Der Kampf um Hearts and Minds in Klassenzimmern: Bundesinnenministerium untersagt Auslieferung von Unterrichtsmaterialien

Der Kampf um Hearts und Minds, er findet nicht nur im Irak oder in Afghanistan statt, wo versucht wird, Inländer von den Vorzügen westlicher Lebensweise zu überzeugen. Der entsprechende Kampf wird auch an der Heimatfront geführt. Einer der Hauptkriegsschauplätze sind Klassenzimmer.

Denn, wie es bei der IG-Metall heißt:

“Die Schule hat eine wichtige Bildungs- und Sozialisationsfunktion. Dabei sind [gemeint ist ist] nicht unwichtig, welche Theorien zur Erklärung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge herangezogen, ob Kontroversen sichtbar und Schüler… zu eigenem Urteil befähigt werden.”

Und damit Schüler nicht – wie das im Dritten Reich der Fall war – in Deutschlands Schulen indoktriniert werden, damit ihnen nicht eine Weltsicht als alleine heilbringend verkauft wird, sie nicht zum Sozialismus erzogen und auch nicht zu Marktwirtschaft oder Freiheit verführt werden, deshalb gibt es den Beutelsbacher Konsens, den man sich in den Bundesländern, die derzeit neue Bildungspläne auflegen, vielleicht noch einmal genauer ansehen sollte.

Der Beutelsbacher Konsens, er stammt aus einer Zeit, in der Menschen mit unterschiedlichen Ansichten noch miteinander geredet haben, aus dem Jahre 1976 um genau zu sein. Er stammt aus der Feder von Hans-Georg Wehling, einem der alten Politikwissenschaftler, von denen man gerne wüsste, wo sie und ihre Lehre hinverschwunden sind, und er gibt den Konsens zur politischen Bildung in Schulen wieder, auf den sich die Vertreter unterschiedlicher Interessen geeignigt haben. Es sind derer drei Punkte, es ist eben ein Minimalkonsens, zwei davon lauten:

Beutelsbacher Konsens“I. Überwältigungsverbot.

Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der “Gewinnung eines selbständigen Urteils” zu hindern . Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen Gesellschaft und der – rundum akzeptierten – Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers.”

Eine sehr schöne Formulierung, die allen, die z.B. den Baden-Württembergischen Bildungsplan kritisieren, neue Munition verschafft. Es geht also darum, Schüler nicht mit einseitigen Darstellungen zu indoktrinieren, ihnen die Welt auf links oder auf rechts zu wenden und dies als einzig denkbare Wendung zu verkaufen.

“2. Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.

Diese Forderung ist mit der vorgenannten aufs engste verknüpft, denn wenn unterschiedliche Standpunkte unter den Tisch fallen, Optionen unterschlagen werden, Alternativen unerörtert bleiben, ist der Weg zur Indoktrination beschritten. Zu fragen ist, ob der Lehrer nicht sogar eine Korrekturfunktion haben sollte, d. h. ob er nicht solche Standpunkte und Alternativen besonders herausarbeiten muss, die den Schülern (und anderen Teilnehmern politischer Bildungsveranstaltungen) von ihrer jeweiligen politischen und sozialen Herkunft her fremd sind.”

Auch der zweite Punkt des Beutelsbacher Konsenses ist ein Punkt, den man sich merken muss, stellt er doch die Bedeutung der Informationsbasis dar, die notwendig ist, um eine Entscheidung zu treffen: Wer denkt, seine Wahl bestehe zwischen roten und grünen Stiefeln, der wird kaum auf die Idee kommen gelbe Stiefel zu wählen. Eigentlich simpel und man sollte denken, dass es kein Problem ist, diesen Konsens einzuhalten.

Und schon hat man sich geirrt.

Denn: Das Bundesinnnenministerium hat gerade Unterrichtsmaterialien seiner nachgeordneten Behörde, der Bundeszentrale für politische Bildung, aus dem Verkehr gezogen und die Auslieferung untersagt, und zwar deshalb, weil die Unterrichtsmaterialien gegen die beiden oben dargestellten Punkte des Beutelsbacher Konsens verstoßen, also einseitig darstellen, was kontrovers diskutiert werden muss und die Schüler mit der Wucht der einseitigen Darstellung zu überfahren suchen. Anstoß zum Vertriebsverbot gab der Bund deutscher Arbeitgeber (BDA), der die Einseitigkeit der Unterrichtsmaterialien gerügt hat.

