Wachstum Marke OECD – Eine Manipulation in Armut

Durch die Presse geht heute ein Beitrag, der auf der mehr oder weniger kompletten Adaption einer Pressemeldung der OECD basiert. Einkommensungleichheit beeinträchigt das Wirtschaftswachstum, so lautet die Überschrift der Pressemeldung, die wiederum auf einem Arbeitspapier von Frederico Cingano basiert, das nicht ansatzweise so populär zu sein scheint, wie die Pressemeldung.

OECDUngleichheit, so die Erzählung, ist in den Ländern der OECD gewachsen, nicht irgend eine Ungleichheit, nein, die Einkommensungleichheit. Die oberen 10 Prozent haben ihren Abstand zu den unteren 10% vergrößert und verdienen nunmehr 7 Mal so viel wie die unteren 10% der Einkommensbezieher. Das behauptet die Pressemeldung der OECD gleich zu Beginn.

In der Kurzfassung des Arbeitsberichts heißt es dagegen:

“The gap between rich and poor is at its highest level in most OECD countries in 30 years. Today, the richest 10% of the population in the OECD area earn 9.5 times more than the poorest 10%. By contrast, in the 1980s the ratio stood at 7:1.”

Diese Angaben stimmen auch mit den Zahlen überein, die Cingano gleich unter Punkt 1 seines Beitrags gibt, so dass man sich fragt, in welchen Zeiten wir leben, wenn diejenigen, die Pressemitteilungen erstellen, nicht einmal mehr in der Lage sind, die ersten Zeilen eines Berichts richtig zu zitieren.

Aber es geht ja nur um die Message und die Stimmung, die mit dieser Message einhergeht: Der Abstand zwischen Arm und Reich wird immer größer, was auch nicht ganz stimmt, denn die Aussage bezieht sich auf das Einkommen von Haushalten und nicht auf das Ersparte oder sonstige Formen von Reichtum.

Weil der Abstand zwischen den Einkommen der Top-10%-Haushalte und denen der Bottom-10%-Haushalte gewachsen ist, ist das Wirtschaftswachstum hinter seinen Möglichkeiten geblieben, geringer ausgefallen als es hätte ausfallen können.

Ja. Nun ist das nicht unbedingt ein naheliegender Zusammenhang.

Warum sollte sich die Einkommensungleichheit die zwischen den Top-10%-Haushaltseinkommen und den Bottom-10%-Haushaltseinkommen besteht, negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken? Ganze 6% im Fall von Deutschland über 20 Jahre verteilt, also 0,3% jährlich?

Nun, der Pressemelder der OECD weiß genau, woran das liegt: “Die Studie liefert Belege dafür, dass steigende Ungleichheit das Wirtschaftswachtum hauptsächlich dadurch bremst, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien weniger Bildungschancen haben”.

Da sind Sie wieder, die sozial schwachen Familien, die an allem Schuld sind, dieses Mal am geringer als möglichen Wirtschaftswachstum und weil sie weniger in Bildung investieren, als dem Wachstum angemessen, weil sie zu den Bottom-10% der Haushalts-Einkommensbezieher gehören. Und dazu gehören sie, weil sie wenig in ihre Bildung investiert haben, deshalb beziehen sie die Bottom-10%-Einkommen. Etwas ist also es selbst (wegen geringer Bildung geringes Einkommen) und seine Ursache (wegen geringem Einkommen geringe Bildung) – die OECD-Henne, die vor und nach dem Ei kommt.

SchulsystemUnd vielleicht ist der Zusammenhang, den die Medien so kritiklos wieder berichten, auch etwas unterspezifiziert, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland ein öffentliches Bildungssystem gibt, in das man als Eltern nicht in der Weise investieren kann und muss, wie es die Humankapitaltheorie, auf der die Behauptung oben aufbaut, annimmt.

Schulbesuch ist unentgeltlich, so dass Bildung grundsätzlich jedem offen steht. Natürlich gibt es soziale Hemmnisse, die das Vorankommen behindern und dafür sorgen, dass in Deutschland eine soziale Stratifizierung im Bereich der Bildung aufrecht erhalten werden kann. Derartige soziale Hemmnisse setzen z.B. da an, wo Schulen in bestimmten herunter gekommenen Stadteilen einfach schlechter sind als Schulen in der schicken Gegend. Sie bestehen da, wo Lehrer Schüler aufgrund ihrer Herkunft stereotypisieren und z.B. den Jungen mit der arbeitenden, alleinerziehenden Mutter trotz seiner guten Noten für weniger geeignet ansehen, das Gymnasium zu besuchen, wie die Tochter des Rechtsanwalts, die zwar schlechtere Noten hat, aber eine Hausfrau-Mama, die zumindest durch physische Anwesenheit den Anspruch erhebt, sich um ihre Tochter zu kümmern.

