Die Medien sind am Erfolg der AfD schuld … Unsinn per Regression und Granger-Analyse

„Hätten die Medien mehrere Wochen lang gar nicht über die AfD berichtet, wären die Umfragewerte unseren Berechnungen zufolge fünf Punkte niedriger“, so Lehrstuhlinhaber Professor Simon Hegelich. „Wird viel über die AfD berichtet, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Umfragewerte steigen.“

Auf den Text von Buzzfeed, der die oben zitierte Einleitung trägt, sind wir über den Blog von Hajo Funke aufmerksam geworden. Funke ist emeritierter Professor der Politikwissenschaft, der sich zeitlebens nicht unbedingt durch statistische Kenntnisse ausgezeichnet hat. Deshalb sei ihm Verziehen, wenn er voller Begeisterung über das Ergebnis der Analyse von „Lehrstuhlinhaber Simon Hegelich“ berichtet. Der Lehrstuhl, den Hegelich mehr besetzt als innehat, er steht an der Hochschule für Politik in München, also eigentlich an der Technischen Universität München.

München war einmal ein ernstzunehmender Standort für Politikwissenschaft…

Hegelich hat das getan, was man Datencrunching nennt. Zunächst hat er bei Google Trends die Häufigkeit von Suchen nach „AfD“ in Google News gesammelt, dann die Umfrageergebnisse von Emnid, Forschungsgruppe Wahlen, GMS, Infratest dimap, Forsa, Insa, YouGov und Allensbach zusammengetragen und alles miteinander vermengt. Den Datensalat hat er dann mit dem Besteck der Regression auf lineare Bestandteile durchsucht und mit einer Granger-Analyse so lange herumgewerkelt, bis herauskam, dass sich die Anzahl der Häufigkeit von Suchen in Google News, in denen der Begriff „AfD“ vorkommt, in 4 oder 5 oder 6 Wochen auf den Umfragewert der AfD niederschlägt.

Ja.

Muss man dazu eigentlich noch etwas sagen, um den Unsinn dahinter deutlich zu machen?

Müssen wir wirklich „Warum-Fragen“ stellen?

Warum dauert es 4, 5 oder 6 Wochen bis Hans F, der nach der AfD gesucht hat, endlich von INSA befragt wird und sagen kann, dass er die AfD wählt? Wieso dauert es 6 Wochen, bis Hans B., der auch nach der AfD in Google News gesucht hat, sagen kann, dass er nicht die AfD wählt? Was macht Hans D., der nach der AfD gesucht hat und überhaupt nicht , von keinem der Umfrageinstitute befragt wird?

Die Dummheit, die sich in angeblichen wissenschaftlichen Analysen bahnbricht, ist nicht mehr auszuhalten.

Norwegian Crude Oil kills! Source Proof

Tyler Vigen hat eine Kunst daraus gemacht zu zeigen, dass man jeden Unsinn korrelieren kann und hätte er Lust, eine Granger-Analyse zu berechnen, wir haben keinen Zweifel, dass er problemlos nicht nur zeigen könnte, dass der jährliche Käsekonsum mit der Anzahl derer korreliert, die sich in ihrem Betttuch so verstricken, dass sie ersticken, sondern dass der Käsekonsum die Ursache der Betttoten durch Ersticken ist. Oder, passender für Hegelich ist die hohe Korrelation zwischen der Anzahl von Raketenstarts weltweit und der Anzahl der Doktortitel, die an Soziologen verliehen werden. Je höher erstere, desto höher zweitere. Die Raketenstarts, so wird eine Granger-Analyse zweifellos zeigen, sind kausal für die Anzahl der promovierten Soziologen. Schließlich gibt es einen fast perfekten Zusammenhang zwischen dem jährlichen Mozzarella-Konsum und der Anzahl der Ingenieure, die im Bereich Tiefbau promoviert werden. Offenkundig würde eine Granger-Analyse zeigen, dass mit der Zahl der promovierten Tiefbau-Ingenieure der Konsum von Mozzarella wächst.

Die Beispiele zeigen, dass man fast jeden Unsinn mit Korrelationsanalysen finden kann. Dass dem so ist, daran ändert auch die Granger-Analyse nichts, denn die Verwendung einer Granger-Analyse oder einer Korrelationsanalyse oder einer Regression macht nur dann Sinn, wenn der, der die statistischen Methoden bedient, eine theoretisch formulierte und mit Argumenten gestützte Vorstellung davon hat, warum der von ihm gemessene Zusammenhang besteht. Man nennt diese Vorstellung auch Hypothese.

