Flüchtlinge?!

Die Welt ist voller Überraschungen. Eine dieser Überraschungen für uns ist, dass Deutsche, die der deutschen Sprache mächtig sind, plötzlich von sich behaupten Worte, die der deutschen Sprache entstammen und seit vielen Jahren im Sprachgebrauch sind, nicht mehr zu verstehen. Ob hier die Früchte des Genderismus mit seiner großangelegten Sinnentleerung von Sprache aufgehen?

Wie dem auch sei. einige Kommentatoren sind mit dem Begriff „Flüchtlinge“ offensichtlich an die Grenze ihrer Verständnisfähigkeit geraten. Deshalb hier die Klärung:

„Als Flüchtling bezeichnet man eine Person, die ihre Heimat fluchtartig verlässt.“

So schreibt man bei der Wikipedia und zeigt damit, dass Begriffsdefinitionen zuweilen tautologisch sind, was in diesem Fall nur dann ein Problem ist, wenn man nicht weiß, was „fluchtartig verlassen“ meint. Zur Erläuterung: fluchtartiges Verlassen liegt dann vor, wenn man unter Zurücklassen von Hab und Gut das Weite sucht, und zwar in einem höheren als dem normalen Marschtempo und versucht, so viel Raum wie nur möglich, zwischen den Anfang und den Endpunkt der Flucht zu bringen.

Wer es gerne legalistisch hat und wem die umgangssprachliche Definition von Flüchtling nicht ausreicht, für den haben wir die Definition der Genfer Flüchtlingskonvention, die auch von Deutschland unterschrieben wurde.

Demnach ist ein Flüchtling jemand, der

„aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen [seiner] Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen [seiner] politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit [er] besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder [der] sich als Staatenlose[r] infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem [er seinen] gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will.“

Der Bezug auf die Genfer Flüchtlingskonvention ist zwar unnötig, denn es reicht, die umgangssprachliche Bedeutung von Flüchtling zu kennen, um an unserer Befragung teilnehmen zu können, aber offensichtlich haben manche mit dieser umgangssprachlichen Bedeutung des Wortes ein Problem:

Anonymity„Ich nehme zwar war an, dass die “” um die “Flüchtlinge” in die Richtung geht, aber wäre eine Begriffsklärung zu Beginn nicht sinnvoll für die Befragung?

Welche Gruppe derer, die da unregistriert und aus sicheren EU-Ländern über die Grenzen gelassen werden, ist mit “Flüchtlinge gemeint? Alle, oder nur die Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention? Angesichts verschiedener Quellen (z.B. youtube Billy Six) bin ich im Moment der Ansicht, dass nur ein winziger Bruchteil der einströmenden Menschen echte Flüchtlinge sind, die in Menge und Integrationsfähigkeit (sofern sie dauerhaft bleiben wollten) vermutlich nichtmal ein ernsthaftes Problem darstellen würden.“

Es gibt also für Kommentator „e-moog“ eine feine Unterscheidung zwischen „echten Flüchtlingen“ und „unechten Flüchtlingen“. Seine Unterscheidung begründet er zwar nicht, aber dem Kontext des Kommentars kann man entnehmen, dass er der Ansicht ist, die Motivation eines Flüchtlings sei für die Frage, ob er ein Flüchtling ist, relevant.

Um als Flüchtling zu zählen, ist es für e-moog also nicht ausreichend, aus einem zerbombten Land in ein nicht-zerbombtes Land zu flüchten, um dort Sicherheit zu finden, nein, derjenige, der vor Gewalt, Armut, Hunger oder aus Angst um sein Leben flieht, er muss es aus den richtigen Motiven tun. Dächten Ärzte wie unser Kommentator, es stünde zu befürchten, dass unser Kommentator von all denen, die seine Motive mittels ärztlicher Hilfe zum Zwecke des weiteren Broterwerbs gesunden zu wollen, nicht legitim finden, nicht mehr behandelt wird.

