Schuhe für die Gottlosen…

Das Bedürfnis, die personale Identität, für die man sich bekanntlich abmühen, die man sich erarbeiten muss, gegen eine soziale „Ich bin“ Identität zu tauschen, eine, die man frei Haus und ohne eigene Anstrengung, einfach durch Zuordnung erhalten kann, scheint – jedenfalls nach unserer Beobachtung – zuzunehmen.

Tajfel. social identityDas beginnt an Universitäten, an denen Personen, die normalerweise nicht einmal in die Nähe einer höheren Bildungsinstitution kämen, tönen, sie seien Wissenschaftler oder Professor oder Inhaber einer statushohen Position und geht weiter über die unterschiedlichsten Formen der sozialen Ich-bin-Zuordnung, z.B.:

Ich bin Charlie,
Ich bin Antifaschist,
Ich bin für die Umwelt,
Ich bin gegen Atomkraft;
Ich bin gegen Trump;
Ich bin Deutscher;
Ich bin ein Berliner;
Baby an Board;
Ich bin Homosexuell oder anders sexuell;

Der Drang danach, den eigenen Lebensstil oder die eigene Werthaltung anderen Menschen auf die Nase zu drücken und sich selbst als das zu inszenieren, was man als überlegene Vegetationsform ansieht, ist so weit verbreitet, dass ihn auch das Marketing entdeckt hat. Das ist nichts Neues, denn die menschlichen Litfaßsäulen, die für Hugo Boss oder Benetton Reklame laufen, gibt es nicht erst seit heute.

Die soziale Ich-bin-Identität (anstelle der ich-tue-Identität) nimmt derzeit jedoch eien dezidiert Lebensstil-wertorientierungs-Form. Neuestes Beispiel sind Schuhe, mit denen man seinen Atheismus zum Ausdruck bringen kann.

“ The first „ATHEIST Shoe“ was created as an art project. We felt the world might be a better place, if non-believers were more open about their godlessness, so we carved the words „ICH BIN ATHEIST“ on a shoe sole – just as a cheeky little provocation.

Auch Kunst ist heute billig zu haben, drei Worte reichen: Ich bin Atheist, fertig ist die Kunst. Und die Masche zieht. Die Nachfrage von Schuhträgern, die sich gerne als Atheist zu erkennen geben wollen, damit ihre Mitmenschen auch wissen: „Aha, das ist ein Atheist!“, sie wächst und Atheist-Schuhmacher wachsen mit.

atheist-shoesAtheist-Schuhe sind – so ein Slogan – für Leute, die auf ihren Füssen und nicht auf ihren Knien leben. Markige Sprüche zeichnen erfolgreiche Werbestrategeme aus. Geschmack spielt dabei oft keine Rolle, Geschmacklosigkeit schon eher. Man fragt sich unwillkürlich, was ist das für eine Generation ist, die dermaßen einfach zufrieden zu stellen ist, der es reicht, verbal etwas zu sein, die nicht einmal auf die Idee kommt, etwas zu tun.

Tajfel hat soziale Identität definiert als: als „the individual’s knowledge that he belongs to certain social groups together with some emotional and value significance to him of the group membership” Im Gegensatz dazu versammelt eine personale Identität die biographischen Leistungen und Überzeugungen, Charakteristika und Eigenschaften eines Menschen. Die Willigkeit, sich einer Gruppe atheistischer Schuhträger öffentlich zuzuordnen, muss man dann wohl als Abwahl des Versuchs ansehen, als eigenständige Persönlichkeit zu gelten, die auch etwas tut.


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Über Michael Klein
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16 Responses to Schuhe für die Gottlosen…

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  2. merxdunix says:

    Ich bin ich! Wenn man damit über’s Wasser gehen kann, warum nich?

  3. Volker says:

    Baby an Bord?

    Da habe ich schon die passende Antwort auf einem Auto gesehen: „Kein nerviges Balg an Bord!“

    Echt als Aufkleber gesehen!

    Obwohl selbst Vater oder Mutter oder irgendwas dazwischen, da bin ich mir nach den Genderista-Angriffen auf mein Hirn und den dadurch verursachten Schäden nicht mehr sicher, äh, nee, jetzt fällt’s mir wieder ein: „Elter“, konnte ich noch nie Leute verstehen, die sowas banales, wie „Baby an Bord“ kundtun müssen, als sei das eine besondere Leistung oder die anderen nähmen dann besondere Rücksicht. Milliarden Menschen haben zuvor ebenfalls Babies gezeugt, wo ist da dann das Besondere, das diese Nachricht rechtfertigen würde?

    Das sind genau die Leute, die auch mit „Je suis Charlie“-Schildern herumlaufen oder dämlich „Warum?“-Schilder an Unglücksorten aufstellen. Mich juckt’s mal ein „Darum!“-Schild dazu zu stellen…

  4. Muriel says:

    Man fragt sich natürlich, ob jemand, der sich auf solche Weise über andere Leute erheben möchte, nicht schon damit die (natürlich nur sozusagen moralische) Berechtigung verliert, das zu tun, auch wenn an der Kritik was dran sein könnte, beschränkte sie sich nicht nur auf die wortreiche Darlegung der besagten Überheblichkeit.
    Man neigt zu einer zustimmenden Antwort, findet dann aber doch, dass es ja niemandem weh tut und man Leuten nicht ohne Not die Werkzeuge nehmen sollte, die ihnen helfen, sich mit sich selbst und der Welt wohler zu fühlen.

