Wissenschaft in Jena: “Ich mach’ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt”

Frauen gelten in Jena als behindert, so haben wir am 18. Juli im Hinblick auf ein Studienangebot getitelt, das es an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena im Studiengang “Elektrotechnik/Informationstechnik” gibt. Der Beitrag hat eine breite Leserschaft gefunden, ist durch Facebook und Twitter gegangen und wohl auch beim Deutschlandfunk angekommen.

DeutschlandfunkDort hat Markus Dichmann ein Interview mit Ralph Ewerth geführt, jenem Professor, der in Jena für das Angebot eines für Frauen exklusiven Studiengangens (für zwei Semester) verantwortlich ist.

Was an dem Interview bemerkenswert ist, ist das völlige Fehlen auch nur eines Arguments, was zeigt, Ralph Ewerth hat schlicht nicht damit gerechnet, dass ihn jemand fragen könnte, wieso er denkt, Männer, die in Jena an der Ernst-Abbe-Hochschule Elektrotechnik/Informationstechnik studieren wollen, diskriminieren zu müssen und wieso er denkt, Frauen seien zu behindert, als dass sie ohne eine entsprechende Sonderbehandlung auskämen.

Wieso, so fragt Markus Dichmann, “sollen Frauen E-Technik alleine studieren?”

Die Antwort von Ewerth auf das Wesentliche reduziert:

    • Der Anteil weiblicher Studenten ist besonders niedrig.
    • “Wir glauben aber nicht, dass dies naturgegeben ist.”
    • Es liegt daran, dass das Technikinteresse von Jungen in der Kindheit mehr gefördert wird als das Technikinteresse von Mädchen.
    • Das “sagen Studien”.

Ernst Abbe HochschuleIn der Pfalz sagt man dann, wenn jemand versucht, schnell eine Antwort auf eine Frage zu zimmern, die ihn unerwartet getroffen hat, er habe sich seine Antwort zusammengestoppelt. Ewerth, der an einer Hochschule als Professor beschäftigt ist, hat gestoppelt. Nur: Er kannte die Fragen vorab und hatte viel Zeit, sich auf die entsprechenden Fragen vorzubereiten. Deshalb ist es eine Unverschämtheit, dass er denkt, er könne die Zuhörer und Leser des Deutschlandfunks mit derartigen Oberflächlichkeiten und Fehlschlüssen abspeisen:

  • Wenn ein niedrieger Anteil weiblicher Studenten es erfordert und rechtfertigt, dass exklusive Studiengänge für weibliche Studenten eingeführt werden, dann gilt dies auch für niedrige Anteile männlicher Studenten z.B. in Lehramtsstudiengängen, bei Tier- und Zahnmedizin usw. Nähme man also Ernst, was Ewerth argumentiert, es wäre am einfachsten, Hochschulen nur für Männer und Hochschulen nur für Frauen einzuführen.
  • Es ist immer wieder erfrischend, wenn Professoren Erkenntnisse wie die, dass Interessen nicht naturgegeben sind, formulieren. Das macht Mut. Wenn sich Herr Erwerth nun noch durchringen könnte, Präferenzen anzunehmen, z.B. solche, die andersgelagert sind, vielleicht sogar zwischen Männern und Frauen (das soll es geben), dann wäre noch mehr gewonnen, z.B. die Erkenntnis, dass die Vorlieben für Studienfächer, die Präferenzen, die Wahl des Studienfachs bestimmen. Und wer z.B. nur studiert, um sich die Zeit zu vertreiben, der ist mit Anglistik, Gender Studies oder Sozialarbeit besser bedient als mit Informationstechnik.
  • Weil es eine (unbekannte offensichtlich nicht zitierfähige) Studie geben soll, nein Studien geben soll, die zeigen, dass die Technikinteressen von Jungen mehr gefördert werden als die von Mädchen (was angesichts der vollinstitutionalisierten Unterbringung von Kindern in staatlicher Versorgung ab 3 Jahren auch oder gerade Herrn Ewerth zu denken geben sollte…), deshalb werden exklusive Studiengänge an der Ernst-Abbe-Hochschule für Frauen eingeführt. Aber sind die Interessen von Mädchen, die weniger gefördert wurden, auch nach jahrelanger Minderförderung noch vorhanden? Gibt es also doch naturgegeben ein gleichgestelltes Interesse von Jungen und Mädchen an Informationstechnik? Geht Ewerth also entgegen seiner Behauptung doch davon aus, dass Interessen naturgegeben sind, z.B. die Interessen für Rechner, Server usw.? Und wenn diese Interessen trotz Minderförderung dennoch vorhanden sind, warum werden daraus keine Präferenzen für ein Studium der Elektrotechnik? Erstaunlich!

Noch erstaunlicher ist der konstruktivistische Teil des Interviews, in dem Ewerth die ganze Ärmlichkeit des Publicity-Gags aus Jena offenlegt, mit dem die Hochschule versucht, Brownie-Points für politische Korrektheit zu erhalten (wer weiß, vielleicht gibt es zusätzliche Fördermittel vom Bundesministerium für politische Korrektheit, vorauseilenden Gehorsam und anbiederndes Andienen?).