Ein weiterer Kommentator sieht das ähnlich, wie er sagt:

Anonymity„Das sehe ich ähnlich. Habe die Umfrage begonnen, aber wieder abgebrochen, weil die Antworten für echte Flüchtlinge einerseits und die Großzahl der Wirtschaftsmigranten andererseits sehr unterschiedlich ausfallen würden. Vielleicht ist das Teil des Untersuchungsdesigns? Andernfalls würde ich auch eine Differenzierung vorschlagen – denn die (mittlerweile völlig kritiklos von pratisch allen Beteiligten akzeptierte) pauschale Bezeichnung der wandernden (invadierenden?) Völkermassen als “Flüchtlinge”, vulgo schutzbedürftige, nahezu sakrosankte Wesen, ja einen wesentlichen Pfeiler der politischen Desinformationsstrategie darstellt. Von der noch feineren Differnzierung hinsichtlich “Asylsuchender” im eigentlichen Sinne ganz zu schweigen…

Abermals wird in einen Begriff etwas hineingeheimist, das der Begriff nicht umfasst. Was ein Flüchtling ist, ist eindeutig bestimmt. Wenn ein Flüchtling als sakrosankt erklärt wird, dann braucht es nicht nur einen, der das tut, sondern mindestens einen weiteren, der das widerspruchslos hinnimmt. In jedem Fall ist aber entscheidbar, ob ein konkreter Flüchtling aus Angst um sein Leben aus einem Kriegsgebiet geflohen ist. Es ist also eine empirische Frage, ob ein Flüchtling ein „echter Flüchtling“ ist, die sich jedoch nicht im Hinblick auf die Motivation eines Flüchtlings, sondern im Hinblick auf die Umstände und Anlässe seiner Flucht und die Flucht als solche stellt.

Insofern ist es irrelevant, ob jemand vor Krieg flieht, weil er sich neben der Rettung seines Lebens ein ökonomisches besseres Leben verspricht oder ob er einfach nur flieht, weil er etwas Besseres als den Tod fast überall finden kann. Und deshalb ist es erstaunlich, dass ein Kommentator, der den Versuch, den Begriff des Flüchtlings mit einer Unmenge positiver affektiver Konnotationen bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln, bemängelt seinerseits dafür plädiert, den Begriff „Flüchtling“, durch die Bildung von Teilmengen nunmehr mit negativen Konnotationen aber ebenfalls zu verstümmeln. Ein Flüchtling ist jemand, der um sein Leben zu retten oder aus Angst, dasselbe zu verlieren, von einem Ort geflohen ist.

Für unsere Befragung ist diese ganze Diskussion übrigens vollkommen belanglos. Nehmen wir zum Beispiel die Aussage:

„Es kommen zu viele Flüchtlinge nach Deutschland.“

Dieser Aussage kann man voll und ganz, eher, eher nicht oder überhaupt nicht zustimmen. Und man kann mit „weiss nicht“ antworten.

Wer also aus welchen Gründen auch immer glaubt, es müsse zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden werden, der hat hier die Möglichkeit, „weiss nicht“ anzugeben, wenn er nicht weiß, wie die für ihn so wichtigen Verhältnisse zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen sind, die nach Deutschland kommen und letztere sind für ihn ja anscheinend keine Flüchtlinge.

Nun gibt es zwar niemanden, der tatsächlich sagen kann, wie viele aus der Menge der Flüchtlinge in die Menge der Wirtschaftsflüchtlinge entfallen, wenn man sie denn bilden wollte. Aber es gibt welche, wie unseren Kommentatoren, die denken, sie wüssten es, sich einbilden, sie wüssten es. Einbildung ist hier nicht abwertend gemeint. Einbilden bezeichnet die Tatsache, dass niemand, nicht einmal unser Kommentator Aufstellung darüber hat, aus welchen Motiven, ob aus wirtschaftlichen oder aus politischen oder aus Angst davor, das eigene Leben zu verlieren, jemand derzeit nach Deutschland flieht. Wer dennoch denkt, er kennte die Größenverhältnisse muss sich entsprechend etwas einbilden.