  5. Reinhard Rösch says:

    Ganz klar, Sch..ße gebaut.

  6. P.J.Media says:

    Wir leben im Zeitalter der Vagina.
    Da geht’s alleinzig um’s soziale Sein, um Status, Ansehen, Aufmerksamkeit, das Ich-Ich-Ich-zentrische Weltsicht, das totale Abschieben jeglicher Verantwortung und Arbeit auf alle anderen etc. Da ist die ganze Welt, ja das komplette Universum krümmt sich dabei um die solipsistischen Bubble.

    Remember :
    Women are human beings
    Men are human doings

    Thats why.

    LG

  7. Peisistratos says:

    Wie heißt es auf dieser Webseite:

    »The number of atheists is rapidly growing, yet we’re often passive or isolated, facing ‘god’ with just an apathetic shrug, whilst religion is organised, in your face… with symbols, rituals, community… all of which give it more power to make more of a mess.«

    Soweit ich sehe, hat der Atheismus in politisch organisierter Form mehr Tote über die Welt gebracht als bislang jede Religion. Wer versucht, dagegen zu argumentieren, sollte statt Deschner erst mal Leute wie Arnold Angenendt lesen. Aber wenn sich dies Leute selbst als phlegmatisch bezeichnen, können wir ja alle beruhigt sein. :DDD

    »…believe some invisible, magical sky-daddy is looking down and holding a view on whether they should sleep with you or not…«

    Ich bin beeindruckt von der Gedankentiefe dieser Leute!

    »We want to challenge the lowest-common-denominator view of atheism, to demonstrate that you don’t need god to be good. And we hope to do this by donating 10% of any profits we make to secular charities – in particular, those cleaning up the mess made by religion.«

    Dass diese Leute nicht verstehen, dass Religion und Moral nicht kommensurabel sind, ist geschenkt. Der kleinste gemeinsame Nenner einer Gesellschaft ist also stattdessen, Gutes zu tun durch kaufen. Mit Schokolade quasi die Welt verbessern. Ich hoffe, sie verwenden dann auch konsequent Bio-Leder für ihre Schuhe. Das zu recherchieren hatte ich jetzt keine Lust mehr. :DDD

    • rote_pille says:

      Im Namen des Atheismus wurde noch nie jemand umgebracht. Dafür war diese Religion verantwortlich:
      http://freiraum-magazin.com/2016/11/20/im-auftrag-der-staatsmacht/

    • Heike Diefenbach says:

      Wie so oft ist die Unbildung der selbsterklärten guten Menschen das einzig bemerkenswerteste an ihnen.

      Beispielsweise scheinen sie noch niemals etwas vom Buddhismus gehört zu haben oder zu wissen, welche Folgen die Tierquälindustrie für Tiere UND Menschen hat; sonst würden sie wissen, dass die Grenzen zwischen Religion und Philosophie fließend sind bzw. es Phänomene gibt, die als Religion ohne Gott gelten können und dass Leder (noch weniger als Bio-Leder) akzeptabel ist, sondern man ohne Weiteres auf Kunststoffe ausweichen kann und sollte.

      Es ist immer dasselbe Phänomen: die guten Menschen haben erschreckend wenig Allgemeinbildung, geschweige denn fachliche Bildung, sind sich aber ganz sicher, dass sie mehr Urteilsvermögen haben als die Mehrheit der Menschen, die sie in ihrer Hubris auch noch aufzuklären können glauben. Wie ungebildet muss man sein, um zu denken, man bedürfe keiner Weiterbildung und könne alles Mögliche schon abschließend beurteilen?

      Ist das das Ergebnis der „Kind-ist-König“-Generation, in der Erwachsene permanent diensteifrig um Kinder herumlungern, um möglichst wie die Kindlein zu werden, statt den Nachwuchs in die Welt der Erwachsenen (so wie sie ist, und sie ist nun einmal nicht besser) einzusozialisieren?

  8. Alfred Marenberg says:

    Vielleicht sind diese Philosophen auch gegen einen Fensterflügel gerannt. Wahrscheinlich hat ihnen Gott in einer Art Vergeltungs Maßnahme ihre Schritte dorthin gelenkt. Muss aber nicht in einer Toilette passiert sein!

  9. Alfred Marenberg says:

    WAS? DER verprügelt seine Frau auch? Ja wenn’s die Linken auch schon tun, steht die Welt Wirklich(!) nicht mehr lange. Also nicht nur das Pack…. schrecklich!

  10. Hosenmatz says:

    Zumindest wird so der Atheismus mit Füßen getreten.

  11. Joachim says:

    Da die Gender-Doktrin bei vielen Mitmenschen augenscheinlich dafür gesorgt hat,nicht mehr zu wissen,wer oder was man ist,muss sich diese Spezies nun wohl oder übel eine neue Identität zulegen,egal,wie sinnfrei diese auch sein mag.Willkommen in der schönen,neuen Welt.

  12. Roland says:

    Uh die Schuhe muss ich haben. Dann kauf ich mir noch einen Laborkittel und schwupps bin ich Wissenschaftler. Dann setze ich mir noch eine Hornbrille auf, dann bin ich intelligent und dann brauch ich noch eine braune Kordhose um als intellektueller Bohemien Manhattens durchzugehen.

    Kleider machen eben Leute.

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