Also zurück zum Warum.
Warum hat die Suche nach der AfD in Google in 4, 5 oder 6 Wochen zum Ergebnis, dass die Häufigkeit der Antwort „AfD“, die die Forschungsgruppe Wahlen erhält, höher ist als noch zwei Wochen zuvor bzw. niedriger?

Und wie kommt man von der Suche nach „AfD“ in Google News und vom Anteil, den die AfD bei Infratest Dimap in der Umfrage von 19. September erhalten hat, noch einmal zu der Behauptung, dass es einen kausalen Effekt zwischen dem AfD-Erfolg bei der Bundestagswahl und Medienberichten gibt? 

Wann immer wir in einem Post geschrieben haben, dass die Junk Science, die wir gerade auseinander genommen haben, so großer Junk ist, dass es kaum vorstellbar ist, dass es noch größeren Junk gibt, sind wir falsifiziert worden. Die Menge an Junk, die an deutschen Hochschulen produziert wird, sie ist nicht übersehbar, nicht verständlich und nicht entschuldbar.

Wie erklärt man den in diesem Fall von Hegelich produzierten Junk?

Entweder Hegelich ist ein Datenfuzzy, der vor lauter Korrelation und Granger-Analyse vergisst, dass man einen Zweck, einen Grund, eine Antwort auf die Frage „Warum“ benötigt, wenn man den Zusammenhang, den man gefunden hat, erklären will. In diesem Fall wäre die Analyse von Hegelich das Ergebnis einer defizitären Ausbildung, in deren Verlauf es möglich ist, statistische Methoden zu erlernen, ohne zu wissen, warum und wozu.

Oder Hegelich ist ein Opportunist, einer, der versucht, Öffentlichkeit für sich zu schaffen und bekannt zu werden. Was wäre dazu besser geeignet, als diejenigen in Deutschland, die schon beim Anblick einer harmlosen Regressionsgleichung Fracksausen bekommen und mit Begriffen wie „Granger-Analyse“ zum ehrfurchtsvollen Verstummen gebracht werden können, an der Nase durch die Manege zu führen, um sich selbst als großen Statistiker zu inszenieren, der die Wahrheit über den AfD-Erfolg verbreitet hat?

Damit auch der letzte bemerket, welchem Unsinn er möglicherweise aufgesessen ist, vielleicht bemerkt es sogar Hajo Funke, hier unsere Analyse, die zeigt, dass der FC Bayern schuld am Wahlerfolg der AfD ist. Die Suche nach „FC Bayern“ korreliert mit der Suche nach „AfD“ (r = -.35). Mit einer Granger-Analyse können wir zeigen, dass mit einem Lag von 3 Tagen nach der Berichterstattung über den FC Bayern, die Suchen nach der AfD steigen. Um es in den Worten von Simon Hegelich zu formulieren: Die Berichterstattung über den FC Bayern führt nach drei Tagen zu einer hohen Berichterstattung über die AFD, die, eine Erkenntnis, die wir auch Hegelich verdanken, mehr AfD-Prozente in den Umfragen von FGW, Infratest Dimap, Allensbach usw. zur Folge hat.

Also Ihr Medien: Es gibt kein Entrinnen. Berichtet Ihr über die AfD, dann kommt dies der AfD zugute, berichtet Ihr über den FC Bayern, dann kommt das auch der AfD zugute. Bedankt Euch bei Simon Hegelich. Von dem stammt dieser Junk.

Granger-Kausalität ist eine bestimmte Form der Kausalität, die in Zeitreihenanalysen benutzt wird. Die Idee der Granger-Kausalität ist einfach: Eine Variable X ist Granger-kausal für Y, wenn Y besser über die vergangenen Werte von X und Y vorhergesagt werden kann als über die vergangenen Werte von Y alleine.

Die Idee basiert auf mehreren Voraussetzungen:

  • Nur vorausgehende Werte von X können kausal für Y sein.
  • X muss sich exogen zu Y verhalten, d.h. X für sich darf nicht Granger kausal für Y sein.
  • X und Y müssen statistisch unabhängig voneinander sein. D.h. X darf für Y nicht Granger-kausal sein und Y nicht für X.