Ganz davon abgesehen spielen natürlich Entwertungsprozesse gering qualifizierter Arbeit eine große Rolle, wenn es um die Frage geht, welches Einkommen sich mit nur geringer Bildung erzielen lässt. Tarifabschlüsse und Mindestlöhne sorgen dafür, dass die Arbeitsmöglichkeiten für ungelernte oder nur gering qualifizierte Arbeitnehmer immer weniger werden, dass die entsprechenden Arbeitsplätze in Länder ausgelagert werden, in denen die gleiche Arbeit für deutlich weniger Lohn erbracht wird. Dass die Einkommen gering Qualifizierter entsprechend relativ sinken, das würde man erwarten.

Aber natürlich ist das alles irrelevant, denn allein die über Bildungsinvestitionen zu Stande kommende Einkommensungleichheit hat die beschriebenen Folgen – sagt die OECD.

Interessanter Weise kennt Cingano auf den Seiten 10 bis 12 seines Arbeitspapieres eine ganze Reihe anderer möglicher Erklärungen dafür, warum Einkommensungleichheit sich auf das Wachstum auswirken sollte, darunter:

  • Wachstumsverluste durch soziale Unruhen, geschürt z.B. durch eine ständige Dämonisierung von Einkommensunterschieden;
  • zu geringe Inlands-Nachfrage nach Innovationen, weshalb Innovationen in anderen Ländern auf den Markt gebracht werden;
  • und die Investitionen in Humankapital, jene Theorie, die Gary S. Becker für die USA entwickelt hat, jenes Land, in dem Bildung insofern mit Investitionen verbunden ist, als private Schulen Gebühren verlangen und ein Studium generell mit Studiengebühren verbunden ist, so dass die erreichte formale Bildung ganz krude von den Bildungsinvestitionen abhängt.

Schließlich kennt Cingano sogar zwei Hypothesen, warum hohe Einkommensungleichheit das Wirtschaftswachstum gar befördern soll, weil die Ungleichheit denen, die sich am unteren Ende finden, als Ansporn dient – ein unpopulärer, aber dennoch nicht einfach von der Hand zu weisender Gedanke und weil die Sparquote steigt (weil Großverdiener einen geringeren Anteil ihres Einkommens konsumieren als Geringverdiener), was Investitionen begünstigt.

Der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum ist also alles andere als so einfach, wie man ihn bei der OECD offensichtlich gerne hätte. Schlimmer noch, er ist nicht einmal für das behauptete Ergebnis eindeutig, wie die Tabelle zeigt, die der Arbeit von Cingano entnommen ist:

Cingano inequality

Interessant an der Tabelle sind die Sternchen. Sie geben an, welche der getesteten Zusammenhänge statistisch signifikant sind. Und siehe da, signifikant ist nur der Zusammenhang zwischen Ungleichheit (inequality) und Wirtschaftswachstum, sonst nichts – obwohl Humankapital im Modell enthalten ist, erklärt Humankapital nichts.

Wir sind also wieder back to square one und bei der Frage: Warum sollte Einkommensungleichheit sich auf das Wirtschaftswachstum auswirken, und wie sollte sie das tun?

Aber selbst wenn man, wie die OECD, dieses Ergebnis ignorieren wollte, weil es einem nicht in den politischen Kram passt, so stellte sich doch die Frage, wie der Zusammenhang der Investitionen in Humankapital, die Haushalte mit geringem Einkommen im öffentlichen Bildungssystem in Deutschland angeblich nicht vornehmen können, und dem Wirtschaftswachstum zu Stande kommt, angesichts der nicht vorhandenen Notwendigkeit, monetäre Investitionen z.B. für Schulbesuch oder Universitätsbesuch zu machen.

Rolff SchulentwicklungEs ist schon erstaunlich, dass man sich bei der OECD nicht nur über Legionen von Büchern hinwegsetzt, die regelmäßig zeigen, dass soziale Selektionsmechanismen, in dem, was Rolff “Schule als Mittelschichtsinstitution” bezeichnet hat, dafür sorgen, dass die, die unten sind, auch in der nächsten Generation unten bleiben (schon um die Abstiegsängste der unteren Mittelschicht zu behandeln) vom Tisch gewischt und mit einer wilden Assoziationskette ersetzt werden, die behauptet, dass irgendwie ein Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit von Haushalten und Wirtschaftswachstum besteht, der irgendwie über Bildungsinvestitionen in was auch immer, vermittelt wird.

