Die Soziologie des Vertrauensvorschusses: De Maiziere macht Terrortainment

Ein Vorschuss ist eine sofortige Leistung, die im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung gewährt wird.

Ein Vertrauensvorschuss ist entsprechend das Entgegenbringen von Vertrauen im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung.

Soviel vorab.

Gestern haben wir einen neuen Begriff geprägt: Terrortainment.

Terrortainment setzt sich aus Terrorismus und Entertainment zusammen und beschreibt die Darbietung terroristischer oder mit Terrorismus verbundener Inhalte im Unterhaltungsformat. Terrortainment kann in Form einer Sondersendung, eines Liveblogs, einer Pressekonferenz oder einem sonstigen Sendeformats dargeboten werden, wichtig ist, dass Terror als solcher nicht vorkommt. Terror, der Anlass für das Terrortainment, ist das Imaginierte, das Vorgestellte, die Rauchwolke am Himmel des eingebildeten Bombardements.

Denn: Terrortainment ist keine Reality Show. Terrortainment arbeitet mit der Einbildung, der Vorstellungskraft derer, die sich dem Terrortainment aussetzen. Deshalb wird im Terrortainment nichts Konkretes gesagt. Es wird vielmehr mit Angst und der Erzeugung von Unsicherheit gearbeitet. Denn: Nichts steigert die Angst vor dem unfassbaren Grauen, nichts macht Menschen gefügiger als das Wissen, um die Unsicherheit der eigenen Existenz, deren Abhängigkeit von der Willkür Dritter.

VertrauensvorschussTerrortainment macht sich diese Angst zunutze, etwa in der Weise, wie dies Thomas De Maiziere, der derzeit den Innenminister gibt, gestern in einer Pressekonferenz getan hat:

“Wenn er berichten würde, welcher Art die Hinweise auf den bevorstehenden Terrorakt gewesen und von wem diese Hinweise gekommen seien, würde er die ‘Sicherheit des Landes’ gefährden. Teile der Antwort, so de Maizière weiter, würden ‘die Bevölkerung verunsichern’, andere Teile die künftige Arbeit der Sicherheitsbehörden erschweren.

Den Inhalt dieser Warnungen, den Grund also, der zur Absage des Fußballspiels geführt hatte, den nannten weder de Maizière noch Pistorius. Stattdessen bat de Maizière die Öffentlichkeit ‘um einen Vertrauensvorschuss’ in dieser ‘ernsten Lage’.

Hier sind alle Elemente des Terrortainments vorhanden. Die unfassbare, ja unaussprechliche Gefahr, die große Gefährdung als ernste Lage, die aus der unfassbaren und unaussprechlichen Gefahr resultiert, eine so große Gefahr, dass sie, wäre sie konkret bekannt, die Bevölkerung verunsichern würde. Ganz im Gegensatz zu De Maiziere, der es gewohnt ist, mit Gefahren zu leben. Er trotzt IS und allen Terroristen, steht mannhaft seinen Rambo und trotz allen reporterischen Mühen zu seiner Weigerung, den konkreten Kern der Angst, die er verbreiten will, zu benennen.

Denn: Angst wirkt besser, wenn sie diffus bleibt. Daher die Meldung: Du musst Angst haben. Die Welt ist gefährlich. Alle lauern darauf, dich in die Luft zu sprengen. Wenn Du wüsstest, was ich weiß, Du würdest Amok laufen, wärst hysterisch und alles andere als ruhig. Nun, da Du weißt, dass es für Dich Grund gibt, verunsichert, hysterisch und voller Angst zu sein, aber sonst nichts, nun bist Du so richtig verunsichert – oder? Gut so, denn Verunsicherung aufgrund einer Gefahr, die man nicht kennt und nicht einschätzen kann, lässt Dich Dich nach Hilfe umschauen und beim Umschauen, siehst Du ihn, den De Maiziere, den Rambo der deutschen Innenpolitik, dem auch sein konkretes Wissen um die konkrete Gefahr für andere nicht wanken lässt, der wacker das deutsche Volk vor allen Gefahren, der er und nur er kennt, schützt.

Zeit für einen Vertrauensvorschuss.

Wofür?

Für die Illusion der Gefahr, auf der die konkrete Angst baut, die der Illusionär dann schüren wird.

TerrortainmentTerrortainment spielt mit der Illusion von Realität. Man ist bei der Razzia im Vorort dabei und doch nicht. Der Reporter steht vor dem Ort der Kampfhandlung, berichtet mit Rauchwolken im Hintergrund. Die anschließenden Meldungen, Tote, Verletzte oder Fehlalarm, ihr Inhalt ist irrelevant, relevant ist der Nervenkitzel. Man war live dabei, die Gefahr ist real, die Angst ist berechtigt.

Und der Vertrauensvorschuss?

Nun: Ein Vertrauensvorschuss ist das Entgegenbringen von Vertrauen im Hinblick auf eine noch zu erbringende Leistung. Wenn de Maiziere, um einen Vertrauensvorschuss bittet, dann tut er dies im Austausch für die Leistung: kein Anschlag.