Wer sich also einbilden will, dass mehr Flüchtlinge wirtschaftliche Motive haben, nach Deutschland zu kommen, als das Motiv haben, ihr Leben zu retten, der kann angeben: „Stimme vollständig zu“, denn aus seiner Sicht kommen zu viele Wirtschaftsflüchtlinge nach Deutschland und Wirtschaftsflüchtlinge sind schon begrifflich als Teilmenge der Flüchtlinge bezeichnet. Gleiches gilt für „echte“ und „unechte“ Flüchtlinge. Abermals handelt es sich um Untermengen von Flüchtlingen.

refugees jordan

Syrisches Flüchtlingslager in Jordanien

Und deshalb muss hinter der Forderung, wir sollten Flüchtlinge von Wirtschaftsflüchtlingen unterscheiden, etwas anderes stecken als das Unverständnis der Bedeutung von Flüchtling, etwas affektives, ein Bedürfnis, vermutlich das Bedürfnis, als Gutmensch erscheinen zu wollen, als jemand, der eigentlich für die Aufnahme von Flüchtlingen plädiert, nur im konkreten Fall muss man eine Ausnahme von diesem „eigentlich“ machen. Um nun in seinem Bemühen, als guter Mensch zu erscheinen, nicht Schaden zu nehmen, was man unwillkürlich in der Vorstellung der entsprechenden Gutmenschen tut, wenn man alle Flüchtlinge in Bausch und Bogen ablehnt, wird eine feine Linie gezogen, eine zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und Flüchtlingen, eine zwischen echten und unechten Flüchtlingen und in jedem Fall ist es die Motivation der Flüchtlinge, die die Demarkationslinie bestimmt. Und da man Motivation nicht messen kann und es zudem reine Motive im richtigen Leben nicht gibt, hat man sich ein hervorragendes Mittel geschaffen, um einerseits von sich sagen zu können, ich habe eigentlich nichts gegen Flüchtlinge und andererseits alle, die kommen aus der Menge der Flüchtlinge auszugrenzen, denn – so die Einbildung – die meisten, die kommen, kommen nicht, weil sie im Land aus dem sie kommen, der Tod erwartet, sondern weil sie in Deutschland Hartz-IV-Zahlungen erwarten.

Nun, jeder muss selbst mit sich und dem, was er denkt und wie er handelt, zurecht kommen. Wir geben an dieser Stelle nur zu bedenken, was schon ein Monster of the week in den Xfiles erkannt hat: „I can’t be someone I’m not!“ So stop pretending: Lebt im Einklang mit Euren Überzeugungen!

Für unsere Befragung, an der schon mehr als 300 Leser teilgenommen haben, haben diese seltsamen Vorstellungen nur insofern eine Bewandtnis, als sie jemanden davon abhalten könnten, daran teilzunehmen. Wir hoffen, die entsprechende Klarstellung in deutscher Sprache war ausreichend, entsprechende Bedenken zu beseitigen.

