ich sonst? Wissen wir noch, was Männer und Frauen zu tun haben? Volker sieht keine ‘Massenstimmung’ gegen die Gender Studies. Doch einzelne – ‘überwiegend Männer’ – trügen ihre Unsicherheit über die Geschlechterfrage aus.

Der Bazillus Maskulismus befällt also “überwiegend Männer”, macht sich deren Verunsicherung zu Nutze und führt dazu, dass die Befallenen tobend durch das Internet ziehen, immer auf der Suche nach einer reinen Magd, die man mit “Mord- und Vergewaltigungsdrohungen” beglücken kann – in “brutalem Ton”, wie Schaschek weiß, die offensichtlich in der Lage ist, geschriebenen Worten physisches Verhalten anzusehen. Aber, in der Opferwelt, die Schaschek mit den anderen Genderisten bewohnt, ist nicht die Realität das, was den Ausschlag gibt, sondern die Religion, das eigene Glaubensbekenntnis, das Zentrum der eigenen Sekte. Dieses Zentrum, wird von anti-intellektuellen, verunsicherten, unter dem Einfluss des Bazillus Maskulismus Tobenden in Frage gestellt,und ehe man sich versieht, werden die reinen Opfer zum zweiten Mal viktimisiert, nicht als Person, sondern als Sekte:

voodoo doll“Die Geschichte der Geschlechterforschung ist eine der Rechtfertigung. Wer sich wissenschaftlich mit Weiblichkeit und Männlichkeit beschäftigt, muss sich immer wieder dieselben Vorwürfe anhören: Da werde Politik gemacht, es gehe nur darum, Frauen zu fördern. Die Forscherinnen seien in ihre Theorien verliebt und ließen die Empirie außer Acht. Überhaupt: Was gibt es schon herauszufinden über die Geschlechter, was nicht längst bekannt wäre?”

Unglaublich, aber wahr: Es gibt Wissenschaftler, die der Meinung sind, Gender Studies seinen keine Wissenschaft, hätten weder Erkenntnisinteresse, noch Erkenntnisgegenstand und trügen mit Sicherheit nichts zum Erkenntnisgewinn bei. Mehr noch: Sie argumentieren und zeigen, dass Gender Studierte Räder erfinden, die seit Jahrhunderten in Gebrauch sind, z.B. wenn Gender Studierte voller Erstaunen entdecken, dass Menschen nicht nur Geschlecht, sondern auch soziale Klasse sind. Nicht genug damit: Gender Studierte verlangen Wissenschaftlern wirklich alles ab, wenn Sie im Brustton der Überzeugung, ihre neugewonnene Erkenntnis, die Soziologen der ersten Stunde schon vor Jahrhunderten formuliert haben, als Neuheit verkaufen wollen.

Und man könnte die Distanz der Gender Sekte zu Wissenschaft nicht besser in Worte fassen, als Schaschek das tut, wenn sie zwischen Theorie und Empirie trennt, so als hätte beides nichts miteinander zu tun. Tatsächlich ist Erkenntnis nur aus einer Verbindung der beiden möglich. Aussagen bleiben so lange Gefasel, so lange sie nicht an der Realität getestet werden. Angebliche Theorien bleiben so lange Hirngespinste, so lange sie nichts über die Wirklichkeit aussagen und an der Wirklichkeit scheitern können. Gender Studierte sind so lange keine Wissenschaftler, so lange sie nicht mit Kritik umgehen können, denn Kritik ist der Lebensnerv von Wissenschaft.

So lange Genderisten ob der Kritik, die ihnen entgegenschlägt so verunsichert reagieren, wie sie das tun, so lange ihre prekäre Stellung als nicht wissenschafliches Anhängsel von Fakultäten an Hochschulen nicht überwunden ist, so lange sie nicht wissen, was Genderismus mit Wissenschaft zu tun hat, so lange werden sie im eigenen Sektensaft schmoren und keinen Zugang in die Welt der Wissenschaft finden.

Wer sich nicht kritisieren lassen will, wer nicht angeben kann, wofür sein Dasein wichtig ist, wer nicht in der Lage ist, einen Erkenntnisgewinn der von Gender Studies augeht, zu benennen, der hat mit Wissenschaft nichts am Hut.

Aber mehr wollen die reinen Opfer, die doppelt Viktimisierten der Gender Sekte ja auch nicht sein. Sie suhlen sich in ihrem herbei phantasierten Opfertum und wollen eines nicht: Mit der Realität konfrontiert werden. Sie haben, wie Schaschek eindringlich zeigt, ein gestörtes Verhältnis zur Realität, bringen die Realität nicht über die Lippen bzw. nicht in ihre Texte.

BazillusSo fabuliert Schaschek von einer Kasseler “Professorin”, die “2012 ein sozialpädagogisches Buch für die Arbeit mit Jugendlichen veröffentlicht, in dem sie Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt” vorgestellt hat. Harmlos und ganz im Tenor der reinen-Magd-aus-Kassel-Mythologie, die Schaschek verbreiten will. Völlig unvermittelt bricht der durch das Internet vagabundierende und randalierende Bazillus Maskulismus über die reine Magd aus Kasseler herein, scheinbar willkürlich sucht der Bazillus sein Opfer und schlägt zu, mit seinem Hass und seiner Hetze, so will uns Schaschek, die übrigens Journalistin sein will, glauben machen.

