Der Hitlergruß: Nazi-Sucht in Leipzig

Ein Grundpostulat des Symbolischen Interaktionismus lautet: Der Sinn einer Interaktion wird von den an der Interaktion Beteiligten, gemeinsam hergestellt. Was damit gemeint ist, kann man an einem Beispiel deutlich machen, das wir von Herbert Blumer, dem Gründungsvater des Symbolischen Interaktionismus, entliehen und für unsere Zwecke angepasst haben:

Interaktionbericht 1:

BlumerX berichtet, dass er A und B dabei beobachtet habe, wie sie sich prügeln. A sei dabei der aktivere gewesen. Er habe mit seiner Faust wiederholt auf B eingeschlagen, der seine Fäuste schützend vor das eigene Gesicht gehalten habe. Der ebenfalls anwesende C habe den Streit zwischen A und B anscheinend schlichten wollen.

Interaktionsbericht 2:

X erzählt vom Boxkampf zwischen A und B, der ziemlich einseitig verlaufen sei, denn: A war deutlich überlegen, und B wusste sich nur dadurch zu helfen, dass er versucht hat, die Schläge von A zu blocken. Schiedsrichter C hat leider zu häufig in den Kampf eingegriffen, so dass A seine Überlegenheit nicht durch den K.O. seines Gegners deutlich machen konnte.

Beide Male wird die gleiche Interaktion geschildert, aber der Sinn, der den jeweiligen Handlungssituationen zugeschrieben wird, ist ein gänzlich anderer. Die Beispiele machen zudem deutlich, dass die richtige Interpretation einer beobachteten Handlungssituation davon abhängt, dass der Beobachter den Handlungssinn, den die Handelnden in ihren Handlungen ausdrücken, richtig erschließen kann.

Wie falsch man dabei liegen kann, zeigt das Beispiel des ersten Beobachters, der den Boxkampf vollkommen missverstanden hat, und zwar deshalb, weil er den Sinn der Handlungen nicht erkannt und entsprechend falsch rekonstruiert hat.

Das Beispiel zeigt nicht nur, dass es möglich ist, ein und die selbe Situation mit völlig unterschiedlichen Sinnzuschreibungen zu versehen, es zeigt auch, dass Sinnzuschreibung eine Tätigkeit ist, an der sinnvollerweise all diejenigen teilnehmen, die auch an der Handlung beteiligt waren.

Und wie so oft, so kommen wir auch heute wieder bei den Gutmenschen an, die denken, sie könnten ihre Sinnzuschreibung absolut setzen und anderen aufoktroyieren, denn das, was sie sehen und als Sinn einer Handlung ausmachen, das MUSS der Sinn der Handlung gewesen sein. Zweifel ausgeschlossen. Nicht nur, sind Gutmenschen ungeeignet, um soziale Situationen zu analysieren, sie sind auch durch einen extremen Hang zum Dogmatismus gekennzeichnet, der sie nicht einmal in Betracht ziehen lässt, sie könnten mit ihrer Sinnzuschreibung einer Handlung so daneben liegen, dass die Zuschreibung eher ein Beleg für ihren geistig abnormalen Zustand ist als ein Beleg für das, was sie gesehen zu haben glauben.

blinder-schule-leipzigNehmen wir den Leipziger Schüler M, der seinen rechten Arm „halbwegs deutlich“ „auf Augenhöhe“ und mit „flacher Hand schräg nach oben“ gehalten hat. Damit so haben die Mitschüler von M., die Handlung rekonstruiert, habe sich M vor der Sonne, die ihn wohl geblendet habe, schützen wollen. Der Sozialkundelehrer von M, sah das anders: M habe einen Hitlergruß gezeigt. Und weil das Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole im Strafgesetzbuch als Tatbestand erfasst ist, deshalb wurde M auf Betreiben seines Sozialkundelehrers und mit dem Segen des Leiters der Bernd Blindow Schule in Leipzig der Schule verwiesen. Die Staatsanwaltschaft hat keinerlei Grund gesehen, den Vorfall zu verfolgen.