Wir versuchen Menschen, die in herkömmlichen Befragungen und im öffentlichen Leben in Deutschland nur selten zu Wort kommen, eine Stimme zu geben und mit unseren Befragungen Informationen über Einstellungen und Überzeugungen zu bündeln. Dazu benötigen wir die deutsche Sprache und dazu benötigen wir allgemeinverständliche Begriffe, auf die wir uns zur Verständigung geeinigt haben. Wenn nun manche denken, sie müssten ihr Privatverständnis durchsetzen und dafür sorgen, dass unter „Flüchtling“ nicht mehr „Flüchtling“ verstanden wird, wie es die Mehrheit der Deutschen versteht, sondern ihre höchst persönliche Begriffsdeutung, dann machen sie damit jede Möglichkeit zur Verständigung zunichte und stellen sich im Übrigen auf eine Stufe mit Genderisten, die ja auch versuchen, allgemeinverständliche Begriffe aus dem Sprachgebrauch zu entfernen und mit ihren seltsamen Vorstellungen darüber, wie man einen Neger oder einen Mann zu bezeichnen hat, zu ersetzen und damit Kommunikation zu verunmöglichen. Auch Genderisten bedienen sich dazu ihrer besten Rolle, nämlich der des Unverständigen, der plötzlich Begriffe wie Schüler nicht mehr verstehen will und statt dessen mit „männlicher Schüler“ ersetzt sehen will.

Wer zum Erkenntnisgewinn beitragen und seine Stimme hörbar machen will, der kann dies weiterhin tun: Hier geht es zu unserer neuesten Befragung.

Über Michael Klein
... concerned with and about science

19 Responses to Flüchtlinge?!

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Flüchtlinge?!

  2. Manfred Michael Schwirske sagt:

    Bin hier mal wieder einer Meinung mit Sciencefiles. Hinter dem Verlangen etwas zu Definieren steckt meistens die Absicht einer Ausgrenzung.

  3. Shitlord sagt:

    Ich halte es durchaus für wichtig, zwischen (ich hoffe, Sie verzeihen die klischeehafte Darstellung) zwischen sozialschmarotzenden Zigeunern, kriminellen Nordafrikanern und Kriegsflüchtlingen zu differenzieren. Ich würde das für die Gruppen 1 und 2 nämlich verneinen, wenn ich die Frage

    > Flüchtlinge haben ein Recht auf Hilfe in Deutschland.

    lese. Für Gruppe 3 ist die Antwort „ja“, die haben das „Recht“, aus 16a GG und weiteren Regelungen. Für alle drei Gruppen zusammen ist die Antwort aber „eher nicht“. Das verzerrt ja nun durchaus die Ergebnisse, oder? Davon muss ich kein Gutmensch sein, die Frage, ob ich das „Recht“ moralisch richtig oder gut oder so finde wird ja nicht gestellt.

    Und wenn ich schon rummosere: Die faire Antwort auf die Frage

    Welche Partei hat die größte Kompetenz, um die Umwelt zu schützen?

    Ist „Die Linke“. Die effektive Zerstörung der Industrie und Senkung des Lebensstandards auf das Niveau von 1750 ist sicher hervorragend für die Umwelt. Man schaue mal nach Kambodscha.

  4. rolandtluk sagt:

    So einfach ist das nicht:
    Das Wort „Flüchtlinge“ ist durch den Missbrauch in den Medien zerstört wurden, weil jeder illegale Grenzübertritt als „Flüchtling“ bezeichnet wird.

    Für mich sind „Flüchtlinge“ = Personen, die in die Anrainerstaaten vor unrechtsmäßiger Verfolgung oder Kriegshandlungen fliehen.

    „Wirtschaftsflüchtlinge“ ist Unsinn, das ist Armutsmigration. Ich vermute mal in Deutschland sind es 99,999% Glücksritter.

    • Jetzt wissen wir, was Flüchtling für SIE ist. Wer teilt noch ihre Meinung? Mit wem können Sie sich über Flüchtlinge unterhalten und dabei sicher sein, dass Sie sich mit diesem jemand über dasselbe unterhalten?