Was sie ihren Lesern vorenthält, was sie ebenso wenig über die Lippen bringt, wie den Namen der reinen Magd, ist der Anlass für den Aufruhr im Internet. Der Anlass ist der folgende:

Pirincci

Ganz so sehr reine Magd und Opfer, wie uns Schaschek Glauben machen will, ist die “Professorin” aus Kassel, die angeblich Soziologin sein will, nicht. Ganz schön versaut, so möchte man als jemand meinen, für den es nicht normal ist, in der Öffentlichkeit über Analverkehr zu diskutieren. Ganz schön versaut, aber eines nicht: Soziologin.

Denn wäre die Kasseler reine Magd Soziologin, sie wüsste, dass man dann, wenn man Vorstellungen von Moral und Anstand verletzt, mit Reaktionen zu rechnen hat, deren Heftigkeit dem empfundenen Verstoß gegen Moral und Anstand entsprechen.

Dass sie das nicht weiß, zeigt, sie gehört in eine Sekte und ist keine Soziologin. Sie gehört in eine Sekte, in der es scheinbar normal ist, über Analverkehr und Bordelle zu sprechen, eine Sekte, die derart weit von der normalen Welt entfernt ist, dass es den Mitgliedern nicht einmal in den Sinn kommt, die Existenz einer normalen Welt anzunehmen. Entsprechend überrascht sind sie, wenn sie mit der real existierenden Welt, in der Analverkehr nicht zum Alltagsgespräch gehört und schon gar nicht in Schulen zum Alltagesgespräch gehört, konfrontiert sind.

Soziologen wären nicht überrascht.

Die Mitglieder der Gender-Sekte bezahlen ihre Furcht vor der Empirie mit einem Verlust von Realität, so wie auch Schaschek ihre Angst vor der Wirklichkeit damit bezahlt, kein Journalist zu sein. Tatsächlich haben Journalisten mit Wissenschaftlern nämlich einiges gemeinsam.

RealitaetsverlustVon beiden wird erwartet, dass sie in der Lage sind, die Realität zutreffend zu beschreiben. Von beiden wird erwartet, dass sie Werturteile nach hinten stellen und erst dann treffen, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen und von jedem selbständig beurteilt werden können. Nimmt man nur diese beiden Kriterien, dann versagt Schaschek auf der ganzen Linie. Sie beginnt ihren Versucht von Journalismus bereits mit einem Werturteil, redet von Hass und Hetze. Beides, Hass wie Hetze sind Werturteile, deren Berechtigung man nur prüfen kann, wenn der Gegenstand, auf den sie sich beziehen, klar benannt wird, was nur mit Fakten möglich ist, und die scheut Schaschek wie jedes Sektenmitglied, denn Fakten haben die dumme Angewohnheit, liebgewonnene Glaubensinhalte zu zerstören, führen am Ende dazu, dass der Mythos von der reinen Magd, die unverschuldet zum Opfer wurde, nicht aufrechterhalten werden kann.

Folglich wird von Mord- und Vergewaltigungsdrohungen fabuliert, die es gegeben habe. Ob es sie tatsächlich gegeben hat, bleibt offen: es fehlt der Beleg. Aber selbst wenn es sie gegeben hat, so stellt sich doch die Frage, warum Schaschek diese beiden Beispiele herausgreift, angesichts von mehreren Hunderten von Kommentaren, die die reine Magd aus Kassel erhalten hat. Der Versuch, den Opferstatus gegen alle Empirie zu verteidigen, ist gar zu offensichtlich, denn der Opferstatus ist die geteilte Mythe aller Genderisten, die Ursache dafür, dass sie niemals Wissenschaftler werden können, denn sie glauben und sind avers gegen Kritik, und sie verfälschen die Realität, wenn es darum geht, ihren Glauben aufrecht erhalten zu können.

So behauptet Schaschek, die “Deutsche Gesellschaft für Soziologie” habe sich mit der Kasseler Soziologin, deren Namen sie nicht zu Papier bringt, solidarisch erklärt. Nun hat sich nicht die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, sondern der deutlich kleinere Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie solidarisch erklärt, aber mit niemand Bestimmtem. Vielmehr ist von “Soziologinnen und Soziologen, die sich wissenschaftlich mit Themen der Geschlechter- oder Sexualitätsforschung beschäftigen”, die Rede, also nicht von einer Kasseler Soziologin mit Namen Elisabeth Tuider, ein Name, den kaum jemand mehr in den Mund zu nehmen mag, wie es scheint.

Tatsächlich passt die Solidaritätsadresse des Vorstandes der DGS auf Gerhard Amendt, was erfreulich und lange überfällig ist und naheliegt, wenn man annimmt, auch beim Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gibt es noch rudimentäre Vorstellungen von Anstand und Moral. Niemand will anscheinend mit Tuiders Vorstellungen über Analverkehr in Verbindung gebracht werden – so wie kaum jemand mit Schmierenjournalismus in Verbindung gebracht werden will, Tagesspiegel und ZEIT explizit ausgenommen.

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