Nun gibt es ja Blogs wie ScienceFiles, die argumentiert haben, dass man dann, wenn man Privilegien an eine soziale Gruppe verteilt, diese soziale Gruppe in Bezug zu anderen sozialen Gruppen besserstellt. Wenn man einem Hürdenläufer, weil er langsamer ist als andere, die Hürden in der Höhe und der Anzahl reduziert, dann verschafft man diesem Hürdenläufer einen Vorteil und damit automatisch den anderen Hürdenläufern einen Nachteil. Man kann von so vielen Seiten auf die niedrigeren Hürden und deren geringere Anzahl blicken, wie man will, es ist und bleibt eine Bevorteilung des langsamen und eine Benachteiligung oder Diskriminierung der schnellen Hürdenläufer.

Und was hat Herr Ewerth dazu zu sagen:

“… wir sehen das nicht als diskriminierende Maßnahme, auch wenn wir jetzt in den ersten zwei Semestern da unterschiedliche Gruppen haben, sondern als Maßnahme, die letztlich zu einer Gleichstellung führen soll.”

Na, wenn “wir”, also Ralph Ewerth und er selbst (im Englischen sagt man: I, myself and me) das nicht als diskriminierende Maßnahme sehen, dann ist das keine diskriminierende Maßnahme. Was sollen überhaupt diese Konventionen von Verständigung? Man muss Diskriminierung eben neu denken! Diskriminierung Jena-Style, die liegt genau dann vor, wenn Ralph Ewerth und er selbst, “wir” in seiner Sprache, etwas als diskriminierend sehen. In Fragen der Diskriminierung gibt es demnach nurmehr die Möglichkeit nach Jena zum Orakel der Elektro- bzw. Informationstechnik zu pilgern und Ralph Ewerth danach zu fragen, ob er etwas als Diskriminierung sieht oder nicht. Das löst dann auch auf einen Schlag alle Begründungsprobleme, mit denen sich die Wissenschaft seit Jahrhunderten herumschlägt. Wir begründen nicht mehr, “wir”, also Ralph Ewerth und er selbst, “wir sehen”. Und was wir sehen, das ist. Das werdet ihr schon sehen!

Ob alles, was Ralph Ewerth und er selbst sehen auch mitteilungsfähig ist, ist jedoch eine andere Frage, deren Beantwortung dadurch erschwert wird, dass auch andere sehen. Vielleicht ist Ralph Ewerth ja dem Rat einer großen Frau der Weltgeschichte, Queen Elizabeth I,  zugänglich, deren Motto “Video et Taceo” (Ich sehe und schweige) er sich vielleicht zum Grundsatz machen sollte.

Was wir indes sehen werden ist, wie viele weibliche Studienanfänger sich im exklusiven Studiengang von Ralph Ewerth für behindert, besonders förderungsbedürftig, mit “gewissen Hemnissen” belastet und voller Bedenken ob der Möglichkeit des Erfolgs im Fach Elektrotechnik/Informationstechnik erklären lassen wollen.

Elizabeth essexDerzeit scheint das Aufkommen nicht sonderlich hoch zu sein. Zwar hat Ewerth “seit einigen Tagen keine neuen Zahlen zusammenbekommen” und die alten Zahlen zwischenzeitlich wohl vergessen, aber von den 30 Studienplätzen, die exklusiv für Frauen in Jena reserviert sind (ob mit oder ohne Frauenparkplätzen im Uniparkhaus gleich neben den Behindertenparkplätzen, war auf die Schnelle nicht zu klären), gibt es noch etliche bis alle zu haben. Deshalb werden auch nach dem 15. August, also nach dem offiziellen Ende der Bewerbungsfrist, noch Bewerbungen zugelassen!

Behindert?
Weiblich?
Kein naturgegebenes Interesse an Elektrotechnik oder doch eines?
“Hemmnisse”?

Auf nach Jena!
Die Ernst-Abbe Hochschule wartet!

Wir danken einem Leser von ScienceFiles für den Hinweis auf das Interview.

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10 Responses to Wissenschaft in Jena: “Ich mach’ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt”

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  2. rote_pille says:

    Warum machen die sich eigentlich noch die Mühe bei der Reservierung von Studienplätzen und verlosen nicht einfach für jedes Diplom, das ein männlicher Absolvent bekommt, ein weiteres in einer sozial gerechten, weil kostenlosen Lotterie, an der nur Frauen teilnehmen dürfen? Dann müssten die Frauen nicht mit weissen, heterosexuellen und männlichen Professoren konfrontiert werden, was ja wegen der patriarchalen Atmosphäre schon von sich aus diskriminierend, rassistisch und faschistisch ist. Ausserdem würde ihnen so auch der neoliberale, krankmachende, menschenunwürdige Leistungsdruck und der kannibalische Konkurrenzkampf (der auch ein Auswuchs des turbokapitalistischen Patriarchats ist) erspart bleiben und sie hätten mehr Zeit sich “gegen Rechts” zu engagieren.