  5. Werner Fütterer sagt:

    Sowohl die Wiki-Erklärung, als auch die Legaldefinition der Genfer Flüchtlingskonvention, nach deren Wortlaut Bürgerkrieg ausdrücklichnicht zu den Legalvoraussetzungen einer Flüchtlingseigenschaft zählt, definieren nicht hinreichend das Ende der „Flucht“ und damit der Flüchtlingseigenschaft.
    Nach gängiger Wunschvorstellung in weiten Kreisen unserer WIlkommensbotschafter scheint die Flüchtlingseigenschaft niemals, oder frühestens dann zu enden, wenn der Wunschaufenthaltsort errreicht ist.
    Nach meinem Rechts- und Gesellschaftsverständnis endet diese Flüchtlingseigenschaft spätestens mit Erreichen eins „sicheren“ Aufenthaltsortes, an dem die zur rechtmäßigen Flucht führenden Ursachen nicht bestehen.
    Insoweit ist ein Reisender, der von Österreich nach Deutschland unterwegs ist, nur dann Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention, wenn die zutreffenden Voraussetzungen in Österreich gegeben sind!
    Armut, Hunger und schlechte Sozialprognosen sind ebenfalls keine Berechtigungen zur Flüchtlingseigenschaft!

    • Blofeld sagt:

      Dieser Punkt wird gerne übersehen. Nicht nur die Konvention macht hier Einschränkungen (z. B. Artikel 31 (1) GFK), sondern auch das Asylrecht gilt für diese Leute ja ausnahmslos nicht (Artikel 16a (2) GG). Man überdehnt den Begriff vermutlich nicht, wenn man trotzdem von „Flüchtlingen“ (oder auch „Asylanten“) spricht. Aber man sollte dann dazu sagen, daß dieser Begriff – wenn man ihn in dieser weiten Definition benutzt – keinerlei Privilegierung im rechtlichen Sinne bedeutet. Es wäre aber vielleicht nützlich den Begriff enger zu verwenden.

  6. whgreiner sagt:

    Da vermisse ich nun aber schon einen Blick darauf, dass derzeit in Deutschland eine Diskrepanz zwischen dem besteht, was die Politik (und in ihrer Gefolgschaft die „gemachte“ Öffentlichkeit) unter „Flüchtling“ bezeichnet – und was laut Grund- und Asylgesetz tatsächlich ein Flüchtling ist. Ein Flüchtling ist nicht bloß irgendwo HER geflohen, sondern auch irgendwo HIN! Wenn jemand aus Syrien in die Türkei geflohen ist, ist er zweifellos ein Flüchtling. Wenn der dann aber aus dem türkischen Lager irgendwann nach Deutschland weiter reist, weil er da ein (für seine heimatlichen Verhältnisse fettes) Taschengeld und ne gratis-Zahnbehandlung kriegt, dann ist er jedenfalls nach deutschem Recht HIER kein Flüchtling mehr: er konnte ohne Gefahr für Leib und Leben als Flüchtling in der Türkei bleiben, wenn’s auch dort nicht so bequem war. In Deutschland ist der nun mal rechtlich (weil aus einem sicheren Drittstaat „geflohen“ – was Frau Merkel freilich egal ist) KEIN Flüchtling mehr, sondern ein Einwanderer. Wer ein bißchen exakter denkt, der legt auf diese Unterscheidung wert. Wer nicht, der übernimmt brav und unreflektiert die politisch korrekte Sprachregelung und wundert sich dann nur später darüber, dass die Mehrzahl der „Flüchtlinge“ im direkten Kontakt so gar nicht der Vorstellung entsprechen, die man von Leuten hat, die sich gerade unter akuter Gefahr für Leib und Leben nach Deutschland gerettet haben. So ändert sich der Sprachgebrauch: die Politik gibt in manipulativer Absicht eine Worthülse vor, der Volksmund füllt sie anschließend wieder mit aktueller Wahrheit. Es ist heute schon absehbar, dass in zehn Jahren der jetzt politisch korrekt vorgegebene Begriff „Flüchtling“ wiederum politisch korrekt zum Tabu (wie etwa „Neger“) werden wird: weil dann der Volksmund mit „Flüchtling“ eben brav das assoziiert, was jetzt so alles hereinkommt – und weil das in der Mehrheit so gar nicht dem Stempel der armen, hilfsbedürftigen Kriegsflüchtigen entspricht, den unsere Regierenden derzeit da drauf hauen wollen. Man kann für den Moment von oben herab eine Sprachregelung durchsetzen; aber man kann nun mal nicht verhindern, dass die Leute den neuen Begriff dann wiederum mit den damit verbundenen Assoziationen aus ihrem täglichen Leben füllen.