BzB_Oekonomie und GesellschaftDer Titel der Unterrichtsmaterialien lautet: “Ökonomie und Gesellschaft”. Die Publikation besteht aus 12 Bausteinen zu unterschiedlichen Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft. Viel mehr ist uns derzeit leider noch nicht bekannt, denn die Bundeszentrale für Politische Bildung stellt nicht einmal ein Inhaltsverzeichnis bereit. (Aber wir arbeiten an der Gewinnung weiterer Informationen.)

Gut informiert ist man dagegen bei der IG-Metall und beim Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS).

Der Vorstand der DGS poltert in einer Pressemeldung und erregt sich über das Vorgehen des Bundesinnenministeriums bzw. des BDA, dem eine “skandalisierende Absicht” unterstellt wird und vorgeworfen wird, Zitate aus dem Buch gefälscht zu haben. Belege bleibt die DGS schuldig, wird sie aber sicher noch nachliefern, denn der Vorwurf ist erheblich, wobei die Frage, wie der Vorstand der DGS, die “skandalisierende Absicht” erschlossen haben will, von besonderem Interesse ist. Offensichtlich setzt sich der Vorstand der DGS aus Mind-Readern zusammen, die die Fähigkeit haben, die Absichten, die in kilometerweit entfernten Gehirnen vor Monaten vorhanden waren, auch nachträglich und per Ferndiagnose zu erschließen.

Aber lassen wir das.
Relevanter ist das Folgende:

DGS“Der DGS-Vorstand kritisiert den politischen Vorstoß der BDA und des Bundesinnenministeriums gegen den Anspruch der soziologischen Disziplin, ökonomische Phänomene wie den Lobbyismus auch aus soziologischer Perspektive zu analysieren und diese Erkenntnisse in Lehr-Lern-Materialien zu ökonomisch geprägten gesellschaftlichen Problemen für sozialwissenschaftliche Bildungsprozesse angemessen zu repräsentieren. Der Soziologie das Recht auf Beschäftigung mit ökonomischen Themen abzusprechen und den Schülerinnen und Schülern soziologische Erkenntnisse über Wirtschaft vorzuenthalten, ignoriert die wissenschaftliche Expertise der Disziplin und den Beitrag der soziologischen Aufklärung zur allgemeinen Bildung. Vor allem aber missachtet er das Gebot der Wissenschaftsorientierung von Bildung.”

Das ist eine erstaunliche Verteidigung auf eine bislang unbekannte Anklage, sind doch die Vorständler selbst der Meinung, der Vertriebsstopp sei auf den Verstoß gegen die beiden oben genannten Punkte des Beutelsberger Konsenses zurückzuführen. Wenn dennoch an dieser Stelle ein derartiger Appell an das Recht der Soziologie, sich mit ökonomischen Themen zu beschäftigen, gerichtet wird, das im übrigen niemand bestritten hat, dann stellt sich automatisch die Frage, warum reagieren die Vorständler so über?

Zumal sie keinerlei inhaltliche Informationen über die Punkte des Anstosses geben. Man muss mühselig die wenigen Informationen aus der Masse der Erregungs-Worte herauskauben, z.B. dass die drei Beiträge unter den 12 Beiträgen im Materialband “Ökonomie und Gesellschaft”, die vom BMI beanstandet werden, mindestens einen Beitrag eines Autoren enthalten, der sich als Soziologie geriert. Weitere Informationen sind vom Schaum der Erregung, in der die Pressemeldung entstanden ist, erstickt worden.

Inhaltliche Informationen gibt es dagegen bei der IG-Metall. [Es ist schon interessant, wenn die DGS von der IG-Metall in Fragen der Information und Bereitstellung von Argumenten überholt wird, wenn man auf Gewerkschaftsseiten Erklärungsversuche findet, für die sich der Vorstand der DGS entweder zu fein ist oder zu denen er schlicht nicht in der Lage ist.]

Nun, bei der IG-Metall findet man die folgenden Informationen:
Die Unterrichtsmaterialien wollen eine “ganzheitliche Perspektive auf gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Probleme sowie auf ökonomisch geprägte Lebenssituationen” eröffnen. Man liest es und befürchtet Schlimmes, mangels Informationen kann man derzeit aber nur befürchten.