Keine Pointe.

Das Beispiel von M, dessen Mitschülern und des Sozialkundelehrers macht deutlich, wie weit Sinnzuschreibungen voneinander abweichen können. Da gibt es den Schüler und seine Mitschüler, die die Notwendigkeit sehen, die Augen gegen die Sonne zu schützen und da gibt es den Lehrer, der darin einen Hitlergruß zu erkennen glaubt. Wer hat recht?

martin-schulz-hitlergruss

Was ist hier zu sehen? Eine Aufgabe für den Sozialkundelehrer der Bernd Blindow Schule Leipzig

Der Schutz der eigenen Augen vor der Sonne, einfach dadurch, dass man die flache Hand nutzt, um die eigenen Augen mit Schatten zu versorgen, ist eine Tätigkeit, deren Sinn sich den meisten Beobachtern unmittelbar erschließt, und zwar aufgrund geteilter Menschlichkeit und der Kenntnis, einer im Moment der Handlung blendenden Sonne. Wenn nun ein Anwesender in der Handlung nicht den Schutz der eigenen Augen vor der Sonne, sondern einen Hitlergruß erkennt, dann muss er nicht nur unempfindlich gegen die Tatsache einer blendenden Sonne sein, er muss zudem eine ganz eigene Sinnstiftung vornehmen, die eine bestimmte Haltung der Hand als Hitlergruß und nur als Hitlergruß erkennt. Nicht genug damit, er muss den Hitlergruß auf der Rechnung haben, ständig erwarten, mit einem Hitlergruß konfrontiert zu werden und den anderen, in diesem Fall seinen Schülern, mit einem entsprechenden Argwohn gegenüberstehen. Um den Argwohn und die ständige mentale Habacht-Stellung gegenüber dem Hitlergruß sinnvoll fassen zu können, muss man annehmen, dass sich der entsprechende Lehrer von Nazi-Symbolik umstellt sieht, sie hinter jedem Busch, Baum und Mitmenschen lauern sieht und entsprechend ein psychopathisches Dasein führt, das man ihm dadurch erleichtern sollte, dass man nicht seine Schüler, sondern ihn von der Schule verweist, zunächst zur Entzugskur in einem naheliegenden Asyl, in dem man ihn in mühsamer Kleinarbeit und vermutlich über Monate hinweg, von seiner Nazi-Sucht entwöhnen muss, so lange, bis er bei normalen menschlichen Handlungen die normalen menschlichen Handlungen erkennt, die auch andere Mitglieder der Normalgesellschaft in dieser Situation erkennen.

Für die Schulleitung der Bernd Blindow Schule Leipzig mag es in Zukunft vielleicht sinnvoll sein, der Tatsache, dass an Interaktionen immer mindestens zwei beteiligt sind, dadurch Rechnung zu tragen, dass sie den Schüler, also M., danach befragt, was er mit seiner flachen Hand in Augenhöhe bezweckt hat. Sagt der Schüler: „Meine Augen vor der Sonne schützen“, dann steht seine Aussage, die praktisch nachvollziehbar ist, der Aussage des Lehrers, die nur ideologisch nachvollziehbar ist, gegenüber. In Fällen wie diesem, liegt es nahe, mit Ockhams Razor das anzunehmen, was häufiger vorkommt: Und die flache Hand zu benutzen, um die Augen gegen die Sonne zu schützen, ist häufiger, als die flache Hand zum Hitlergruß zu erheben.

Und selbst wenn es ein Hitlergruß gewesen wäre, so stellt sich die Frage, ob es in irgendeinem Verhältnis steht, einem Schüler die Bildungskarriere und damit seine Lebenschancen zu beschädigen, weil er einen Hitlergruß gezeigt hat. Lehrer, die diese Frage mit „ja“ beantworten, sind aus unserer Sicht nicht tragbar, schon weil die Schule nicht der Ort ist, um die richtige Gesinnung absolut zu setzen, sondern der Ort, an dem z.B. Sozialkundelehrer die Grundlagen des politischen Systems Deutschlands vermitteln sollen, also z.B. den Meinungsstreit als Grundlage der Auswahl des politischen Personals.