    Mit dem Terminus „Flüchtling“ in der Umfrage hatte ich persönlich trotzdem kaum Probleme: ich habe halt nach kurzem Zögern entsprechend der momentan politisch installierten Sprachregelung darunter Jeden verstanden, der derzeit als Nichtdeutscher nach Deutschland kommt und selber behauptet, „geflohen“ zu sein. Ich kann aber gut verstehen, dass Etliche diese Hürde nicht so locker nehmen konnten/wollten. Die Definition von „Flüchtling“ ist zur Zeit in Deutschland in der Tat unklar.

    • rote_pille sagt:

      Oder man lehnt einfach die Versorgung von Flüchtlingen aller Art prinzipiell ab. Dann kann man sich die Verrenkungen sparen.

  7. osthollandia sagt:

    Ich habe die Umfrage beantwortet. Der derzeit übliche Terminus „Flüchtling“ so wie ich ihn verstehe, betrifft quasi alles und jeden, der derzeit über die Grenze strömt. Jedenfalls ist dieses Verständnis das, was über die Medien an mich transportiert wurde.

    Ich bin Freund des Rechtstaates, ich halte mich an das Recht. Da so gut wie niemand nicht über sichere Drittstaaten einreist, sind auch so gut wie alle illegal in Deutschland. Das ergibt sich aus dem Grundgesetz und aus der Genfer Flüchtlingskonvention. Demnach ist die Flucht beendet, wenn ein Land erreicht wurde, in dem keine Verfolgung droht. Brürgerkrieg begründet keinen Flüchtlingsstatus, auch wenn man die Fluchtgründe dann verstehen kann. Der Rechtsbruch ist nichts, was ich gut heißen kann.

    Entsprechend habe ich mich geäussert.

  8. gartnercomms sagt:

    Oha, da bin ich aber überrascht, dass ausgerechnet ich (der zweite von Ihnen zitierte Kommentator) als potenzieller „Gutmensch“ und „Genderist“ gebrandmarkt werde – wo es bei Gott wenig auf der Welt gibt, das mir mehr zuwider ist. Ich kann auch Ihrer Logik nicht folgen – was nun vermutlich meinem mangelnden Sprachverständnis geschuldet ist. Ich habe aus guten Gründen nicht von „Wirtschaftsflüchtlingen“ gesprochen, sondern von „Wirtschaftsmigranten“ – und genau da liegt der entscheidende Unterschied. Denn die Propaganda will uns ja weismachen, dass alle, die da anrennen, eben bedauerns- und hilfsbedürfige „Flüchtlinge“ seien.

    Gehaben Sie sich wohl.

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  11. aufmerksamer leser sagt:

    Folgt aus der Definition der Genfer Flüchtlingskonvention jetzt, dass im Falle eines Bürgerkrieges in Bayern ein in Bayern lebender Deutscher, der wegen des bayrischen Bürgerkrieges nach Hessen flieht, kein Flüchtling ist, weil er noch in Deutschland ist, weil er sich nicht außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt?????
    Demnach gibt es in Syrien überhaupt keine Flüchtlinge!!!

  12. Thomas Pirotka sagt:

    „Flüchtling“ heißt Flucht und das ist deutsch und basta. Aha. Tut mir leid, das stimmt nicht.

    Denn wer zum Beispiel gar nicht flieht, sondern sich aus bestimmten Abwägungen heraus entscheidet die Reise anzutreten (Zahnsanierung, Verwandte besuchen, Chance auf Clanumsiedelung über Familiennachzug, usw.) der ist schon gar kein Flüchtling.