Weiter heißt es bei der IG-Metall:

“Heute wird an Schulen oft ein sehr einseitiger und an den Modellen der Betriebswirtschaftslehre ausgerichteter Wirtschaftsunterricht erteilt. Das Leitbild ist der “homo oeconomicus”, der wirtschaftsrational und nutzenorientiert handelnde egoistische Mensch. Vertreterinnen und Vertreter der sozioökonomischen Bildung kritisieren diesen Ansatz. Mit ihm lassen sich soziale und gesellschaftliche, selbst wirtschaftliche Zusammenhänge nicht umfassend erklären. Sie taugen nur bedingt als gesellschaftliches Orientierungswissen für junge Menschen. Deshalb müssten auch alternative wirtschaftstheoretische Ansätze im Unterricht aufgegriffen werden. Das geschieht nur unzureichend.”

Die Befürchtungen werden schlimmer, zumal der homo oeconomicus mit der Betriebswirtschaft und ihren Modellen (?) so viel zu tun hat, wie Tacitus mit dem Nibelungenlied. Aber lassen wir das an dieser Stelle. Aus dem, was wir bislang rekonstruieren können, geht hervor, dass der Materialband der Bundeszentrale für Politische Bildung Schülern das Leitbild des “homo oeconomicus” als unvollständig darstellen will, als nicht geeignet, “soziale, gesellschaftliche … und wirtschaftliche Zusammenhänge … umfassend zu erklären”.

Ob der Unsinn der umfassenden Erklärung auf dem Mist desjenigen gewachsen ist, der den Beitrag für die IG-Metall geschrieben hat, auf den wir uns hier beziehen, oder tatsächlich in “Ökonomie und Gesellschaft” zu finden ist, ist eine Frage, die wir bislang nicht beantworten können, weshalb es uns derzeit nur fröstelt und noch nicht friert. Dass der homo oeconomicus ein Handlungsmodell ist, das menschliches Handeln und keine wirtschaftlichen Zusammenhänge erklären will, ist dem Schreiber offensichtlich ebenfalls unbekannt. Bleibt zu hoffen, dass diese fehlende Kenntnis dessen, was kritisiert werden soll, nicht auch die Autoren des Materialbandes der Bundeszentrale eint.

school indoctrinationWie gesagt, wir sind dabei uns die Materialien zu besorgen. Sobald sie uns vorliegen, werden wir Genaueres dazu schreiben. Derzeit bleiben daher nur noch die Feststellungen, (1) dass die politischen Eingriffe in den schulischen Unterricht von allen Seiten kommen, (2) dass das Klassenzimmer zum ideologischen Battleground geworden ist, (3) dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie einen Vorstand hat, der sich in Pressemeldungen echauffiert und seinen Lesern dann, wie der sprichwörtliche Imperator, die eigene Bewertung vorgibt, in der Hoffnung, die Leser seien keine rationalen Menschen, sondern affektive Deppen, die mitfühlen, aber nicht denken wollen und (4) dass es ungeheuerlich ist, wenn ein Ministerium die Auslieferung von Unterrichtsmaterialien untersagt, weil sie den Kriterien des Beutelsbacher Konsens entsprechend als Indoktrinationsmaterialen gelten müssen.

Zum einen kommt es auf eine oder zwei mehr Unterrichtsmaterialien, die die Indoktrination von Schülern anstreben, in deutschen Schulen kaum mehr an, zum anderen ist anzunehmen, dass deutsche Schüler sowieso längst indoktrinationsmüde sind, angesichts der vielen politischen und gesellschaftlichen Ziele, denen sie ausgesetzt und unterworfen werden, so dass sie eine entsprechende Abwehrhaltung entwickelt haben werden, die entweder in einer konsequenten Abwehr von allem, was an sie herangetragen wird oder einem entsprechenden Zynismus gegenüber Bildungsangeboten besteht.

Schließlich macht es das Bundesministerium des Innern durch seine Enstcheidung kritischen Bürgern unmöglich, die entsprechende Publikation zu lesen, zu kritisieren, eventuelle Fehler aufzuzeigen und Schülern über das Internet zugänglich zu machen, kurz: Sie verhindert, dass sich eine Zivilgesellschaft ausbreitet, setzt statt dessen das Bild des guten Hirten im BMI, der über seine Schäfchen wacht, durch, auf dass sie nicht (mit dem Falschen) indoktriniert werden.

Zu guter letzt muss noch festgestellt werden, dass unsere Neugier auf diese Publikation der Bundeszentrale sehr groß ist. Angesichts dessen, was als Unterrichtsmaterialien kursiert, ist es schon spannend zu sehen, was das BMI als verbietenswert ansieht.

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