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16 Responses to Der Hitlergruß: Nazi-Sucht in Leipzig

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  2. Mario Bernkopf says:

    There is no greater wrath than that of a Do-gooder on a crusade.

    Ich denke, das ist der gleiche Menschentyp wie die Inquisitoren im Mittelalter, die bedenkenlos Unschuldige auf den Scheiterhaufen geschickt haben. Natürlich im vollen Bewußtsein der eigenen Rechtschaffenheit.

    Wir haben es weit gebracht im 21. Jahrhundert.

  3. hgb says:

    “Was ist hier zu sehen? Eine Aufgabe für den Sozialkundelehrer der Bernd Blindow Schule Leipzig”
    Eindeutig! Hier scheint keine Sonne.

    • merxdunix says:

      Hier scheint nicht nur keine Sonne, es wird demnächst sogar richtig dunkelbraun bis ganz finster. Man kann die rechte Hand, wie die auch die linke, also getrost schon mal wieder dazu verwenden, sich beide Ohren zuzuhalten und selber zu denken. Damit irgendetwas Nutzbringendes zu arbeiten, macht keinen Sinn mehr.

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  5. rote_pille says:

    Ich denke, der Lehrer sollte für seinen heldenhaften Einsatz belohnt werden und nur noch die ganz benachteiligten MUFL unterrichten.

  6. Gereon says:

    Was die ganzen entfesselten Gutmenschen in ihrem Wahn nicht auf dem Radar haben, sind die Gegenbewegungen gegen das von ihnen entfesselte Inferno um nichts. Die Allergischen Reaktonen, der auf Widerstand gebürstete Geist.

    Der Schüler wird jetzt auf ewig verinnerlicht haben: Linkes Gutmenschentum = Terror und Existenzvernichtung, Hitlergruß = Widerstand dagegen.
    Das begreifen die in ihrer dogmatisch verengten Kurzsichtigkeit nicht, auch, daß sich Schüler in diesem Alter noch geistig bewegen, im Gegensatz zu ihnen, begreifen sie nicht.
    Daß sie selbst sich ausgrenzen, den geschassten Schüler, alle seine Freunde und Bekannte gleich mit in eine Antihaltung gegen diese Dogmatik gezogen haben , auch nicht. Das ist ein Schuß, der mit Verzögerung von 5-10 Jharen dermaßen nach hnten losgeht, daß dem armen Gutmenschen daß noch lange in den Ohren klingeln wird,

    Denn die im Begriff befindliche Linksflucht allethalben wird sich beschleunigen und potenzieren und gegen sich alles linke Linke wenden. Linke Linke werden die Aussätzigen der nächsten Jahrzehnte ein. Alle linke Dogmatik wird verfemt und verbrannt auf hundert Jahre und mehr sein.

    • merxdunix says:

      @ Gereon
      Hier muss ich mal widersprechen. Die Gegenbewegung haben die Gutmenschen sehr wohl auf dem Schirm. Sie ist viel mehr das, was konkret bezweckt wird. Die Jugend von sich wegtreiben, um zu erobern, was andere nicht haben sollen. Sie soll nicht vor Links flüchten, sondern ihm den Weg planieren. So wie Hitler die Jugend verheizt hat, um sein Volk ohne Raum hinterherschicken zu können, wird demnächst von Links die Jugend Europas aufeinander gehetzt, um Platz für die Gutmenschen zu schaffen.
      Wo ein Gutmensch ist, braucht kein zweiter zu sein, währe Verschwendung. Das Universum dehnt sich aus. Heute gehört uns Deutschland und morgen…(?), naja möglicherweise zumindest erstmal die EU und wenn nicht, dann auch keinem anderen.

  7. Brockenteufel says:

    Das ganze erinnert mich an die Geschichte mit dem Kinderkarussell vom letzten Jahr. Ein bekloppter Zeitgenosse hat sich da auch über ein “HH88” an einem Motorrad eines Karussells aufgeregt!!!!