Tatsächlich: Es ist nichts passiert gestern – oder? Kein Bombenanschlag, kein Selbstmordattentat, nicht einmal De Maiziere, der Geheimnisträger, war Gegenstand terrortischer Aktivitäten. Der Vorschuss an Vertrauen, er hat sich also gelohnt – oder ist das ein Fehlschluss?

Lassen wir die Frage, Frage sein und freuen uns am Terrortainment und an der Illusion, dass auch der zweite angeblich geplante und nur Eingeweihten bekannte terroristische Anschlag in Niedersachsen vereitelt wurde.

That’s Terrortainment.

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8 Responses to Die Soziologie des Vertrauensvorschusses: De Maiziere macht Terrortainment

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  2. Hans-Werner Wilz says:

    Wer macht was? Wer weiß was, sagt es aber nicht? Wissen ist Macht, macht es spannend. Ein Volk von Spannern. It’s all a game of words. Schlag nach bei Shakespeare.

  3. fdominicus says:

    Ich denke, das hier fällt auch darunter:
    http://www.n-tv.de/politik/16-43-IS-zeigt-angebliche-Flugzeugbombe-article16356341.html

    Speziell auch:
    +++ 14:29 EU schlägt Verschärfung des Waffenrechts vor +++
    Als Reaktion auf die Anschläge von Paris hat die EU Gesetzesvorschläge zur Verschärfung des Waffenrechts in Europa vorgelegt. Es müsse verhindert werden, “dass Waffen in die Hände von Terroristen fallen”, erklärte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. “Wir schlagen strengere Kontrollen für den Verkauf und die Registrierung von Feuerwaffen vor.” Hinzu kommen europaweit einheitliche Bestimmungen, um nicht mehr genutzte Waffen dauerhaft unbrauchbar zu machen.

    Privatleute sollen demnach keine Waffen, Waffenbestandteile oder Munition mehr über das Internet kaufen oder verkaufen dürfen, wie die zuständige Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska sagte. Sie verwies darauf, dass die Kalaschnikow, die ein mutmaßlicher Islamist im August in einem Thalys-Zug zwischen Amsterdam und Paris dabei hatte, aus im Internet gekauften Waffenbestandteilen zusammengebaut worden sei.

    Ja, mei warum sollte man es den Terroristen auch schwerer machen? Waren ja erst “nur” rund 40 Ermordete weil diese keine Möglichkeit hatten sich auch mit Waffen zu verteidigen.

    Aber der ganze Rest verdient IMHO Ihr Terrortainment. Das wird ein endloses Thema werden.

    • hgb says:

      a) es lässt sich bestimmt eine Relation aufstellen, die beweist, das mit der steigenden Zahl von Kontrollen ebenso die Zahl der Terroristen steigt.

      b) Eine effektive Methode der Kontrolle wäre, alle unbescholtenen Bürger einzusperren. Wer dann noch rumläuft, muss Terrorist oder Polizist sein. Wird wohl nicht funktionieren.

      c) eine erprobte Methode, wenn auch am Ende finanziell zur Ausblutung führend, ist es , jedem Bürger einen Aufpasser zur Seite zu stellen. Damit hätte man schlagartig in D 40 Millionen Arbeitsplätze, sichere, geschaffen. Auf deutsche Erfahrungen darf zurückgegriffen werden.

      Und ja, natürlich muss unterbunden werden, daß sich Bürger bewaffnen. Es könnte ja sonst passieren, daß sie sich gegen die falschen Terroristen wehren wollen.

      • fdominicus says:

        “Und ja, natürlich muss unterbunden werden, daß sich Bürger bewaffnen. Es könnte ja sonst passieren, daß sie sich gegen die falschen Terroristen wehren
        wollen.”

        Das speziell dürfte durchaus einiges an Motivation abdecken. Auch in alten Zeiten galt, Bürger durften/mußten sich bewaffnen und/oder Bewaffnete stellen, Untertanen wurde die Waffenhaltung verboten.
        Zitat von http://kulturschnitte.de/Rollenspiel/Pendragon/waffen.htm
        “Waffen waren Standesabzeichen der adligen Führungsschicht. Mitte des 12. Jahrhunderts wurde Bauern das Tragen von Schwertern bei Strafe untersagt. Wie die Wirklichkeit aussah ist schwerer zu beurteilen; denn auch Bauern wurden zum Herresdienst aufgeboten. Ob sich einfache Leute ein Schwert leisten konnten, ist nicht klar, denn sie stellten einen großen materiellen Wert dar”.

        “b) Eine effektive Methode der Kontrolle wäre, alle unbescholtenen Bürger einzusperren. Wer dann noch rumläuft, muss Terrorist oder Polizist sein. Wird wohl nicht funktionieren.”

        Kein Grund es nicht zu versuchen – oder?

  4. hgb says:

    Terrortainment (all rights by sciencefiles) ist aber ein gut erprobtes Konzept:

    – es verhalf de katholischen Kirche zu Macht, Geld und Petersdom
    – es verhalf einer deutschen Regierung zu Macht, Geld und Niederlage
    – es verhalf einer anderen deutschen Regierung zu Macht und Zaun
    – es verhalf wieder einer anderen Regierung zum Ausstieg aus der Kernenergie
    – es verhilft vielleicht wieder einer nicht so anderen deutschen Regierung zu Macht, Geld und Niederlage

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