    Zweitens könnte ich aus meinem brennenden Haus fliehen und dann weiterreisen und nach 8 Monaten in Neuseeland ankommen. Wäre dort aber kein Flüchtling, denn die Flucht war nur bis zum anderen Bordstein, alles danach war eine nicht-notwendige Migrationsentscheidung.

    Genauso JEDER Syrer, Afghane und Nordafrikaner. Sobald du im ersten sicheren Land bist und dann weiterläufst, bist du einfach kein Flüchtling mehr!

    Für die moralische Frage, ob wir zu viele oder zu wenige Flüchtlinge haben, ist das aber entscheidend!

    Diese Unterscheidung absichtlich wegzulassen zwingt die Umfragenutzer dazu, sich entweder dumm zu stellen (weiß nicht), sich naiv zu geben (immer herein mit allen obwohl ich nur die Flüchtlinge meine) oder sich als fremdenfeindlich zu geben (Grenzen dicht, egal wer du bist).

    So bekommt ihr aber keine guten Umfrageergebnisse.

    Im übrigen: Ich merke hier überall aus euren Reaktionen auf Kritik, dass ihr daran unbedingt arbeiten müsst, Kritik als Interesse und positive Verbesserungsmöglichkeit wahrzunehmen. Ausfällig zu werden gegen Kritiker, ihnen sprachliche Defizite o.ä. anzukreiden, ist wahrlich nicht Hochkultur und macht sicher auch Mütter nicht stolz auf ihre Sprösslinge.

    • Mehr als das:

      “Flüchtling” heißt Flucht und das ist deutsch und basta. Aha. Tut mir leid, das stimmt nicht.

      Denn wer zum Beispiel gar nicht flieht, sondern sich aus bestimmten Abwägungen heraus entscheidet die Reise anzutreten

      habe ich nicht gelesen. Es reicht, um zu wissen, dass der Rest irrelevant ist. Wir interessieren uns in unserer Umfrage für Flüchtlinge und nicht dafür, was Sie sich alles vorstellen können, aus welchen Gründen jemand nach Deutschland kommt.

  13. iustus amentia sagt:

    Schade, hier wurde eine gute Chance vertan mal Licht in die herrschende semantische Verwirrung zu bringen, an der sich meines Erachtens sogar eine beträchtliche Menge der Diskussionen und des gegenseitigen Unverständnis entzünden. Auch hier wie man sieht.
    Es ging bei den Kommentaren / Beschwerden weniger darum, ob der Begriff Flüchtling eindeutig definiert ist, sondern um den andauernden synonymen Gebrauch von Flüchtlingen und Immigranten. Ersteres impliziert Schutzbedürftigkeit, zweiteres nicht. Entsprechend verändern sich das Verständnis der Fragen und resultierende Antworten.

    Kann man sogar testen. Einfach mal dieselbe Umfrage laufen lassen und den Begriff ‚Flüchtlinge‘ durch ‚Immigranten‘ ersetzen. Hypothese: Die Ablehnung wird zunehmen.

    Womit man dann auch gleich eine Idee hat, warum medial und politisch andauernd der Begriff Flüchtlinge genutzt wird.
    Darüber stolpert man spätestens, wenn von Integration die Rede ist. Schutzbedürftigkeit, also Asylberechtigung impliziert eine zeitliche Begrenzung der Flucht und gar keine Notwendigkeit von Integrationsmaßnahmen. Das Gegenteil gilt für Immigranten. Und doch werden beide Begriffe synonym verwendet…

    Oder etwas plakativer formuliert:
    Die „Refugees Welcome!“-Fraktion hat beständig Flüchtlinge samt Asylberechtigung vor Augen, die „Grenzen dicht!“-Fraktion asylunberechtigte Immigranten (sowie faktisch begrenzte Möglichkeiten zur Gewährung von Asyl).

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