Bei so viel Assoziationen und soviel Ignoranz bestehender Forschungsergebnisse fragt man sich doch: Was treibt die Herrschaften bei der OECD um? Die Antwort, die die deutsche Pressemeldung gibt, lautet wie folgt:

“In diesem Zusammenhang weist die Studie darauf hin, dass Umverteilung mittels Steuern und Transfers nicht zwangsläufig wachstumsschädlich ist, solange entsprechende Maßnahmen zielgenau angewandt werden. Eine solche Verteilungspolitik müsse sich vor allem auf Familien mit Kindern sowie auf junge Menschen konzentrieren und deren Lernchancen verbessern.”

Und wie von Geisterhand sind alle Probleme des Bildungssystems gelöst. Wir verteilen einfach ein bischen “gezielt” um, wie die neue Formel von Umverteilung heißt und kaufen uns, für, sagen wir 10%, “gezielt” umverteilte Mittel 10% mehr intelligente oder doch zumindest formal höher gebildete Kinder. Natürlich sind im Preis die Kosten für 10% bessere Lehrer und 10% intelligentere Lehrer enthalten, und die Kosten für die Weiterbildung der Lehrer, die an Hauptschulen nun überflüssig werden, die sind auch enthalten, und die Kosten für den Import von Arbeitskräften, die sich um all die Arbeiten kümmern, die die nun um 10% besser gebildete Bevölkerung nicht mehr machen will, die importierten Arbeitskräfte, die nun zu den Bottom-10% Haushaltseinkommenbeziehern werden, für die wir dann in 20 Jahren feststellen, dass dann, wenn die Bottom-10% Haushaltseinkommensbezieher nicht die Bottom-10% gewesen wären, das Wachstum in den letzten 20 Jahren, sagen wir: um 7,5% höher ausgefallen wäre, weshalb wir abermals umverteilen müssen, von oben nach unten und natürlich ganz und besonders gezielt in die Bildung der Bottom-10% oder Bottom-40%, wir wollen die bedürftige Mittelschicht ja nicht vergessen und im Regen stehen lassen, am Ende wird sie noch von den in den Genuss direkt umverteilter Mittel geförderten Bottom-10% überholt, und das wollen wir ja nicht – oder?

Und irgendwann haben wir dann die Gesellschaft, die der OECD vorschwebt: niemand ist mehr Bottom-10%, niemand ist mehr Top-10%, niemand ist mehr irgend etwas, will irgend etwas, macht irgend etwas, die vollendete Gleichheit ist erreicht und diese vollendete Gleichheit hat zumindest einen Vorteil: Die OECD wird nicht mehr gebraucht!

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4 Responses to Wachstum Marke OECD – Eine Manipulation in Armut

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  2. St. Elmo says:

    Die OECD glaubt sicherlich, das wenn die Unterschicht mehr freies Kapital hätte, könnte diese dieses Kapital in Nachhilfeunterricht für Ihre Kinder investieren, was vielen Studentinnen der Sozialpädagogik und Gender Studies ein zusätzliches Einkommen verschaffen würde, das dann in den Konsum von “Fach”-Büchern oder Abonnements von Fachzeitschriften wie z.b. der Emma investiert werden kann… oder so ähnlich.

  3. arno wahl says:

    irgendwann wird der Buerger auf die Strasse gehen, diese Frau aus der Uckermark und ihr
    Gefolge haben kein Interesse am Buerger !

  4. arnoniesner says:

    In mein Humankapital kann ich auch meine Lebenszeit investieren. Womit die erwähnte Theorie von Gary S. Becker zumindestens teilweise auch auf festlandeuropäische Verhältnisse übertragbar wird.

    Wenn sich nur jede politische Institution darum bemühen würde, sich nach Erreichen ihrer Ziele selbst aufzulösen, dann könnten wir uns als demokratische Gesellschaften schneller, weil effizienter weiter entwickeln. Die Selbstauflösung der “Besten Partei” von Reykjavik wurde erst gestern bei ARTE präsentiert:

    http://www.arte.tv/de/ex-punk-j-n-gnarr-regiert-reykjavik/7778320,CmC=7775104.html

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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