    • Noch mehr Engagement “gegen Rechts” mag vielleicht supitoll für das Gewissen sein, würde sich aber langsam aber sicher negativ auf die “Work-Life-Balance” auswirken, die doch gerade im Sommer für gewöhnlich bis zum Anschlag auf “Life” zu stehen hat. Da tut sich ein Dilemma für die weibliche “Studierendenschaft” auf.

      • A.S. says:

        Wieso? “Gegen Rechts” hat doch längst Partycharakter. Da trifft man sich mit tausenden Gleichgesinnten, säuft und brüllt rum. Andere fliegen dafür zum Ballermann.
        Das interessante an den ganzen “gegen Rechts” Veranstaltung ist doch, dass sie zuverlässig immer nur dann auftauchen, wenn weit und breit nichts wirklich rechtes zu sehen ist. Lucke, Sarrazin und Pegida, da feiert man die gegen Rechts Partys. Solange der NSU aktiv war gab es keine Party dagegen. Die gibt es erst, seit eine tatsächliche Konfrontation (also eine Partystörung) nicht mehr möglich ist.

  3. A.S. says:

    “wir sehen das nicht als diskriminierende Maßnahme […] sondern als Maßnahme, die letztlich zu einer Gleichstellung führen soll.”

    Was zur Gleichstellung führt ist also per Definition keine Diskriminierung. Darf man den werten Herrn Professor so verstehen?
    Dann wäre es ja auch keine Diskriminierung wenn Frauen für falsch Parken lebenslänglich Knast bekommen würden, solange bis die Gleichstellung der Gefängnisinsassen erreicht ist.
    Oder wenn bei Scheidungen jetzt pauschal Frauen den Männern Unterhalt zahlen müssten, solange bis eine 50% Quote der Unterhaltspflicht erreicht ist.
    Und die “Angleichung” der Lebenserwartung dürfte unter dieser Logik auch nicht mehr als Verbrechen betrachtet werden …….

  4. rjb says:

    Ist es eigentlich irgendjemand (außer mir) aufgefallen, daß jene legendäre Ansprache des Nobelpreisträgers Hunt mit der Forderung endete, getrennte Labore für Männlein und Weiblein einzurichten? Und nicht etwa damit, Frauen aus den Laboren hinauszuexpedieren? Während an der seltsamen Hochschule in Jena, und auch sonst im feministisch-genderistischen Geblödel diese Art der geschlechtlichen Trennung durchaus für gut befunden wird, konnte sie im Falle Hunt die beteiligten StrippenzieherInnen nicht in ihrer dreckigen Rufmordkampagne bremsen.

    • A.S. says:

      Die Meckertröten interessiert nicht die Bohne was tatsächlich gesagt wird. Die ordnen alles ein in gut (=profeministisch) und böse (=nichtprofeministisch). Die Einordnung läuft dabei nicht nach rationalen Kriterien sondern nach Affekt und gerade aktivierten Vorurteilen. Kommt z.B. ein Witz vor dem Kniefall, dann ist es völlig unerheblich was danach kommt. Das Urteil fällt unverzüglich und ist durch nichts mehr zu erschüttern. So funktionieren Femiirre.
      Die jahrelange Selbstdressur zeigt dann ihre Wirkung.

  5. user unknown says:

    Die Diskriminierung liegt ja genau betrachtet nicht darin, dass manche Studienanfänger gefördert werden, sondern in der überstülpenden Fixierung auf das Geschlecht.

    Es mag ja sein, dass Jungen im Schnitt häufiger einen Elektrobaukasten zu Weihnachten bekommen haben und Mädchen im Schnitt seltener, aber wenn die Schwächeren gefördert werden, dann müsste man m.E. auf der individuellen Ebene prüfen, ob dieses konkrete Mädchen oder dieser konkrete Junge überdurchschnittlich gefördert wurde oder nicht.

    Im Mittel mag das ja sein, aber die sich bewerbende Frau kann überdurchschnittlich i.d. Kindheit gefördert worden sein und wird jetzt trotzdem gefördert – nur aufgrund ihres Geschlechts, und der junge Mann kann individuell unterdurchschnittlich gefördert worden sein, aber weil er einem Geschlecht angehört, das im Mittel stärker gefördert wurde, wird ihm jetzt die Förderung versagt, so als ob Frauen und Männer stellvertretend für ihr Geschlecht studieren würden und vor allem dort sind, um ihr Geschlecht zu repräsentieren.

    Eine Förderung nach Geschlecht, und nicht aufgrund objektiv erfahrener Benachteiligung bisher, halte ich für grundgesetzwidrig. Und die Aufgabe des Staates wäre es die Benachteiligung, wenn man eine ausmacht, zu verhindern – nicht sie 5, 10 oder 15 Jahre später kompensieren zu wollen.

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