Die DDRisierung des Denkens

Als der Kritische Rationalismus von Karl Raimund Popper zum ersten Mal auf den denkenden Teil der deutschen Bevölkerung getroffen ist, war dies wie eine Enthüllung, waren die ganzen Dilemmata, die sich mit dem Versuch, das, was man für richtig gehalten hat, zu bestätigen, auf einmal beseitigt. Fortschritt ohne Widerspruch war möglich.

Das war in den 1960er, den 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre.

RokeachSeitdem hat eine geistige DDRisierung stattgefunden, die man mit Milton Rokeach als “the closing of the mind” bezeichnen könnte. Gedacht wird nur noch, was konform ist. Wahrgenommen wird nur noch, was der eigenen Ideologie oder Gesinnung entspricht. Erklärt wird nur noch, was im Rahmen der eigenen Ideologie erklärenswert erscheint und erklärt werden kann.

Die DDRisierung des Denkens gleicht einem riesigen Verdummungsprogramm, das die Wahrnehmung begrenzen, die Wirklichkeit anpassen und den Erkenntnisfortschritt auf gesinnungskonform trimmen will: Innovation ja, aber nur, wenn sie zur Gesinnung passt.

Ein Markenzeichen dieser DDRisierung des Denken besteht darin, dass Widersprüche nebeneinander bestehen und das, was Generationen von Philosophen als traurigster Zustand erschienen ist, nämlich im Widerspruch zur eigenen Vernunft zu leben, normalisiert wurde, in der Regel dadurch, dass die Vernunft außer Kraft gesetzt wird.

Letztlich ist es eine Frage der Zeit, bis die DDRisierung des Denkens, wie die DDR, die Sowjetunion, Pol Pot oder Pinochet an ihren Widersprüchen zerbrechen wird. Niemand kann im Widerspruch zur Realität leben, nicht außerhalb eines Irrenhauses. Bis es zum großen Knall kommt, wollen wir die Logik dahinter, dass Denk-DDRisierung zu Widerspruch führen muss, aufdecken.

Die Ursache aller Widersprüche besteht darin, dass nach Bestätigung gesucht wird. Wer z.B. eine Behauptung aufstellt, der sucht nicht danach, die Behauptung zu widerlegen, wie dies im Falsifikationismus von Karl Raimund Popper der Fall ist [Der kritische Rationalismus ist nicht nur ein Mittel gegen die DDRisierung, er ist auch ein Mittel, um geistige Gesundheit zu bewahren.], nein, es wird explizit nach z.B. Beobachtungen gesucht, die die eigene Behauptung bestätigen oder zu bestätigen scheinen.

Und hier beginnt das Problem, das Carl G. Hempel bereits vor rund 80 Jahren am Beispiel von schwarzen Raben deutlich gemacht hat.

Nehmen wir den Satz “Alle Raben sind schwarz”.

Offensichtlich ist es nicht möglich, diesen Satz zu beweisen, da niemand in der Lage ist, alle Raben an einem Ort zu sammeln und zu kontrollieren, ob alle Raben schwarz sind – ganz zu schweigen von Raben, die sich auf noch nicht entdeckten Planeten finden könnten.

Allerdings ist es möglich, den Satz zu widerlegen: Ein grüner Rabe genügt, um die Aussage “Alle Raben sind schwarz” als falsch auszuweisen.

Carl G. Hempel hat einen leichteren Weg zur Prüfung der Aussage “Alle Raben sind schwarz” gesucht. Der leichtere Weg führt scheinbar über die Kontraposition:

Alle nichtschwarzen Dinge sind Nichtraben (Wenn alle nichtschwarzen Dinge Nichtraben sind, dann müssen alle Raben schwarz sein).

Um diese Aussage zu prüfen, ist es nicht mehr notwendig, alle Raben auf einen Rabenversammlungsplatz zu beordern, um zu prüfen, ob sie alle schwarz sind. Es reicht, nach Objekten zu suchen, die weder schwarz noch ein Rabe sind.

Popper ProblemloesenWeiße Tischdecken, rote Spinner, blaue Autos und grüne Papageien bestätigen die Behauptung, dass alle nichtschwarzen Dinge Nichtraben sind. Alles, was nichtschwarz und Nichtrabe ist, bestätigt nun die Aussage, dass alle Raben schwarz sind. Es wimmelt geradezu von Beweisen für die Richtigkeit der Aussage.

Das ist so ungefähr der Zustand, in dem sich denk-DDRisierte befinden müssen, Ideologen, die in der Welt nur Belege für ihre Behauptungen sehen und finden.

Nun gibt es jedoch ein Problem mit dieser Art der Suche nach Belegen. Sie führt zu einem Widerspruch, was am Beispiel eines roten Ferraris leicht nachvollziehbar ist.

Offensichtlich bestätigt ein roter Ferrari die Aussage, alle nichtschwarzen Dinge sind Nichtraben und damit die Aussage “Alle Raben sind schwarz”.

Aber nicht nur das: Der rote Ferrari bestätigt auch die Aussage, alle nichtweißen Dinge sind Nichtraben, also: “Alle Raben sind weiß”, was zu der logischen Schlussfolgerung führt:

Schwarz ist weiß.

Damit ist der Denkprozess beschrieben, der Ideologen auszeichnet, sofern man ihn als solchen bezeichnen kann, und es ist deutlich, warum Ideologen unweigerlich Widersprüche produzieren müssen.

Man kann dies auch über den Fehlschluss der Bejahung des Konsequens argumentieren, denn der rote Ferrari bestätigt eben nicht nur die Aussage, dass alle Raben schwarz sind, sondern auch die Aussage, dass alle Raben weiß sind. Da Ideologen sich auf die Bestätigung dessen versteifen, was für sie richtig ist, fällt ihnen gar nicht auf, dass ihre angebliche Bestätigung Bestätigung für ihre Ideologie und das Gegenteil ihrer Ideologie ist. Es fällt ihnen wegen des als “closing of the mind” beschriebenen Prozesses nicht auf. Die Möglichkeit, dass rote Ferrari auch belegen könnten, dass Raben weiß sind, kommt in ihrer Gesinnung nicht vor.

Da Ideologen Widersprüche nicht lösen, sondern nur ignorieren können, sammeln sie über Zeit immer mehr Widersprüche an. Im Ergebnis werden sie entweder wahnsinnig oder entsagen ihrer Ideologie.

Und deshalb wird die DDRisierung des Denkens über kurz oder lang dahinführen, wo alle Ideologien immer hingeführt haben: Zum großen Knall, zum Ende der Ideologie. Einzig die Frage, wie viele Opfer notwendig sind, bis auch der letzte Ideologe eingesehen hat, dass man nicht gegen die Wirklichkeit anleben kann, ist noch zu klären.

©ScienceFiles, 2015

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