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4 Responses to Die Medien sind am Erfolg der AfD schuld … Unsinn per Regression und Granger-Analyse

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  2. Wie hat Karl-Dieter Opp in seinem Artikel “Explanations by Mechanisms in the Social Sciences …“ in Mind & Society 2005 (4, 2: 163-178) Raymond Boudon zitiert?!:

    Boudon then continues: ‘‘This example is paradigmatic: understanding a statistical structure means in many cases building a generating theory or model (in the case where the theory needs to be formalized and has actually been) that includes the observed empirical structure as one of its consequences’’ …

    Wo ist die Theorie oder das Erklärungsmodell, das einen angeblichen Zusammenhang zwischen Berichterstattung in den Medien über die AfD und die Wahl der AfD begründet? Und falls es eine solche Theorie oder ein solches Erklärungsmodell geben sollte, dann wäre es vermutlich von allgemeiner Art, d.h. es würde die Berichterstattung in den Medien über Parteien und die Wahl dieser Parteien begründen. Auf der Basis einer solchen Theorie/eines solchen Erklärungsmodells müssten also auch alle anderen Parteien in Betracht gezogen werden, nicht nur die AfD.

    Früher waren die sogenannten Variablensoziologen, die ohne Sinn und Zweck herumkorrelierten, als solche bekannt (und verlacht); dass es heute noch oder wieder Leute gibt, die meinen, für sich wissenschaftlich werben zu können, indem sie in deren Fußstapfen treten, ist ein Indikator (mehr) für das rapide Absinken von Standards in der etablierten Wissenschaft bzw. das grandiose Unverständnis der Idee der Wissenschaft, das eine Menge studierter Leute derzeit an den Tag legen.

  3. Gereon says:

    Ok. Als Nichtwissenschaftler formuliere ich jetzt auch mal ein paar Thesen zur AfD, Medien und Wahlergebnissen.
    Zunächstmal behaupte ich, dass die AfD doppelt so viele Stimmen bekommen hätte, wenn sie konsequent totgeschwiegen worden wäre. (Auch wenn ich viele Medien verachte, könnten diese daraus für sich schliessen, das ‘Schlimmste’ verhindert zu haben).

    Ausserdem behaupte ich, das sich die Anzahl der Prominenten (A,B u. C-Sternchen) die sich gegen die AfD äussern mussten umgekehrt proportional zum Wahlergebnis der AfD verhält.

    Weiterhin behaupte ich dass, je negativer die AfD als ‘verfassungsfeindlich, undemokatisch und rassistisch’ aus einer anderen Partei heraus tituliert wurde, desto grösser der Stimmenverlust für diese Partei war. (Was beinhaltet, dass ich die Wahlergebnisse anzweifle und annehme, dass viele Stimmen für die AfD den Grünen und der FDP zugeschanzt wurden).

    Beweisen kann ich davon nichts, aber falls sich jemand gerne zwanghaft mit der AfD beschäftigen will kann er gerne aus dem Instrumentarium der Beweisführung das Passende heraussuchen um mich zu bestätigen oder zu widerlegen, je nach Gusto. Es kommen bestimmt ein paar spannende Korrelationen und Kausalitäten heraus, die nach Belieben publiziert werden können. Ob davon die AfD etwas hat oder der jeweilige Publizierende , darüber können wir dann weitere Studien anstellen.

    Ausserdem lobe ich hiermit den Gereonpreis für denjenigen aus, dem es gelingt, die von mir postulierte Wahlfälschung zu beweisen und somit alle Zahlenspielereien um das Wahlergebnis ad absurdum zu führen, der darin besteht, dass ich ein Jahr lang den gewinnenden Wissenschaftler jeden Tag einmal in Kommentaren und Artikeln lobend erwähne.

  4. Zawehn says:

    Ich habe dieses Jahr das Ehrenamt des Wahlhelfers auf mich genommen und mit 8 anderen Personen ca. 800 Briefe ausgewertet und gezählt. Die Stimmzettel wurden doppelt und von zwei Personen gezählt. Es wurden immer wieder Vergleichsrechnungen gemacht, um auf die Gesamtanzahl der Wahlbriefe zu addieren. Die geordneten Stapel der Stimmzettel wurden in Papiertüten verpackt und gesiegelt (Eine manipulierte Tüte könnte man zwar auch siegeln, da die Siegel nicht abgezählt waren…) Um es kurz zu machen. Bei den eigentlichen Auszählen kann nur eine Manipulation stattfinden, wenn sich sehr viele Leute einig sind. Ich kannte aber keine andere Person im Raum, die sich untereinander auch nicht kannten (bis auf ein Paar, die aber unterschiedlich eingesetzt waren). Wenn manipuliert wurde, dann bei Zusammenziehen der Daten in höheren Etagen.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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