    • St. Elmo says:

      Wenn ich das Bild von Herrn Schulz so sehe, da kann man glatt auf die Idee kommen, dass Herr Berlusconi mit seinem Vergleich nicht so falsch lag 🙂

  8. JuergenK says:

    Wie kann man nur eine Grußgeste verbieten? Wie weit muss der Arm ausgestreckt sein, muss er winkelfrei gerade sein? Muss der ausgestreckte Arm in einem bestimmten Winkel zur Waagerechten gehalten werden? Muss der Arm parallel/rechtwinklig zur Körperachse ausgestreckt werden oder in einem abstehenden Winkel etc. etc.

    Es ist dem Menschen irgendwie angeboren, den Arm zum Gruß auszustrecken, gewinkelt oder nicht, handwinkend oder nicht. Ich mache das übrigens oft ohne darüber nachzudenken, linker oder rechter Arm ist mir wurscht.

    Das einzige was meinen Gruß vom o.g. ggf. unterscheidet ist die abgewinkelte Hand, die wie ein seitlich geneigtes Haupt Freundlichkeit signalisieren soll. Da ich kein Kind mehr bin, habe ich mir abgewöhnt zu winken (außer zu Kindern).

    Wer sich Hitlers eigenen Geste anschaut wird feststellen, dass diese läppische Aufwärtsbewegung des Unterarms mit nach vorne weisender Handfläche oft schwer von der warnenden Geste eines Ordnungshüters zu unterscheiden ist.

    Daraus folgt für mich, dass Hitlers Nazi-Gruß ganz akzeptabel zu sein scheint, nicht aber der lang ausgestreckte Arm mit ausgestreckter nicht abgewinkelter Hand.

    Was aber, wenn einer jemanden auf etwas in der Ferne hinweisen will. Muss er dabei auf jeden Fall einige Finger krümmen um nicht missverstanden zu werden? Darf er nur mit einem Finger zeigen um nicht eingesperrt zu werden?

    Was ist, wenn man etwas in der Ferne anpeilen oder abschätzen will. Man macht das gelegentlich über ausgestrecktem Arm (wie über Kimme und Korn). Muss man den Daumen unbedingt nach oben halten, um nicht als Nazi missverstanden zu werden?

    Mich wundert, dass es noch keine Europäische Grußverordnung gibt, welche diese wichtigen Fragen für alle verbindlich regelt.

    • Hosenmatz says:

      “Darf er nur mit einem Finger zeigen um nicht eingesperrt zu werden?”

      Geht gar nicht – ist das Zeichen des IS.

    • merxdunix says:

      @ JuergenK
      Diese europäische Grußverordnung gibt es. Sie bestimmt, einen Zeigefinger wiederholt an die Schläfe zu tippen, vor allem gegenüber Politkern, Beamten und Schwachsinn verbreitenden Lehrkörpern. Der Gruß wird idR mit scheinintellektuellem Gefasel vom zu Grüßenden eingeleitet, mit ideologischen Plattitüden seinerseits formiert und durch ihn mit selbstgefälligen Schlussfolgerungen zum Vollzug durch den Grüßenden freigegeben.
      Weil das gehäufte Grüßen in der beschriebenen Form zu Hautirritationen führen kann, hat sich das Zeigen des ausgestreckten Mittelfingers als weniger selbstverletzende Alternative etabliert.

  9. Jürg Rückert says:

    Mein schwuler Maler-Onkel kritzelte ohne jede politische Absicht als Oberschüler Mitte der 30iger ein Zionszeichen auf ein Papier. Das löste große Aufregung aus und sein Nazipate musste für ihn bürgen!
    Geht es heute in vielen Dingen bei ähnlicher psychischer Grundkonstellation nicht einfach mal anders herum?

  10. Günther says:

    Die Bessermenschen haben es mit ihrem Nazi-Wahn geschafft genau so widerlich zu werden wie Nazis. Mittlerweile muss man sich vor den Nazi-Gegnern genauso fürchten wie vor Nazis weil beide Seiten irre sind

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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